heute lasse ich mich mal nicht abziehen!

 

Gestern am Bahnhof Howrah habe ich schon wieder Bekanntschaft mit einem unverheirateten Inder gemacht. Gut, diesmal etwas juenger. Nur 20. Und ausserdem waren es genau genommen vier auf einmal, eine ganze Clique die einen der auf dem Weg nach hause ist verabschieden und zum Zug bringen. Derjenige, der nach hause ging sprach sogar ein erstaunlich deutliches englisch, ausserdem schien er gern geredet zu haben. Es war auf jeden Fall eine gute Kombination, ein lustiger Haufen und ein riesen Spass. Auf dem Weg habe ich mal wieder etwas neues erfahren, das ueber das „woher kommst Du“ und „was studierst Du“ hinausgeht. Leute zum reden gibts viele, aber nur wenige die auch tatsaechlich etwas zu sagen haben…
Es kam natuerlich in so einer irgendwann beinahe vertraulichen Konversation das, was einfach kommen musste: „may i ask you a privately question?“. Ich habe zugestimmt, schon mit einem leichten Grinsen im Gesicht, denn ich wusste was jetzt kommen wird. „is it really true, that sex ist not illegal in germany?“. Ab da war ich fuer den Abend soetwas wie eine neue Hindu-Gottheit fuer die vier. Der Sexgott, der aus dem Westen kam. Oder so. Pffff… ausgerechnet ich =D
OLYMPUS DIGITAL CAMERANein, die haben im Gegensatz zu Rahul wirklich noch nie. Noch nichtmal einmal, und waren furchtbar neugierig. Wenigstens konnte ich das Thema ein klein wenig wechseln, auch wenn es dadurch nicht einfacher wurde. Ich glaube ich werde nie wieder versuchen einem Hindu zu erklaeren, wie das bei mir daheim mit Beziehungen und heiraten und kinderkriegen funktioniert. Nicht, dass sie es nicht hoeren wollten, sie brannten foermlich darauf, aber so ganz fassen konnten sie es dann doch auch nicht. Wie kann ma jemanden verlassen, den man liebt? Wie kann man jemanden heute nicht lieben, den man mal geliebt hat? Wie kann man Kinder kriegen, ohne verheiratet zu sein? Wieso? Weshalb? Warum? Die vier waren auf einmal fast wie kleine Kinder. Es waren ueber zwei Stunden, die wir so im ganzen in Howrah verbracht haben. Es war schoen, aber ich war dann doch auch froh, dass es irgendwann aufgehoert hat. Wenns nach denen gegangen waere, waeren wir wohl bis Mitternacht noch da gesessen =)
Was mich dann aber echt ueberrascht hat: Sich von seinen Kumpels zu verabschieden viel dem Heimreisenden recht leicht und mit einem laecheln im Gesicht. Die werden sich auch sicher alle bald wieder sehen. Sich vom mir zu verabschieden war allerdings beinahe eine Tragoedie, bei der zu Traenen echt auch nicht mehr viel gefehlt haette. Mich hat echt verwundert, wie schnell ein Inder, der es ehrlich meint, einen ins Herz schliessen kann. Das ist definitiv nicht nur eine leere Phrase aus den Reisefuehrern.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAZugfahren. SleeperClass. Diesmal im oberen Bett. Nie wieder, hoffentlich =) Zuerst mal staut sich die Hitze und der ganze Mief da oben unter der Decke, und die Ventilatoren pusten nur vom mittleren Bett an abwaerts. Heiss und stickig also. Dann wirds bei Nacht auf einmal schweinekalt. Gut, das waere es in den unteren Betten auch geworden, geb ich ja zu =) Ich habe nachts um zwei die lange Hose, Socken und den Pullover aus dem Rucksack gekramt, um dann um sieben Uhr in Gaya am Bahnhof ernsthaft zu ueberlegen, ob das bei der Hitze im Moment nicht nur ein schlechter Traum war. Das Wetter (bzw. die Kaelte bei Nacht) ist schon erstaunlich. Ja, ich wurde gewarnt, geb ich ja zu… Ich habe es auch geglaubt, aber nicht fuer sooo krass gehalten =)

Gaya. 7Uhr. Ausm Zug aussteigen… Ein guted Stichwort =)

Ich wollte nach Bodhgaya, ca. 15km vom Bahnhof entfernt. Es ist Nebensaison und im Touristen-Transport-Business nicht viel los. Beim ersten Versuch, den Bahnhof zu verlassen, haben mich unuebertrieben innerhalb einer halben Minute ueber zehn Taxi- und Autorikschafahrer wild gestikulierend und laut schreiend direkt vor mir in einem Haufen versammelt und wollten mich zum mitfahren ueberreden. SO extrem habe ich das noch garnirgends erlebt. Man sollte meinen, dass diese Konkurenz den Preis drueckt… Pustekuchen! Angefangen haben die ersten bei 250Rupees, sind dann aber schnell in den allgemeinen 200Rupees-Chor eingestiegen. Das war mir einfach zu viel. Zu viel Geld, aber hauptsaechlich zu viel Stress am fruehen morgen. Also erst mal wieder rein in den sicheren Bahnhof, Chai trinken.
Beim zweiten Anlauf waren es zum Glueck nur noch einzelne Fahrer, einer nach dem anderen, die auf mich eingeredet haben. Der Preis ist inzwischen auf 150Rupees gefallen. Aaaaber: heute ist eindeutig der falsche Tag. Heute lasse ich mich nicht abziehen, selbst wenn das im exrtem unwahrscheinlichen Fall heisst die 15km zu Fuss gehen zu muessen.
Also habe ich direkt das Bahnhofsgelaende verlassen. Busse und Gruppentaxis gabs da nicht. Aber: jetzt kommt erst mal die naechste Phase: manche Autorikschafahrer wittern ihre Chance des Tages und folgen mir, oder besser: fahren neben mir her und rufen „Bodhgaya? 100Rupees!“, oder „where you want to go?“. Wenigstens fassen die sich recht kurz =) Bis auf einen bin ich dann alle losgeworden. Der eine war aber so penetrant dass er nach fuenffachem „no, i dont need a taxi“, dreifachem „please go away and leave me alone“ sowie mehrfachem „no, i really dont need you“ immer noch frech grinsend mit einem „Bodhgaya? 100Rupees!“ auf den Lippen neben mir hergefahren. Also habe ich den ich-mach-mich-gross-und-einen-auf-ueberheblich-denn-ich-bin-zwei-Koepfe-groesseer-als-du-und-sag-ganz-langsam-und-unmissverstaendlich-was-ich-NICHT-will-Trick versucht. Auch erfolglos.
OLYMPUS DIGITAL CAMERAIn dem Moment ist mir dann eingefallen, dass ich irgendwo von einer der groessten Beleidigungen fuer einen Inder gelesen habe. Also: anhalten. Auf den TukTuk-Fahrer zugehen. Einen Latschen vom Fuss in die rechte Hand nehmen. So bedrohlich wie moeglich ausholen. Nein, nicht zuschlagen, das brauchts nicht =) Die reine Drohgeste reicht und wirkt Wunder: Grosse Augen, Kinnlade runter, ein beschaemter Blick auf den Lenker, ein beschaenter Blick zu mir, ein kleinlautes „i’m sorry“ und ich habe den Kerl nicht mehr gesehen.
Habe ich ein schlechtes Gewissen? Komisch, irgendwie ein klein wenig. Er wird seine (Geld-) Sorgen haben, die mit meinen 100Rupees schnell kleiner geworden waeren. Andereseits: Tourosten sind nicht zum melken da, nur weil Kuehe heilig sind.
200Meter weiter bin ich uebrigens fuendig geworden. Sammel-TukTuks. Ich habe wegen meinem Rucksack und dem Touristenbonus statt 6Rupees 20 fuer die ganze Strecke zahlen mussen. Das ist im Rahmen, immerhin bin ich anderthalb mal so dick wie ein Inder, und allein mein Rucksack hat nen Platz fuer sich gebraucht. Es haben daher leider nur elf Leute incl. Fahrer reingepasst =)

In Bodhgaya selbst wollte mir dafuer jeder ein Zimmer andrehen. Das Business mit der Comission laeuft in der Nebensaison auch schlecht. Diesmal habe ich mich gerettet, indem ich von mir aus zwei der „potentiell kommunikationsiteressierten und unverheirateten Studenten“ angesprochen habe. Daraufhin hatte ich wenigstens die Zimmervermittler auf Abstand. Dann -ein Superglueck- die beiden Studenten (ich habe richtig geraten, es waren wirklich welche) haben auf meine Frage hin sogar einen guten Tipp gegeben. Kein Guesthouse, ein „Familyhouse“. Da, wo Souvenierverkaeufer und Comission-Typen und so von ausserhalb wohnen. Ein unscheinbares Haus in einer unscheinbaren Seitenstrasse, eine Familie und ein Haus mit ganz vielen kleinen Schlafzimmern, ein Bad pro Etage, eine Gemeinschaftskueche, eine Dachterasse und ein paar Luxuszimmer mit Fenster und grossem Bett. Die Family ist superlieb, nur mit englisch sind sie nicht fit, daher haben die zwei Studenten fuer mich verhandelt und uebersetzt. Jetzt wohn ich in einem super Zimmer mit zwei grossen Fenstern und grossem Bett fuer unschlagbare 100Rupees per Nacht. Ich hab sogar nen Fernseher, ein paar Wandkalender, viele Buecher, drei Taschen, ein Uniausweis, gerahmte Fotos von Schulklassen und lauter Krimskrams hier =)

Keine Ahnung, wer sonst hier wohnt. Ist mir auch egal, die Tuer ist abschliessbar =)

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