Abseits in der Touristenhoelle gefangen.

 

Ich haette auf die Zeichen hoeren sollen. Dass ich derart von der indischen Eisenbahn verwirrt werde, hatte im Nachhinein betrachtet seinen Grund. Es fing ganz harmlos mit einer leichten Verspaetung an. 23Uhr10 haette mein Zug in Varanasi abfahren sollen. Um 23Uhr15 hat irgendjemand vermutet, dass es wohl spaeter wird und die Anzeigetafel auf 23Uhr20 aktualisiert. Fand ich recht optimistisch, und ich hatte recht. Es gab danach noch die Uhrzeiten 23Uhr40, 0Uhr10 und 0Uhr40 zu lesen. Effektiv abgefahren ist er dann mit zwei Stunden Verspaetung um 1Uhr10. Soweit ist das ja nix, was einen hier aus der Bahn werfen darf. Auch dass die reservierte Liege belegt ist, ist nix besonderes. Dass der liebe Inder einen im Halbschlaf abwimmeln will genau so wenig, wie das gezeter und gestreite das dann folgt. Doppelbuchungen gibts dank zentraler Reservierungsdatenbank eigentlich nicht, dafuer aber dreiste Sitzwagenbucher-und-Liegewagenfahrer sowie Ticketmodifizierer. Meiner gehoerte zur ersten Kategorie und hat sich nach ner viertel Stunde endlich verzogen, nachdem ihn zwei Schaffner aus dem Abteil gezerrt haben. Was mich dann aber wirklich ueberrascht hat: die geplante Ankunft war 6Uhr45. Zwei Stunden Verspaetung dazu, also 8Uhr45. Gegen 7Uhr30 bin ich wach geworden, weil die wach werdenden Inder grundsaetzlich keine Ruecksicht mit ihrem Geraeuschpegel auf noch schlafende nehmen. Ist aber ok so, hab daher noch nie einen Wecker gebraucht =) Bin dann langsam wach geworden, habe meine Zahnbuerste und die Wasserflasche ausgepackt und bin in Richtung Waschbecken getorkelt. Irgendwie habe ich wahr genommen dass der Zug schon die ganze Zeit stand, es aber nicht beachtet. Bis Satna sind es immerhin noch gut eineinviertel Stunden, mindestens. Pustekuchen. Am Weg vorbei an den offenen Waggontueren leuchtet mir ein riesiges, gelbes „Satna“-Schild entgegen. Da ist dann Hektik ausgebrochen: Zahnbuerste in die Hosentasche, zurueck durch die Mengen zum Platz kaempfen, Seesack losketten, Decke und Kissen unter den Arm klemmen, zurueckkaempfen. feststellen, dass der Zug anrollt. Menschen beiseiteschieben und aus dem (noch sehr langsam, aber immerhin) fahrenden Zug springen. Last Minute Checkout. =)

Von Satna nach Khajuraho gings dann im Bus. Round about 120km Holperpiste, die aber ertraeglich waren. Weniger ertraeglich war die Meute an ca. 20jaehrigen, die mit verschiedensten Prospekte, Visitenkarten und Werbematerial fuer Hotels, Reiseunternehmer und was weiss ich was den Bus gestuermt haben und die ganze Fahrt ueber die drei einzigen Touristen im Bus wechselweise belaestigt haben. Ja, belaestigt. Das war keine Werbung mehr, das war Psychoterror.
Womit ich in Khjuraho waere. Ein Nest, das nur vom Tourismus lebt. Und es ist Nebensaison. Hab ich ueber die gespraechigen Studenten in Bodhgaya gejammert? Nehm ich direkt zurueck, die Jungs hier sind schlimmer. Kein regulaerer Job, vermutlich keine Perspektiven, schwer gelangweilt. Die indischen Pilger entfallen hier komtlett, es tauchen wirklichm nur auslaendische Touristen auf. Und jeder der Jungs will einem etwas andrehen.
Das fiese ist, dass die Helden das nichtmal direkt tun. Nein, ausschliesslich auf der Smalltalk-Einstiegs-Ebene, die bei den Indern aus „Hello Sir, wich country you from?“ ueber „hello my friend, country from? “ bis hin zu „hello, your country name?“ besteht. Nicht antworten ist eine Alternative; freundlich laecheln, abwinken und weitergehen eine andere; direkt erzaehlen dass man nix kauft, was auch immer es sein mag noch eine dritte. Das Ergebniss ist immer das gleiche: ein spaetpubertaerer Inder, der einem aufdringlichst erklaert, dass das nunmal sein Job sei, man das zu respektieren habe, und respektieren bedeutet einkaufen. Das freundlich abzuwiegeln endet dass in einer wuesten Schimpfarie. Ja, hier wird man dann wirklich aufs uebelste beschimpft, „you are a very unfriendly person, you visit india but dont want to talk to the people. We dont like Tourists like you here!“ ist eines der harmloseren und besser artikulierten Dinge, die mir heute schon vorgeworfen wurden. Beim naechsten mal vorbeigehen ist es dann aber wieder ein „hello my friend, wich country you are?“, das man zu hoeren kriegt. Nein, das ist keine versoehnung, nur noch ein Versuch doch an Kohle zu kommen, bevor die Beschimpferei wieder losgeht.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIch bin eidneutig dafuer, dass in Guidebooks eine neue Kenngroesse eingefuehrt wird. CHM. Comission-„friends“ per hundret meter. Das ist ein gaz entscheidender Faktor, der ueberall vernachlaessigt wird. Khajuraho wueder von mir eine Bewertung von 10CHM bekommen. Zehn mal pro hundert Meter angesprochen zu werden ist hier absolut ueblich, und extrem nervig.

Nein, die Kamasutra-Tempel habe ich mir noch nicht angeschaut, das kommt morgen. Ich habe heute erst mal festgestellt, dass ich mich voll ins AUS manoevriert habe. Es gibt hier einen Bahnhof, aber nur drei Zuege pro Woche. Morgen abend kommt einer, der ist aber schon voll. Der naechste kommt dann erst Montag und ist Dienstag frueh in Dheli. Alternativ kann ich Vormittags mit nem Bus nach Jhansi fahren. Dauert sechseinhalb Stunden, und mit etwas Glueck bekomm ich von da nen Nachtzug dach Dheli. Bin dann aber grob 24h unterwegs und -wenns gut laeuft- Montag morgen in Dheli. Ich glaub
ich muss mir irgend etwas anderes einfallen lassen. So lange halte ich es nicht im wunderschoenen Khajuraho aus. Vielleicht mach ich auch nen Bogen in Richtung Ahmedabad in Richtung Dheli. Das erste, das ich morgen tue ist am Busbahnhof nen Weg aus diesem furchtbaren Nest suchen.

PS: gut, dass Inder in der Regel kein deutsch koennen. Sonst wuerde mich der Internet-Shop-Besitzer, der mir schwer interessiert ueber die Schulter starrt, echt aufn Sack gehen =)

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