Thats India!

 

Es hat geklappt. Ich bin nun in Delhi.
Gestern gings um fuenf an den Bahnhof. „General Class Tickets“, wie die Fahrscheine fuer die Holzklasse heissen gibts nur am Bahnhof, und nicht in den Buchungsbueros. Ich dachte eine Stunde reicht dazu. Dachte ich. Aber nun ist dies eben Indien, und manchmal hilft hier meine denkerei nichts. Die Warteschlange war abartig, und es waren zwei Polizisten vollauf damit beschaeftigt, diese einigermassen und Form und unter Kontrolle zu halten. Klar, wer zu spaet zum Zug kommt, erwischt keinen Sitzplatz mehr. Also will jeder als erstes. Mein Riesenglueck war, dass ich zuerst Tobi wieder getroffen habe, ein deutscher der mir seit Varanasi immer wieder begegnet ist. Er hatte eine connection, bestehend aus zwei Studenten, zu ner local-family dabei, die ebenfalls nach Delhi wollen. Danach kam eine Japanerin daher, deren Name ich leider weder korrekt aussprechen noch in Buchstaben fassen kann, hat die Lage blitzschnell richtig erkannt und am Frauenschalter mit einer angenehmen Warteschlange aus fuenf Personen fuer alle Tickets gekauft. Seeehr gut. So hat sich eine nette kleine Reisegruppe gebildet, und wir haben im Zug ein flauschiges Plaetzchen auf einer Sitzbank zu sechst erwischt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie Waggons sind wirklich recht spaerlich ausgestattet, aber erstaunlich praktisch. Auf den Sitzbaenken haben fuenf bis sieben Leute platz, auf den massiven Gepaeckablagen darueber ein Berg Taschen und Saecke, auf die die Kleinkinder, Opis und Omis gesetzt werden. Leider haengt diese Ablage so tief, dass jemand meiner Groesse nicht wirklich aufrecht darunter sitzen kann, aber das ist wirklich ein relativ kleines uebel. Wer stehen muss, oder soch irgendwo auf dem Boden ein Plaetzchen sucht, hat wirklich schlimmeres Pech gehabt.

Nach einer halben Stunde Leute-in-den-Zug-quetschen und lauststarken Streitereien um Quadratzentimeter irgenwelcher Sitzbankecken ging es dann tatsaechlich los. Auch hier wurden wir drei Touristen gut verteidigt. Wobei uns auch keiner wirklich unseren Plaetzchen streitig machen wollte. Ein Student hat mir mal erzaehlt, dass nur die armen Leute ueberhaupt darueber nachdenken, in dieser Klasse zu fahren. Und genau die Leute bringen einem hier, ohne auch nur halbwegs die Hand aufzuhalten schon die ersten fuenf Minuten eine wahnsinnige Freundlichkeit entgegen.

Vielleicht hilft es der allgemeinen Vorstellungskraft, wenn ich mal die Bestezung dieser Sitzgruppe aufzaehle: Links am Fenster die zwei Studenten, dann Tobi, daneben ich und rechts die Japanerin. oben drueber drei aeltere Herren, mit Kautabak kauen und Kinderhueten beschaeftigt, sowie zwei Kinder um die acht. Gegenueber am Fenster eine Frau im Schneidersitz mit einem Kleinkind, das so klein war, dass man es in Deutschland hoechstens im Krankenhaus sehen haette koennen. Sonstwo habe ich noch nie so ein Kind gesehen. Och kenn mich ja nicht wirklich aus, aber von Monaten wird man da garantiert nicht reden koennen. Davor (!) eine Weitere Frau, Mutter der Kinder oben drueber und (eifersuechtige) Frau des Kerls, der sich interessiert mit der Japanerin unterhaelt. Direkt neben den beiden der Dad einer der Frauen, und daneben noch zwei Maenner mit Ihren Frauen. Dadrueber sass ein recht kleiner Mann auf einer Fensterblende mit zwei weiteren kleinen Kindern auf dem Schoss. Eins wohl um die drei, und das andere deutlich juenger. Daneben ein weiterer Kautabak-Opi und zwei juengere Maenner.
Ja, so verwirrend sich das jetzt lesen mag… So chaotisch sieht das auch in Echt aus =)

Aber es ging uns blendend. Zuerst gab es allgemeine Begeisterung ueber all das Spielzeug, das Touristen so haben. Die japanerin konnte schwer mit ihrem iPhone punkten. Kameras waren auch superinteressant, die zeigen so viele spannende Bilder =) Ausserdem ist der Tourist an sich spannend. Nach ein wenig „warmwerden“ gab es relativ wenig Hemmungen, sich mal so einen Tourist genau an zu sehen: Weisse grosse Haende druecken, die einzelnen Finger biegen, Fingernaegel begutachten, auf den Koecheln herumdruecken. Mal auf einer japanischen Nase herumdruecken muss auch spannend sein, genauso wie Tobi sein hellbraun-blondes, langes Haar zu zerzausen. Aber immer alles freundlich, nie aufdringlich, immer vorsichtig. Danach gabs alles moegliche an Essen. Alle haben ausgepackt, alles wurde geteilt, nicht dass die fremnden noch hungern. Mir ist dabei eingefallen, dass ich am letzten Tag in Varanasi vergessen habe etwas zu essen, und die Zeit dazwischen auch, und wollte es nicht riskieren dass mein Magen sich ueberrascht wenn nach gut drei Tagen wieder feste Nahrung ankommt. Ich kenn das, und auf die Toilette wuerde ich hier nicht wollen. Nicht, weil es mich ekelt, sondern weil es fuer ungeuebte Europaer wohl kein Durchkommen in den Menschenmengen gibt. Ich habe zugesehen, wie alte indische Omis, wohl schon round about 60, von Sitzlehne zu Gepaeckablage ueber eine weitere Sitzlehne ueber die Menschen im Flur klettern, als wuerden sie nie etwas anderes tun. Nein, ich wuerd wohl nicht durchkommen. Ausserdem waer dann wohl bei aller Gastfreundschaft mein Sitzplatz weg. Nein, besser nicht aufstehen. =)

Nach dem allgemeinen Essen wurden dann reihum von den Maennern Kautabak und Betelnuesse angeboten. Lieb gemeint, aber damit konnte bei uns keiner punkten =) Nicht verneint haben wir, als die Frauen reihum Nelken anboten. Also gabs statt geselligem Kautabakkauen im Zug kollektives Nelkenkauen. Irgendwas war in Nelken, aber ich erinner mich nicht mehr daran. Ich musste spontan daran denken, als meine Zunge leicht taub wurde… Falls irgendwer weiss was da drin ist, mich wuerde ein Kommentar freuen =)

Auch danach wurde es noch lange nicht langweilig. neben Vorfuehrungen, war man alles tolles aus einem Turban-Tuch falten kann, zaehlen auf Hindi, Rezeptaufschreiberei und kleinen Spielchen gabs dann auch noch Haendelesen fuer die Touristen. Demnach habe ich ein Geldproblem, aber mit 35 hab ich nen neuen Job der nichts mehr mit elektrischem zu tun hat, und meine Gelprobleme sind alle weg. Ausserdem bin ich mit 80 noch gesund und fit, werd einmal heiraten und zwei Soehne haben. Ich merk mir das mal, und lass mich ueberraschen =D

So haben wir lockerlaessig bis Mitternacht die Zeit verbracht, und danach war allgemeine Schlafenszeit. Einer hat dann tatsaechlich auf der kleinen, nur ca. 35cm breiten Gepaeckablage an der linken Seite ein paar Saecke und Taschen umsortiert und sich dort schlafen gelegt. Das mit der Gepaeckablage ist also echt nicht nur ein Spruch.
mir hat mein Ruecken reichlich weh getan, genauso mein Steissbein. Arg gut geschlafen habe ich also nicht, aber mit Sicherheit ging es mir immernoch wesentlcih besser als ganz vielen anderen in dem Zug. Jammern mag ich also echt nicht, aber das hat die schlaferei beinahe unmoeglich gemacht.
Ausserdem scheint Laerm fuer Inder ueberhaupt keine Belaestigung darzustellen. Lautes Rden, Klatschen, Singen, Lachen… es ist die ganze Zeit ueber laermig im Zug (gut, nicht nur im Zug, eigentlich immer und ueberall in Indien, aber es geht ja gerade um die Zugfahrt…. =) ). Nachts um halb zwei hat eine Gruppe aus grob geschaetzten sechs Frauen ein paar „Abteile“ weiter angefangen Lieder zu singen und in die Haende zu klatschen. Als die fertig waren, hat in der anderen Richtung kurze Zeit spaeter ein Mann ein Solo gegeben. Hoert sich laut an, ist es auch. Trotz allem ist es aber schoen. Was mich an der Sache schwer wundert: man kann alles hoeren, ausser schreiende Kinder. Kleine Kinder sind erstaunlicherweise das einzig ruhige in Indien =O
Irgendwann fallen einem dann zwangsweise die Augen zu, und man kann sich mit den Leuten um sich herum irgendwie aufeinander und nebeneinander arrangieren (oder verknoten?) und es geht irgendwie halbwegs bequem… Erholsam ist es trotzdem nicht, demnach war ich heute frueh nach effektiv gut 14 Stunden ziemlich KO, aber trotzdem gluecklich.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAusserdem zeigt sich dann, was aus der Gepaeckablage so alles heruntergerieselt kam. Nicht nur die unten sitzenden sahen ziemlich eingebroeselt aus, auch der Fussboden zeigt dass er eine schwere Nacht hinter sich hat:

Mein Tag in Delhi bestand demnach aus der Suche nach einem Schlafplatz, einem ausgedehnten Schlaf am morgen, ein wenig Sightseeing in Old Delhi mit anschliessendem kleinen Mittagsschlaf in einem Park und noch ein Nachmittagsschlaf im Guesthouse. Quasi ein kompletter Tag nur ausschlafen und erholen. trotz allem war es das wert. =)

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