Delhi. Delight.

 

Ich habe heute einen Trommelverkaeufer kennengelernt. Richtig, einer dieser nervigen Typen, die mit fuenf Trommeln unter dem Arm und mit viel Krach durch Touristenmeilen schlendern und versuchen den armen Touristen eine Trommel anzudrehen. Eigentlich unmoeglich, dass ich mich mit sojemanden in ein Gespraech verwickeln lasse, wenn es nicht komplett eigenartig zugeht. Und es ist eigenartig zugegangen.
Heute Vormittag stand ich in einer Metro-Station unweit meiner Unterkunft reichlich verwirrt vor einer Uebersicht der Metrolinien, deren Namen mal so ueberhaupt nicht kompatibel zu denen auf der Karte in meinem lieben Guidebook mit dem L waren. Das, was es in meinem Buch gab, gabs real zu 90Prozent nicht, und andersrum genau so. In diesem Zustand reichlicher Verwirrung, vermischt mit meiner ueblichen Verschlafenheit am fruehen Morgen spricht mich ein Kerl von hinten an, ob er mir helfen koenne. Reichlich verdutzt faellt mir spontan keine Antwort ein. Ob es in Delhi in der Metro Touristenfaenger geben kann, hab ich noch nie ueberlegt. In Bangkok ist das nahezu ausgeschlossen, aber hier? Es gibt zwar auch die Sicherheitskontrollen am Eingang, und im Vergleich zu Kolkatas Metrostationen ist diese echter Luxus, aber Indien ist eben nicht Thailand =).
Nachdem mich dann ein wegen der mangelnden Antwort und meines verdreht verwirrten Gesichtsausdrucks ebenfalls leicht verwirrter Bursche um die 18 vorsichtig freundlich anlaechelt, frage ich Ihn, ob er mir sagen kann, wo diese Station ist, waehrend ich mit dem Finger auf meine Guidebook-Karte an der Stelle tippe, wo ich hin wollte. So wirklich helfen konnte er mir nicht. Eigentlich gar nicht, denn ausgekannt hat er sich in Delhi eigentlich auch nicht. Er hat mir aber noch ein paar lieb gemeinte Tipps gegeben, wegen den dunklen Gestalten die sich als Freunde tarnen und einen dann ausnehmen. Danach sind wir beide unseres Weges.
Am Nachmittag, ich war gerade auf dem Weg zu meinem GuestHouse, eine kleine Pause einlegen, auf dem „Main Bazar“, der Touristenmeile Delhis unterwegs, schreit irgendwer am Strassenrand „Hello my friend! Do you remember me?“. Ist klar, das passiert laufend. Als er dann aber honzugefuegt hat „this morning, in the metro station!“ habe ich mich doch umgedreht. Das konnte nicht nur ein Spruch gewesen sein. Und da stand er dann: fuenf Trommeln unter dem Arm, Touristen belaestigend. Ich musste leicht grinsen, denn in dem Moment schossen mir seine Tipps gegen die boesen Buben wieder durch den Kopf. Er hat dann spontan eine Pause eingelegt und wir gingen in einer Seitenstrasse Chai trinken. Er hat mir kurzzeitig erklaert, dass er die Trommeln selber baut und dass sie super sind und ob ich nicht eine wollen wuerde. Es war dann aber auch einfach ok, dass ich keine wollte und wir konnten uns ehrlich unterhalten. Dabei hat er mir seine Story erzaehlt:
Eigentlich lebt er mit seiner Familie in Suedindien, bei Kollam. Dort verkauft er -is klar- Krempel an Touristen, unter anderem Trommeln. Da es da unten aber das Zeug dazu nicht gibt, oder es keine Trommeln gibt (ich habe das leider nicht herausbekommen, ob er nur Trommelmaterial beim Wholesaler kauft oder fertige Trommeln, ich glaube aber eher zweiteres, und dass das Selberbau-Argument nur ein Verkaufstrick war), faehrt normal sein grosser Bruder nach Delhi und kauft dort ein, schnuert ein grosses Paket und kuemmert sich darum, dass alles nach Suedindien kommt. Diesmal wollte aber er selbst fahren, denn er war noch nie in Delhi und wollte eine Reise dorthin machen. Der Rest der Geschichte ist recht einfach: der liebe Kerl ist mit nem Batzen Bargeld nach Delhi, hat sich dort vom Wholesaler mit einem schraegen Deal uebers Ohr hauen lassen und kommt nun nicht mehr heim. Fuer das Zugticket muesste er grob 1500Rupees bezahlen, was angesichts der round about 3000 Kilometer relaistisch sein duerfte, zumindest im Liegewagen. Wie auch immer, das ist vor fuenf Tagen passiert, vor zehn Tagen ist er in Delhi angekommen. Mit seiner Familie hat er schon telefoniert, aber WesternUnion funktioniert bei dem Bub ohne ID-Card oder sonstigem Ausweismaterial nicht. Nach Delhi kommen und ihn abholen wuerde den dreifachen Ticketpreis kosten, also round about 4500Rupees. Fuer viele Inder schon ein Monatslohn. Tja, doof gelaufen. Jetzt versucht er halt in Delhi seinem Business nachzugehen, bis er sich die Heimreise leisten kann.
Natuerlich weiss ich nicht, was an dieser Story wahr ist. Sie klang zumindest glaubwuerdig, schon allein weil ich nicht um „Hilfe“ gebeten wurde, un er sich riesig gefreut hat dass ich Ihm zugehoert habe. Ich habe den Chai fuer beide bezahlt, anstandshalber, und wir sind beide unseres Weges gegangen.

Ich hoere hier immer wieder spannende Geschichten, die man sich eigentlich kaum vorstellen kann. Eine sehr schoene hat ein Bauer aus Khajuraho abgeliefert: Er kam irgendwie dazu, als ich mit einem der wenigen non-comission-guys dort unter einem Baum sass und Ihm seine Neugierde ueber das Leben in Deutschland gestillt habe. Irgendwie kennen die zwei sich. Besagter Bauer ist eigentlich viel zu smart fuer einen einfachen Landarbeiter. Geschaetzte mitte dreissig, und zeigt eigentlich keine erkennbaren Anzeichen von koerperlicher Arbeit, dafuer einen sauberen Haarschnitt, ein teures Hemd und gepflegte Haende. Dass der krumme Geschaefte treibt, bin ich mir eigentlich sicher. Wie auch immer, er hat mir von seinen Bruedern erzaehlt, drei an der Zahl. Er selbst ist verheiratet, zwei seiner Brueder auch. Sein juengster Bruder macht Ihm aber gerade schwer Sorgen. In O-Ton: Er hat eine sehr dunkle Haut und ist auch sonst nicht arg huebsch. Und derzeit will ihn keine heiraten. Um das Problem zu beseitigen, hat sich der besorgte grosse Bruder nun ein Auto gekauft, einen Ambassador Classic. Und einen nagelneuen Traktor. Nur, um nach aussen den Anschein zu machen, dass die Familie reich geworden ist. Vielleicht erklaert das auch sein auftreten, waere zummindest ein hauch von Logik dahinter. Das Problrem, das er nun hat: Kein Geld mehr. Darf aber keiner merken, sonst klappt das mit dem verheiraten ja nicht. Also hofft er dass Mutti fuer seinen Bruder ganz schnell eine Frau findet, damit er Auto, Traktor und einiges andere wieder verkaufen kann, um wieder an Geld zu kommen =)

Aber zurueck zu Delhi… Mir ist hier endlich in Indien mal der Kleingeld-Trick begegnet. Ich dachte schon, das was bei burmesischen, kambodschanischen und laotischen Kindern Gang und Gebe ist, haben die indischen noch nicht gelernt: Ein Kind um die zwolf, hoechtens sechzehn Jahren verwickelt einen in einem fuer dieses Alter erstaunlich gutem englisch in einen Smalltalk. Meist in der Naehe von groesseren Touristenattraktionen, so zum Beispiel an den Tempeln um Bagan in Burma. So ganz nebenbei zeigt es angebliches Interesse am Heimatland des Touristen, und weil es vermutlich nie dort hin koennen wird, bittet es um „small coins“ aus diesem Land. Ganz klar, dass dann die groessten ausgesucht werden. Die Schlawiner wissen genau was Ein- und Zwei-Euro Muenzen sind. Wenn man drauf hereinfaellt, bedankt sich das Kind und zieht von dannen.
In Bagan lungern die Kids dann z.B. um die Billigunterkuenfte herum, und beginnen wieder mit der Smalltalk-Nummer. Nun erzaehlen sie einem aber, dass irgendein boeser, boeser Tourist sie fuer irgendeine Guide-Taetigkeit oder so nur mit Euros bezahlt hat, und ob man nicht wechseln koenne. Immerhin sind die Muenzen fuer sie ja wertlos…
Natuerlich ist der Trick begrenzt, oft wird keiner darauf hereinfallen, aber in einigen Gegenden ist er mir haufiger begegnet. Und heute war endlich Premiere in Indien =)

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAnsonsten ist Delhi ein komisches Nest. Connaught Place, ein ueberdimensionaler Kreisverkehr und oft „Herz Delhis“ genannt, ist eine einzige riesige Baustelle. Nicht so, wie man das in Deutschland kennt. Hier sind die Geschaefte geoeffnet, jede Menge Leute davor auf dem Gehweg unterwegs, aber am zweiten Stock baumelt irgendeiner an einem windigen Bambusgeruest und klopft den Putz von der Wand. Davor wird gerade der Strassenbelag aufgerissen, daneben liegt ein Schutthaufen, und zwischendurch draengt sich noch der Verkehr. Richtig, es ist chaotisch, staubig und ein riesiger Hindernislauf. Auch der MainBazar wird bei laufendem Betrieb abgerissen. Ja, abgerissen, waehrend der Connaught Place „nur“ renoviert wird. Die Hauptzugangsstrasse vom Bahnhof her hat schon keinen Strassenbelag mehr, und waehrend die Shops im Erdgeschoss noch fleissig versuchen zu verkaufen, werden die oberen Stockwerke komplett entfernt. Absperrungen gibt es nur spaerlich, und wirklich viel Platz dazu ist auch nicht, immerhin muessen die Leute, Fahrradrikschas und TukTuks noch irgendwo durch. Also symbolisiert ein Seil eineinhalb Meter vor der Fassade eine Absperrung, waehrend oben Arbeiter mit grossen Haemmern die Aussenwand auf die Strasse pruegeln, oder mit Schneidbrennern T-Traeger aus den Gerippen herausoperieren. Dass man hier mal kleinere Ziegelsteinteile auf den Kopf bekommt ist ganz normal, auch dass man vor Staub keine 10Meter weit sehen kann. Bleibt nur zu hoffen, dass man nie von einem grossen Brocken getroffen wird. Wie war das? Incredible India! Manche Dinge gibts sonst auf der Welt wohl echt nirgends =)

OLYMPUS DIGITAL CAMERAGanz spannend ist auch der Palika Bazar. Ein Markt fuer „Konsumgueter fuer die oertliche Kundschaft“ meint mein Guidebook. Ich nenne es: krasse schlecht belueftete Katakomben, in denen Kleidung und Elektronikzeugs verkauft werden. Ja, dieser Markt ist tatsaechlich unterirdisch. Warum das ganz genau so ist, weiss ich nicht. Es ist einstoeckig, und darueber ist nur eine ungepflegte „Gruen“-Flaeche mit Lueftungsschaechten zu finden. Ausser dass es aus nem Hubschrauber so netter aussieht, seh ich eigentlich keinen Grund das unterirdisch zu bauen. Also wandert man im Palika-Bazar durch ewige dunkle Gassen in abgestandener Luft und kann sich Delhis neueste Billgimode kaufen. Oder USB-Sticks. Manchmal auch kopierte CDs und DVDs.

 

OLYMPUS DIGITAL CAMERAOld Delhi dagegen ist eher „klassisch indisch“ gehalten =) enge Gassen, wuselige Maerkte und viel Chaos. Aber nix, wofuer es sich wirklichwirklich lohnt, nach Delhi zu kommen. Yet another indian city. Gut, der Park ist ganz nett. Und ein paar tolle Tempel soll es geben, habe ich mir heute abend von der japanerin ausm Zug erzaehlen lassen. Aber Hindu-Tempel und Moscheen hauen mich gerade irgendwie nicht um, oder das ist zumindest nicht das, was ich in Indien so spannend finden wuerde. Ich haette mich allerdings fast hinreissen lassen, das Red Fort anzusehen, vor round about 500 Jahren von den Moguln gebaut. Abgehalten hat mich dann der Eintrittspreis. 10Rupees fuer Inder, 250 fuer alle anderen. Ich konnte einfach nicht glauben, dass es mir das wert sein koennte. Also habe ich die Mauern von aussen gesehen. Vielleicht ueberleg ich es mir morgen noch anders.

Morgen. Auch so ein Thema. Ich bin sehr unschluessig. Eigentlich habe ich abends ein Zugticket, nach Pathankot. Habe superschoenes ueber die Ecke gehoert, auch wenn es wieder ein wenig kuehler als hier werden wuerde. Aaaber: Ich habe immer wieder gehoert dass Leute, Inder wie Nichtinder nach Haridwar auf dem Weg auf ein Festival sind. Habe aber nicht vorgehabt dahin zu fahren, weil es erstens schon im Gange ist und eigentlich kein Zug oder sonstwas mehr verfuegbar ist. Es waere also schon immer knapp gewesen, daher haette ich mir das durchaus entgehen lassen koennen. Morgen ist es also Hoelle knapp. Aaaaber: ich habe heute abend die japanerin ausm Zug wieder getroffen, und die hatte als erste den Namen der Veranstaltung im Kopf: „Kumbh Mela“! Die weltweit groesste Ansammlung von Menschen, 10Millionen (!) Hindu-Pilger, die alle im Ganges baden und sich dort versammeln. Das ganze Spektakel passiert nur alle drei Jahre und ist es demnach echt wert, ein wenig Umstaende auf sich zu nehmen. ich glaube, ich versuche da hin zu kommen. Mit etwas Glueck bekomm ich nen Stehplatz in der Holzklasse, mit viel Glueck wieder eine spassige Reisegruppe. Was ich dann in Haridwar mit dem Gepack mach, und wie ich wieder weg komm (ich werde nicht mal im Traum daran denken, da irgendwo ein Zimmer zu finden) … das alles weiss ich ueberhaupt nicht. Das Gueck soll mit den mutigen sein. Ich werds mir kaum verkneifen koennen. =)

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