zurueck in Mumbai.

 

Jalgaon ist recht klein, und das trotz >1Mio Einwohner. Zumindest ist das, was irgendwie interessant ist – Strassenleben, Menschen, Maerkte – doch ueberschaubar und ich habe gestern schnell die Grenzen zu den an sich eigentlich unspannenden Wohngegenden gefunden. So war es ein fauler Tag, viel rumgehaenge und nichtstun. Auch mal schoen, ausserdem habe ich die Zeit genutzt mal die Nachrichten zu studieren. Mal wieder erfahren, was auf der Welt so alles los war, waehrend ich mich komplett ausgeklinkt habe.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAMal was ganz belangloses: Meine lieben FlipFlops gingen das dritte mal in Indien kaputt. Die ersten beiden male war es der rechte, beides mal der Steg gerissen weil bloed an einem Stein verhaengt, und beides mal hat eine fleissiger Schuhflicker mit viel Kreativitaet und Geschick meine lieben billig-FlipFlops fuer grob 10Rupees repariert. Dieses mal wars der linke. Es hat sich einfach so eine Naht geloest, aber das ganze in Jalgaon so weit von den Schuhflickern entfernt, dass ich erstmal gross auf Suche gehen musste. Natuerlich barfuss, natuerlich nachmittags, und natuerlich auf rauhem, schwarzem, indischen Asphalt. Natuerlich wars heiss wie sau, und natuerlich hab ich mir ordentlich die Fuesse verbrannt. Natuerlich war die Nachfragerei wenig erfolgreich, die meisten kannten nur einen am Bahnhof (grob 20min zu Fuss) oder einen, bei dem ich herausfinden musste dass er nicht da sitzt wo er sitzen sollte, bzw. einfach nicht da war…

Nicht wirklich „natuerlich“ fand ich dann, dass ein Snackverkaufer, der meine verzweifelte Suche ein wenig beobachtet hat, mich dann hinter seinen Stand gewunken hat. Da wars sandig, und schattig, also angenehm fuer die Fuesse. Nachdem er mich zwei Minuten nicht weiter beachtet hat, dachte ich selbstverstaendlich diese Abkuehlung sei das gewesen, warum er mich hergewunken hat und wollte weitergehen, die Naht naeht sich nicht von allein, und der Zug faehrt auch ohne mich, wenn ich nicht da bin. Allerdings hat ermich dann energisch aufgehalten, und mich gebeten auf einem Stuhl Platz zu nehmen. Inzwischen ist ein weiterer aufgetaucht, Besitzer eines Kinderbekleidungs-shops und der Mann der Schwester das Snackverkaufers wie sich spaeter herausstellte, und hat uns beide interessiert beobachtet. Als grob noch zwei Minuten spaeter noch drei neugierige Kinder mich umringten, ist der Snackverkauefer offensichtlich fuendig geworden und hat nach meinem linken Schuh verlangt. Mit ein paar Klammern aus einem normaln Tacker un ein klein wenig Plastikfolie hat er meinen Schuh zwar nicht final reparieren koennen, aber zumindest ein Provisorium geschaffen, das locker bis zum Bahnhof reicht. Es ist vermutlich leicht zu verstehen, wie glucklich ich war =) Danach durfte ich aber auch noch nicht gehen. Ich wurde vor dem Kinderbekleidungsshop auf einer Bank platziert, musste Chai trinken, Snacks essen, hab Zigatetten oder Kautabak, Betelnuesse und Mangos gerade noch verneinen koennen, und war wohl das Tageshighlight fuer den Shopbesitzer und dessen Kinder. Eins dieser Kinder ist kurz danach verjagt worden, warum habe ich nicht ganz verstanden. Im allgemeinen war die Kommunikation recht schwer, der Snackverkaeufer, dem ich so dankbar war, hielt sich komplett heraus da er wirklich garkein englisch kann, der Kinderbekleidungsverkaufer konnte sich mit ein paar Brocken englisch und Haenden un Fuessen verstaendigen. Nach den allgemeinen Riten – Fotos machen lassen, selbst Fotos machen muessen, die Kinder mit meinem Fotoapparat fotografoeren lassen und Freundschaften schliessen, ist dann das weggejagte Kind wieder aufgetaucht. mit seinem Onkel im Schlapptau. Was dieser Onkel genau tut weiss ich nicht, aber er konnte englisch, und war nun mein Uebersetzer. OLYMPUS DIGITAL CAMERASo habe ich eine gute und sehr angenehme Stunde verbracht. Der Onkel war nun neben mir die Sensation am Platz, immerhin hatte er eine Menge Infos ueber den Fremden und konnte die auf Hindi an jeden weitergeben – ueber meine Arbeit, woher ich komme, meine Familie, meine Lebensumstaende. Leider musste ich mich aus der Gesellschaft dann echt losreissen, um meinen Zug nicht zu verpassen. Umsonst und so freundlich wurde ich selten bewirtet. Um ehrlich zu sein – so ein schlechtes Gewissen hatte ich deswegen auch noch nie, aber die haben mit allem Nachdruck darauf bestanden. Na dann…

Habe ich schon erwaehnt, dass mein Zugticket Jalgaon-Mumbai wieder fuer die 2AC ist? Ich hatte deswegen auf eine ruhige Nacht hinter einem Vorhang mit frischer Bettwaesche und gutem, wenn auch leicht frostigem Schlaf gehofft. Nach einer Stunde habe ich mich ein wenig gewundert, warum es in diesem Waggon so nach Toilette stinkt, mich ein klein wenig geaergert, die Nase im nach Waschmittel duftenden Betttuch vergraben und geschlafen. Ich bin schnell eingeschlafen, aber nach grob drei Stunden auch relativ schnell wieder wach geworden. Im Flur viele laut redende Leute, irgendjemand lehnt sich durch den Vorhang hindurch gegen mich, ein Funkgeraet quaekt in voller Laustaerke. Seit wann reisen Leute im Flur der 2AC? Seit wann laesst der Zugbegleiter das zu? Und warumhalten die nicht die Klappe? Ich versuche es erst mit entspanntem weiterschlafen, aber das war schlicht unmoeglich, also habe ich den Vorhang beiseitegeschoben und die Herren um mich herum gebeten doch etwas leiser zu sein. Mir ist im ersten Moment nicht aufgefallen, dass die alle Uniform tragen. Erst als sich einer umdreht und meint „dead passenger!“, faellt mir diese nicht ganz unwichtige Kleinigkeit auf… Schon wieder eine Leiche. Im Bett neben mir. Wie oft passiert sowas einem Durchschnittstouristen wie mir in Indien eigentlich? Ich mein, zwei Leichen in grob fuenf Wochen finde ich als Europaer schon bedenklich.

So ganz am Rande: In Indien haben die Zuege „Reservation Charts“ an die Aussenwaende gekleistert, und an jedem Bahnhof gibts an einem schwarzen Brett einen Auszug davon, nur mit den Leuten die an dieser Station in den Zug einsteigen. Da steht dann drauf, wer (Definiert durch Name, Geschlecht und Alter) von wo nach wo in welchem Bett reserviert hat. zufaellig habe ich diese Liste in Jalgaon fotografiert, weil sich dort ausnahmsweise jemand die Muehe gegeben hat meinen Namen nicht nur in der Spalte „name in english“ sondern auch bei „name“ (in hindi) einzutragen. Mein Name in Hindi-Schriftzeichen. Hat mir gefallen. Das Bett neben mir steht da auch drauf. Bett Nr 35, von Jalgaon nach Mumbai, Male 48, „Dr. D. P.“.
Zu behaupten ich haette dann allzugut weitergeschlafen waere uebertrieben, und zu allem Ueberfluss hatte der Zug noch nichteinmal die eigentlich normale und erhoffte Verspaetung. Trotz Leiche nur 30min zu spaet. Also stand ich morgens um vier in irgendeinem Vorortbahnhof in Mumbai. Umringt von meiner liebsten Berufsgruppe, den Transportdienstleistern. Der Tag fing einfach schon nicht gut an.

Die S-Bahn, um die Zeit wenigstens noch nicht allzu voll, hat mich dann gegen 5Uhr30 in Mumbai CST abgesetzt. Mumbai. Colaba. Fortviertel. Hanging around. Auszeit. Ein kleines Stueck Ruhe bietet hier – so viel Ueberwindung es mich auch gekostet hat – das liebe gueldene M mit dem kleinen Garten, bzw. der „Draussensitzmoeglichkeit“. Also gabs zum Fruehstueck seit langem mal wieder Kaffee. Und einen Kartoffelroesti, ganz spannend so frueh am Morgen. Dazu lautstark Shaggy, Vengaboys etc. „my heart goes shalalalala, shalala in the morgning, shalalala, shalala in the evening …“ Ist das wirklich das richtige? Nein, eigentlich nicht. Eigentlich ganz und gar nicht. Aber hier will keiner mit mir reden, keiner ein Zimmer vermitteln, mich keiner irgendwohin fahren, keiner mir Sonnenbrillen oder Software verkaufen.
Oh, zum Thema verkaufen… Touristen kaufen alles. Allesalles und zu hohen Preisen. Anders kann ich mir nicht erklaeren, warum ich sogar schon mobile Kuechenmesserverkaufer an den Hacken hatte und Wasserschlauchverkaufer mir Ihre Wasserschlaeuche andrehen wollten. Incredible India.
Zurueck zum gueldenen M. Nach einer Stunde Ballermannbeschallung wurde mir dann das Mumbai-er Strassenleben immer sympatischer und ich bin gefluechtet.
Liegt es eigentlich an der Jahreszeit und ich war wirklich sooo lange weg, oder an meiner Klimaanlagen-Nacht, dass mir Mumbai heute so derart schwitzig und stickig feucht vorkommt? Vor fuenf Wochen kam mir das alles angenehmer vor…
Bewegung ist heute wirklich nichts fuer mich. Mal sehen, was mir noch so einfaellt fuer heute, momentan bon ich reichlich ratlos.

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