Moskau-in-DisneyLand-Version-Paralelluniversum

 

habe ich eigentlich schonmal von meinem S-Bahn Spiel aus anderen Gegenden erzaehlt? Ich steh grundsaetzlich sehr auf unabhaengige Mobilitaet zum Festpreis. Gibt einem einfach ein Gewisses Gefuehl von Unabhaengigkeit und Flexibilitaet. Ausserdem ist es eine prima Moeglichkeit, sich einfach und moeglichst unauffaellig in der Menge zu bewegen. Und guenstig ist es normal auch noch. Moskau hat hier, nach leichten „Anlaufschwierigkeiten“ definitiv einen maechtigen Pluspunkt verdient. Die Metro funktioniert super, und ich mag sie. Ich mag die Eingaenge, die aussehen wie Tueren in normalen Haeussern an der Strasse, nur eben dass ein rotes „M“ dran haengt. Ich mag die kleinen Verkaufsbuden in den Eingangsbereichen, wenn der Eingang zur Metrostation gleichzIch ne fast hundert Meter lange Unterfuehrung unter einer Monsterkreuzung ist, an denen es von Zigaretten ueber Gebaeck, Unter- und sogar Reizwaesche, Blumen, Messer, Kochtoepfe, Parfum, Wodka und Bier eigentlich alles nur erdenkliche zu kaufen gibt. Ich mag die eeewig langen Rolltreppen, mit denen man mal eben so rund 15 bis 25 Meter in die Tiefe faehrt. Ich mag die manchmal fast schon Barock anmutenden Bahsteige, die eigentlich riesige Marmorsaeulenhallen sind. Ich mag inzwischen sogar die weitlaeufigen und verzweigten „Katakomben“, die die einzelnen Linien an Umsteige-Stationen verbinden…

Wo war ich eigentlich vor meinem Lobesgesang auf die Moskauer Metro stehen geblieben? Achja, das S-Bahn-Spiel =) Nachdem mir gestern Abend noch so reichlich langweilig geworden ist (im Hostel war ordentlich Hektik, irgendein Amerikaner hat ne Mail von seinem Anwalt bekommen, dass er in zwei Wochen nen Gerichtstermin hat. Geplanter weise waere der wohl erst in einem Jahr gewesen, und der liebe Amerikaner erst seit zwei Wochen auf Reisen. Er war wenig amused, hat sich aber nicht davon abbringen lassen wollen, bei den russischen Hostel-Maedels ordentlich Mitleid dafuer zu sammeln… das musste ich mir dann doch auch wieder nicht geben) hab ich festgestellt, dass ich mich jetzt zwar schon reichlich oft in Moskau verlaufen, aber noch nicht ver-Metro-t habe. Hoechste Zeit das nachzuholen. Also nochmal die sieben Sachen aus dem Spint geholt, und auf zum S-Bahn-Spielchen: Auf zur naechsten Metro-Station, mindestens zwei mal blind umsteigen und ueberraschen lassen, wo man rauskommt. Beim ersten mal aussteigen hab ich direkt an der Tuer wieder umgedreht und bin doch wieder woanders hingefahren. Ja, ein Bruch der Spielregeln, aber nur zur eigenen Sicherheit, das ist halb so tragisch =D

Im laufe des Abends habe ich dann noch nen verschneiten, aber echt huebschen Park mit erstaunlich vielen Leuten gefunden, ne riesige Menschenansammlung (zu der ich keinen Grund finden konnte, aber die waren alle reichlich entspannt) ein paar Stationen weiter, und ich bin schlussendlich bei der Kartoffel-Frau gelandet. Die Kartoffel-Frau ist nett, und ohne sie haett ich schon oefter mal Hunger leiden muessen. Eigentlich ist die Kartoffel-Frau eine Art Fast-Food-Restaurant. Ich bin da zwiemlich am Anfang mal gelandet, und weil ich nicht lesen konnte, was es da so alles gibt, und die Kartoffel-Frau sich (natuerlich) nicht mit mir verstaendigen konnte, habe ich mit dem Finger auf eine huebsche Abbildung an der Wand gezeigt. Surprise, surprise. Wie sich dann gezeigt hat, war das eine ziemlich grosse, in Alufolie gegrillte Kartoffel, die einmal samt Alufolie laengs aufgeschnitten auf einen Teller kommt und mit allerhand Kaese, Schinken, Pilzen, Gurken und was weiss ich was alles gefuellt wird. Man koennte es ein wenig mit nem Doener vergleichen, nur eben als Kartoffel =). Das ganze wird dann mit einer Gabel ausgehoelt und gegessen. Schale und Alufolie bleiben ueber. Inzwischen freut sich die Kartoffelfrau schon, wenn ich komme und lacht mir schon wenn ich die Tuer aufmach entgegen. Reden koennen wir immernoch nicht miteinander, aber irgendwie schaffen wir das jedes mal trotzdem aufs neue. Und satt bin ich hinterher auch =D

56912_originalHeute morgen habe ich dann aus akuter Ratlosigkeit erstmal die ganzen Guidebooks im Hostel-Wohnzimmer durchforstet. Haeuser und Statuen anschauen? Nee, muss nicht. Es regnet heute draussen. Durch irgendein Museum wackeln? Waere ne Moeglichkeit, aber so richtig hat mich keins begeistern koennen, zumal in den Guidebooks oft auch der Hinweis auf nur-russische-Beschilderung zu finden war. Shopping-Mall-besuchen? Naaaaja, erstens mal seh ich nicht gerade so schnieke aus, als dass ich da nicht auffallen wuerde, und andererseits: was will ich da schon? Schlussendlich ist mir dann irgendwo ein „Izmayloro Market“ ins Auge gesprungen. Artword, Hamdcrafts and all kind of Souveniers stand in einem zehn Jahre alten Guidebook. Klang sehr nach ziemlich unverbindlichem Zeitvertreib, nur die Infos dazu waren recht spaerlich: In der Naehe der Partizanskaya-Metro-Station, Samstags und Sonntags, und kostet 15Rubel (Fuddelwuddel 40cent oder so) Eintritt. Okay, das ist ausserhalb jeglicher Maoskau-Karten, die mir mein Guidebook mit dem „L“ so liefert, aber die Metrostation habe ich gefunden. Dort nach groben sieben Stationen und zweimal umsteigen angekommen, bin ich einfach mal der Menge nach. Ich habe an irgendeinem Tor 10Rubel Eintritt bezahlt, und war in irgendwie sowas wie nem Moskau-in-DisneyLand-Version-Paralelluniversum. Ziemlich kitschig, ziemlich touristisch, und auf einmal habe ich englische Wortfetzen aufgeschnappt. Alles fein umzaeunt wars wo ich da gelandet bin, sowas wie Bangkoks Lumphini-Market in der Moskauer-tagsueber-Variante. Ein Touristenmarkt, ein Flohmarkt, ein Bildersammelsurium und ziemlich viel stranges Zeugs in einer Vergnuegunspark-Kulisse. Wahnsinn. Ob das nun wirklich dieser Izmayloro-Market aus dem Hostel-Guidebook war oder nicht… Who knows. Es war auf jedenfall genau das, was ich mir erhofft hatte. Naja, vom Gefuehl her wars fast ein Weihnachtsmarkt. Nur ein Stueck besser… also quasi n Weihnachtsmarkt, bei dem nicht jede zweite Bude n Gluehweinstand ist, und jede dritte Wuerstchen verkauft. Der Schnee, die Kaelte und die triefende Nase waren aber definitiv Weihnachtsmarkt-like. Gut, das Angebot von so nem Flohmarkt kann man eigentlich auch nicht direkt vergleichen… Da hinkt die gefuehlte Weihnachts-paralelle ziemlich. Meterweise Pelzmuetzen, in allen Farben, Formen und Groessen. Diese ineinandergestapelten Puppen mit „M…“, deren Namen ich mir nie merken kann, unendlich viele Bilder, Handschuhe, Wollsocken, Krimskrams. Und dann gabs noch die fast verruecktere und wieder staerker durch russen frequentierte Flohmarkt-Ecke. Angefangen von russischen Muttis die ueblichen Flohmarktkrempel versilbern, ueber unendlich viele uralte Original-Plakate aus UDSSR-Zeit, Schellakplatten inclusive passenden Abspielern, verdammt alten und zerfledderten Buecher, alten Muenzen, Briefmarken und Marienbildern gings dann auch manchmal ueber in echt komische Themengebiegte… Verrostete Stahlhelme, Gasmasken, alte rostige Gewehre, alte Uniformen aus allen moeglichen Laendern mitsamt passenden Orden und Abzeichen, inclusive der wohl so rund siebzig Jahre alten deutschen Version davon. Inclusive der Armbinden und so. Ich will gar nicht so ganzganz genau wissen, wie dieser alte Plunder den Weg auf einen heutigen Flohmarkt in Moskau so im Detail gefunden hat…

 

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Wieauchimmer, so in Summe war es spannend. Und angenehm. Ich habe heute (um ehrlich zu sein: …wieder…) gelernt, dass die Moskauer gar nicht so unfreundlich sind, wie das Klischee das manchmal behaupten mag. Eigentlich sind alle bisher ziemlich nett. Die reden zwar verdammt gerne russisch mit mir, und verstehen tu ich das ja nicht, aber offensichtlich macht das denen aber auch gar nichts aus =D Als ich mich heute mal wieder verirrt habe, und so ne richtige „russische Klischee-Mutti“ hinter nem Blumenstand an ner Hauptverkehrsstrasse nach der naechsten Metro-Station gefragt habe (die Metro bleibt auch russisch noch relativ verstaendlich die „Metro“), kam sie hinter ihrem Stand vor, hat mich bis zur Bordsteinkante gerzerrt und mir den Weg erklaert. Ja, erklaert. So richtig mit Gesten und sprechen dazu. Zuerst hab ich dann die Gesten wiederholt, und sie hat es mir nochmal erklaert. (eigentlich wars ganz einfach: geradeaus bis zur Kreuzung, dann links und sofort wieder links) Solange, bis ich Ihr nachsprechen konnte. Die hat sich gefreut wie Honigkuchenpferd, und ich hab den Weg tatsaechlich gefunden =D

In Kaffees zu sitzen, wenn die Beine und Nase mal wieder ne Pause brauchen ist auch ziemlich witzig =) zuerst werde ich immer nicht wirklich sonderlich anders beachtet wie die anderen. Wenn die Bedienung dann vorbei kommt, ich nen Cappuchino (auch das bleibt in der russischen Aussprache gleich, hab ich schon gelernt. Wobei der schwarze Kaffee irgendwie „americano“ heisst. warumauchimmer) bestell und sie dann merkt dass ich kein russisch spreche, hindert das normal niemand dran, mir nur auf russisch zu antworten. Oder noch viel schwieriger: russische Fragen zu stellen. Urspruenglich hats mich noch leicht irritiert, heute ist es irgendwie normal geworden. Zumindest hab ich bisher noch immer bekommen, was ich bestellt hab. Und ueber eins bin ich mir inzwischen auch im klaren: ab dem Moment werd ich beobachtet. Von allermindestens vier Kellnerinnen-Augen. Gut, wieviele Touristen in ner unspannenden Einkaufmall oder in ganz komischen Ecken der Stadt am Tag geziehlt nach Kaffee suchen ist schon fraglich… ich geb ja zu, die Umstaende sind manchmal schon herrlich komisch =)

57094_originalAchja, und von wegen Strassen ueberqueren ist todesmutig… ich hab bisher immer erstaunt festgestellt, dass viele viele Moskauer sogar anhalten, wenn man am Strassenrand steht und drueber will. Einfach so, aus Freundlichkeit. Ist mir jetzt in Deutschland glauyb noch nie passiert. Okay, eins ist allerdings ziemlich gefaehrlich hier im Strassenverkehr: Einfach blindlings auf die Strasse stuermen. Das kann ins Auge gehen, aber wo auf der Welt sonst kann es das nicht?

Genug fuer heute aus der Stadt mit dem viel zu vielen totel Fell ueberall und den ganzen dicken, schwarzen 7er BMWs und A8s die mit Blaulicht und rundum (also so wirklich, inclusive dem vorne…) getoenten Scheiben durch die Strassen jagen. Morgen gibts sicherlich noch mehr =)

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