the transsiberian adventure, part I

 

„Adventure“, das hoert sich so schrecklich abenteuerlich an. Nach Macheten, Dschungel und Cowboy-Hut, nur eben in sibirischer Pelzmuetzen-Version. Nein, das ist weit daneben, eigentlich ist es ein ziemlich ruhiges und gemuetliches Abenteuer das nun vor ziemlich genau zwei Tagen in Moskau am Yaroslavskaya-Bahnhof angefangen hat. Ja, richtig, schon AM Bahnhof: Ich war wie immer (aus Nervoesitaet) mal wieder viel zu frueh dran. Ziemlich genau viereinhalb Stunden. Das klingt so erstmal ziemlich unglaublich, aber meine Motivation fuer Beschaeftigungsfindung in Moskau war irgendwie ziemlich am Boden. Daher war an Bahnhof zu fahren eine der wenigen Ideen, die ich nach dem Besuch drei unterschiedliche Cafes und fuenf Cappuchinos hatte. Zumindest war es die einzig vernuenftige Idee. =)
Dort angekommen, war ich erstmal reichlich verwirrt: die Bahngleise sind im Freien, komplett unabhaengig vom Bahnhofsgebaeude. Oder von den drei verschiedenen Bahnhofsgebaeuden, ums genau zu nehmen. Ich habe mich schwerstens bemueht die Logik dieser Ansammlung von freistehenden Gleisen und unabhaengigen Gebbaeuden zu durchschauen, aber wie so haeufig in Moskau verhinderte das wohl schlussendlich die fehlende englische Beschriftung, oder eben mein Mangel an russischer Sprachkenntniss, je nach dem wie man es betrachtet.
Mein grosses Problem zu dem Zeitpunkt: ich hatte keine Ahnung, was ich tun muss um dann (in vier Stunden) den richtigen Zug zu finden. Auf meiner Verzweifelten Suche (ich war mir noch nichtmal soooo sicher, am richtigen Bahnhof zu sein) nach Informationen bin ich so einigen Schildern mit einem „i“ darauf gefolgt, aber jedes mal nur an einer grossen Tafel mit ganz vie kyrillischem Text gelandet. Moskau gibt sich echt reichlich Muehe, mysterioes fuer mich zu bleiben. Selbst der gute, alte Versuch recht daemlich mit ner Karte vor dem Bahnhof zu stehen und moeglichst ratlos auszusehen schlug fehl: ich habe zwar innerhalb fuenf Minuten vier Zigaretten verschenkt, aber zu mehr Kommunikation als Zigaretten zu schnorren liess sich keiner hinreissen. Also erstmal den Rucksack beim Gepaeckonkel im Keller des groessten Gebaudes des Bahnhofes abgegeben und mich ueber die Oeffnungszeiten gewunert. Verstanden habe ich die nicht, wenn das Schild denn ueberhaupt davon und nicht von irgendwelchen Schichtwechseln gehandelt hat, und der Gepaeckonkel hat alle meine Fragen immer nur mit einem Kopfnicken beantwortet. Also auf gut Glueck… Irgendwas stand von 20:00 auf der mit kyrillisch beschrifteten Tafel am Schalter des Gepaeckonkels. Also, so habe ich vermutet, ist es sinnvoll fuenf vor acht dort zu sein. Entweder macht er dann in fuenf Minuten wieder auf, oder ich komm fuenf Minuten vor Feierabend.
Also, die allgemeine Verwirrung auf einem hoechstmoeglichen Level und um den grossen Rucksack erleichtert… Was bietet sich da besser an, als einfach ueber den naechsten Subway herzufallen und mit Haenden und Fuessen heisse Schokolade und zwei Cookies zu bestellen? Eben.
Nach dieser kleinen kreativen Auszeit (die so ungefaer gefuehlte zwei Stunden gedauert haben mag, mein Buch war so spannend), sah die Welt auch gleich viel besser aus: Ich bin zurueck an Bahnhof, habe mich auf nen Sitz direkt gegenueber der grossen Anzeigetafel im groessten der drei verschiedenen Gebaeude gesetzt und doch tatsaechlich „Peking“ in kyrillischen Schriftzeichen entziffern koennen. Und auch die Uhrzeit hat gepasst. Ich war schlichtweg begeistert.
Am Zug selber kamen dann ein paar Ueberaschungen zusammen. Die erste: das ist ein chinesischer Waggon. Mit chinesischem Zugbegleiter. Irgendwie hatte ich etwas russisches erwartet, empfand diese Neuerung allerdings nicht als negativ. Das zweite: vor mir stiegen gerade zwei grosse Rucksaecke ein. Keine Russen, Auslaender! Auch das fand ich erstmal ne durchaus positive Ueberaschung. Solange der chinesische Zugbegleiter dann mein Ticket ueberprueft und ich gespannt gewartet habe, ob das was ich bei ner dubiosen englischen Online-Bude erstanden habe wirklich ein gueltiges Ticket ist, kamen von hinten noch ein Backpacker-Paerchen daher. Auch sie mussten erstmal das Ticket abgeben, dem Zugbegleiter erklaeren wo sie herkommen (Frankreich) und dann mit mir zusammen warten. Nachdem innen die beiden vorherigen Rucksacktraeger in ihrer Kabine verstaut waren, durften wir dann einsteigen. Irgendwie hielt der zweite Zugbegleiter uns in dem Moment fuer ne dreier-Gruppe und hat mir zusammen mit dem franzoesischen Paerchen ein Abteil zugewiesen. Die eigentliche Bettnummer auf den Tickets hat ihn im allgemeinen vielleicht manchmal inspiriert, aber im grossen und ganzen nicht interessiert. Also habe ich mich zusammen mit nem franzoesischen Paerchen in einem Vierer-Abteil zwar im richtigen Waggon aber falschen Bett einquartiert, und nicht wie erwartet in einem Waggon voller Russen und Mongolen. Nein, nach einer Woche Moskau ohne nennenswerten Sozialkontakt war mir das so sogar irgendwie lieber. Wie sich dann nach der Abfahrt herusstellen wird, ist eigentlich der ganze Waggon mit Touristen angefuellt: zwei Niederlaender auf dem Weg ueber China und Laos nach Thailand, ein Finne auf dem Weg ueber Tibet und Nepal nach Indien, zwei Schwedinnen auf dem Weg nach China, das besagte franzoesische Paerchen auf dem Beginn ihrer einjaehrigen Weltreise, eine Englaenderin und noch n paar andere, mit denen ich bisher noch keinen Kontakt hatte. Der Tourie-Wagen, in dem (wohl mehr ausversehen) eine mitdreissiger-Russin im Adidas-Trainingsanzug ganz verlassen mittendrin ein ganzes Viereabteil alleine bewohnt.
So alles in allem ist Transsibirische Eisenbahn in nem chinesischen Waggon (ueber die russischen kann ich logischerweise nichts sagen) fahren ne komplett angenehme und entspannte Geschichte. Die Waggons werden tatsaechlich ueber einen Kohleofen direkt an der Eingangstuer vom jeweiligen Begleiter des Waggons beheizt, daneben gibt es eine kleine und ausschliesslich vom Zugbegleiter benutze Kochplatte (natuerlich auch per Kohle geheizt) und auf der Rueckseite davon, im eigentlichen Flur des Waggons, gibts ne Art Wasserboiler, der fuer alle unbegrenzt Trinkwasser abkocht. Im Flur beim Kohleofen ist es zwar ziemlich zugig und kalt, aber auch in diesem Zug hat der (diesmal chinesische) Zugbegleiter dort eine Raucherecke eroeffnet, die sich inzischen zum allgemeinen MeetingPoint entwickelt hat. Die Toilette ist ne normale Zugtoilette, so wie man eben Zugtoiletten kennt… vielleicht ein klein wenig groesser, aber im Vergleich zu den thailaendischen Schlafwagen fehlt eindeutig eine Dusche. Koerperhygiene beschraenkt sich hier entweder auf ein kleines Waschbecken mit eisekaltem Wasser, oder man wird kreativ und uebergiesst sich in der Toilette stehend irgendwie mit ner Mischung aus dem eisekalten Wasserhahn-Wasser des Waschbeckens und dem kochend heissen Wasser aus dem Boiler. Wenigstens nen Abfluss im Boden gibts dafuer. Wir haben aber alle gemeinsam beschlossen, dass das fruehstens ab dem dritten Tag ausprobiert wird, oder in akuten Notfaellen =)
Aber zurueck zur Fahrt an sich. Waehrend das Paerchen (Aurellie und Frank, ich hoffe das ist richtig geschrieben) die zwei Betten auf der linken Seite bewohnt, ist das unten auf der rechten Seite meins. Wir verstehen uns, vorallem dafuer dass ich Franzosen bisher eigentlich auch im Aussland ausschliesslich unetreinander kommunizieren sehen habe, wunderpraechtig. Es gibt natuerlich verdammt viel Tee den Tag ueber, mal gruenen mal schwarzen, mal deren und mal meinen, wir essen Kekse, lesen, und schlafen. Abends gibts ein gemeinsames Essen mit Dingen, die man aus Tuetenzeug und heissem Wasser aus nem Boiler so zaubern kann: Instant-Nudelsuppe, Obst, Brot vom letzten Bahnhof, Tuetensuppe, Pistatien oder Doerrobst. Wenn keiner von uns dreien schlaeft, ist unsere Tuere die, die im Waggon immer offen steht und allerhand Leute zum reden ein- und ausgehen. Wir haben unter dem Tischchen am Fenster schon am ersten Tag unsere Buecherei eingerichtet, indem jeder von uns seine Buecher da hin gestapelt hat. Gelesen wird, was interessiert. Abgesehen von der englischsprachigen Guidebook-Sammlung wirds allerdings sprachlich schon fast schwer. Eine Komplettausgabe „Lord of the Rings“ liegt da noch, an die sich doch keiner herantraut, und „Accidental Billionaires“.
Mit der Zeitrechnung ist es jetzt schon so eine Geschichte fuer sich… waehrend in Moskau am ersten Abend noch alles recht einfach war, gestaltete es sich schon am naechsten Tag irgendwie schwierig. Der im Flur ausgehaengte Fahrplan richtet sich bis zu mongolischen Grenze nach Moskau-Zeit, und danach nach UlanBator-Zeit. Ab der chinesischem Grenze gilt dann wiederum die Peking-Zeit. Zumindest sind russische Bahnhofsuhren soweit korrekt, als dass sie konsequent Moskauer Zeit anzeigen. Die wirkliche lokale Zeit sollte sich allerdings bis heute Abend schon um drei Stunden verschoben haben. So ganz sicher ist sich da allerdings keiner im Zug. Heute morgen wurde es zumindest, nach Moskauer Zeit betrachtet, schon gegen 3:30am hell. Ich bin zufaellig schon wach geworden und habe mich dadurch erstmal ordentlich verwirrt und dann zwei Stunden danach noch ne Runde geschlafen, was dem allgemeinen Zeitgefuehl sicherlich auch nicht gerade zutraeglich ist. Ich bin mir sicher, ich werde die genauen Folgen dann spaetestens im laufe des morgigen Tages herausfinden. Dunkel geworden ist es, ebenfalls nach Moskauer Zeit, schon gegen 4:00pm. Die Schlafzyklen im Zug werden dadurch allgemein irgendwie sonderbar, habe ich schon festgestellt. Die einen schlafen konsequent nach Moskauer Zeit, die anderen wenns dunkel wird und wieder andere immer mal wieder zwei Stunden ueber den ganzen Tag verteilt.Ich persoenlich habe heute schon Probleme, auf meinem Kalender den aktuellen Tag zu bestimmten. Ich fange bei dem Tag mit dem Kringel fuer die Abfahrt in Moskau an, und versuche dann krampfhaft heruaszufinden, der wie vielte Tag im Zug ist (es ist ERST der zweite…). Genau so bin ich gerade zu tiefst verwirrt, in welche Richtung der Zug fahren sollte. Momentan zieht die Landschaft, wenn ich aus dem Fenster schaue, von links nach rechts vorbei. Ich bin mir aber ehrlich nicht sicher, ob das heute morgen nicht irgendwie andersherum war. Ich habe da so meine Zweifel.

So alles in allem kann man bisher zusammenfassen dass das eine sehr angenehme und chillige Geschichte ist. Das „Abenteuer“ bildet fuer mich momentan vorallem meine eigene Wahnehmung… „wie spaet mag es wohl sein“, „wie lange bin ich schon unterwegs“ und „in welche Richtung sind wir bisher gefahren“ sind heute meine am haeufigsten bedachten Themen =)

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eindeutig chinesisch, nicht russisch der Zug =)

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mein derzeitiges Zuhause.

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wichtig: Wasserboiler.

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noch wichtiger: Heizung.

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