Lady in red

 

Allgemeines herumhaengen und treibenlassen funktioniert in Beijing echt super. Die beiden letzten Tage war ich reichlich Ziel- und Planlos unterwegs. Es ist Wochenende, und Montag und Dienstag Feiertag fuer die meisten Chinesen. Der perfekte Zeitpunkt also, nen Kurzurlaub zu machen. In Beijing zum Beispiel. Wie das dann an den Hauptattraktionen aussieht, ist sicherlich nicht schwer vorstellbar. Also meide ich diese und streife kreuz- und quer durch die Stadt. Die Metro ist dabei mal wieder super hilfreich, und damit ich nicht vor jeder Fahrt an einem Schalter oder Automaten schlange stehen muss, habe ich mir gestern den Luxus einer Prepaid-Dauerkarte gegoennt. Die meisten Chinesen fahren Einzelfahrten und schieben die Fahrkarte dazu (eine recht solide Plastikkarte) nach dem Aussteigen in einen Automaten mit Schranke am Ausgang, um aus der UBahn-Station hinaus zu kommen. Die Karte wird wiederverwertet und alle sind happy. Einige aber, das habe ich beobachtet, halten nur ihre Geldboerse bzw. eine blaue Karte an den Automaten. Dauerfahrkarte, bestimmt! Das ganze an zwei Stationen gesehen, bin ich an einen Schalter um mich zu erkundigen. Natuerlich ist das mit der Kommunikation in China auch noch nicht sooo einfach, und die eigentlich hilfsbereite aber ziemlich hilflose Frau hinter der Scheibe hatte schon aufgegeben, aber mir dann (irgendwas muss man ja tun…) einen rein chinesischen UBahn-Flyer in die Hand gedrueckt. Freundlich wie ich bin, habe ich mich brav dafuer bedankt, obwohl ich dem eigentlich keinen effektiven Nutzen zugetraut habe, und habe kurz ein paar Meter von dem Schalter entfernt reingeblaettert. Und da war tatsaechlich ein Bild. Von einer blauen Karte. Also zureuck, mit dem Finger draufgezeigt, ein laecheln auf dem Gesicht der hinter-dem-Schalter-Frau geerntet, ihr brav die 40 yuang gegeben, die sie daraufhbin von mir haben wollte und mich ueberaschen lassen, was ich da jetzt tolles gekauft habe. Koennte ja zum Beispiel auch einfach nur eine Bonuskarte fuer eine Drogeriekette oder so sein. Aber, ich hatte mal wieder das Idiotenglueck auf meiner Seite, ich bin seit gestern tatsaechlich stolzer Besitzer einer Beijing-Subway-Prepaid-Card. Ein kleines, aber dafuer echtes Erfolgserlebniss =).

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70031_originalAn manchen Stellen in Beijing habe ich, auch wenns hier momentan bedeugtend kaelter ist, einen leichten Bangkok-Flashback. Der Duft um die Essensstaende herum tut schon seinen guten Teil dazu, allerdings ist das Angebot hier ein wenig anders: viel wird an nem langen Holzspiess angeboten, und scheint durchaus ziemlich gut gefragt zu sein. Zumindest isgt es fast ueberall zu finden. Das Angebot fuer Zeugs am Holzspiess gegrillt faengt hier recht harmlos bei Fleischstueckchen vom Rind oder Huhn an, manchmal gibts auch ueberaschenderweise marinierten Tofu oder Gemuese, und reicht bis zu skurilen und ekeligen Dingen wie nem ganzen Seestern, Skorpionen (die meistens noch mit dem Schwanz zucken), um den Holzspiess gewickelte kleine Schlangen, komplette kleine Tintenfische, Kaefer, Tausendfuessler und irgendwas, was fuer mich ein wenig nach fetten Maden aussieht. Neben den Holzspiessen gibts viel „dumpling“, wobei ich fuer diese gefuellten Teiknoedel nur die englische Bezeichnung kenne, und natuerlich Suppe, logisch. Aber zurueck zum Thema. bangkok-Flashback. Ich habe mich heute ein wenig verlaufen, und bin dabei irgendwo um die verbotene Stadt herum in einer weniger belegbten Strasse gelandet. Ich habe irgendwas unangenehmes gerochen, und habe schwer ueberleggt woher ich den Geruch kenne, bin aber nicht drauf gekommen. So lange, bis ich auf der Ladeflaeche eines Dreirads eine aufgeschnittene Durian-Frucht liegen sah. Kaum bin ich daran vorbei, und war mir wieder bewusst woher ich den Geruch kenne, geht neben mir eine Glastuer auf und ein Maedel sturemt auf die Strasse: „Hello siiiiir, Massaaaage, siiiir?“. Jepp, es gibt ein Bangkok-Viertel in Beijing. Definitiv.

Abgesehen davon, gibgt es allerdings auch noch die etwas raffiniertere Scam-Geschichte. Schon am ersten Tag ist mir die begegnet, und ganz ehrlich: ich bin verdammt froh, gewarnt worden zu sein. Das erste mal haette ich sonst theoretisch ganz naiv darauf hereinfallen koennen. Das Schema ansich ist immer das gleiche: man laeift nichtsahnend die (normalerweise touristisch ziemlich belebte) Strasse entlang, und wird von ein bis zwei (meistens ziemlich attraktiven) chinesischen Maedels angesprochen. Man unerhaelt sich ein wenig auf englisch, woher man kommt, woher sie kommt (meistens so grob im drei-Stunden-im-Bus-Radius-um-Beijing-herum, angeblich), was man in Beijing tut und was sieh hier macht (ein paar freie Tage geniessen, meistens, angreblich), und danach kommt von Ihr der Vorschlag „hey, hier auf der Strasse isgt doch doof herumzustehen, lass uns was trinken gehen und uns ein wenig unterhalten“. Man landet dann, wenn man mitgeht, in einem der Teehaeuser in einem Separee, bekommt grob sehs verschiedene Teesorten zur Verkostung, alles ziemlich aufwaendig, und am Ende kommt die boese Ueberaschung in Form einer exorbitant teuren Rechnung. Zweihundert Dollar koennen da schon drin sein. Soweit die Theorie. In der Praxis weiss ich davon, aber lasse mich immernoch gerne ansprechen, immerhin bin ich als alleinreisender Mann Hauptzielgruppe von diesem Spass =D. Eines der besten Erlebnisse hatte ich mit einem der allein-unterwegs-Maedels. Es war der erste Abend, und es hat geregnet. Sie kam von hinten angestuermt, in nem langen roten Mantel, mit ner roten Handtasche und einem roten Regenschirm. Sie hat mich (angeblich) ein wenig bemitleidet, weil ich ohne Schirm unterwegs war, und so standen wir zu zweit unter ihrem Schirm bei Regen zwischen ein paar der mit Reklametafeln vollgepflasterten, teuren Shoppingmalls der Innenstadt und haben uns unterhalten. Ich habe mir den Spass gegoennt, das ganze so lange wie moeglich hinzuhalten, obwohl schon nach fuenf Minuten das Angdebot fuer nen Tee oder Kaffe kam. Als das nicht half, haette es auch ein Bier sein duerfen, oder irgendwas anderes. Ich habe das alles ignoriertg, oder auf „gleich“ verschoben, und sie im Gegenzug ueber die Gegend ausgefragt. Wo isgt der naechste Geldautomat, wie kommt man per UBahn am besten hier weg.n wo kann man Geld wechseln und wann machen die Laeden zu… banale, bloede Dinge. Ich habe es geschafft, zwanzig Minuten unter dem Regenschirm zu stehen. Danach wurde sie ungeduldig, und ich konnte das ganhze nicht weiter verhzoegern. Natuerlich bin ich nicht mit Ihr mit. Und sie war ziemlich stinkig deswegen. Im Gegenzug dafuer durfte sie mich auch ne Minute lang bschimpfen, auf chinesisch, und ich hab sie waehrenddessen freundlich angegrinst. Danach bin ich weiter. Gestern Abend, so ziemlich zur gleichen Zeit habe ich sie so ziemlich am gleichen Ort wiedergesehen. Gleicher Mantel, gleiche Handtasche, nur ohne Regenschirm. Haette sie etwas anderes angehabt, haegtte ich sie vermutlich gar nicht wieder erkannt. Zuerst hab ich sie entdeckt, dann sie auch mich. Sie hat versucht mir dezent aus dem Weg zu gehen, aber so leicht habe ich Ihr das nicht gemacht. Ich hab sie erwischt und angesprochen. „Schoen, dass wir uns wiedersehen, erinnerst Du Dich noch? Bist Du denn oefters hier?“ zwangslaeufig hat sie daraufhin Ihre Business-Freundlichkeit gestartet, und hats nochmal versucht, mit dem Tee. Diesmal war sie aber von vornherein vorsichtiger mit mir. Nach nur ganz kurzen fuenf Minuten hat sie mir ein ziemlich lautes „fuck you!“ an den Kopf geworfen. Ich weiss nicht warum, aber ich habe vor Freude lachen muessen. Ein richtig breites, gemeines Grinsen. Sie hat daraufhin das weite gesucht, und nur 50m weiter wurde ich wieder von zwei anderen Maedels angesprochen…

69201_originalHeute ging der Vormittag im wesentlichen dafuer drauf, das Guesthouse zu wechseln. Ich hatte gestern bereits im „beijing Lama Temple International Guesthouse“ reserviert, ein etwas weniger schoenes aber immernoch guenstiges und nahe bei einer Metrostation gelegenes Hostel mit Achtbettzimmer in einem hutong. Naja, was auch immer uns heute morgen getrieben hat, Johnathan wollte mich eigentlich dort hin begleiten, wir sind auf Empfehlung der deutschen Studentin dann beide im „Chinese Box Hostel“ gelandet. Zum Glueck. Zwar doppelt so teuer, dafuer aber dreifach so schoen. Leicht im Tibet-Style gehalten, mit schweren Vorhaengen in den Tueren und schoener Deko und so. Ausserdem gibts Hostel-Katzen. Urgemuetlich irgendwie.

Nach dem Umzug war ich reichlich geplaettet, und das obwohl das Wetter seit dem zweiten Tag hier kontinuierlich schoener und waermer wird. Inzwischen ist ohne Jacked tagsueber gut drin. T-Shirt ist mir persoenlich noch n boisserl zu kalt. Nachdem ich mich dann iueberwunden hatte rauszugehen, hat mich allerdings weder der Wochenend-Flohmarkt noch der Park, dessen See ne Baustelle ohne Wasser war und dessen gruenflaechen Jahreszeitenbedingt mehr braun als gruen waren begeistern koennen. Heute ist definitiv ein Tag zum herumgammeln und nichts tun, aber irgendwie ist das auch gut so. Zwei Tage noch chinesische Ferien und Touristenmassen, danach wirds ruhiger. Also noch zwei Tage die allgemein „unspektakulaeren“ Kleinigkeiten der Stadt bestauenen, die streng genommen eigentlich mitunter das spannendste sind, und noch auf zur vietnamesischen Botschaft, ein Via beantragen. Doch, klingt sehr gut, find ich.

 

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