Herausforderungen an der Great Wall

 

„He who has not climbed the Great Wall is not a true man.“ (Mao Zedong)
Okay, lieber Herr Mao. Den Spruch nehm ich doch glatt als Herausforderung an. Einmal auf die grosse Mauer klettern, das seh ich nicht als das Problem.
Mal ganz ehrlich: in Maos Augen ein wahrer Mann zu sein war jetzt nicht mein primaeres Ziel, aber die chinesische Mauer von oben zu sehen klingt schon nach etwas, was man in China tun sollte.

Heute morgen um sechs gings schon los. Ein kleiner Sammelbus chinesischen Fabrikats hat mich und drei andere vor dem Hostel abgeholt. Eine schwer undankbare Zeit, hatte ich auf etwas Erholung gehofft und wurde direkt bitter enttaeuscht. Ich kannte die Art Kleinbus, ich habe die Grenze von Kambodscha nach Laos in sowas durchgestanden, den ganzen Weg von Stung Treng zu den fourthousand islands. Mal eben ein Nickerchen ist da nicht. Halb so wild, ich habe mich immerhin auf das versprochende Fruehstueck oder vielmehr den Kaffee gefreut, waehrend wir quer durch Beijing noch andere nicht-chinesischen Touristen eingesammelt haben. Dabei wurden die Hotels immer teurer, und die Gaeste immer komischer. Nein, ich mag eigentlich nicht laestern. Ich mag das nur ganz neutral beschreiben. An den ersten beiden Stationen, Hostels mit Mehrbettzimmer und so, meins mit eingeschlossen, stiegen hauptsaechlich Leute mit vernuenftigen Schuhen fuer ne Wanderaktion, einem Rucksack voller Wasser und grossflaechig Haut bedeckender Kleidung ein. Immerhin liegt das Stueck Mauer zu dem wir fahren oben auf ner Huegelkette, also wirds steil, sonnig und durstig. Klingt fuer mich logisch. Spater dann kam das erste Paerchen aus einem der besseren Hotels: Er in FlipFlops und mit Kameratasche, Sie zumindest in Turnschuhen und eine 0,5l Flasche Wasser in der Hand. Noch eine Station weiter ein schon ziemlich betagtes Paerchen, sie komplett gestyled und geschminkt mit Handtasche und Caprihose, er in Polohemd und Turnschuhen. Nein, keiner war so wirklich komplett daneben (bis auf die FlipFlops vielleicht), aber der Unterschied war schon deutlich erkennbar. Nachdem alle zusammen in diesem klapprigen Kleintransporter sassen (an sich schon ein Wahnsinnsbild: vom typischen Backpacker bis zur geschminkten Handtaschenfrau, alle eingepfercht in diesem alten Klapperteil) gabs endlich das Fruehstueck. Ich war nicht ueberrascht, denn Jonathan hat mich schon vorgewarnt. Trotzdem fand ichs irgendwie witzig, den Kaffe und den Burger vom gueldenen M in die Hand gedrueckt zu bekommen =D. Achja, dieses Fruehstueck gabs exklusiv nur fuer Hostel-Wohner. Die Hotel-Wohner hatten ja schon besseres Fruehstueck dort. Ja, das Bild in diesem Minibus wurde immer schraeger und ist es durchaus wert, es sich einmal so richtig auszumalen =).

75823_originalGut 100km noerdlich von Beijing liegt das eigentliche Ziel: ein Stueck Mauer, das sich da Jinshanling nennt. Soweit ich es in Erfahrung bringen konnte, eins der huegeligsten und originalsten (sprich wenigst restaurierten) Stuecke um Beijing das zugaenglich ist. Kurz vor zehn sind wir dort endlich angekommen, und nach einem fuer mich schrecklichen Gruppentourismus-Part „so, hier ist die letzte Toilette, jetzt koennen nochmal alle gehen“ und „das hier ist das Restaurant, wo wir uns halb zwei gemeinsam zum essen treffen“ sowie dem „das hier ist die Karte, hier ist die Seilbahn, die kostet extra, es gibt zwar nen Weg zu Fuss, aber dann bleibt oben nicht mehr viel Zeit, und bis hier solltet ihr laufen, da gibts die besten Fotos, vielleicht bis hier, wenn ihr fit seit, aber weiter schafft ihr es sicherlich nicht…“ Halt. Nicht erst danach. Genau an der Stelle habe ich die fuer mich einzig interessante Frage gestellt: wann faehrt der Bus nach dem Essen, und von wo. Danach bin ich los, mag sich den Rest der Geschichte anhoeren wer mag. Natuerlich habe ich die Seilbahn ignoriert, ich hatte ne Herausforderung von Mao angenommen.
75558_originalDie Seilbahn faengt genau am Sammelpunkt los, und direkt den Huegel hoch. Der Fussweg war natuerlich ein Umweg, 500m in die „falsche“ Richtung, im ZickZack den Berg hoch und 500m auf dem angeblich uninteressanten Part der Mauer zurueck. In diesem Punkt hatte unser Guide tatsaechlich recht: rechts von der Seilbahnstation ist alles recht unspekatakulaer, der Weg auf der Mauer ist neu gepflastert, die Treppen alle saniert. Easy going. Das ist vorallem der Part, der den chinesischen Touristen zu gefallen scheint. Zumindest waren die fast nur dort zu finden, waehrend die Langnasen ihren Spass an den wenig restaurierten Kletterpassagen links von der Seilbahnstation hatten. However, oben an der Seilbahnstation hatte ich die Seilbahnfahrer unserer kleinen Reisegruppe schon eingeholt und wurde verfolgt von den mongolischen Getraenke- und Souvenierverkaeufern. Ja, mongolischen.
76766_originalIrgendwie ist das schon eine interessante Wendung im Laufe der Zeit: Erst haben die Chinesen Angst vor den Mongolen und bauen deshalb dieses unglaubliche Monster von Mauer. Nach einer Zeit des „Einkassierens“ der Mongolei durch China ist diese nun zwar wieder unabhaengig, aber die Mongolen haben schon ein wenig Angst vor China. Gut, ein Land das auf der einen Seite nur an Russland und auf der anderen nur an China grenzt… ich kann die Angst schon ein wenig nachvollziehen. Heute sitzen jedenfalls Mongolen AUF der chnesischen Mauer und bestreiten ihren Lebensunterhalt damit, an auslaendische Touristen in China T-Shirts, Muetzen und Getraenke zu verkaufen.
Im allgemeinen wars fuer mich speedklettern. Ich wollte der guten Guide-Frau nicht glauben, dass man nicht weiter als zum „Corner Tower“ kommt. Ich habs quasi schon wieder als Herausforderung gewertet. Nein, gehetzt bin ich nicht. Ich habe viele Pausen eingelegt und die Aussicht genossen, Mandarinen und Bananenchips gegessen und viel Wasser getrunken. Getroedelt beim Laufen habe ich aber auch nicht, und kurzerhand die mongolischen Verkaeufer abgehaengt. Die beste Methode: schneller sein, am besten wenns gerade steil Bergauf geht. Spaetestens beim naechsten Tourist haengen die sich an den, weil langsamer.
76111_originalEin gutes Stueck hinterm Corner-Tower habe ich dann umgedreht, immerhin wollte ich beim runterwaerts auch nicht die Seilbahn nehmen und hab n bisserl Zeit fuer den Umweg eingeplant. Ich habe dann sogar noch nen recht weiten Bogen ueber den restaurierten Teil der Mauer mitgenommen und mich noch ein halbes Stuendchen auf einem absolut ruhig Turm am Ende eines Sackgassen-Auslauefers gelegt, bevor ich nen kleinen Trail direkt ins Tal geschlittert bin. Das Essen ahbe ich zwar verpasst, aber anders hatte ich das auch nicht geplant.
So, genug angegeben. Eins moecht ich aber festhalten, lieber Herr Mao und liebe Frau Guide: jemand der Wochenweise den ganzen Tag durch Moskau, Ulan Bator und Beijing wandert, den lockt das kurze Stueck Mauer nicht aus der Reserve. Nicht bei angenehmen siebzehn Grad. Spannend wirds allerdings vermutlich Montag. Mein naechstes Ziel ist Tai’shan, ein heiliger Berg mit ueber sechstausend Stufen und einer Hoehendifferenz von rund 1400 Metern. Der wird mich wohl mit hoher Wahrscheinlichkeit fertig machen =)

76402_originalEine ganz neue Erkenntniss habe ich noch gewonnen… die meisten Hostels bieten Mehrbettzimmer mit unterschiedlicher Bettenzahl zum gleichen Preis pro Nacht an. Hier gibts aktuell n paar Vierbettzimmer und ein Sechsbettzimmer. Soweit nichts neues. Ich habe, aus welchem Grund auch immer, mit Jonathan damals (lang lang ists her =D) das Sechsbettzimmer bezogen. Zu der Zeit war es noch komplett leer. Irgendwann am dritten Tag oder so ist noch eine Englaenderin eingezogen, am Tag an dem Jonathan weitergezogen ein Kanadier fuer einen Tag. Inzwischen habe ich das ganze Zimmer fuer mich allein, waehrend die Vierbettzimmer alle beinahe voll belegt sind… Mal logisch frueber nachgedacht, was antwortet man spontan auf die Frage „Vier- oder Sechsbettzimmer? Kosten beide gleich viel!“ =)
Logische Schlussfolgerung, auch wenns komisch klingt: fuer mehr Privatsphaere in ein Zimmer mit mehr Betten =D

 

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