der zehnte Tag

 

Unglaublich, mein Kalender erzaehl mir gerade, dass ich heute den zehnten Tag in Beijing war. Effektiv waren es neun komplette Tage, ich glaube das ist mein absoluter Rekord fuer eine Stadt am Stueck. Dabeihaette ich theoretisch noch bleiben koennen. Irgendwann waer ich zwar die „Sights“-Listen aus den Guidebooks komplett durch gewesen, aber ich glaube nicht dass deswegen gleich Langeweile aufkommen wuerde. Nicht in Beijing. Nach einem Tag nochmal-durch-die Stadt streifen sitze ich inzwischen im Zug. Irgendwie wird das immer mehr zum Ritus: den letzten Tag in einer Stadt in der ich laenger war nehm ich mir so rein garnichts vor, packe, checke aus und pendle durch die Stadt, meistens zu den Stellen die ich an den ersten Tagen gesehen habe. So bin ich heute im Viertel meines Hostels der ersten beiden Naechte gelandet, habe in dem lustigen China-Fastfood-Laden gegessen wo ich am ersten Abend aus sowas aehnlichem wie Verzweifelung war, ich war nochmal im Tempel in der Naehe meines zweiten Hostels und habe mich einfach auf ein Baenkchen gesetzt und die Sonne genossen.76897_original Ich war nochmal in dem hutong, in dem ich meine Einkaeufe erledigt habe, war nochmach in der Wangfujing SnackStreet die viel zu meiner Ernaehrung beigetragen hat und ich habe durchs Schaufenster nochmal meinem Friseur gewunken. So gesehen ein sehr entspannter und gelungener Tag. Zwei Stunden habe ich nur damit zugenbracht, vor dem Bahnhof auf einer Mauer zu sitzen, Chinesen beobachten. Nein, das ist nicht unfair, denn im Gegenzug werde aiuch ich beobachtet. Und das nicht nur von der wahren Flut an Kameras ueberall in der Stadt, sondern auch von vielen chinesischen Passanten. Ein Tourist, der nichts besseres zu tun hat als neben nem Rucksack vor dem Bahnhof zu sitzen scheint die doch irgendwie zu interessieren. Dabei „beobachten“ die Chinesen meistens echt richtig putzig: Wenn sie an einem vorbeilaufen, starren sie einen fast an, aber nur solange bis man sie entdeckt. Dann schauen sie beinahe beschaemt stur gerade aus, oder bemuehen sich zumindest darum. Aber eigentlich koennen sie es nicht lassen, aus den Augenwinkeln weiter die Langnase zu beobachten. Manche halten sogar, wenn sie an einem weigt genug vorbei sind um offensichtlich aufzufallen, extra nochmal an, drehen sich um und beobachten weiter.

77225_originalDie Bahnhofstaktik der Chinesen ist durchaus auch spannend und erwaehnenswert. Grundregel Nummer eins: Tickets gibts nicht Bahnhofsgebaude selbst, denn am Eingang braucht man schon das Ticket als „Eintrittskarte“. Ausserdem wird, wie so oft, das Gepack gescannt. grundregel Nummer zwei: im Bahnhof habe ich vergeblich nach einem „Ausgang“ zu den Gleisen gesucht. In dem Sinn gibts den gar nicht, es gibt nur Wartehallen. Bedeutet: die Zahl auf der grossen Anzeigetafel ist nicht das Gleis, sondern die Wartehalle, in die man sich begeben muss. Dort gibts dann, aehnlich wie am Flughafen, ein Gate. Das macht ein paar Minuten vor der Zug kommt auf und fuehrt zu einer Fussgaengerbruecke ueber die Gleise. Natuerlich sind alle Abgaenge bis auf den zum korrekten Gleis vergittert und verschlossen und natuerlich muss man nochmal das Ticket kontrollieren lassen, bevor man da hin darf. Die Gleise an sich sind dadurch komplett Menschenleer, und den echten Vorteil daran erkenne ich jetzt erst: wenn der Zug durch eine Station ohne Halt durchfaehrt, dann tut er das in voller Geschwindigkeit. Schliesslich stehen ja keine Passanten am Gleis herum. Ziemlich praktisch.
Meine Zugfahrt ist gerade mal wieder… spannend. Zumindest komplett anders als die bisherigen auf diesem Trip. Ich habe „Hard Seat“ gebucht, die billigste Variante in China Zug zu fahren. Daneben gibt es noch „Soft Seat“, „Hard Sleeper“ und „Soft Sleeper“. Der grosse Unterschied zwischen Hard Seat und Soft Seat: Gut, Soft Seat sind Sessel, wie der Name schon sagt. Ich hatte allerdings Glueck und hab nen recht neuen Zug erwischt, demnach ist Hard Seat nicht ganz so unkomfortabel wie es sich anhoert. Allerdings, Chinesen sind etwas schmaeler als Europaer, gibt es auf der einen Seite Sechsersitzgruppen und auf der anderen Vierersitzgruppen, es ist also alles ein wenig enger. Ausserdem gibt es, wenn die Sitzplaetze alle ausgebucht sind, auch noch Stehplatzkarten und findige Kaufleute, die vor dem Bahnhof kleine Hocker verkaufen. Aufs Klo zu gehen ist also eine kleine Abenteuerreise. However, ich teile mir eine Sechsersitzgruppe mit einem Stehplatzkartenfahrer direkt links von mir, daneben ein Chinesenmaedel und gegenueber eine kleine Reisegruppe: drei Chinesenmaedels, vermutlich auf Ausflug in Beijing gewesen. Gut, meine Beine sind etwas zu lang und kollidieren ein wenig mit denen von dem armen Maedel mir gegenueber, welches das offensichtlich wohl gar nicht so unangenehm findet und fleissig fuesselt. Ihre Freundin nebendran versucht staendig einen Blick auf mein Zugticket zu werfen, oder starrt mich alternativ ungeniert an. Die dritte, ganz links aussen ist mir recht symphatisch: voellig desinterressiert faehrt die Zug und hoert Musik. Sie wollte mir irgendwelche Kekse andrehen, die den dreien offensichtlich nicht geschmeckt haben, und ich habe dankend abgelehnt. Thats it.
Die drei scheinen noch bis morgen frueh in dem Zug unterwegs zu sein, zumindest haben sie sich schon haeusslich eingerichtet. Ich bin froh, nicht ganz so weit zu haben, Hard Seat ist eben doch ein klitzekleinwenig wie die General Class in Indien. Nicht ganz so voll, und nicht ansatzweise so spannend, aber auf Dauer aehnlich anstrengend, schmerzahft und ohne die Entschaedigung durch einen wesentlichen Erlebniss-Faktor. Noch ne knappe Stunde, und ich bin in Tai’an, der Stadt direkt unterhalb des heiligen Berges mit dem Namen Tai’shan. Ich hoffe auf eine schoene Dusche, ein bequemes Bett und morgen gehts dann Bergsteigen. Klingt nach nem guten Plan.

 

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