Tai’shan: geschafft! =)

 

Man sollte eigentlich nicht ausschlafen, wenn man vor hat einen Berg zu erklimmen. Zumindest rein Zeittechnisch betrachtet nicht. Andererseits bin ich im Urlaub, und abgesehen davon hat ausgeruht zu sein doch durchaus seine Vorteile bei anstrengenden Plaenen. So gesehen reichte es locker, kurz nach neun aufzustehen. Lass die anderen hetzen, ich starte nach dem grossen Ansturm =). Um halb zehn bin ich dann gut gelaunt und bei Sonnenschein aus dem Hostel gen Berg, vorher noch ein wenig einkaufen gehen: Aepfel, Kekse, Wasser und undefinierbares Knabberzeug, dessen Verpackung so spannend aussah.

Den Zugang zum Berg zu finden war ohne brauchbare Karte, aber mit reichlich Erfahrung mit heiligen asiatischen Plaetzen gar nicht so schwer zu finden: einfach immer da lang, wo die Anzahl der Raucherstaebchenlaeden stetig zunimmt. Regional bedingt koennens auch mal Opfergaben oder Blumen sein, aber hier jetzt im wesentlichen Raeuchestaebchen, und man ist auf jeden Fall schonmal nicht komplett falsch. Wirkt immer. Auf diese Weise habe ich ohne auch nur den geringsten Umweg zu nehmen direkt zum Anfang des Aufstiegs gefunden, und ein paar hundert Meter weiter den Berg hoch auch den Ticketschalter. Genau, um auf den heiligen Berg steigen zu duerfen, muss man Geld bezahlen. Das laeuft nicht wie daheim, wo man einfach auf einen Berg klettern kann fuer umsonst, nein, hier in China kost das Geld, und man bekommt breite Wege und Treppen und Toiletten ueber den ganzen Weg verteilt. Welch unnoetiger Luxus auf einer Bergwanderung. However, der Luxus ist teuer. 127 yuang, ums genau zu nehmen, was umgerechnet mal eben flauschige 14 Euro und 11 cent sind. Wer mich kennt, weiss nun schon vielleicht um mein akutes Problem an der Stelle: grob 100 yuang hatte ich in der Tasche, aber definitiv keine 127. Prima. Manchmal waere es doch sinnvoll, die Backpackerbibel mit dem L genauer zu studieren. Notgedrungen bin ich wieder zurueck in die Stadt, ne Bank suchen (zum Glueck hatte ich per Zufall zumindest eine Karte dabei) , mehr Geld besorgen und wieder hoch zum Ticketschalter. Eine kleine Extratour, fuer diejenigen die Guidebooks gern mal nur oberflaechlich ueberfliegen. Hab ich wohl verdient =).
77420_originalDer Anstieg an sich war lang, am Ende steil und vorallem Langnasenlos. Irgendwo weiter unten habe ich Jens getroffen, aus Deutschland und schlaeft zufaellig im gleichen Mehrbettzimmer ein Bett weiter wie ich, und habe mit ihm die einzige Langnasen-Wandertruppe auf dem ganzen Weg gebildet. Angestarrt werden gabs zumindest gratis zum Ticket dazu. Ich hab keine genaue Ahnung mehr, mit wievielen Chinesenjungs und Chinesenmaedels wir uns fotografieren lassen haben, aber wir haben dabei echte Routine entwickelt: den Chinesenjungen in die Mitte nehmen, Arm um die Schulter legen, grinsen, Foto, naechster. Das Chinesenmaedel in die Mitte nehmen, den Ellbogen leicht ausstellen, dass Sie sich einhaken kann, grinsen, Foto, naechste. Gruppenfoto? Auch kein Problem, schoen aufteilen, ich der zweite von links aussen, Jens der zweite von rechts aussen, grinsen, die Gesten der Chinesen nachahmen (meistens das „Victory“ mit Zeige- und Mittelfinger), Foto, noch n Foto, fertig. Chinesen gluecklichmachen am Fliessband =). Achja, wir sind oben angekommen. Gute 1400m nach oben gestiegen. Und wieder nach unten. Wieviele Stufen das waren weiss keiner ganz so genau. Von sechstausenddreihundertirgendwas ueber sechstausendsechshundersechsundsechzig bis hin zu knapp siebentausend habe ich verdammt viele Zahlen gelesen, aber keine war wie die andere. Es war definitiv genug, um morgen Muskelkater zu haben. Und es waren ziemlich genau drei Lieter Wasser bis oben. Zumindest die zwei Groessen kann ich „messen“ =). Unterwegs gabs zwar den ein oder anderen Tempel, aber so gaaaanz grossartig spannend waren die an sich nicht. Die Details waren mal wieder viel spannender. Eine Erkenntniss: Chinesen verbrennen Raucherstaebchen buendelweise mitsamt der Verpackungsfolie. Dabei war meine Vorstellung von Raeucherstaebchen aber bislang irgendwie eine ziemlich unchinesische. Die Chinesen scheinen auch hier die Superlative zu lieben, daher gibts nicht das, was in meiner Vorstellung Raeucherstaebchen sind: round about 50 bis hundert Stueck, ca 30cm lange und 3mm starke Staebchen im Buendel mit Folie umwickelt. Das mag zwar vielleicht fast ueberall auf der Welt zutreffen, aber nicht in China. Die mittlere Groesse, und am haufigsten verwendet, ist schon grob nen halben Meter lang, 4cm im Durchmesser und drei dieser Raucherpfloecke zusammen sind mit Folie umwickelt zusammengepackt. Fuer die groesseren Anliegen bei den Goettern gibts natuerlich auch noch ganz andere Kaliber. Der groesste Raucherpfahl, den ich gesehen habe war ueber zwei Meter lang, bestimmt 25cm im Durchmesser und wurde von zwei Maennern geschleppt. Das ganze Zeug hat gequalmt und gestunken wie irre, und meine noch leicht gereizte Nase hat sich nicht gefreut. Ist klar =). Neben dem Raeucherstaebchenanzuenden gibts noch das Vorhaengeschlossvorhaengen. Den tieferen Sinn dieser Aktion kenne ich leider noch nicht. Oft werden die Dinger als „Lucky Padlock“ angepriesen, aber ich werde wohl nochmal wen fragen muessen. Irgendwo in jedem Tempel gibts jedenfalls ne Stelle, an der man an einem Berg von Vorhaengeschloessern sein eigenes Vorhaengeschloss einfaedeln und verschliessen darf. Der Metallberg aus Schloessern waechst also kontinuerlich und ergibt echt beeindruckende Gebilde =)
Okay, und das dritte Ritual, und damit sind wir dann komplett: einen 1 yuang-Schein an ein rotes Band knoten und das rote Band dann in einem (beinahe schon armen) Baum festbinden. Ich glaube allerdings nicht, dass diese Baender im Gegensatz zu den Vorhaengeschloessern arg lange dort bleiben wo sie sind =). Alles in allem wars ne schoene Wanderung, aber ich gebe zu dass mein Highlight heute, neben dem Bergsteigeaspekt, das verlassen der Touristenmengen in Beijing war. Ich bin „der Fremde“, ab hier wirds schwierig Zugtickets zu arrangieren, ab hier werde ich wieder am laufenden Band auf der Strasse mit einem „Hellooo!“ freundlich angegrinst und verbreite Freude, in dem ich mit einem „Hellooo!“ antworte und zurueckgrinse, ab hier bezahle ich auf einmal fuer Essen und Marktzeug nicht mehr das zehnfache sondern einen fast reellen Preis, ab hier werden die Leute hilfsbereit und ab hier falle ich mit meiner Langnase erst so richtig auf. Es wurde definitiv Zeit, Beijing zu verlassen.

 

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Eins der anderen Highlights heute war mein Abendessen. Noch beschaeftigt damit an der Hostelrezeption mein Zugticket zu organisieren und duschen zu gehen, habe ich es verpasst mit Jens und dem hollaendischen Paerchen, das den Tag ueber irgendwann angekommen sein muss, zwecks Abendessen anzuschliessen. Nach dem duschen kam allerdings noch wer neues in unser Sechsbettzimmer. Ich dachte zuerst es waere ein Chinese, denn Chinesen gibts in dem Hostel wohl mehr als Langnasen. Nach ein wenig Smalltalk kam fuer mich allerdings die grosse Ueberaschung: der vermeindliche Chinese ist Taiwanese! Ein Taiwanese auf Reisen in China. Fuer ein halbes Jahr, just for fun oder eben Urlaub. Ich war ehrlich fasziniert. Dass das funktioniert hat mich gewundert, aber er meinte ausser dass einige Leute ihn immer in politische Diskussionen verwickeln wollen geht das recht problemlos. Spontan haben wir dann beschlossen, zusammen essen zu gehen. Als Taiwanese konnte er sich recht gut verstaendigen und die chinesischen Schilder lesen, und so bin ich das erste mal in einem der kleinen, bescheidenen chinesischen Restaurants gelandet. Der Taiwanese, dessen Namen ich mir leider nie merken koennen werde, steht auf scharf, also haben wir direkt ein kleines Restaurant mit Essen aus der Sichuan-Region angesteuert. Auf jeden Fall eines der Restaurants, an denen man als Tourist vorbeilaeuft, durch die Fenster reinschaut, die chinesischen Gruppen mit den vielen verschiedenen Gerichten in der Tischmitte sieht, feststellt dass man erstens allein und zweitens ohne chinesisch dort nicht rein gehen braucht und schliesslich etwas neidisch weiterzieht. Wir hatten einen riesigen Pott mit Fleisch, Chilies und Sprossen in einer scharfen waessrigen Sosse, einen Riesenteller mit einem Berg gruenlichem Gemuse in Streifen, das ich nicht genau indentifizieren konnte da richtig ordentlich aber superlecker gewuerzt, Tee soviel wir wollten und Reis soviel wir mochten fuer 20 yuang pro Nase. Ich habe schon lange nicht mehr so gut gegessen (wohl seit der Pekingente in Beijing) und war schon lange nicht mehr sooo satt. Fein. Nach der Bergwanderung heiss duschen, danach so richtig den Bauch vollhauen und dann in ein warmes Hostelbett kriechen. Ich werde wohl verdammt gut schlafen heute Nacht =)

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