Riten

 

Ich habe neulich schon davon berichtet, und heute lief es schon wieder so: herumgammeln in der Stadt und Leute beobachten vor der Abfahrt in eine andere Region. Gut, ich wurde beinahe ein wenig gezwungen. Ein kleiner Nachteil dieser zwar touristischen, aber nicht auslaenderueberlaufenen Zielen ist der Transport. Aus grossen Staedten mag es zwar recht einfach sein hinzukommen, aber der Transport weg von solchen Stellen kann etwas komplizierter werden. Vorallem wenn man eigentlich plant, von kleinem Ort zu kleinem Ort zu wechseln. 79121_originalMein naechster angedachter Stopp ist eine laendliche Gegend, ein gutes Stueck weiter suedlich, mit den runden Community-Haeusern, den Hakka Tulou. Ein wenig herumhaengen, in einem Hakka Tulou schlafen und in relativ gruener Landschft spazieren. Klingt nach genau dem richtigen Kontrast-Programm fuer mich. Ausserdem sollte ich nicht vergessen vowaerts zu kommen, sonst verhaeng ich womoeglich noch auf ewig in China =). Dort hin kommen tut man entweder von Xiamen mit fuenf Stunden Busfahrt, was aus dem Norden ein schrecklicher Umweg ist, oder von Longyan in etwas um zwei Stunden herum. Eine Zugfahrt direkt nach Longyan scheint irgendwie zu kompliziert zu werden, zuviel wirres hin- und her und zu viel umsteigen, also doch erst nach Xianmen, hilft ja nix. Weil das am Stueck aber auch nicht geht, gehts erstmal nach Hangzhou. Einmal ueber Nacht, 12h im Hard Sleeper. 240 yuang (arg guenstig scheint mir Zugfahren in China auch nicht gerade zu sein). Von dort koennte ich theoretisch ein Ticket kaufen und drei Stunden spaeter gen Xianmen weiterfahren, aber ich seh es mal als Omen. Von Hangzhou habe ich schon viel gehoert und gelesen, und alle sind sich recht einig dass es ziemlich schoen sein soll. Ausserdem kann ich von dieser Stadt aus vielleicht noch ne bessere Route bzw. Transportgeschichte organisieren. Also werd ich wohl n Guesthouse suchen, Waesche waschen und ein oder zwei Naechte dort bleiben. Mal sehen. Der einzige Haken: der Zug faehrt erst um 6:45pm. Also noch einen ganzen Tag ohne Plan in Tai’an. Das positive daran: einmal schlafen, und morgens bin ich puenktlich mit dem Sonnenaufgang da. Das hat doch auch was.
78837_originalAlso erstmal einen Tag in Tai’an verbringen. Eine Stadt ohne Charme oder irgendwelchen Sehenswuerdigkeiten, ausser dem Tai’shan. Den Muskelkater in den Oberschenkeln (den ich wohl vom Berg-herunterlaufen bekommen habe) mit herumwandern quaelen, auf irgendwelchen Maerkten Wuerstchen am Spiess fuer 1 yuang essen, eine deutsche katholische Kirche aus ner ziemlich kurzen Kolonial(?)zeit (war mir bislang garnicht bewusst) suchen und ein wenig belaecheln, mein erstes Internetcafe in China besuchen und voellig erstaunt sein ueber die unmengen an Rechnern und World-of-Warcraft-spielenden Chinesen und schliesslich am Bahnhof Leute beobachten. Arg viel Zeit hat es nicht gebraucht, bis ich von einem Studenten entdeckt wurde. Ich bin halt einfach nicht mehr einer unter vielen in Beijing, hier fall ich auf. Merken. Seine Ambition war allerdings recht witzig: er hatte noch eineinhalb Stunden bis zu seinem Zug, ich zwei bis zu meinem. Er hat mir erklaert, dass er das mit den Maedels nicht ganz so drauf hat, und meinte wenn ich als Langnase mit ihm zusammen am Bahnhof bin, steigert das eventuell seinen Marktwert irgendwie. Ausserdem koennte ich ihm ja vielleicht auch ein wenig helfen, so hat er sich das erhofft. Ich hab ihm zwar ausfuehrlichst erklaert, dass er da an den komplett falschen geraten ist und hatte auch ehrlich wenig Ambitionen mein sonniges Plaetzchen an der Luft am Rande des Bahnhofs gegen die klimatisierte Wartehalle zu tauschen, nur weil da mehr chinesische Maedels zu finden sind. Er war nicht ganz begeistert von meinen Plaenen, aber alleine in die Wartehalle sitzen wollte er auch nicht, also blieb er bei mir und wir haben ueber die wenigen Maedels, die dort unseren Weg gekreuzt haben, geredet. Zwischendurch hat er es nie ausgelassen, sich fuer jeden einzelnen Bettler und Flaschensammler zu schaemen und ganz deutlich zu betonen, dass DAS eigentlich nicht China ist und ich doch bitte kein falsches Bild bekommen soll. Putzig. Das ist auch China, wie ueberall auf der Welt ist ein Bahnhof auch ein Sammelsurium an schraegen Gestalten, und er hat sich echt bemueht, das zu „verstecken“. Er war ein wenig ein schraeger Vogel: studiert irgendwas IT-lastiges und traeumt von einer Gesangskarriere, wegen dem Geld und auch wenn er es nicht gesagt hat wohl auch wegen den Maedels. Ich befuerchte, das wird wohl nie was werden, aber diesen Traum wollte ich Ihm nicht direkt zerstoeren. Also habe ich Ihm zugehoert, nicht viel dazu gesagt und mir meinen Teil gedacht, waehernd er ueber das liebe Geld, die Probleme ohne, die Liebe und das Leben referiert hat. 78944_originalIn seinen Vorstellungen leben wi in Europa alle wie im Paradies: die Maedels fliegen uns foermlich zu, ein Haus kaufen wir mal eben aus der Portokasse, den BMW genau so, wissen quasi garnicht wohin mit dem Geld und wenn uns langweilig ist, gehen wir mal eben ein halbes Jahr die Welt bereisen. Er hat sich nicht wirklich davon abbringen lassen wollen. Wer nicht mag, den kann man nicht zwingen. Dem vertraeumten Vogel habe ich aber tatsaechlich meine Emailadresse gegeben. Er moechte mir schreiben und in Kontakt bleiben. Am liebsten uebers chinesische Gegenstueck zu facebook (ein Schelm, wer boeses dabei denkt), aber auch email waere okay fuer ihn. Ja, die Langnase mal eben kurz zur eigenen Statusverbesserung aufs eigene Profil verfrachten. Das waer ihm wohl am liebsten gewesen, aber solange die Chinesen keinen Zugang zu facebook haben, wird das wohl nichts werden =)

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