Heute ist einer dieser Tage…

 

Ja, einer von denen, die zwar dazugehoeren, aber nicht unbedingt sein muessten. Die Nacht im harten Schlafwagen war schon ziemlich spannend. Die „Hard Sleeper“ haben Sechserabteile im Waggon, je drei Betten auf jeder Seite und zum Flur hin offen. Hoert sich ein wenig nach Indischer Billigschlafwagenklasse ohne aircondition an, ist es aber definitiv nicht. Die Betten sind nicht klappbar aber so angeordnet, dass man auf dem untersten sitzen kann. Auf dem mittleren… naja, nicht so wirklich, und fuer das oberste bleibt dann noch gerade genug Platz zum reinkriechen und schlafen. Zumindest fuer mich als mittelgrosser Europaer. Abgesehen davon war das „Bett“ nur so breit, dass ich gerade so auf den Ruecken liegen und die Arme seitlich legen konnte. Dann haben zwar die Fuesse auf den Gang geschaut, aber hey: erstens lieg ich verdammt weit oben und zweitens sind die Chinesen nunmal in der Regel etwas kuezer. Passt also.
Bis grob zehn Uhr gibts Fernsehen (danach geht alles aus, inclusive dem Licht), in jedem der Abteile ist einer direkt ueber dem Fenster angebracht. Von der Seifenoper bis hin zum Kriegsfilm laeuft da so ziemlich alles, waehrend der Waggon entsprechend in voller Lautstaerke beschallt wird. Es scheint bei den Chinesen schwer in Mode zu sein, alles auf voller Lautstaerke zu betreiben. Entweder sind alle hoergeschaedigt, oder es ist nur eine komische Angewohnheit. Unterhalten tun sich Chinesen jedenfalls auch sehr gerne in etwas hoeherer Lautstaerke. Das wiederum ist wieder ein wenig aehnlich zu dem indischen Zug. Ebenso das Geschnarche und Gerotzel bei Nacht. Ich bin froh, dass ich dagegen wieder ein wenig immun geworden bin. Wenn ich gerade dabei bin chinesische Hard Sleeper mit den Indischen Dritteklasse-Schlafwage zu vergleichen: Die definitiven Unterschiede sind die Decken, Kissen und frische Bettwaesche an jedem Platz, die Fenster mit Glas und ohne Gitter, die elendige Klimaanlage, die geschlossenen Waggontueren und, das machts fast schon luxurioes: die hier nicht erlaubten Stehplatzfahrer.
Eigentlich war alles im angenehmen Rahmen, so von den Grundbedingungen. Es gibt auch in China weiterhin heisses Wasser ohne Ende im Zug (wohl durch die ueberall praesenten Instant-Nudelsuppen bedingt, aber auch super fuer Tee und so) und es ist relativ bequem. Trotzdem habe ich mich gequaelt heute Nacht. Vielleicht lags an meinen chinesischen Mitreisenden, die auch Nachts um zwei froehlich ins Telefon schreien koennen oder die neuesten Klingeltoene durchhoeren. Allgemein spielen Chinesen sehr gerne an ihrem Handy herum und schreiben unmengen an sms. Vielleicht lags auch doch ein wenig an den Schnarchern, vielleicht aber auch einfach an einer Kombination aus allem. So wirklich erholsam war die Nacht nicht, und als mein Wecker um sechs geklingelt hat (kurz nach halb sieben waehre geplanterweise die Ankunft gewesen) stand auch schon der liebe Waggon-Beauftragte bzw. Zugbegleiter an meinem Bett und wollte mir meine Fahrkarte zurueckgeben, und dafuer die „Pfandkarte“ die ich beim einsteigen bekommen habe zurueck. Ja, Zugfahrkarten werden hier am Eingang vom Waggon, noch auf dem Bahnsteig, vom Waggon-Beauftrragten persoenlich kontrolliert und fein saeuberlich in einer Mappe gesammelt deren Faecher den Platzreservierungen entsprechen. Als nette Gegenleistung sorgt der liebe Herr dann auch dafuer, dass jeder am richtigen Bahnhof wach ist und aussteigt. Natuerlich vorausgesetzt er liegt im richtigen Bett.
Ich hab mich ein wenig unwohl gefuehlt, bin aufgestanden und habe mich gen Augsang bewegt. Im Gegensatz zu allen anderen konnte ich die chinesische Anzeigetafel neamlich nicht lesen und habe nicht erkannt, dass wir ueber ne Stunde Verspaetung haben. Nach eineinhalbstuendigem vor-dem-Ausgang-neben-den-stinkenden-Toiletten-stehen-ohne-gefruehstueckt-zu-haben-und-laufendem-gegruebel-und-Ausschau-halten-wann-wir-denn-endlich-da-sind ist der Zug dann um kurz nach halb acht endlich in Hangzhou angekommen. Eines meiner Buecher hat beschrieben, dass chinesen gerne sagen „Im Himmel gibt es das Paradies, auf Erden Shuzou und Hangzhou“. Okay. Bei den Chinesen ist das Paradies demnach zwar wesentlich gruener als das was ich bisher noerdlich von Hangzhou in China gesehen habe, aber es hat auch nur gefuehlte zehn Grad und es regnet. Ausserdem wird man im Paradies von ner Hochhaus-Skyline und ner riesigen Baustelle begruesst, denn genau an der Stelle an der eigentlich mal die Tourist-Information war wird jetzt eine UBahn gebaut. Man wird zwar gut umsorgt, bekommt Taxi-Angebote zu ueberhoehten Festpreisen und Hotelangebote in schicken Betonbunkern ohne Ende, am offiziellen Taxistand fuehlt man sich als Nichtchinese allerdings sprachlich schon leicht verloren. Ebenso in der riesigen Halle mit den 30 Ticketschaltern, in der keiner englisch mit mir reden wollte. Eigentlich habe ich mir an der Stelle ernsthaft ueberlegt, ganz schnell weiter zu fahren. Wenn das das chinesische Paradies sein soll, ist das definitiv kein Platz fuer mich und ich leb lieber ausserhalb vom Paradies.
Aus Verzweifelung und schwerem Hunger habe ich erstmal gefruehstueckt. Reissuppe mit Kaffee und Orangensaft beim Onkel von KFC, das ist einfach, da ists warm und meine Nerven werden nicht belastet. Ausserdem ist es Kaffee! Waehrend des Fruehstuecks habe ich dann beschlossen, Hangzhou zumindest eine Chance zu geben. Im chinesischen Hard Sleeper gibts auch keine Duschen, ich war gestern ordentlich verschwitzt dank tollem Sonnenschein und vom vielen wandern, und ausserdem wird dort in voller Kleidung geschlafen. Ich hab mich einfach nur baeh gefuehlt. Das war wohl der wichtigste Grund. Lieber eine warme Dusche und ne Ladung Waesche waschen im verregneten „Paradies“, also weiter in einem Zug zu herum zu mueffeln.
Blieb nur noch das Kommunikations- und Transportproblem. Um das zu umgehen, habe ich beschlossen ein Hostel aus dem Guidebook auszusuchen, und nicht erst zu versuchen das anzusteuern das ich auf einem recht verlaesslichen Internetportal ausgesucht habe. Egal welches essein soll, alle leigen etliche Kilometer westlich vom Bahnhof am See, also definitiv etwa fuer ein Taxi (schade, dass die Metro gerade jetzt erst gebaut wird). Ich schimpfe ja gern mal ueber mein Guidebook, aber an der Stelle muss ich nun doch mal gestehen, dass mich die chinesischen Uebersetzungen in original-Schrift laufend retten. Die kann man nem Chinesen zeigen, er kann sie lesen und verstehen. Mit ein wenig Glueck kennt er die Stelle dann sogar, oder er findet wen der die kennt. Das Taxi zu finden war allerdings ausserhalb vom Bahnhof nicht sonderlich einfach, vorallem an einer Innenstadtautobahn (ja, auch sowas gibts im chinesischen Paradies wohl selbstverstaendlich) bin ich fast verzweifelt, bis ich endlich a) ein freies Taxi erwischt hab und b) der Fahrer das Hostel kannte. Ich war zum Glueck irgendwann doch erfolgreich, und der Fahrer ist zielstrebig zum WestLake, dem eigentlichen „Highlight“ hier in Hangzhou gefahren. Gehalten hat er vor einem Bauzaun, hat etwas entsetzt geschaut, ist ausgestiegen, hat mir das uebrig gebliebene „Jouth Hostel International“-Schild gezeigt und verstaendlich gemacht, dass das wohl abgerissen wurde. Klasse. Also doch Plan B: versuchen ihm die Strassenbezeichnung des Internet-Fund-Hostels so vorzulesen, dass es einigermassen dem original entspricht und er es versteht. Das eigentlich Problem hierbei ist die Tonhoehe. Je nach Tonhoehe kann ein „ma“ zu Beispiel Mutter, Hanf, Pferd oder was ganz anderes bedeuten. Erfreulicherweise hat das recht schnell geklappt, und der geduldige und liebe Mann ist direkt weitergefahren. Zu einem Hostel, das offensichtlich nicht abgerissen wurde und extrem dem Bild aus dem Internet aehnelte. Sehr fein. Das nasechste Probelm: ausgebucht. Naja, fast. Ein klitzekleinwenig Glueck hatte ich damit, dass gegen zwoelf einer ausziehen und dann wird wieder ein Bett in einem Vierbettzimmer frei wird. Gluck auf der einen, Pech auf der anderen Seite: noch zwei Stunden bis zwoelf, noch zwei Stunden ohne Dusche, noch zwei Stunden im Regen.
79438_originalGut, ich bin den Deal eingegangen und war dann ein wenig am West Lake spazieren. Ein Disneyland, aber dass Chinesen auf Kitsch stehen ist ja auch keine neue Erkenntniss. However, um zwoelf zurueck zum Hostel, voller Freude das Zimmer bezogen, den Rucksack aufgemacht und… schleimig schmierige Finger gehabt. Mist. Eine ganze Flasche chinesisches Shampoo ist einmal quer durch den Rucksack geflossen. Prima. Passt zur allgemeinen Tagesstimmung. Ein klein wenig schmunzeln musste ich dennoch: ich wurde auf diesem Trip schon mehrfach fuer die „german efficency of travelling“ beschmunzelt. All die kleinen Saeckchen und Beutel, in denen fast alle meine Dinge nochmal innerhalb des Rucksacks verstaut sind. Spaetestens jetzt hat sich das gleich zweimal gelohnt, und es war wenigstens nicht alles kaputt. Trotzdem drufte ich den Grossteil meiner Ausruestung gleich mit unter die Dusche nehmen. Ich war nie solderlich scharf darauf, mit einem Moskitonetz und einer Kameratasche duschen zu gehen, aber man soll ja alles mal ausprobieren. Mein chinesischer Zimmermitbewohner hat mich zwar irritiert beobachtet, andererseits sich aber andererseits absolut gar nicht fuer die Geschichte dazu interessiert. However, ich habe ihn ignoriert und er hat weiter seine Notenbuecher studiert und vor sich hin gesummt. Nachdem ich und die Ausruestung frisch geduscht waren (Shampoo ist schon verdammt schwer loszuwerden, irgendwie ist immernoch alles ein bisschen seifig) habe ich mich meinem Rucksack an sich zugewandt und ihn mit Toilettenpapier ausgerieben. Natuerlich hat das genau so fuer Irritation gesorgt, die ich wieder einfach ignoriert habe. Nachdem mein Rucksack so sauber wie eben moeglich war, gings wieder ans einpacken und ans Schmutzwaesche waschen. Waescheservice? Fehlanzeige. Es gibt allerdings wenigstens eine Waschmaschine und einen Waeschtrockner, breides mit Muenzen zu fuettern und selbst zu bedienen. Also: im Hostel bleiben und erst ne dreiviertel Stunde warten bis das Zeug gewaschen ist, und danach umladen und fleissig den Muenzautomat am Trockner fuellen. Eine Muenze haelt genau zehn Minuten. Nachdem nach eineinhalb Stunden die Waesche immernoch nicht trocken war habe ich aufgegeben, die Waesche draussen an die Rettungstreppe gehaengt und hoffe nun auf besseres Wetter. Zumindest hat der Regen zwischenzeitlich aufgehoert und ich muss nicht weiter im kleinen Radius um den Trockner bzw. das Hostel bleiben. Okay, das war schonmal ein guter Start: Rucksack wieder „sauber“, Waesche gewaschen und halb „getrocknet“ und ausgiebig geduscht. Fehlt noch ein Zugticket fuer die Weiterfahrt. Ich bin davon ausgegangen das Hostel wuerde, so wie alle anderen auch, jemanden kennen der das Ticket fuer ein wenig Comission besorgt und direkt an die Rezeption liefert. Aber auch das gibts nicht. Die haben mich nur an die Monster-Tickethalle beim Bahnhof verwiesen. Da, wo keiner englisch mit mir reden wollte. Ich bin in einem echt schraegen Hostel gelandet. „Hanghou West Lake Youth House“ nennt sich das ganz touristentauglich, wird offensichtlich aber zu gut neunzig Prozent von chinesischen Studenten bewohnt. Langnasen habe ich bislang nur drei weitere gesehen. Gut, so im Nachhinein erklaert das so maches. However, wenig begeistert davon an einer uebel langen Warteschlange anzustehen um dann festzustellen, dass die liebe Frau hinter der Scheibe mir aus Gruenden der Sprachbarriere doch nicht helfen kann, konnte ich mich zu dem Zeitpunkt noch nicht so recht motivieren das Experiment zu wagen. Ich bin wohl ein wenig alt geworden, oder so. Ploetzlich lege ich wert darauf, dass fleissige Dienstleister mir die kleinen Unannehmlichkeiten im Sprachdschungel abnehmen… eigentlich sollte ich mich fast dafuer schaemen!
Kaum recht darueber nachgedacht, hat sich mein GPS-Logger gemeldet. Speicher voll. Es ist eine kleine Spielerei, ein Geraetchen das alle drei Sekunden den aktuellen Standpunkt per GPS ermittelt und speichert. Am Ende gibts das dann eine Linie in GoogleEarth oder aehnlichem, die einem den kompletten, zureuckgelegten Weg von zuhause durch Russland und die Mongolei und China und so bis auf eineinhalb Meter genau anzeigt. An sich nichts schlimmes und ueberlebensnotwendiges. Ich habe mich im wesentlichen darueber geargert, den kompletten Pfad aus Indien nicht vor der Abfahrt geloescht zu haben. Ein bloeder Fehler, den ich nur mit PC und passendem Treiber beheben kann. Aaaaalso: ein Internetcafe suchen, das die PCs so wenig absichert dass ich Treiber installieren kann. Selten zu finden, aber nicht ganz unmoeglich und mal wieder was anderes. Dazu konnte ich mich motivieren. Deswegen gings mit dem Taxi wieder zurueck gen Bahnhof (echt irre, mit dem Bus brauchts ueber ein Stunde weil der einmal um den ganzen See aussenrum faehrt, oder man muss zweimal ganz wild umsteigen), Internetcafes durchforsten. Dank dieser Aktion kenne ich die chinesische Schreibweise fuer Internetcafes inzwischen auswendig, und viel wichtiger: nach diesem Erfolgserlebniss konnte ich mich auch fuer die Ticketverkaufshalle motivieren. Ich hatte sogar Glueck, konnte ein paar Dinge im Guidebook antippen und ein wenig englisch kommunizieren und habe jetzt ein Ticklet fuer uebermorgen. Irgendwie kommt es mir mit ueber 300 yuang ziemlich teuer vor, und die liebe Frau hat mir versichert dass es nicht billiger geht… ob das jetzt daran liegt, dass nur noch „Soft Seat“ frei war, oder der Zug als „Hard Sleeper“ daher kommt und nicht am gleichen, sondern erst am naechsten Nachmittag ankommt… ich glaube da werde ich mich ueberraschen lassen muessen. Surprise, surprise =)!
Nochmal die Checkliste: Hostel gesucht und gefunden, geduscht, Equpment gewaschen, Rucksack geputzt, Waesche gewaschen, GPS-Logger logg’d wieder, Ticket gekauft. Was ein erfolgreicher und langer Tag. Morgen kanns nur besser werden, vielleichgt sogar mit Sonnenschein im Paradies und so.
Ein klein wenig nervoes bin ich noch. Ich bin wirklich die einzige Langnase im Vierbettzimmer. Drei Chinesenjungs wuerden mich ja nicht schocken, ich glaube damit koennte ich umgehen. Die zwei anderen Betten haben aber zwei Chinesenmaedels bezogen. Was zur Hoelle darf ich jetzt in dem Schlafraum noch tun, und was nicht? Bei Langnasen habe ich irgendwie kein Problem, da ist der Kulturunterschied nicht wirklich relevant und ich kuemmer mich eigentlich nicht darum. Aber bei Chinesenmaedels? Kann mir mal irgendeine tolle Eingebung den Chinesenknigge zukommen lassen? Schnell bitte, wenns geht! =)

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