Wochenendurlauber…

 

Ich weiss es nun, warum mein Zugticket nach Xiamen so teuer war =). Ich war am Bahnhof ziemlich erstaunt ueber das, was da am Gleis stand und irgendwie ein wenig nach ICE auf chinesisch aussah. Ich war fasziniert ueber die ziemlich bequemen Sitze und die selbst fuer mich unglaubliche Beinfreiheit. Und ich war begeistert, als mir die Anzeigetafel verriet, dass wir mit knapp 250km/h gen Xiamen brettern. Ich hatte ein wenig Sorge, denn mein Guidebook hat behauptet die Strecke HangzhouXiamen wuerde irgendwas weit ueber 24h brauchen. Fuer einen Tag im Sleeper habe ich mich irgendwie nicht fit genug gefuehlt. So aber warens gerade mal sechs Stunden. Okay, ziemlich lange sechs Stunden in einem klimatisierten Schnellzug in ziemlich kaputter und haesslicher Landschaft (trotzdem definitiv besser als weit ueber 24 Stunden in einem klimatisierten Liegewagen in ziemlich kaputter und haesslicher Landschaft). Vielleicht kams mir nur so vor, und alles ist halt nur ein wenig ungruen wegen gerade erst Fruehling und so, aber die ausgetrockneten Fluesse mit den im Dreck liegenden Booten kommen mir definitiv nicht ganz sooo normal vor. Eigentlich auf allen Strecken und an allen Stellen, die ich in bisher in China gesehen habe wird gebaut wie irre: Bruecken, Tunnel, Strassen, Bahnhoefe, Wasserleitungen, Hochhauser und offensichtlich vor kurzem eine Schnellzugtrasse zwischen Hangzhou in Xiamen… Ob das was eventuell damit zu tun hat? However, nicht das Thema, ueber das ich referieren wollte. Das wuede wohl Buecher fuellen (und tut es mit Sicherheit auch schon…).
Unterwegs sank meine Laune allerdings mal wieder ein Stueck: Die schicke und informative Anzeigetafel hat zwar stetig die Aussentemperatur nach oben korrigiert, es wurde draussen waermer und waermer, allerdings wars immernoch so ganz schrecklich trueb, grau und neblig. Ist das eigentlich normal in China? Dann aber die positive Ueberaschung grob ne viertel Stunde vor Xiamen: die Sonne kam raus! In Xiamen hat mich am Ausgang vom Bahnhof doch tatsaechlich direkt die Sonne begruesst, es hatte 30 Grad und unter dem Werbeschild mit dem gueldenen M, vor der Hochhausfront Xiamen’s, neben der Innenstadtautobahn, da stand sie, streng genommen sogar gleich dreifach: Die erste Palme auf diesem Trip. Welch Freude =).
Voller Begeisterung habe ich mich direkt von nem Taxi zur Faehranlegestelle bringen lassen und habe es unterwegs beinahe zelebriert meinen Pullover ausziuziehen. Das erste mal nicht, weil ich schlafen oder duschen ging, sondern weils definitiv zu warm dazu ist! Xiamen ist zwar nicht gerade das schoenste Stueckchen Erde, das man besuchen kann, aber nach wochenlangem Sonne-suchen gefaellts mir hier gerade so ganz spontan super! Zur Faehre wollte ich, weil mich Xiamen nicht gaaaaanz so riessig interessiert: chinesische Stadt, same same but diffrent. Ausserdem muss ich nicht ganz unbedingt an einem Strand in Xiamen am Ost-Ufer Chinas baden was wohl einer der Haupt-Touristenambitionen hier ist. Reicht schon, dass ich hier bin. Sicher ist sicher mit den Japanern. Ich habe also die Faehre genommenn, nachdem ich fuer eine Studentin nen Fragebogen ausgefuellt habe, wie ich Xiamen finde. Dass ich gerade erst angekommen bin hat dabei wohl ueberhaupt nicht interessiert, aber ich habe im Gegenzug dafuer jemanden gehabt der mir den Weg im chinesischen Touristen- und Schilderwirrwarr zeigt. Knappe zehn Minuten Ueberfahrt oder so, und man legt auf einer Insel mit dem tollen Namen „Gulang Yu“ an. Zusammen mit einer Horde Faehnchenverfolger (chinesische Touristengruppen die dem Guide mit einem bunten Faehnchen hinterhertrotten), sonstiger Touristen und (es ist Wochenende) nem Brautpaar mit Fotografentrupp und Familie im Schlepptau habe ich dann diese witzige Insel betreten. 80393_originalDen Chinesen gefaellts hier offensichtlich richtig gut, in den 1880ern ne ganze Weile unter europaeischem Einfluss gibts hier vorallem alte Kolonialbauten, das Meer ausenherum und ein Huegel, af dem sich das alles verteilt. Definitiv nicht chinesisch ist das ein wohl beliebtes Ausflugsziel fuer Chinesen, ein wenig wie Europaurlaub am Wochenende oder so. Chinesen scheinen sowieso begeisterte Wochenend-Bahnurlauber zu sein. Dementsprechend schwer war es fuer mich ein Plaetzchen zum Schlafen zu finden. Halt, schwer ist falsch. Nachdem ich den ganzen Mittag die Insel mit vollem Gepaeck, Huegel rauf und Huegel runter, im ZickZack durchsucht habe war ich zwar ziemlich fertig mit der Welt, ein Bettchen habe ich aber trotzdem nicht gefunden. Alles ausgebucht, und zwar so richtig restlos. Mein liebes Guidebook hat noch ein Hotel gekannt, das wohl die letzte Anlaufstelle bei ausgebuchten Zimmern auf der Insel sein soll, aber: das ist nur eine Baustelle. Wohnen kann da gerade definitiv keiner. Auf der einen Seite: Gulang Yu habe ich damit gesehen. Nettes Fleckchen, aber zwangsweise da bleiben muessen tut man nicht. Sprich: mit der Faehre zurueck aufs Festland und ueber Alternativen nachdenken. 80720_originalAber welche? Xiamen war genau so ausgebucht, also bin ich erst mal zurueck an Bahnhof. Gleich weiterfahren, in irgendeinem Schlafwagen? Haette ich definitiv kein Problem damit gehabt, wenn ich nicht hier in der Ecke noch was sehen wollen wuerde. Hakka tulou hiess das Zauberwort, das mich nicht allzu weit weg fluechten lassen wollte. Abgesehen von diesem Vorhaben war es auch definitiv zu spaet, zu spontan und zu unmoeglich zufaellig ein Ticket in die richtige Richtung zu bekommen. Also sass ich in der Zwickmuehle, am Bahnhof von Xiamen: Hostels alle voll, die etwas guenstigeren Hotels ausgebucht, weiterkommen unmoeglich. Bleibt noch die Moeglichkeit teure Bettenbunker in der Innenstadt abzuklappern und ein Vermoegen zu bezahlen, oder die Nacht ueber am Bahnhof herumzugammeln (in den Bahnhof hinein kommt man in China ja nur mit gueltigem Ticket. Mir irgendein FuddelWuddel-Ticket zwei Stationen nach irgendwo zu kaufen, nur als „Eintrittskarte“ zum Bahnhof, auf die Idee bin ich in dem Moment leider nicht gekommen). Definitiv beides keine guten Moeglichkeiten, sass ich noch hin- und hergerissen vor dem Bahnhof. Es war inzwischen schon lange dunkel, kuehl wurde es auch und ich hatte immernoch keine zuendende Idee, als mich ne chinesische Frau gefunden hat. Eine dieser „Helloooooo Sir, neeeeed a Guesthouse, Siiiiiir?“-Frauen aus Suedostasien, nur eben in China. Und ohne englisch. Dass es hier sowas gibt, hatte ich komplett vergessen. Ungefaehr seit Hangzhou haben die Chinesen mit Namensschilder am Ausgang vom Bahnhof (die, die irgendwen bestimmten abholen wollen) stark abgenommen, dafuer sind mehr Leute mit Hotelprospekt dazugekommen. Die Geste mit den gefalteten Haenden und dem darauf gelgeten Kopf meinte ich allerdings verstanden zu haben, und auf dem chinesisch beschrifteten Flyer den sie mir gezeigt hat war zumindest ein Bild von nem Bett. Ich habe in mein Guidebook das yuang-Symbol gemalt, sie eine „120“ davor geschrieben und ich war gluecklich (dass das der ueberteuerte Langnasen-Preis ist, davon ist schwer auszugehen. Aber ein Einzelzimmer, so ganz spontan und ohne Stress fuer 120? Fuer mich okay, auf Gluang Yu zahlt man das stellenweise fuer ein Sechsbettzimmer-Bett). Sehr gut. Manchmal ueberseh ich halt immernoch die allereinfachsten Moeglichkeiten. 81123_originalDie liebe Frau ist dann vorneweg, durch ne Unterfuehrung, einmal quer durch ein Kaufhaus, eine grosse Strasse ueberquert, immer gerade aus und dann ist sie abgebogen: dunkle Seitengasse. Naja, wenn die irgendwas kennt was am Wochenenden noch Betten frei hat, dann kanns ja nur in ner dunklen Seitenstrasse sein dacht ich mir, mulmig war mir aber trotzdem ein wenig. Bin ich mir sicher, dass es um ein Zimmer mit nem Bett zum drin schlafen ging, oder um andere Dienstleistungen? Mir ist so ziemlich alles durch den Kopf, als wir nochmal abbogen. Ein groses Stahtor, vornedran zieht sie ne RF-ID ueber das Codeschloss, es piept einmal und wir stehen im „Innenhof“ von nem grossen Wohnhaus. Zwoelf Stockwerke. Hinterm grossen Tor schaut mich ein Security-Mann ziemlich schraeg an, aus welchem Grund auch immer. Im besten Fall wegen meiner Langnase. Die Chinesenfrau steuert derweil auf einen Eingang zu, und ich geh Ihr leicht skeptisch hinterher. Der Flur ist verdamt dunkel und muffig, im Grunde nur beleuchtet vom Notausgangsschild. Mit dem Aufzug fahren wir in den zehnten Stock, nochmal ein Flur, diesesmal mit ein wenig mehr Licht. Sie macht die Tuer zur Wohnung „1004“ auf und ich war mir bis zu dem Moment wirklich nicht sicher, was mich da erwartet. Aber als ich drin war, fand ichs echt putzig: die Frau hat die Wohnung zu nem kleinen Guesthouse umgebaut! Sechs Zimmer, ein Bad, thats it. Ich habe das Zimmer mit Doppelbett und Balkon bekommen, nen Fernseher haette ich sogar auch, und mit zwei Riegel von innen. Nein, wirklich ganz krumme Dinge scheinen hier nicht zu laufen. Mag wohl gut sein, dass meine Unterkunft allerhoechstens Halblegal ist, aber mehr wohl auch nicht. Die Frau ist ziemlich besorgt um mich, zeigtg mir wie man das Fenster richtig verschliesst, dass sie ein Kabel fuers Internet in jedem Zimmer hat fals ich einen Computer dabei haette, kommt sogar extra nochmal vofrbei und bietet mir Shampoo und Fluessigseife in kleinen Flaeschchen an und kommt sogar nochmal vorbei weil sie vergessen hat mir den Wasserspender auf dem Flur zu zeigen. Ich glaube die Frau hat den Deal des Tages mit mir gemacht. Ich glaube aber auch, ikch habe meinen Deal des Tages auch gemacht. Alle gluecklich, und ich wohne jetzt authentisch chinesisch. So, wie vieleviele Chinesen im Jahr 2011 zu wohnen scheinen: Hochhaus, gated community. Ich ueberlege mir gerade sogar schon, noch eine weitere Nacht zhu bleiben. Das ganze Gepaeck nen Tag ueber Gulang Yu zu schleppen hat mich doch recht fertig gemacht, und morgen gleich weiterhetzen scheint mir nicht sinnvoll. Mal sehen, das entscheide ich wohl spontan nach dem aufstehen =).

to see a path or map at this place, JavaScript needs to be enabled.
Wie hat Dir dieser Eintrag gefallen?
Die Daten zu diesem Eintrag: