Eine Weltreise mit sensationellen 150km, erster Akt.

 

Was ne Reise. Gefuehlt ist es zwar eine andere Welt in der ich jetzt hier gelandet bin, streng genommen sind aber nichtmal 150 Kilometer Luftline.
Es fing wie geplant mit einer „einfachen“ Zugfahrt an. Halb vier, Xiamen Bahnhof. Es regnet draussen, ich habe aber trotzdem den Vormittag auf Gluang Yu verbracht. Rein aus Mangel an besseren Ideen. 82012_originalDas mit dem Regen geht in Ordnung, ich bin ja auch schon so gut wie weg =). K230 nennt sich mein Zug und faehrt in ueber zwei Tagen bis beinahe an die Burmesische Grenze. Soweit will ich nicht, gegen 22:30 und runde 320km weiter werd ich aussteigen. Genau, auf die knappe 150km Luftlinie werden erstmal sieben Stunden Fahrt auf ueber dreihundert Kilometer gefaltet. Genug Zeit, das Abenteuer „Hard Seat“ nochmal so richtig zu geniessen. Dachte ich. Dabei war es mal wieder ganz anders, als erwartet. Ab Xiamen waren noch ziemlich viele Sitzplaetze frei, und all die Stehpaltzticketinhaber haben sich bequem verteilt. Ich hatte meinen reservierten Sitzplatz wieder in ner Sechsersitzgruppe, direkt neben einem Mann in chinesischer-Bahnuniform. Wir haben uns zu viert auf sechs Sitzen breit gemacht, und er hat prompt angefangen mit mir zu reden. Chinesisch. Klar, dass dieser Monolog nicht weit fuehrte, bis sich ein juengerer Chinese als Dolmetscher eingefunden hat. Wo ich herkomme, und wohin ich fahre. Ich sollte mir vielleicht mal die wichtigsten Saetze auf chinesisch notieren lassen. „Ich bin aus Deutschland“, „ich bin hier auf Urlaub“ und „tut mir leid, ich spreche kein Chinesisch“ wuerden wohl schon viel abdecken. However, der Dolmetscher war ziemlich schnell weg, und meine Sechsersizgruppen-Nachbarn haben fleissig ueber mich geredet. Zumindest habe ich das Wort, das mein lieber Dolmetscher fuer „Germany“ verwendet hat noch des oefteren herausgehoert, und „Yongding“, die Stadt in der ich aussteigen will. Eine Station weiter ist der Mann in Bahnuniform dann ausgesiegen, und ich bekam neue Gesellschaft. Wieder ein aelterer Herr, wieder ein chinesischer Monolog. Ich sollte mir wirklichwirklich ein paar Dinge auf Chinesisch notieren lassen. Diesmal hat sich auch kein Dolmetscher eingefunden, also musste der arme Mann einsehen, dass es zwecklos ist mich auszufragen. Schade. Aber freundlich war er. Hat auf mich aufgepasst, immer meinen Platz frei gehalten wenn ich Kaffeewasser holen oder rauchen war und auf mein Zeug aufgepasst. Nicht dass ich irgendwas extrem wichtiges am Platz zurueck lassen wuerde, wenn ich gerade nicht da bin, aber der ganze Rest wahr wohl behuetet. Sehr lieb. Irgendwie waren mir die Leute in dem Zug alle sehr symphatisch, und obwohl ich kein Wort verstanden habe war es ne sehrsehr angenehme Reise soweit. Draussen hat es geregnet, ich hatte viel Kaffee, Tee und Nudelsuppe, im Flur gabs Platz zum laufen und die Zeit verging dadurch recht schnell. Draussen zog jetzt nicht nur eine trockene, karge Landschaft vorbei, sondern viel Wald, Huegel, Reisterassen und Gruenzeug. Beinahe ein Stueck Transsib-feeling in China, mit China-Bilderbuchlandschaft vor dem Fenster.
82364_originalGegen halb neun haelt der Zug in einer etwas groesseren Stadt, und so ziemlich der ganze Waggon steigt aus. Zumindest steigen jetzt alle die aus die Hard Seat deshalb fahren, weil es nur ein paar Stunden bei Tag bis zum Ziel sind, sich aber hoechstwahrscheinlich (wenns noetig waere) auch nen Schlafwagen leisten koennten. Dafuer steigen jetzt die ein, die tatsaechlich die Nacht aus Kostengruenden im Hard Seat verbringen werden. Mit Stehplatzkarten, versteht sich, die sind guenstiger. Nachdem ein ganzer Mob Bau- oder Landarbeiteter (zumindest den Haenden und der Arbeitskleidung nach) den Waggon gestuermt hat, kam noch ein Chinesenmaedel nach, offensichtlich mit Sitzplatzreservierung, direkt gegenueber von mir. Sie hat zuerst die Sitzplatznummern an der Wand angeschaut, dann ihr Ticket, dann die Nummern, dann das Ticket, dann den Bauarbeiter von dem Platz verjagt, mich bemerkt und mich angestrahlt. Nein, sie hatte wohl echt nichts anderes im Sinn als auf ihrem reservierten Sitz zu thronen, gegenueber der Langnase, und mich anzugrinsen. Ein weiterer chinesischer Monolog, das erste rote chinesische Gesicht, das ich jemals gesehen habe und betretenes Schweigen. So gings dann weiter bis nach Yongding.

Um halb elf in Yongding angekommen, war ich ehrlich ueberrascht. Eine echt putzige Kleinstadt, keine Hochhaeuser, kein Laerm, keine Menschenmassen am Bahnhof. Nur ein paar einzelne Tuktuks standen vorne draussen, die die wenigen Ausgestiegenen in die Stadt fahren. Mist. Ich hatte doch so auf ne Frau gehofft, die mir ein „guenstiges Guesthouse“ anbietet oder so. Nein, gabs alles nicht. Etwas irritiert stand ich vorne draussen im dunkeln, der ein- oder andere TukTuk-Fahrer ist vorgefahren, hat mir irgendwas chinesisches von seinem Fahrsersitz zugerufen, auf die Sitzbank hiner ihm gedeutet und mich fragend angeschaut. Ich waere drauf eingegangen, wenn ich denn gewusst haette wohin. Aber nichtmal mein Guidebook erzaehlt irgendetwas ueber dieses Staedtchen, ausser dass man von hier per Bus nach Liulian kommt, aber das natuerlich nur Tagsueber. Unfein. Also versuch ichs mal umgekehrt: Haende aufeinanderlegen, Kopf drauf legen. Dann fragend mit den Schultern zucken und moeglichst nen verzweifelten Blick auflegen. Genau an dieser Stelle haben die lieben Transportdienstleister dann aufgegeben und sind weggefahren. Aber: irgendwie hab ich in Asien noch nie im Freien uebernachten muessen, also wirds hier auch nicht so weit kommen. Und natuerlich wurde ich gerettet. Und natuerlich wars mal wieder eine Frau. Chinesische Frauen haben das Dienstleistungsbusiness einfach ganz wesentlich besser drauf als ihre maennlichen Kollegen. Sie kam nicht mit nem TukTuk zu mir und hat irgendwas herruebergebruellt. Nein, sie kam zu Fuss. Und sie ist nicht abgehauen, als ich meine ich-weiss-nicht-wo-ich-schlafen-soll-Geste vorgefuehrt habe. Sie hat zwar auch nur chinesisch geredet, aber dafuer gibts ja das Notizbuch. Sie meint n Hotel zu kennen, faehrt mich fuer 5 yuang im TukTuk hin und meint die Nacht kostet vermutlich 100 yuang. Sehr lieb. Natuerlich fahren locals die Strecke Bahnhof-Innenstadt fuer fuenf yuang mindestens drei mal. Aber wie schon gesagt: die liebe Frau hatte mich gerettet und Ahnung vom Dienstleistungsbusiness. Ich haette fuer die Fahrt so gesehen sogar 10 yuang bezahlt.
Das erste Hotel hatte leider schon zu, dafuer kannte sie aber noch ein anderes. Direkt am Kreisverkehr mit Busstation, mitten in der Stadt. Das zweite hatte sogar die Tuer noch offen und die liebe Frau hat den chinesischen Hotelchef aus dem Bett geschriehen. Schon wieder sehr lieb. Nachdem der dann wegen den allgegenwaertigen Sprachproblemen vom „Foreign Guest Booking Office“, zumindest laut dem grossen Schild hinter ihm, einen Dolmetscher angerufen hatte und wir uns ueben den Preis einig waren, ist meine Retterin dann verschwunden. Ja, sie hat sogar echt noch gewartet bis der Deal mit dem Zimmer steht. Und ja, 5 yuang waren immernoch der geforderte Preis. Comission? Nein, ich glaube nicht.

Auf dem Zimmer dann schon wieder eine Premiere: Schlafen bei offenem Fenster mit Kaefern und Moskitos. Sprich: das erste mal unter dem Moskitonetz. Nichts besonderes an sich, aber dennoch habe ich auch das Moskitonetzaufhaengen wie das Pulloveraussziehen neulich nahezu zelebriert. Von Europaeischem Fruehling ueber ein eisiges Sibiren, eine verdammt frostige mongolisch Wueste und ein kaltes und verregnetes China nach Suedostasien. Auf dieser Reise zelebriere ich irgendwie allesn was darauf deutet, dass es waermer wird. Hier werde ich wohl auch endlich so ganz ausversehen meine warme Winterjacke vergessen koennen. Uuups =). Ein schoenes Gefuehl, so ganz am Rande…

to see a path or map at this place, JavaScript needs to be enabled.
Wie hat Dir dieser Eintrag gefallen?
Die Daten zu diesem Eintrag: