Tulou-wohnen

 

Tulous sind toll. Ziemlich basic, aber trotzdem was feines.
Erfunden haben es die Hakka, ein Voelkchen das irgendwann in der Jin-Dynastie, also round about 300 n.C. aus Nordchina hier her gefluechtet ist. Um sich vor boesem Getier und schlimmen Banditen zu schuetzen, haben sie angefangen die Tulous zu bauen. Riesige Wohngebilde, nach aussen hauptsaechlich eine gigantische Mauer mit einem einzigen Eingangstor, nach innen gibts „an der Aussenmauer entlang“ Schlafraeume, Kuechen, Lagerraeume, manchmal wohl sogar ganze Schulen und alles, was es so zum Leben braucht. In der Mitte gibts ne Art Garten, manchmal mit Tempel, manchmal mit kleinen Haeuschen, meistens mit Brunnen. Platz genug fuer ganze Clans mit hunderten von Leuten. Klar, das was heute hier steht ist alles keine knappe zweitausend Jahre alt. Die aeltesten hier stehen wohl grob dreihundert Jahre, meistens abgebrannt oder durch Kriege zerstoert wurden sie im laufe der Jahre immer mal wieder teilweise neu aufgebaut, komplett neu gebaut oder grossflaechig repariert. Das in dem ich gerade wohne wurde wohl 1550 das erste mal gebaut, das letzte mal 1853 von den „Taiping rebels“ zerstoert und neu aufgebaut, und nochmal waehrend des Buergerkriegs 1929 beschaedigt und repariert.
Soviel zur Theorie =)
Praktisch wohne ich hier in einem Zimmerchen im mittleren Stockwerk eines mittlelgrossen Tulous. Einige Omis und Opis wohnen noch hier, halten im Erdgeschoss Huehner und Gaense, pflanzen Kraeuter im Innenhof sowie Gemuese vor dem Eingang und freuen sich ueber die verrueckten Langnasen, die hier manchmal zu Besuch kommen. Glaub ich mal. Zumindest lachen sie mich immer alle an, gruessen mich und winken mir zu und so. Es ist ziemlich nett hier, fast eine kleine Oase im touristisch doch ziemlich erschlossenem Luilian. Tagsueber stauen sich hier fleissig Reisebusse im Dorfzentrum und hunderte Chinesen fallen ueber die Souvenierbuden her. Die Faehnchenverfolgef starten ihre Tour wohl an der Stelle an der ich gestern abgeladen wurde, verfolgen dann vorbei an einigen Tulous ihr Faehnchen und steigen im Zentrum von Liulian wieder in den Bus, um zum naechsten Dorf zu fahren, nochmehr Tulous und nochmehr das Faehnchen verfolgen. Abends um sechs geht langsam die Sonne hinter den Huegeln unter, dann wirds ziemlich schnell ziemlich ruhig hier. Die Busse sind alle weg, die Faehnchenverfolger auch, die Leute sitzen zusammen und trinken Tee, bevor es essen gibt. Das ist der Zeitpunkt, zu dem ich mich langsam bewegen sollte, denn jetzt kommen die „Nachteile“ des Tulou-Gastwohnens: Duschen iss hier nicht. Dazu muss ich 200m die Strasse entlang wandern, bis zum grossen Busparkplatz und in dem Guesthouse das mir das Tulou-Zimmer vermietet in einem freien Gaestezimmer duschen. Fuer die Toilette muss ich auch da hin, wobei die oeffentliche Toilette fast schneller und einfacher zu erreichen ist und sich in Sachen Sauberkeit kaum von der Guesthousetoilette unterscheidet. Etwas Planung ist ebenfalls angesagt, denn grob um acht Uhr abends wird das grosse Tor des Tulous verriegelt. Nicht nur Tuer zu und gut ist, nein, es wird innen wirklich ein richtig massiver Balken vor die Tuer geschoben. Wer weiss, vielleicht gibts ja immernoch boeses Getier und schlimme Banditen hier =). Jedenfalls gibts dann kein rein- oder raus mehr. Gestern war ich eigentlich schon zu spaet. Ich habe beim Abendessen ein englisches Paerchen getroffen, das im gleiche Tulou wohnt und wir haben ein wenig die Zeit vergessen. Punkt acht Uhr standen wir schon vor einem verriegelten Eingang. Zum unserem Glueck hat dieses Tulou einen kleinen Seiteneingang, den irgendwer vergessen hat zuzumachen. Unter wuesten Beschimpfungen irgendwelcher aufmerksamen Nachbarn konnten wir uns so dann einschleichen. Heute hat aber irgendwer schon morgens (man lernt ja aus Fehlern) den Seiteneingang mit nem grossen Querbalken vor der Tuer verschlossen und den Tag ueber erst garnicht aufgemacht. Unpuenktliche Langnasen bleiben zukuenftig also draussen =).
Bei allen Nachteilen… ich wuerde nicht tauschen wollen. Nicht fuer die paar Tage, in denen ich hier „zu Besuch“ bin. Nachts zirpen die Grillen, die Huehner gackern ein wenig, Kerzen gibts zum Zimmer dazu und morgens wird man vom kraehenden Hahn geweckt. Hat irgendwie was.

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