nochmal 21 Stunden Zugfahrt, natuerlich Extraluxurioes.

 

Nachdem ich neulich beschrieben habe wie man die falschen chinesische Zugfahrkarten moeglichst umstaendlich besorgt und was man im HardSeat-Waggon erlebt, heute eine kleine Geschichte, wie man es NOCH falscher machen kann =)
Man startet diese neue Reise in Luilan. Diesem kleinen Dorf mit den Tulous. Das, das natuerlich kein Zugticketverkaufszeug hat. Kein offizielles Ticketoffice, und auch keine Comission-Ticket-Verkaufsbude. Chinesische Touristen aus klimatisierten Reisebussen brauchen in der Regel hoechst seltenst Zugtickets, und wie ich schon oft gelernt habe wird die Backpacker-Nische auf dem chinesischen Tourismusmarkt eher weniger beachtet.
Okay, was macht der kluge Individualtourist? Faehrt natuerlich mich Ticket fuer die Rueckfahrt aufs flache Land. Das verringert zwar ungemein die Flexibilitaet, aber bringt so manchen Vorteil. Gegenfrage: was mache ich? Klar, ohne auch nur einen Gedanken an die Rueckfahrt zu verschwenden in einen schwarzen Nissan sitzen und straight forward nach Liulian fahren. Mein Abreise-Tag aus Liulian fing gestern demnach relativ frueh an, immerhin ist zugticketkaufen normalerweise ein paar Tage vorher zu empfehlen. Weil ich das aber ausgelassen habe, fahre ich lieber ein paar Stunden vorher. Besser als garnichts, und abgesehen davon reisst die Tulou-Gegend schwere Loecher in meine Reisekasse. Die Eintrittskarten sind uebermaessig teuer und wirklich ins gruene kommt man zu Fuss auch nicht. Man koennte fast unterstellen, dass jemand genau darauf achtet dass die Touries den ausgetretenen Pfad keinen Meter verlassen… Effektiv hat das bedeutet um neun Uhr morgens per Kleinbus nach Yongding zu fahren. Das war noch reichlich einfach.
Stichwort Eintrittskarten und Loch in der Reisekasse: fuer ein Zugticket reichen meine paar yuang die ich zu dem Zeitpunkt noch in der Tasche hatte definitiv nicht mehr, also auf zum naechsten Geldautomat. Visa rein, PIN eingeben, Betrag auswaehlen, Automat rattert, Karte kommt raus und… nein, kein „und“. Es kam kein Geld aus der Mistkiste. Hat der Automat mich betrogen? Auf zur anderen Bank, immernoch zu Fuss und mit vollem Gepaeck. Diese Bank ist wenigstens so lieb anzuzeigen, dass sie keine Verbindung zum Kartenbetreiber herstellen und mir deswegen kein Geld geben kann. Mit der Maestro genau das gleiche. Grob drei Automaten spaeter muss ich feststellen, dass China wohl nun auch mein Bankkonto zensiert. Zumindest kann keiner mit meiner Bank kommunizieren und mir Geld geben. Die Loesung? Eine „Bank of China“ suchen. So ziemlich die einzige Geldwechselbude in China. Nach drei ausgefuellten Formularen, ausgiebigen Passkontrollen, drei Kopien und grob 30 Minuten hatte ich wenigstens wieder mehr yuang und weniger Euro.
84965_originalNun nichts wie zurueck zum Ticketoffice und erstmal feststellen dass inzwischen Mittagspause ist. Mittagspause dauert hier von zwoelf bis drei, und dann macht das Ticketoffice fuer genau zwei Stunden auf, bevor es wieder ne Pause hat und um zehn Uhr abends nochmal zwei Stunden oeffnet. However, ich sass an dem ausgestorbenen und sonnigen Bahnhof und habe gerade ueberlegt, was ich denn jetzt mit dem angebrochenen Tag und dem Gepaeck auf dem Ruecken anfangen koennte, als die Frau vom Kiosk mir anbietet fuer 5 yuang meinen Rucksack aufzubewahren. Offensichtlich hat sie mich verzweifelt das Gepaeck-Schliessfach-Buero suchen sehen. Ich war schwer begeistert, habe meinen Rucksack in den Kiosk gestellt und habe mich erstmal auf eine kleine Erkundungstour in Yongding gemacht.
Und wieder kommt die Frage: was macht der kluge Individualtourist, wenn irgendwelche fremden Leute anbieten auf das Gepaeck aufzupassen, speziell wenn die Kommunikation rein auf Gesten und null Sprachanteil basiert? Klar, theoretisch nicht darauf eingehen. Praktisch habe ich es aber naiv wie ich mal wieder was gemacht, und auf dem Weg zurueck in die Stadt am Bahnhof vorbei (es war wohl so grob zwei Uhr) seh ich zufaellig, dass der Kiosk verschlossen und die liebe Frau spurlos verschwunden ist. Unfein, aber vielleicht macht sie ja Mittagspause oder so. Als ich um drei zum Ticket kaufen wieder gekommen bin: immer noch zu. Langsam hats mich doch nervoes gemacht, aber ich habe mich erstmal in die recht ueberschaubare Ticketverkaufswarteschlange gestellt. Ich wusste inzwischen dass ich mit genau dem Zug weiterfahren muss, mit dem ich gekommen bin. K231, von Yongding nach Nanning, Abfahrt um halb elf Abends, 21 Stunden Fahrt und gute 1300km. Ich war bestens informiert und mit meiner extra fuers Ticketkaufen gemalter Notizbuchseite super vorbereitet, um ein HardSleeper-Ticket mit den jeweiligen Betten und ein SoftSleeper-Ticket auseinanderhalten zu koennen. Die Frau hinter der Glasscheibe hat dann allerdings den Kopf geschuettelt, nachdem sie auf dem Computer herumgetippt hat und mir zwei chinesische Zeichen gezeigt, die ich nicht kannte. Dem Guidebook und einer gewissen boesen Vorahnung sei Dank konnte ich es aber schnell entziffern: Es gibt nur noch Stehplatzkarten. Stehplatz im HardSeat-Abteil. Ich habe irgendwie schon befuerchtet, dass sowas kommen wird, wollte es aber nicht so ganz wahr haben.

Der Stand der Dinge um halb vier Nachmittags: sieben Stunden in Yongding wollen irgendwie ueberbrueckt werden, ich werde einundzwanzig Stunden mit ner Stehplatzkarte in einem Zug eingesperrt sein in der Hoffnung wenigstens nen freien Sitzplatz ergattern zu koennen und mein Gepaeck ist nach wie vor unerreichbar im Kiosk eingesperrt (wenns denn ueberhaupt noch da ist). Prost Mahlzeit. Es hat sich ein wenig Verzweiflung brei gemacht, alles andere waere jetzt definitiv gelogen.

Zuerst wollte ich mein Gepaeck wieder. Das Kioskschild fotografieren und bei den Leuten im Bahnhof nachfragen hat wenig gebracht. Was soll ich denen denn auch gross sagen? Keiner von denen hat mich verstanden, also habe ich erst mal gegen das metallene Rolltor gescheppert. Vielleicht ist ja wer drin. Erfolg hatte die Aktion keinen. Also was bleibt anderes ueber, als vor den Kiosk in die Sonne zu sitzen und zu warten? Eben, garnichts. Das relativ gute Ende der Geschichte: gegen fuenf kam die Frau tatsaechlich wieder, mein Rucksack stand noch drin und schien original zu sein. Ich wusste zwar immer noch nicht im geringsten was mit dem angebrochenen Tag tun, aber mein Gepaeck habe ich erstmal mitgenommen. Zumindest das erste Problem ist geloest.

85052_originalIch habe dann beschlossen, dass aus dem Tag nichts gutes mehr werden kann und mir ein schattiges Plaetzchen auf einer Parkbank nicht weit vom Bahnhof gesucht. Vielleicht sollte ich ein wenig schlafen, die Nacht koennte noch ziemlich unangenehm werden, so mein Plan. Und wie es eben mit meinen Plaenen meistens so ist: irgendwas kommt dazwischen. Und wenns nur zwei Chinesenjungs Anfang zwanzig sind, denen gerade langweilig ist. Nein, englisch konnten die keines, und ich kann immernoch kein chinesisch. Ich dachte schon, das laeuft wieder auf einen dieser anstrengenden Monologe hinaus: nicht, dass die Chinesen dann einfach aufgeben wuerden, wenn man sie nicht versteht. Es wird dann ers langsamer und deutlicher gesprochen, dann wird vereinfacht indem aus dem Satz immer mehr Silben verschwinden und schlussendlich wird dieser Spass, nachdem das auch nicht hilft, noch mit einer ganz anderen Formulierung wiederholt. Nicht selten endet es dann, wenn die Erleuchtung beim Sprecher kam dass ich mal so wirklich garkein Wort verstehe in Gelaechter und Gerede unter den Chinesen. Nein, sowas wollte ich in dem Moment nicht haben. Aber es stellte sich heraus, dass ich ziemlich falsch damit lag. Klar, zuerst wird es trotzdem mit chinesisch versucht. Aber dass das nicht hilft, war den zweien recht schnell klar, also hat er sein Handy herausgekramt und seine Schwester angerufen. Die war zwar in dem Momet wenig begeistert, aber hat ein wenig uebersetzt. Als sie dann wohl irgendwann was besseres zu tun hatte, kam von den zwei Jungs die beste Idee, die ich in so einer Situation je erlebt habe: sie haben mich in ein Internetcafe mitgenommen, ich ein PC mit der google deutsch-chinesisch Ueberstzung und die zwei einen PC mit der baidu (chinesisches google) chinesisch-englisch-uebersetzung. Eine ganz ungewoehnliche Methode, sich mit wem zu unterhalten in dem man den uebersetzten Text von seinem Bildschirm abliest, aber noch lange nicht die duemmste. Danach gabs noch allgemeines bloedeln im Freien, vom kleinen Chinesen der unbedingt den grossen schweren Rucksack von der Langnase schleppen will, bis hin zum Armdruecken und Fotos schiessen war so ziemlich alles dabei. Nachdem wir irgendwann wieder am Bahnhof gelandet sind, hat der liebe Chinesenjunge, dessen Namen ich noch nichtmal kenne (Schande ueber mich) seine Freunde und Freundin angerufen, die alle noch vorbeikamen und interessiert die neue Bekanntschfat begutachten mussten. Es wurde gerade ein wenig anstrengen, weil googles Uebersetzung zwar im Internetcafe, aber nicht am Bahnhof funktioniert, als es sich seine Schwester offensichtlich irgendwie anders ueberlegt und ihren Bruder angerufen hat. Er musste mir dann sein Telefon geben und ich mit seiner Schwester telefonieren. Englisch ueben und so.
Alles in allem: sehr elegant und schoen das zweie Problem geloest. Langeweile hatte ich definitiv keine.

Bleibt noch Problem Nummer drei: das Stehplatzticket. An dem konnte ich aber nichts mehr aendern, also ab in Bahnhof, Gepaeck durchleuchten lassen, den ersten Gepaeckdurchleuchter ueberhaupt erleben der auf dem Roentgenbild meines Rucksack was boeses entdeckt hat (Naja, den am Flughaafen in Muenchen, der aus meinem Rucksack ein Feuerzeug gefischt hat habe ich ja nicht miterlebt) und dann noch mein zweites Messer hergeben muessen. Erst den Leatherman verlieren, und dann das simple einfache Messer „fuer Brot, Wurst und Kaese“ als gefaerlichen Gegenstand am chinesischen Bahnhof weggenommen bekommen. Dabei war das nichtmal scharf…
Wo war ich? Achja, Stehplatzkarte. Im Zug gings eigentlich so einigermassen. Ich hatte zumindest einen Sitzplatz ergattern koennen und relativ Glueck, dass derjenige der den reserviert hat erst am naechsten morgen eingestiegen ist. Selbst danach habe ich ein paar Waggons weiter nochmal einen Platz gefunden und eine recht gemeine, aber offensichtlich gaengige Praxis angewandt: wenn man erstmal als Stehplatzkartenfahrer wo gesessen ist, dann kurz fuer Tee oder Toilette aufsteht und beim zurueckkehren an den Platz feststellt, dass der naechste Stehpaltzfahrer drauf sitzt: einfach behaupten, das sei ein reservierter Platz. Funktioniert solange super bis derjenige kommt, der wirklich die Platzreservierung hat, dann muss man halt was neues suchen. Und nochmal eine Frage: was macht man mit dem Gepaeck, wenn man quer durch den Zug nen neuen Sitzplatz sucht? Nein, mitnehmen geht effektiv nicht weil zu gross und zu sperrig. Wegkommen tut hier vermutlich eher weniger was, aber zumindest sollte man sich gut merken in welchem Abteil der Rucksack liegt. Das spart definitiv eine Kletteraktion durch den halben Zug ueber im Flur sitzende Chinesen am fruehen morgen, kurz vor dem Aussteigen und schont die Nerven =).
Schlafen im Hard Seat geht so einigermassen, ich muss meine fuer China offensichtlich zu langen Beine halt mal wieder irgendwo zwischen chinesische Beine falten, und irgendwann fallen einem im sitzen schon die Augen zu, zumindest fuer ne Stunde. Dafuer hatte ich ja tagsueber noch vielviel Zeit, stundenweise zu schlafen. Alles in allem tat mir zwar so einiges weh als ich endlich ankam, aber uebermuedet war ich zumindest nicht.
Der „Erlebnissfaktor“ im Zug war allerdings relativ gering. Ich habe mir ein paar neue Vorurteile ueber Chinesen gebildet, und ein paar andere wurden mal wieder bestaetigt:
Chinesen essen liebend gerne Sonnenblumenkerne zur Beschaeftigung. Nicht die geschaelten, das waere ja langweilig, sondern die in der Schale. In der Regel wird die mit den Zaehnen geknackt, der Kern gegessen und die Schale… Naja, manchmal in einen Muelleimer, oefters aber mal auf den Boden gespuckt. Die Schilder „no smoking“ und „no spitting“ werden im allgemeinen eher als Inspiration als als gueltige Anweisung gewertet. So wird gern auf den Boden gespuckt, und manch einer raucht mitten im Abteil. Ob daneben ein Kleinkind oder eine hochschwangere Frau sitzt kuemmert im Prinzip keinen. Klar, dass so ein Hard Seat-Waggon reichlich uebel aussehen wuerde. Ich behaupte sogar schlimmer als die indische General Class nach einer langen Nacht, wenn nicht ein fleissiger „Atendant“ stuendlich durchfegen und die ganzen Muelleimer leeren sowie grob alle drei Stunden feucht durchwischen wuerde. Zum Thema Rauchen… Es gibt Raucherbereiche im Zug. Immer im Flur zwischen zei Waggons. Chinesen empfinden allerdings Tueren irgendwie als laestig und nutzlos, und so stehen die standardmaessig immer alle offen. Geschlossene Tueren zwischen den Waggons gibts praktisch nicht. Dass der ein oder andere dann im Waggon raucht, kann einem dabei fast logisch vorkommen, denn die qualmige Luft zieht so oder so durch den Zug. Achja, chinesische Maenner rauchen wohl fast alle und werden am laufenden Band von ihren Frauen, die zu 99,99% nicht rauchen, fleissig dafuer geschumpfen. Kuemmern tut das wohl aber keinen.
Instant-Nudelsuppe ist in China offensichtlich Grundnahrungsmittel, oder zumindest eine anerkannte und vollwertige Mahlzeit. Es gibt vorallem im Zug ausser Sonnenblumenkerne deswegen bei jedem Instantnudelsuppe. Morgens zum Fruehstueck, Mittags, Abends oder irgendwann Nachts als Snack zwischendurch, die Nudelsuppe aus dem Pappbecher ist immer irgendwo zu sehen. Aber nicht nur im Zug, auch ausserhalb greifen viele gern auf die schnelle Mahlzeit zwischendurch zurueck: inzwischen habe ich sogar schon ein „Instantnudelsuppenrestaurant“ gesehen. Ein Laden mit nem Nudelsuppenregal, n Wasserboiler, ne grosse Themoskanne, ein paar Tische und Stuehle. So spart man sich die komplette Kueche… Ganz wichtig, neben der Instantnudelsuppe und den Sonnenblumenkernene (wenn nichts sogar existentiell) ist die Teeflasche eines Chinesen. Meistens ne „Tupperdose“ in rund und hoch mit ein paar Teeblaettern drin, wird immer wieder mit heissem Wasser gefuellt. Getrunken wird der Tee aber wohl erst, wenn das Wasser wieder kalt ist, wobei die Teeblaetter staendig im Wasser bleiben. Ob das wirklich so lecker ist weiss ich nicht, aber den Chinesen scheints zu schmecken =)

Naja, alles in allem ist so eine Stehplatzticket-Nacht-Reise wirklich nicht zu empfehlen. Ich habe aber ein kleinwenig daraus gelernt: Kaum bin ich in Nanning angekommen, habe ich mein Ticket nach Hanoi gekauft. Leider faehrt der Zug nur zweimal die Woche, immer Mittwochs und Freitags. Gleich morgen war mir ein wenig zu stressig, also bleibe ich noch bis Mittwoch in China. Sechs Tage noch, das ist zwar laenger als geplant, aber per Bus wollte ich nicht weiterfahren, auch wenn der taeglich gleich zwei mal faehrt. Nene, ich fahre Bahn. Wie immer =)

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