Die Stadt, in der Nachts Chinesen Tango tanzen

 

Ja, wirklich. Am Abend treffen sich die Locals in Parks und tanzen gemeinsam. Die einen Tango, die anderen Walzer, was beides ziemlich spassig aussieht, muss ich zugeben. Passt halt irgendwie nicht so wirklichwirklich hier her. Knapp nebendran tanzen dafuer hundert in einer Gruppe synchron zu irgendwelchen lustigen chinesischem Dance-Sounds einen einstudierten Tanz. Dabei haben die Omis und Opis ueber die sechzig offensichtlich genau so Spass wie die Jungs und Maedels um die zwanzig. Ein Park mitten in der Innenstadt hat so gut und gerne fuenf verschiedene „Floors“, im freien versteht sich.
Nanning scheint dann richtig aufzuwachen, wenn die Sonne langsam untergeht. Tanzen ist dabei nur eine Unterhaltungsmethode, wenn wohl auch eine der beliebtesten. Alternativ gibts noch OpenAirKaraoke am Strassenrand, etwas romantischer am Flussufer oder „klassisch“ auch im Park. Wenn das gesinge zu der Musik aus dem DVD-Player nicht gefaellt, kann man auch jederzeit zu Livemusik singen. Den meisten aelteren scheint das besser zu gefallen. Wer nicht singen und nicht tanzen kann oder mag vertreibt sich die Zeit vielleicht einfach damit, einem diesen unzaehligen Strassenmusiker mit Gitarre zuzuhoeren, unter einem grossen Baum Mahjong oder Karten zu spielen oder vielleicht einem von den Helden zusehen, die sich mitten auf dem Gehweh in einen Berg aus Glasscherben legen. Und wenn das alles uninteressant geworden ist, gibts ne ganze Strasse voller Essensbuden, in der man sich noch den Bauch vollhauen kann.
Alles in allem hat Nanning Abend fuer Abend eine gewisse Jahrmarktsstimmung, die durch die ganzen bunten Neonschilder, vorallem an den Shoppingzentren in der Innenstadt, fast schon stilvoll ergaenzt wird =).
86298_originalPunkt zehn Uhr ist allerdings schluss mit dem getanze und gesinge, die meisten Laeden machen zu und die Musik geht aus. Trotzdem geht Nanning noch nicht schlafen. Die Strassenmusiker singen ohne Lautsprecher weiter, die Glasscherbenlieger suchen sich ein anderes helles Plaetzchen und die Leute verlagern sich langsam. Einige Strassen, tagsueber vierspurig, werden dank Haendlern an den „Strassenraendern“ nur noch einspurig (Autos versuchen hier erst gar nicht mehr zu fahren) und es wird mitten Auf der Strasse mit Kleidung, Handyakkus, Handtaschen und Schuhen gehandelt.
Jede Zeit hat ihren speziellen Platz in dieser Stadt. Waehrend morgens in der einen Strasse die Reissuppenverkaufer stehen, wird eine Stunde spaeter hier abgebaut und in einer anderen Strasse gibts nun Armbaender und Handys. Die Strasse, die abends komplett gefuellt mit Essensbuden und Menschenmassen ist, ist tagsueber komplett leer fast nicht wiederzuerkennen. Das Viertel, in dem morgens mit Gewuerzen und Gemuese gehandelt wird, ist dafuer ab Nachmittag wie ausgestorben. Im Laufe eines Tages sieht man Nanning beinahe fuenf mal komplett anders.
Es gibt nur wenige, die den ganzen Tag an der gleichen Stelle zu finden sind: Das sind zum einen die Opis, die sich im Park zum Spielen oder herumgammeln treffen, die Frauen die tagsueber auf offener Strasse Porno-DVDs anbieten (eigentlich unglaublich fuer China) und die Typen die fuer irgendwelche Tattoo-Studios mit Fotos von abscheulichen Taetowierungen werben.

85869_original85746_originalHeute bin ich umgezogen. Mein bisheriges Hotel war zwar ganz nett, aber nachdem ich jetzt taeglich vom Fluss gen Bahnhof gelaufen bin, habe ich mir ein Zimmer am Bahnhof gesucht, damit ich taeglich an Fluss laufen kann =D. Ich haette gerne ein Mehrbettzimmer gehabt, aber das gibts hier wohl definitiv nicht. Langsam vermisse ich die Mehrbettzimmer, es war doch immer eine gute Geschichte um Leute kennenzulernen und sich mit Langnasen zusammenzufinden. Hier bin ich mal wieder recht allein, und das nicht nur wegen den Einzelzimmern. Auslaender hab ich zwar schon sage und schreibe sechs gesehen, aber alle davon in Hektik am Bahnhof. Auf den Strassen in Nanning habe ich eine extreme Aufmerksamkeit, schon allein deshalb weil ich in der Regel mit Abstand der groesste in jeder Menschenmenge bin. Diese Aufmerksamkeit sorgt zwar dafuer, dass es manchmal extrem schwer wird durch belebtere Plaetze zu navigieren (auch Chinesen steuern unterbewusst gerne dahin, wo sie hinstarren) und ich in manchmal das Gefuehl habe der Grund fuer ein leichtes Fussgaengerverkehrschaos zu sein, aber etwas kommunikatives ist das eben auch nicht. Ein „hello“ hier, ein „ni hao“ da, aber mehr spreche ich den ganzen Tag hier nicht. Nein, beschweren mag ich mich nicht. Nicht mehr lange bis Hanoi, und dann wirds vielleicht wieder anders. Und wenn das auch nicht hilft, schaffe es vielleicht bis Bangkok und finde mich in der KhaoSan im anderen Extrem, bzw. dem kompletten Gegenteil wieder.
Bis dahin treibe ich noch ein wenig durch Nanning, wundere mich ein wenig ueber die ganz speziellen Chinesen hier, esse Nudelsuppe und Dumplings und geniesse die Aufmerksamkeit =).

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