ein chinesischer Tagesausflug

 

Mal wieder fing ein Tag wie ueblich in Nanning an: lange schlafen. Der gestrige Tag hat immerhin auch wie ueblich in Nanning aufgehoert: lange aufbleiben. Vielleicht eine schlechte Idee, wenn man geplant hat doch einmal den geschaeftigen Zentrum von Nanning zu entfliehen, aber auch nur auf den ersten Blick. Mein Guidebook hat mir was von Yangmei erzaehlt, ein kleines Doerfchen round about 25km westlich von Nanning, im wesentlichen im siebzehnten Jahrhundert gebaut, heute unter sowas wie Denkmalschutz und angeblich von Nanning aus in ner Stunde per Bus bequem zu erreichen. Der letzte Bus faehrt laut dieser ganz knappen ein-Absatz-Information in der „Backpacker-Bibel“ wohl gegen sechs Uhr zurueck. Wenn man das im Zusammenhang mit der Info ueber Nanning betrachtet: Eine touristisch fast uninteressante Provinzstadt („despite having view sights of notice“ und so…), aus der man in ein ziemlich unbekanntes Nest ins Gruene faehrt, das klingt nach Ruhe, keinen Faehnchenverfolgern und schoen. Klingt nach einem guten Plan fuer heute.
Den Bus zu finden war schonmal reichlich spannend. Hinter einem „Huatian-Guoji“-Office-Block westlich vom Bahnhof soll die Bushaltestelle zu finden sein. Es ist natuerlich klar, dass es viele Office-Blocks westlich vom Bahnhof gibt, die auch alle brav mit Namen in riesigen Buchstaben beschriftet sind. Bloed nur, dass es ausschliesslich chinesische sind, und noch bloeder, dass das liebe Buch den Namen des „Blocks“ nicht auch in solchen abdruckt. Aber: das steigert nur die Spannung und irgendwann habe ich hinter einem der Blocks etwas gefunden, was wie Busbahnhof aussah. Zumindest gabs da Plastikstuehle, n Vordach und nen gruenen, alten und kleinen Bus mit chinesischer Beschriftung. Kurzerhand die Zeichen vorne auf der Windschutzscheibe mit denen im Guidebook fuer Yangmei verglichen, und schon konnte ich voller Freude einsteigen. Der richtige Bus, zur richtigen Zeit. Ich mag sowas =). Der Bus war schon toll. Definitiv nicht fuer Europaer konstruiert, musste ich beim Einsteigen schon den Kopf einziehen, fand mich zwischen ganz vielen Chinesen mit Kindern, Saecken und Kisten wieder und hatte mal wieder das Gaeste-Glueck: eine liebe Frau hat die letzte Reihe soweit zusammengerueckt, dass die Langnase sich noch setzen konnte. Manchmal sind sie echt herzallerliebst, die Chinesen. Eine halbe Stunde spaeter sind wir zwar noch nicht losgefahren (Suedostasien halt), aber im Bus wurden jetzt fleissig Plaetze getauscht. Reise nach Jerusalem, und meine Sitzplatzorganisierungsfrau hat mich neu platziert: Eine Reihe weiter vorne, Fensterplatz. Beine-brech-und-zusammenfalt-Fensterplatz. Jede Billigairline-Chartermaschiene in der Economy ist dagegen erste Klasse in Sachen Beinfreiheit. Nein, ich habe es mir nicht anmerken lassen. Ich mag mit Chinesen reisen, also ist es auch mein Problem dass die Chinesenreisetransportmittel nicht ganz passen. Ein wenig (okay, ein vielwenig mehr) verdutzt habe ich das Maedel rechts von mir dann angestarrt, als ich wirklich sie ein „we can change seats, so you can stretch your legs!“ sagen hoeren habe. Ich habe erst gedacht mich verhoert zu haben, war dann aber doch froh, im Flur ein wenig Platz fuer meine Beine zu finden. Nicht allzuviel, denn die Verlierer des Reise-nach-Jerusalem-Spielchens, und alle die spaeter kamen, sitzen inzwischen auf kleinen Plastikhockern, die verdammt nach umgedrehten Papierkoerben aussehen. Natuerlich im Mittelgang. Wenn da niemand sitzen wuerde, waere ja Platz verschenkt.
Die Fahrt war so, wie ich mir das schon lange erhofft habe: ich holper in ner chinesischen Klapperkiste bei eingeklemmten Beinen ueber eine staubige Buckelpiste mitten im Nirgendwo, im Mittelgang sitzen Leute herum, Kinder quaengeln, durchs Fenster weht mir der Fahrtwind ins Gesicht und von Guide-Faehnchen ist weit und breit nichts zu sehen. Und: es war nicht nur so wie ich es mir schon lange erhofft habe, es war wesentlich besser: ich hatte jemanden zum Reden neben mir, ich habe klassische chinesische Lieder vorgesungen bekommen und so manch chinesisches Gedicht gehoert. In original, und in Uebersetzung. So hat es mich auch garnicht gestoert, dass die Fahrt nicht die vermutete Stunde, sondern ueber eineinhalb gedauert hat. Kaninchen rennen eben doch gegen Baeume, und das die letzte Zeit sogar relativ haeufig.
Konfuzius soll uebrigens sagen, dass wenn freundliche Menschen von weit her zu Besuch kommen, man sie wilkommen heissen und als Freunde sehen soll, weil das einen selbst und die Gaeste gluecklich macht. So zumindest habe ich das kurz vor Yangmei zuerst auf chinesisch und dann in zugegebenermassen etwas holprigem englisch gehoert. Mag sein, dass da so manches in der Uebersetzung jetzt verloren ging, aber recht geben wuerde ich ihm trotzdem. Meine neue Bekanntschaft wohl auch, und so hatte ich selbst tatsaechlich einen Guide durch Yangmei. Und noch mehr chinesische Poesie zum nachsprechen mit ordentlichem Zungenbrecher-Faktor. Offensichtlich sehr zur Erheiterung meiner Begleitung.
Ja, Yangmei ist superschoen. Das China aus den Bilderbuechern. Ohne Disneyland-Faktor. Mit Kuehen, Huehnern und Ochsenkarren. Und ganzganz vielen lieben Menschen, die mich alle ganz fasziniert anstarren mussten. Laut meinem „Guide“ verirrt sich hierher so gut wie nie bis garnie ne Langnase, und die meisten der Dorfbewohner kennen Westler wohl bisher nur aus dem Fernsehen. Ich persoenlich glaube, dass das perfekt chinesisch sprechende Maedel mit der eineinhalb Koepfe groesseren Langnase im Schlepptau die eigentliche Sensation war, aber eigentlich ist es ja auch egal. So oder so, ich (wir?) wurden von den ueber das ganze Dorf verteilten geschaetzten dreissig chinesischen Touristen bestimmt fuenfzig mal fotografiert, so spannend muss ich gewesen sein. Ganz abgesehen davon, dass ich nun auch Teil des chinesischen Ausflugs-und-Urlaubs-Foto-Ritus geworden bin. Auf chinesischen Urlaubsfotos sind zu 90% Personen in Posen zu sehen. Nein, das ist jetzt kein Vorurteil mehr. Ich kenne einen chinesischen Fotoapparat, der das beweist. Mit vielenvielen Bildern, die ich von nem Chinesenmaedel machen musste, vielen Bildern auf denen ich unbedingt fuer ein Foto posen musste und erstaunlich viele, auf denen wir gemeinsam zu sehen sind, fotografiert von freundlichen Fremden. Wenn ich das gewusst haette, haette ich mir am morgen vielleicht doch den Dreitagebart abrasiert =D.
87395_originalWenn ich gerade bei den neu bestaetigten Vorurteilen bin: Chinesen machen wirklich sehr effizient Urlaub. Auf der Uebersichtskarte fuer die einzelnen Sehenswuerdigkeiten wird verglichen und gedanklich abgehakt, man muss alles einmal gesehen haben. Sich in einem Dorf zu verlaufen und daraufhin auf gut Glueck durch ein paar Gassen zu stoebern ist fast undenkbar. Auf den Vorschlag sich kurz hinzustezen und auszuruhen sind wir gefuehlte zwei Minuten gesessen, bevor es weiter ging, schlisslich koennte ja was weglaufen. Das Essen zum Beispiel, fuer das muss am Schluss genug Zeit bleiben. Okay, im konkreten Fall haben uns quasi auf einen Mittelweg geeinigt. International vertraeglich. Mit verlaufen, ohne herumsitzen, nichts auslassen und ohne Essen.
Achja, die Konfuzius-Uebersetzung aus dem Bus kann nicht allzuweit daneben liegen. Zumindest wurde ich am konfuzianischen Tempel schon von weiten gegruesst, angelaechelt und beinahe behandelt wie Heiliger. Ich wurde foermlich eingeladen einzutreten, der … aehm… Konfuzianer ??? … Ich nenn ihn mal einfach „der Templemann“ hat gestrahlt ueber das ganze Gesicht als ich nur hereingekommen bin, und sich gefreut wie Honigkuchenpferd nachdem ich unter Anweisung und zusammen mit meiner Begleitung einmal rituell Raeucherstaebchen angezuendet, mich verneigt und die Raeucherstaebchen in der Mitte vom Raum in das Raecherstaebchenhaltedingens gesteckt habe. Der ziemlich nette Mann hat es sich auch nicht nehmen lassen, uns an der Tuer so lange strahlend hinterherzuwinken, bis er uns nicht mehr gesehen hat.
87135_originalJa, Yangmei ist wirklich einfach herrlich. Viele alte Haeuser, klein und fein, keine gefliesten Neubauten oder Hochhaeuser. Ein Fluss mit gruenem Ufer, keine Mauern die links und rechts das Wasser zu Strasse hin begrenzen. Ochsenkarren statt Taxen, Fahrraeder statt Elektroroller. Und, ganz ehrlich: zu zweit statt alleine.
Ein wenig schade war es, so frueh wieder gehen zu muessen. Entgegen der Behauptung im lieben Guidebook faehrt der letzte Bus schon um halb fuenf, nicht um sechs zurueck nach Nanning. Waehrend mein „Guide“ aus Nanning wusste, dass man in Yangmei auch n Zimmer finden und ne Nacht bleiben kann, war ich nur mit leichtem Gepaeck unterwegs. Also machte ich gegen halb fuenf auf zum Bus, zurueck in die Stadt mit dem Jahrmarktfeeling. Ich kam offensichtlich bei der Bushaltestelle an nachdem das Reise-nach-Jerusalem-Spiel gespielt wurde, aber auf einem umgedrehten Papierkorb im Mittelgang eines klappernden Busses nach Nanning zurueck zu holpern ist definitiv keine unpassende Reisemethode.

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