verschollen in Hanoi

 

Heute faellt es mir reichlich schwer, meine Gedanken irgendwie zu sortieren. Ich ging innerhalb von zwoelf Stunden komplett verloren, war reichlich hilflos (wenn nicht sogar verzweifelt), habe mich so halbwegs wieder orientiert und dabei aber mein Ziel bzw. Plan verloren. An sich eigentlich verwunderlich, so heftig ist mir das noch nie passiert…

Ich sollte versuchen vorne mit der Geschichte anzufangen, also zurueck nach Nanning. Gestern Nachmittag: Nach dem auschecken und Gepaeck einlagern an der Rezeption bin ich mal wieder meinem Ritual nachgegangen: herumhaengen, spazieren und verabschieden. Mein Zug ging erst um 18:45, daher blieb dafuer trotz ausschlafen noch genuv Zeit. Also nochmals Dumplings essen, Chinesenmaedels ueber den Ruecken laufen lassen, im Park den Opis beim Kartenspielen zusehen. Ja, ich bin sogar einmal um mein erstes Hotel hier geschlichen. Ganz vorsichtig, nicht dass die mir netterweise meine „vergessenen“ Klamotten heraustragen =).

Ein wenig komisch ist das Gefuehl schon, es ist mein achtundzwanzigster Tag in China und irgendwie kann ich noch nicht so recht begreifen, dass ich in ein paar Stunden dieses so schraege Land wieder verlasse. Dabei ist mir (bis auf ein oder zwei Ausnahmen) kein einzelnes Teilstueck von diesem China das ich besucht habe so wirklich richtig ans Herz gewachsen, aber die Summe aus all den Eindruecken koennte mich gut dazu bewegen, laenger zu bleiben oder irgendwann nochmal herzukommen. Ja, es ist schade zu gehen. Wuerde mich mein Visum nicht daran hindern, wuerde ich wohl spontan umplanen und noch etwas im Sueden Chinas herumreisen. Die bunten yuang in meiner Tasche, alle mit Bild von Mao, sind irgendwie alltaeglich geworden. Die chinesischen Staedte haben zwar nichts mit dem zu tun, was ich urspruenglich erwartet haette, gehoeren aber inzwischen irgendwie zu meinem China-Bild dazu. Zumindest gehoeren sie genau so dazu wie die kleinen Doerfchen, die Disneyland-Touristenparks und all die Faehnchenverfolger. Alles in allem gibt das beinahe wieder ein yin&yang-Prinzip, aber das waere mir jetzt doch ein wenig zu philosophisch =). Ich habe China als Land noch nie sonderlich gemocht, muss ich zugeben. Ueber die Verhaltensweise des „politischen“ Chinas kann man denken wie man mag, mir persoenlich ist es irgendwie… naja, ich nenne es einigermassen vertraeglich einfach mal suspekt.
Die Chinesen an sich, also diejenigen, die man unterwegs so trifft, haben damit allerdings reichlich wenig gemein. China und die Chinesen, das sind zwei ganz unterschiedliche Dinge. Chinesen sind im grossen und ganzen sehr freundliche und nette Menschen. Schade ist nur ein wenig, dass ihnen die Politik so ziemlich egal ist. Wichtig ist Geld zu verdienen, schoen zu wohnen und eine glueckliche Familie zu gruenden. Soll China doch machen, was es will. Das war zumindest mein Eindruck. Aber an der Stelle werf ich jetzt doch direkt noch eine chinesische Redensart in den Raum: Das ist „wie den Himmel vom Grund eines Brunnens betrachtet“.
Naja, fuer mich gehts jetzt erstmal weiter nach Vietnam.
Auf meiner Fahrt nach Yangmei habe ich schon etwas gehoert, was ich zufaelligerweise erst heute in einem Buch ueber Zen-Buddhismus zufaellig wiederentdeckt und in ausgereifter Uebersetzung so halbwegs zu verstehen glaube: „Gestern, heute ist es so, wie es ist. Am Himmel geht die Sonne auf und der Mond unter. Vor dem Fenster ragt fern der Berg und fliesst der tiefe Fluss“. Ja, ich habe das sogar auf chinesisch gelernt, aber selbstverstaendlich wieder vergessen. Schade eigentlich.

Zurueck zum Bahnhof in Nanning. Mein Zug heisst nicht wie erwartet „T5“, sondern „T8701“. Ein kleines Detail, das mir bislang nicht aufgefallen ist. Es war nach wie vor ein chinesische Zug, der mich auch brav und ganz feudal per SoftSleeper in Richtung Vietnam gefahren hat. SoftSleeper ist dabei mal wieder eine ganz neue Erfahrung gewesen: mit rotem Teppich im Eingangsbereich, freundlichem Zugpersonal das sich aufmerksamst nach meinen Abendessen-Wuenschen erkundigt und sich darum kuemmert, dass das frisch gekocht bei mir im Abteil landet. Ein riesiger Waschbereich, bequeme Liegen und echt angenehmes Bettzeug. Moskitos gabs allerdings reichlich im Waggon, und der sonst ganz liebe Chinese, der sich mit mir das Vierbettabteil geteilt hat, hatte eine etwas komische Taktik dagegen: bei eingeschaltetem Licht die Abteiltuer aufmachen und versuchen, den anvisierten Blutsauger per Kopfkissen nach draussen in den dunklen Flur zu verjagen. Dass dabei aber drei neue Moskitos ins Abteil hereinkamen konnte ich dem Mann nicht so ganz begreiflich machen, also blieb die Tuer die meiste Zeit offen. Allzeit bereit Moskitos zu verjagen. Nunja, die Wege der Chinesen sind mir immernoch recht haeufig suspekt.
Der Grenzuebergang war dann auch wieder etwas merkwuerdig, zumindest anderst als bisher gewohnt. Aus China wird anderst ausgereist als aus Russland oder der Mongolei. Ich mag mich ja nicht beschweren, aber es war doch etwas unentspannter als gedacht: Nachdem wie gewohnt ein Trupp Zoellner die Paesse im Zug eingesammelt hat, wurde erstmal der Zug geraeumt. Waggon fuer Waggon musste aussteigen, denn hier gibts keine „Customs declaration“ im Zug. Also alle aussteigen, mit allem Gepaeck in das Gebaude nebenan laufen, scannen und ggf. durchsuchen lassen und warten, bis kontrolliert wurde ob irgendwer ausversehen etwas im Zug „vergessen“ hat. Waehrend ich solange etwas erstaunt in dieser bei Nacht gut beleuchteten Wartehalle mit offenen Tueren gegen Unmengen von Moskitos gekaempft habe, schien das Vorgehen fuer alle Chinesen und Vietnamesen im Zug nichts besonderes zu sein. Sie haben dankend die Plastikfaecher mit der Antimoskito-Werbung die verteilt wurden entgegengenommen und damit froehlich Moskitos verjagt. Danach gings geordnet zurueck in den Zug, die Paesse wurden wieder verteilt und es konnte nun losgehen nach Vietnam.
Andere Laender, andere Sitten? Definitiv. Auch hier, es war inzwischen grob zwoelf Uhr Nachts, durften wieder alle aussteigen. Der ganze Zug, aber diesesmal ohne Gepaeck. Was wir mitbringen, scheint den Vietnamesen reichlich egal zu sein, immerhin haben die Chinesen ja schon gruendlich durchsucht. Hier interessiert nur der Pass, den man an einem Schalter mit Glasscheibe und kleiner Durchreise abgeben muss. Voellig ungeordnet und ohne System werden so alle Paesse gesammelt, dann nach Farbe und Form (sprich: chinesische Paesse einen Stapel, vietnamesische Paesse einen Stapel und drei Auslaender-Passe separat) in den Nebenraum transportiert zum stempeln. Grob 15min spaeter kam dann ein Berg unsortierter Paesse aus dem Nebenraum zurueck, und unter den Wartenden ist nun Hektik ausgebrochen. Jeder moechte ganz vorne an diesem Schalter stehen, denn was jetzt passiert hatte ich zwar vermutet, aber nicht glauben koennen: Es wird Pass fuer Pass der Name vorgelesen, derjenige dem er gehoert draengelt sich vor, schiebt den ein und verschwinder wieder nach draussen. Irgendwie das Passfoto mit der Person oder so vergleichen ist wohl nicht vorgesehen, vermutlich fehlt die Zeit dazu. Immerhin draengelt sich jetzt ein kompletter Zug um einen knapp zwei Meter breiten Schalter. Als der liebe Vietnamese dann meinen Pass in der Hand hatte, habe ich ihn zum Glueck ueber die Koepfe der anderen direkt erkannt. Ein Pass mit dicken Pappdeckeln kann nur ein deutscher Reisepass sein, zumindest mit recht hoher Wahrscheinlichkeit. Und das war mein gutes Glueck, denn die vietnamesische Interpraetation meines Namens haette ich wohl auch ohne die Gerauschkulisse von den redenden, telefonierenden und Kinder beruhigenden Asiaten vor mir nicht verstehen koennen. Achja, ich stannd in der hintersten Reihe, auf der zweiten Stufe einer Treppe in den oberen Stock. Also war jetzt der Zeitpunkt gekommen, den Arm zu heben und nach vorne zu draengeln. Erstmal bin ich ueber einen Koffer gestolpert, den irgendwer in der Menge abgestellt hat. Ziemlich clever. Kaum hatte ich das Hinderniss ueberwunden, hat der liebe Grenzbeamte wohl aus Ungeduld meinen Pass dem erstbesten vor der Durchreiche gegeben, und er ist nurn von Hand zu Hand durch die Menge gewandert. Nein, keiner wusste so recht was er damit anfangen soll und hat ihn einfach weiter gegeben, waehrend ich innerlich dieses tolle System verfluchend hinterher durch die Menschenmasse geklettert bin. Ja, ich habe ihn dann eingeholt, ein Tausch gegen einen chinesischen Pass waere irgendwann wohl doch aufgefallen, ganz davon abgesehen dass mir mein Pass irgendwie doch lieber ist. Erleichtert bin ich zureuck in den Zug noch ein wenig schlafen, denn der feine Unterschied zwischen dem „T5“ und dem „T8701“ liegt in der Ankunftszeit: waehrend der eine bequem um kurz nach acht ankommt, hat mich der Atendant dieses Zuges schon kurz nach vier aus dem Bett geworfen. Ankunft in „Gia Lam“, einem Vorort-Bahnhof in Hanoi: fuenf Uhr morgens nach vietnamesischer, sechs Uhr morgens nach chinenesicher Zeit. Ja, auch wenn es geografisch vielleicht erstmal unlogisch klingt: von China kommend wird in Vietnam die Zeit wieder eine Stunde zureckgedreht.
However, es war fuenf Uhr morgens, es hat gewittert und geregnet, es war dunkel und ich hatte keine Ahnung, wo ich bin. Und ja, ich schimpfe gerne ueber Guidebooks, aber ich haette in dem Moment zu gerne eines fuer Vietnam gehabt. So steht man als spontaner Vietnam-Tourist erstmal im Regen, wird zwar von lieben Taxifahrern gruendlich umsorgt, hat aber weder eine Idee wie man an lokales Geld kommt, wie der Wechselkurs aussieht und wo man denn jetzt um ein Bettchen suchen sollte. Skeptisch wie ich in solchen Situationen irgendwie immer bin, habe ich die Taxifahrer alle dankend weitergeschickt. Die koennten mir ja das blaue vom Himmel luegen mit irgendwelchen Wechselkursen, Preisen und Guesthouses. Nein, zumindest muss ich erstmal an einer zuverlaessigen Stelle lokales Geld kaufen. Und weil es quasi noch mitten in der Nacht war, habe ich zumindest solange gewartet, bis die Sonne langsam aufging.

Ich haette mir einen angenehmeren Start in Vietnam vorstellen koennen, denn die Gegend um „Gia Lam“ scheint nicht gerade die belebteste, bzw. diejenige mit touristengerechtger Infrastrultur zu sein. So bin ich dann gegen halb sieben, es hat immernoch geregnet, langsam aufgebrochen. Zu Fuss, in die Richtung, in der ich das Zentrum vermutet habe. Zum Glueck hatte mich einer der Taxifahrer in seine Strassenkarte schauen lassen und mir erklaert wo er mich gerne hinfahren wuerde („weil da alle Touristen hinfahren“) und so hatte ich zumindest ne ganz grobe Idee. Aber offensichtlich keine, die gut genug war. Ich wusste, ich bin oestlich von einem Fluss, der diese Gegend vom Stadtzentrum trennt. Ich habe die Bruecke gefunden, die zur anderen Seite des Flusses fuehrt, allerdings nur fuer die Bahn und fuer Roller. Ja, das „keine Fussgaenger“-Verbotsschild hat mich tatsaechlich beeindruckt, dabei weiss ich noch nichtmal warum. Und so bin ich, verzweifelt und nass, wortwoertlich in das naechstbeste Hotel, habe per Papier und Kugelschreiber einen Preis in US-Dollar ausgehandelt und mich erstmal schlafen gelegt. Dass dieses Hotel „Sao Mai Hotel, Sauna & Massage“ oder so aehnlich heisst, etwas arg dubios ausschaut und in einer komischen Region liegt hat mich dabei nicht gestoert. Hauptsache eine abschliessbare Tuer, ein Bett und im trockenen.

Um zoelf Uhr sah Hanoi dann zwar anders, aber nicht viel besser aus. Der Regen hat nachgelassen, das war schonmal gut. Der einzig bruchstueckhaft englisch sprechende Mitarbeiter meiner Bleibe konnte die Frage nach dem naechsten Geldwechsler allerdings nicht verstehen, und so ging ich zu Fuss auf die Suche. Dank mangelndem Geld unfaehig den Taxi-Joker zu ziehen, eine Strassenkarte zu kaufen oder auch nur eine Flasche Wasser zu erwerben bin ich so dann durch die Oststadt von Hanoi gezogen. Ein bloedes Gefuehl. Selbst die lieben Transportdienstleister gibts am Bahnhof zu dieser Uhrzeit nicht mehr, dafuer gibt es wohl zu wenig Zuege, und warten wollte ich auch nicht. Im Grunde haetten sie jetzt leichtes Spiel mit mir gehabt, mein Wille ohne sie klar zu kommen war quasi schon gebrochen, aber es war einfach keiner von denen da. Inzwischen bin ich ein wenig froh darueber, denn Herausforderungen sind gut fuer den Charaktern oder so aehnlich. Ich habe es nach einer Phase der Verzweiflung geschafft eine Bank zu finden, die US-Dollar gegen vietnamesische Dongs wechselt und wurde so erstmal zum Multimillionaer. Mit 100 US-Dollar rein, und mit ueber zwei Millionen Dong wieder raus. Millionaer zu sein hebt die Stimmung, auch wenns effektiv nicht viel wert ist, und so konnte ich dann auch an einem Zeitungsstand eine vietnamesische Strassenkarte von Hanoi erwerben. Vietnamesen verstehen meine Pantomimen eindeutig besser als die Chinesen =). Geld und Karte in der Tasche gings mir schon ein Stueck besser, bleibt nur noch die Frage wie ich jetzt an eines der (wenn auch oft verfluchten trotzdem Gold werten) Guidebooks komme.
87685_originalAm besten erstmal da hin, wo mich der Taxifahrer am fruehen morgen hinfahren wollte: Das Backpacker-Zentrum oder so. Als erstes musste ich dann aber lernen, dass es ueber den Fluss keine Bruecke gibt, die fuer Fussgaenger erlaubt waere. Es gibt zwei davon: eine fuer Eisenbahn und Motorroller, und eine fuer Autos und Motorroller. Wer sich den Motorrollerverkehr in Hanoi auch nur so halb vorstellen kann, wird vermutlich verstehen dass man als Fussgaenger tagsueber nicht wagen wird, ueber diese kilometerlangen Bruecken zu spazieren. Das kaeme dem Begriff der Selbstverletzung schon ziemlich nahe. Nein, das haben sich die Stadtplaner Hanois ziemlich fein ausgedacht, also muss ich als Tourist tatsaechlich Taxi fahren. Taxifahrer sprechen auch hier kein englisch, aber so ne Karte in vietnamesisch hat doch eindeutig Vorteile. Lange Rede, kurzer Sinn: ich habe inzwischen Geld, weiss wo meine aktuelle Bleibe ist, konnte ein gebrauchtes (und tatsaechlich originales!) Gudiebook erstehen und fuehle mich nun ziemlich befreit. Gut, es regnet wieder, und ich habe Langeweile auf meinem Hotelzimmer, aber es koennte alles viel schlimmer sein.
Achja, Hotel: ich bin mir ziemlich unschluessig. Die Hotelleute sind hier superfreundlich, es ist schoen ruhig, der Preis ist fuer das Zimmer der Wahnsinn, so wirklich dubios scheint hier ausser dem Namen nichts zu sein und ich bin mir nicht sicher, ob ich bleiben oder umziehen soll. Gut, ich bin vermutlich wieder die erste Langnase die hier aufschlaegt. Zumindest werde ich wieder hoeflichst umsorgt, bekomme Besuch der sich erkundigtg ob alles okay ist und funktioniert, mir Handtuecher, Shampoo, Zahnbureste und sonstigen Kleinkram bringt, nochmal sichergeht dass ich aus weiss wie man die Tuer von innen verschliesst und versucht mit mir ueber meine Reise zu reden. Alles verdammt nett, verdammt vietnamesisch und im Gegensatz zu den Backpacker-Unterkuenften im OldTown verdammt echt, aber eben auch wieder verdammt unkommunikativ. Das wird noch ne schwere Entscheidung morgen frueh.
Unabhaengig von der Unterkunftsfrage werde ich vermutlich nicht lange in Hanoi bleiben. Der Wetterbericht sagt nichts gutes, und ich bin am ueberlegen direkt ganz in den Sueden zu fahren, und von dort aus gen Norden zu reisen. Meinm Plan, in aller Ruhe vom Norden Vietnams gen Sueden zu ziehen, ist schlagartig irgendwie nichts mehr wert. Warum auch immer, vielleicht Stimmungsschwankungen =). Mal sehen, das wird sich sicherlich morgen zeigen.

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