Reunification Express

 

Tja, ein vietnamesischer Zug kann noch so nen spannenden Namen haben, unterm Strich bleibts einfach, was es ist: Ein Zug von Hanoi nach Saigon. Ja, richtig, Saigon. Zumindest der zentrale Bezirk von Ho Chi Minh City mit dem Bahnhof heisst auch offiziell noch Saigon.
Ich habe gehoert, dass das Boarding eines Zuges in Vietnam reichlich umstaendlich sein soll, dabei ist es, zumindest verglichen mit dem chinesischen, herzlich einfach. Ja, es gibt auch hier die Wartehalle, ein Gate und die Ticketkontrolle. Auch hier darf man nicht an den Gleisen herumlungern. Das ist alles noch relativ chinesisch. Es fehlt aber jeglicher Securitycheck, und so waere es theoretisch zumindest niemandem aufgefallen enn sich in meinem Seesack kein Rucksack sondern riesige Macheten verstecken wuerden, ganz zu schweigen von einem stumpfen kleinen Messer.
Achja, irgendwie ist es stressfreier und einfacher.

Seit gestern abend bin ich nun unterwegs in diesem Reunification Express, im HardSleeper. SoftSleeper ist was fuer Weicheier, ich quaele mich mal wieder lieber mit mangelnder Bewegungsfreiheit und nem fuer den Namen zwar immerhin gepolsterten, aber trotzdem irgendwie unbequemen Bett fuer Leute in vietnamesischen Abmessungen herum.
Ein Zug eben. Ich eben.
Mein Sechsbett-Abteil, hier sogar mit abschliessbarer Tuere zum Flur, teile ich mit ner aelteren Vietnamesenfrau und einem juengeren Vietnamesenmann, der meine FlipFlops super praktisch findet. Zumindest ist er des oefteren mit denen im Zug unterwegs. Ich mag Leute, die wenig Beruehrungsaengste gegenueber Touristen haben, und so ist das durchaus okay fuer mich.
Ansonsten halten sich die Beruehrungspunkte schwer in Grenzen, und ich bin froh um etwas Gesellschaft auf dem Flur in Form eines Englaenders aus dem Nachbarabteil. Aber das wichtigste: ich bin unterwegs. Es tut gut, in einem schaukelnden Zug zu sitzen, herumzuhaengen, zu schlafen. Die Landschaft zieht recht monoton und reichlich gemaechlich am Fenster vorbei, und keiner will etwas von einem. Ich habe mir ueberlegt, an welcher Stelle ich eigentlich die letzte grosse Veraenderung der Landschft verpasst habe: noch vor kurzem war ich so froh, eine Palme unter einem Werbeschild fuer Fastfood in Xiamen zu sehen, waehrend es jetzt hier unendliche Waelder voller Palmen gibt. Palmen, Bambus und Reisfelder dominieren inzwischen das Bild hinter dem Zugfenster, dort wo vor gar nicht allzu langer Zeit noch Birken in tiefem Schnee standen. Ich glaube die letzte Veraenderung muss irgendwo bei Nacht ziemlich ploetzlich zwischen China und Vietnam passiert sein, zumindest waere es mir anderswo bewusster aufgefallen. Dort hat sie sich bestimmt getarnt zwischen Aengsten um den Pass an der Grenze und dem Chaos bei der Ankunft in Hanoi.
Der Unterschied des Wetters zwischen Hanoi und Zentral-Vietnam ist dagegen recht deutlich: weniger Wolken, weniger Regen und waermer. Ich freue mich schon auf Saigon, auch wenn das ein kleines Ende einer Etappe darstellt: Weiter gehts per Zug nicht. Die Bahnschienen, die bei mir zuhause vor der Haustuere angefangen haben, hoeren in Saigon auf. Weder Kambodscha noch Laos hat Passagierzuege, und so wirds wohl nur per Gummireifen auf Buckelpisten weiter gehen. Aber das ist noch Zukunft, erstmal gehts nach Ho Chi Minh City.

 

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