Eine Winkekatze geht auf grosse Seereise.

 

Es gibt so manche Tage, an denen man sich sammeln und neu organisieren muss. Heute war definitiv einer von denen: Nachdem ich mich mit meiner wieder Zugbekanntschaft gemeinsam auf die Suche nach einer Bleibe gemacht habe (ja, mir kommts auch bekannt vor: mit den Englaendern aus Zuegen versteh ich mich irgendwie blendend), sind wir in einem kleinen Hotel in „Pham Ngu Lao“ gelandet. Mal wieder Backpackerghetto, ziemlich heftig sogar und wohl im weltweiten Ranking irgendwo kurz vor Bangkoks lieber Khao San anzusiedeln. Die Preise fuer Bleiben sind relativ einfach und relativ gleich ueberall: 10 Dollar fuer ein Zimmer, 15 Dollar fuer ein Zimmer mit Balkon. Die Mehrbettzimmerbuden sind preislich zumindest herzlich uninteressant. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe meinen Rucksack in einem einfachen Einzelzimmer erstmal komplett entmistet und dabei irgendwann ein ziemlich schweres Buendel Buecher, darunter auch die bisherigen lieben Guidebooks in der Hand gehabt. Nein, die weiter herumzuschleppen macht wenig Freude, aber sie zu entsorgen oder zu verkaufen habe ich doch auch nicht uebers Herz gebracht. Seit meiner Indien-Reise steh ich auf gebrauchte Guidebooks, und wer weiss ob irgendwer (oder gar ich selbst) mal eins von meinen brauchen koennte. Also was tun? Erstmal in den Daypack verfrachten und mitnehmen. Klingt unlogisch, aber ich hatte mir spontan vorgenommen einfach ein Paket an mich selbst zuhause zu senden. Schoen langsam auf nem Containerschiff, dass es auch ja erst ankommt wenn ich wieder daheim bin. Und weil ich neben den Buechern auch ne ziemlich sperrige (und nebenbei auch ziemlich kitschige) Winkekatze in meinem Rucksack gefunden habe, soll die solange auf meine Buecher aufpassen.
Pakete in Vietnam verschicken ist ne recht spassige Angelegenheit: man kann, wenn man keine passende Schachtel auftreiben kann, einfach mit dem ganzen Plunder aufs Postamt und es dem lieben Mann auf den Tresen packen. Waehrend man dann ins erste Formular eine Inventurliste eintragen muss, findet er ein passendes Paket und packt alles schoen saeuberlich fuer einen ein. Danach brauchts dann nur noch zwei weitere Formulare, eins fuer den Zoll und eins als Adressaufkleber, waehrend nun das ganze Paket mit Klebeband eingewickelt wird. Nein, nicht einen Streifen Klebeband oben, einen unten und einen quer… keine Pappstelle darf unbedeckt bleiben. Hektik kommt beim Formulare ausfuellen jedenfalls keine auf =)
Und nun, so hoffe ich, geht meine Winkekatze auf Reisen. Drei Monate soll sie laut vietnamesischer Post unterwegs sein, bis sie bei mir zuhause hoffentlich gesund und munter in einer mit Klebeband eingewickelten Pappschachtel bis an die Haustuere und sogar ueber die Tuerschwelle getragen wird. Ja, meine Souveniers scheinen tatsaechlich luxurioeser zu reisen als ich selbst. Ich sollte mir da eventuell mal Gedanken drueber machen.
Was macht man sonst noch, wenn man neu in einer Stadt ankommt, ausser Pakte zu verschicken? Ganz logisch: auf die Laotische Botschaft hetzen, Visum beantragen, eine Speicherkarte fuer die Kamera kaufen und endlich mal neue T-Shirts besorgen um die alten Fetzen mal ein wenig ausmisten zu koennen. Was auch sonst? Ganz spannende Geschichten eben =)
Und weils so schoen zum Tag passt, kann man dann abends auch gleich noch ne Tour durch die „Reisebueros“ des Backpackerghettos starten, um Ideen fuer die Weiterreise zu sammeln. Sammeln ist dabei genau das richtige Wort, denn nach einer halben Stunde hatte ich einen Berg Papier in der Hand, aber immernoch keine Ideen. Die Leute hier sind irgendwie auf die Idee gekommen, dass es doch irgendwie unspassig ist jeden Tag das selbe erzaehlen und erklaeren zu muessen, also verteilen sie alles in Textform auf A4-Blaettern. Servicewueste Tour-Group-Business eben =).
Naja, demnach war eben erstmal lesen der Plan, aber wie so oft, vorallem wenn mein Plan das ungestoerte herumsitzen auf einer Parkbank fuer laenger als fuenf Minuten beinhaltet, kommt irgendwas dazwischen. Zwei Studenten zum Beispiel, Dan und Bach. Ich weiss mal wieder nicht mehr, was mich so unvorsichtig werden lassen hat, aber einmal mehr habe ich mich naiv auf ein Gespraech eingelassen, „englisch ueben“ eben. Es war an sich ganz nett, die beiden wirkten jeder fuer sich noch viel naiver als ich, und so habe ich denen locker abgekauft, dass sie das erste mal in diesem Park unterwegs sind. Ein wenig schraeg wurde es, als eine aeltere Frau auf einem Motorroller daher kam und zuerst mit den beiden Jungs geredet und sich anschliessend zu uns gesetzt hat. Wir sassen auf einer kleinen Mauer, direkt links und rechts von mir die beiden Studenten, links die aeltere Frau, die nach ein paar Minuten nochmal mit ihrem Motorroller verschunden ist und in der Naehe eine Freundin eingesammelt hat, die nun ganz links aussen sass. Was die beiden da wollten, habe ich im ersten Moment nicht verstanden. Dan, der Student links von mir hat auf Ihr Bitten hin gefragt, ob es okay fuer mich ist wenn die beiden da sitzen und ich war erstmal, es war ja nichts boeses zu erkennen, damit einverstanden. Es ging eine ganze Weile so, ich habe mit den zwei Studenten auf englisch ueber ihre Uni und mein Zuhause geredet, und manchmal hat sich einer von den beiden mit der aelteren Frau vietnamesisch unterhalten. Aber irgendwann hat sich die Frau vor mir auf den Boden gesetzt, die Ellbogen auf meinem Knie abgestuetzt und mich nicht nur wie bisher pausenlos angestarrt, sondern mich regelrecht angehimmelt. Ja, es war im Grunde nur eine aeltere Frau, aber ein wenig Angst machen kann einem soetwas schon. Sie hat das offensichtlich gemerkt, und hat ploetzlich angefangen zu reden. Englisch. Mit amerikanischem Akzent irgendwie, aber ansonsten Astrein. Ich war ziemlich ueberrascht. Ja, sie spreche englisch, aber sie wollte die beiden Studenten damit nicht ueberrumpeln. Und es taete ihr ein leid mich erschrocken zu haben, aber ich wuerde sie so sehr an jemanden erinnern. Waehrenddessen hat Dan fuer sie Platz gemacht und die Frau setzte sich nun neben mich und fing an, ihre Geschichte zu erzaehlen: Als sie noch jung war, sechzehn um genau zu sein, arbeitete ihre Schwester, damals neunzehn, in der Bar ihrer Eltern. Die Bar war eigentlich ausschliesslich von amerikanischen Soldaten besucht, und irgendwann hat sich die grosse Schwester in einen amerikanischen Piloten verliebt. Die Frau neben mir war sich volkommen sicher, dass es ein nach Amerika ausgewanderter Deutscher war, und sie war sich sicher dass er den gleichen deutschen Akzent in seinem Englisch hatte wie ich. An der Stelle glaube ich, dass sie irgendetwas durcheinander gebracht hat im laufe der Zeit, aber was solls. Jedenfalls war die Mutter strikt dagegen, dass ihre Tochter einen Amerikaner heiratet. Ein Vietnamese musste es sein. Und so wurde aus der vietnamesisch-amerikanischen Romanze nichts, und die aeltere Schwester ist heute ziemlich ungluecklich mit einem Vietnamesen verheiratet. Die aeltere Frau, die heute neben mir sitzt, war damals noch zu jung fuer solche Dinge, war wohl aber insgeheim schwer begeistert von der Liebschaft ihrer grossen Schwester. Naja, und heute sitze ich eben in einem Park, rede wohl genau gleich wie der Typ damals, sehe ihm wohl verdammt aehnlich und die Frau neben mir schwelgt in Erinnerungen an frueher. „Frueher, im Krieg, als die Amerikaner noch da waren, und zumindest in Suedvietnam vieles besser war“ wie sie sagt. Nein, heute sei sie verheiratet, habe zwei Soehne und alles sei bestens. Ich solle nicht denken, dass sie irgendwelche schraegen Absichten hat, sie sei jetzt nur gerne in meiner Naehe, weil ich die Erinnerungen an frueher wieder in ihr Gedaechtniss hole.
Damit war das erstmal okay fuer mich, und die Frau hat so langsam das Thema gewechselt. Die hat aus meinem Gespraech mit den beiden Studenten gehoert, dass es mein erster Tag in Saigon und meine erste Reise nach Vietnam ist. Und obwohl sie die Komplimente auch nicht bleiben lassen konnte, hat sie mich ziemlich deutlich gewarnt vor den Vietnamesenmaedels. Vorallem in Phnam Ngu Lao, aber auch so ziemlich ueberall sonst in Vietnam. Naja, um ehrlich zu sein: dass die Vietnamesenmaedels die hier in den Bars herumhaengen alles Professionelle sind, sieht man auf den ersten Blick. Dass die, die einen hier auf der Strasse ansprechen keine freundschaftliche Bekanntschaft ohne Verbindlichkeiten im Sinn haben, sollte man auch erkennen koennen. Dass einen Motortaxifahrer gerne abzocken oder statt ans gewuenschte Ziel zu einer „Mazza“ (die hier gaengige Aussprache der Motortaxifahrer fuer „Massage“, wobei es bei angesteuerten „Spa“-Buden hoechst vermutlichst nicht vorrangig ums Massieren geht) fahren, auch das merkt man recht schnell. Ja, Ho Chi Minh City ist eine schlimme Stadt. Zumindest hier im Backpackerghetto sammelt sich ziemlich uebles Gesindel, mitsamt der passenden Kundschaft dazu… aber das ist ein anderes Thema.
Zurueck zu „Rose“, der Name der aelteren Frau wie sie mir inzwischen erzaehlt hat. Sie hat zwar auch einen vietnamesischen, aber sie besteht bei mir auf Rose, den Namen den Ihr die Amerikanischen Soldaten vor vielen Jahren gegeben haben. Weils schon so spaet und wir alle ein wenig muede waren, fragt sie mich ob ich nicht Lust haette morgen mit Ihr ein wenig auf dem Motorroller durch die Stadt zu fahren, ein wenig in einem Park mit weniger boesen Menschen und mehr echten Vietnamesen sitzen, ein wenig reden und in Erinnerungen schwelgen. Sie wuerde mich abholen und auch wieder herbringen, das sei kein Problem. Noch nicht ganz sicher was ich zu diesem Angebot sagen soll (sprich: wie ich am besten ohne nen vietnamesischen Gesischtsverlust zu riskieren aus der Geschichte wieder herauskomme), melden sich ploetzlich die zwei Studenten wieder zu Wort. Sie moechten auch mitkommen, denn sie moegen mich und wuerden gerne ein wenig Zeit mit mir verbringen.
Fein, ein vierer-Ausflug: Die Tante mit ihren drei Neffen macht nen Ausflug. Auf sowas haette ich mich direkt einlassen koennen, und die zwei Studenten machen direkt Plaene: zuerst wollen sie mir ihre Uni zeigen (oder sie wollten ihrer Uni den neuen Langnasenfreund zeigen…), und dann mit mir zu nem Park in der Naehe vom Haus von Rose fahren, wo sie dann hinzukommen kann.
Ja, das klingt nach Plan. Ich mache morgen einen schraegen deutsch-vietnamesischen Familienausflug, zuerst in die Uni und dann in irgendeinen Park.
Nein, eigentlich sollte ich das nicht tun. Dazu war die Begegnung zu schraeg und zu planbar (zumindest wenn feur denjenigen der boese Plaene ausheckt die Langnase ein Platzhalter im Plan ist, der halt von einer beliebigen Person besetzt wird die zur falschen Zeit am flaschen Ort vorbeikommt), aber ich habe zugesagt. Morgen frueh um neun meinen Pass im Laotischen Konsulat abholen, dann zurueck ins Hotel hetzen und alles von Wert einschliessen, um mich um zehn mit zwei Studenten zu treffen, die ich an einem boesen Ort kennengelernt habe. Kann spannend werden.

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