Ein Tag mit der Hobby-Partnervermittlerin

 

Heute morgen war ich mir immer noch nicht so sicher ueber meine neue Bekanntschaft und was der Tag so bringen mag, aber nachdem ich um zehn abgehetzt nach einer kleinen zu-Fuss-in-Saigon-verloregegangen-Aktion an dem vereinbarten Treffpunkt, der Bushaltestelle unweit von meinem Hotel war, war ich erstmal alleine. Nicht schlecht dachte ich, so bleibt noch Zeit Wasser zu kaufen und den Pass wegzusperren ohne ne komische Ausrede finden zu muessen. Kaum wollte ich gen Hotel aufbrechen hat mich allerdings ein Motorroller aufgehalten. Darauf eine Vietnamesenfrau, wie hier tagsueber ueblich mit hautfarbenen Handschuhen, langen Aermeln, Atemschutzmaske, Helm und Sonnenbrille kaum erkenntlich, aber die Falten zwischen Sonnenbrille und Atemschutzmaske haben eindeutig fuer Rose gesprochen. Sie war es wohl auch, denn sie hat mir erklaert dass Dan und Bach, die beiden Studenten, leider keine Zeit haben und doch nicht kommen koennen. Aber falls ich moechte koennte ich mit ihr mitkommen und zu dem Park fahren, den die beiden mir zeigen wollten. Aber wirklich nur wenn ich Ihr vertraue und Lust habe.
Gut, die Frage aller Fragen mal wieder, die die man sich so oft stellen muss wenn man in fremden Laendern unterwegs ist: Vertrauen oder nicht, langweilen oder Risiko, Naiv oder Vernuenftig. Und mal wieder habe ich die Naive Variante gewaehlt, denn Kriegserinnerungen als „schoene Erinnerungen“ sind irgendwie erstmal so schraeg, dass sie einen regelrecht faszinieren koennen. Also bin ich (nachdem ich aber vorsichtshalber mal alles ausser etwas Kleingeld und Zigaretten im Hotel weggesperrt habe) auf den Motorroller von Rose gesessen und wurde ohne jegliche Orientierung quer durch Ho Chi Minh City gefahren. Es war ziemlich weit, zumindest meine Gefuehl nach war es beinahe eine halbe Stunde aus dem Zentrum raus, und ich war mir immernoch nicht ganz so sicher, was dieser Tag wohl so bringen wird. Unterwegs gesteht mir Rose erstmal zwischen Strassenlaerm und Fahrtwind, dass sie mich ein wenig angeschwindelt hat. Dan und Bach haetten zwar theoretisch Zeit gehabt, aber gestern Abend nachdem ich gegangen war sind den beiden Zweifel gekommen. Sie haben schlichtweg Angst vor mir, Angst den einen guten Kopf groesseren und einenhalb mal so breiten Auslaender womoeglich an irgeneinem Platz bei sich zu haben, wo sie allein mit Ihm waeren. Ich weiss ja nicht, was ich zwei vietnamesischen Studenten klauen wollen wuerde oder was ich ihnen antun sollen koennte, aber irgendwie verstehe ich die beiden. Sie waren zum ersten mal auf der Suche nach Touristen zum englisch sprechen und sind dabei in einem Park gelandet in dem gut fuenfzigjaehrige weisse Maenner mit knapp ueber zwanzigjaehrigen vietnamesischen Maedels herumturteln, Motortaxifahrer Drogen verkaufen, Kambodschanische Kinder betteln geschickt werden und Prostituierte am Strassenrand nach Kundschaft ausschau halten. Und genau da sammeln die einen Auslaender auf der womeoglich (ich glaube es ja kaum, aber so manch Vietnamese wohl schon) beide auf einen Streich umhauen koennte, und genau den wollten die beiden einen Tag lang herumfuehren. Ja, ich muss sagen die beiden machen das, ganz im Gegensatz zu mir, komplett richtig und vernuenftig. Vielleicht waren sie mit Ihrer Erkenntniss ein wenig spaet dran, aber immerhin hatten sie sie. Andersherum hatte ich zwar auch irgendwie Angst wo die mich wohl hinfahren, immerhin kann auf so einem Ausflug (vorallem wenn man bedenkt dass ich die beiden an keinem anderen Ort kennengelernt habe als die mich) so einiges passieren, wo mir mein ein-Kopf-groesser-und-vielleicht-ein-weinig-staerker gar nichts hilft, aber habe mich naiv darauf eingelassen. Schande ueber mich.
Aber zu spaet, eine Vietnamesin wohl gut ueber fuenfzig faehrt mich auf ihrem Motorroller durch eine Stadt die ich nicht kenne und erkundigt sich neugierig nach meinem Familienstand und meiner Familie. Gehen hier komische Dinge vor sich? Erstmal habe ich das Gespraech ein wenig abgewuergt, der Laerm auf dem Motorroller war mir einfach zu stressig.
Im Park angekommen, wie vietnamesischer Ausfluegler ohne alles ausser ein wenig Kleingeld in der Tasche und auf einem Motorroller, zaubert die liebe Frau erst mal eine grosse Flasche Wasser hervor. Eine Flasche, fuer uns beide wie sie meint. Ich habe wenig Probleme damit, Flaschen zu teilen wenn ich die Leute kenne, aber offensichtlich war die Flasche nicht mal original sondern mit Leitungswasser gefuellt. So habe ich die Flasche entgegengenommen, habe als erster einen Schluck daraus genommen, festgestellt dass es komisch schmeckt und dann die Frau trinken lassen. Ich habe das Wasser unbemerkt in den naechsten Busch gespuckt, irgendwo muss man mit der Vorsicht ja mal anfangen. Nunja, das wars dann erstmal mit trinken. Rotzfrech ne andere Flasche zu kaufen habe ich nach diesem Angebot nicht uebers Herz gebracht, und so wurde die Zeit im Park bei Sonnenschein erstmal durstig.
Was machen Vietnamesen sonst noch gerne? Klar, weit weg von China bin ich noch nicht, zumindest kulturell, und so brauchts Fotos. Mit sich selbst drauf. In diesem Fall mit uns beiden drauf, fotografiert von einem dieser herumlungernden Fotografen und innerhalb eineinhalb Stunden ausgedruckt und so. Wenn schon vietnamesisch Ausflugen, dann richtig.
Rose ist irgendwann auf einer Parkbank wieder in ihre Erinnerungen versunken und hat mir ihr halbes Leben erzaehlt. Angefangen hat es wieder bei ihrer Schwester und der nicht stattgefundenen Hochzeit mit dem Amerikaner. „Wenn meine Schwester den geheiratet haette, wuerde meine ganze Familie jetzt in Amerika leben“ meint sie ein wenig traurig. Schon hier kam so langsam zum Vorschein: Heiraten ist in Vietnam auch ein Geschaeft. Eins, in das zwei komplette Familien verwickelt sind und nicht nur zwei Personen, und vorallem eins, das sich unterm Strich ums Geld dreht. Heute sei Ihre Familie sehr ungluecklich. Ihre Schwester wird wohl seit kurz nach der Hochzeit von ihrem vietnamesischen Mann schlecht behandelt. Vor einigen Jahren ist sie dann der Spielsucht verfallen und hat es soweit getrieben, dass sie Haus und Land verzockt hat. Aus verzweiflung hat sich deren Tochter, wohl weil die geplante Hochzeit mit Ihrem Verlobten dadurch in Gefahr war, mit neunzehn erhaengt. Die zwei Soehne sind heute okay, haben geheiratet und ihnen gehts relativ gut, gehoeren aber immernoch zu „den armen“. Der Mann von Rose ist Alkoholiker und kommt eigentlich gar nicht mehr heim erzaehlt sie mir dann noch so beilaeufig, aber das sei auch ganz gut so, denn vietnamesische Maenner seien schlecht. Ihr wuerde es so wohl ganz gut gehen. Zumindest ist sie stolz auf Ihre beiden Soehne, einer davon Polizist und heiratet noch dieses Jahr eine Frau die am Flughafen arbeitet (hier ist das wohl sehr hoch angesehen, wenn man einen Job am Flughafen hat… Status ist eben auch hier alles), der andere ist mit seiner Frau nach Kanada ausgewandert und hat dort nen guten Job und ein schoenes Haus. Rose selbst besitzt ein kleines Haus in Ho Chi Minh City, und damit Ihre Schwester Ihr Geld nicht auch irgendwie verzocken kann, hat sie noch ein etwas groesseres Haus auf dem Land gekauft, das sie vermietet. Sie hat jetzt zwar kein Geld mehr, bekommt aber jeden Monat Miete von der sie leben kann, so meint sie. Ausserdem wuerde ihr Sohn aus Kanada ihr manchmal Geld schicken.
Und so langsam, ganz langsam schwenkte sie wieder in ihr Lieblingsthema: Vietnamesenmaedels. Und das heiraten. Vietnamesenmaenner seien ja so schlecht, behandeln ihre Frauen nicht gut und wuerden zu viel trinken, zuviel mit jungen Maedels herummachen und zuwenig zuhause sein. Westler seien da viel besser, glaubt sie zumindest und erzaehlt mir von einem Australier, dem sie eine Bekannte von Ihr vorgestellt hat. Die beiden seien sehr gluecklich in Australien. Noch. Ja, das „noch“ kam von Ihr. Wir waren uns ziemlich einig, dass sowas doch einfach zusammenzufassen ist: Der Westler heiratet eine Vietnamesin wegen dem Sex, die Vietnamesin heiratet den Westler wegen dem Geld. Ich nenne das schon Prostitution, Rose findet in sowas immernoch Liebe, aber das sei mal dahingestellt. Einig waren wir uns auch, dass selbst Vietnamesenmaedels irgendwann alt werden, und vielleicht irgendwann des Sex auch nicht mehr so dolle ist. Fuer Rose immernoch kein Problem, denn heiraten ist nichts anderes als Geschaefte mit Geld und Status machen: manche Paerchen lieben sich vielleicht trotzdem noch, und wenn nicht laesst man sich eben scheiden meint sie. Nein, wirklich verstanden haben wir uns nicht. Vielleicht war die liebe Kultur mal wieder im Weg, vielleicht auch nur eine frustrierte Frau, die in ihrer Freizeit gerne Kontakte vermittelt.
Achja, so wirklich sagen wollte sie mir nicht was sie den Tag ueber so normal tut, daher ist es nur Spekulation meinerseits. Aber sie kennst soviele Beispiele von Westlern, denen sie Frauen vorgestellt hat… Sie konnte es auch nicht lassen, mir so gaaaanz beilaeufig zu erzaehlen dass erst vor ein paar Tagen eine „Bekannte“ bei Ihr angerufen hat, aus den Bergregionen noerdlich von Hanoi, die sich erkundigt hat ob sie nicht jemanden kenne der Ihre wunderhuebsche Tochter heiraten wolle. Auch sonst hat sie mir in allen moeglichen Situationen so ganz beilaeufig erzaehlt, dass sie mir ein paar „gute Maedchen, keine von den bosen“ vorstellen koenne, wenn ich mag. Ich solle nur ja nicht auf die hereinfallen, die mich auf der Strasse ansprechen, die seien fast alle schlecht. Ja, sie vermittelt mit Sicherheit. Aber nicht mich. Wollte Sie auch irgendwie nicht. Sie wollte nur sicher gehen dass, falls ich je doch zum eine Frau finden nach Vietnam gekommen bin, nicht an eine boese gerate. Unaufdringlich. Und irgendwie witzig.

Nachdem unsere Bilder dann „entwickelt“ waren, konnten wir endlich diesen Park verlassen. Ein grausamer Ort finde ich, der sich „Dam Sen“ nennt. Disneyland auf Vietnamesisch, mit Zirkus, Achterbahn, Elefanten, kleine Zoo und Autscooter. Alles aus verdammt viel Plasitk. Das allerschlimste ist allerdings die anhaltende Laermbelaestigung: Ueberall spielt irgendwie Musik, dudelt irgendwas und selbst Mittags um zwoelf huepfen auf einer Buehne auf einer Insel im See fuenf vietnamesische Maedels in einer komischen Choerografie herum und singen uebel schraeg irgendwelche Pop-Songs. Publikum gibts tagsueber zwar effektiv keins, aber das stoert offensichtlich niemanden.

Was hat der Tag sonst noch gebracht? Wir waren Kaffee trinken und bei Ihr zuhause. Klingt alles ziemlich schraeg, war es aber nicht: das Cafe hat sie aufgesucht, damit der arme Westler ne Stunde unter einer Klimaanlage sitzen kann (ich war natuerlich uuuuunendlich dankbar dafuer…), und schlussendlich wollte sie mir einfach noch ihr Haus zeigen. Ich denke als Beweis dass ihre Geschichten wahr sind. Dass ich Rose glaube was sie sagt, ist ihr irgendwie extrem wichtig. Nachdem sie es sich nicht nehmen lassen hat, dem armen Bub noch was zu essen zu kochen (Rose wird immer mehr zur vietnamesischen Ersatz-Oma), hat sie mich zum Busbahnhof gefahren und mir erklaert welche Linie zurueck in die Naehe meines Hotels faehrt. Dass ich Bus fahre, darauf habe ich bestanden. Nach so einem schraegen Tag habe ich definitiv ein wenig Alleinsein gebraucht.

Achja, nachdem ich mit Rufus, dem Englaender aus dem Zug, am Abend spontan gemeinsam essen war und zurueck ins Hotel ging, grinst mir der Rezeptions-Typ schon von weitem entgegen. Als ich naeher komme, meint er „die alte Frau“ sei gerade da gewesen und habe nach mir gefragt. Ja, Rose kennt meine Bleibe aus meinem Gespraech mit den zwei Studenten gestern Abend. Schlitzohrige alte Vietnamesenfrau.
Klar, ich waer nicht ich, wenn ich sie nicht anrufen lassen haette. Manche Sachen will ich manchmal einfach wissen. Und so kam Rose zurueck, zusammen mit ihrer Freundin von gestern, und wir sassen wieder gemeinsam in dem Park mit den boesen Menschen und haben „Prostituiertenraetsel“ gespielt. Welche Frau kann man wohl kaufen, und welche nicht. Nein, so wirklich herausgefunden wer Recht hat haben wir nicht, denn die betroffene Person zu fragen waere wohl kaum sinnvoll gewesen. Die Freundin von Rose spricht selbst kein englisch, hat aber fleissig uebersetzen lassen. Neben ihrer Geschichte ueber eine jahrelange Beziehung zu einem „verdammt huebschen Inder“ (sorry, ich hab mir schwer getan das bildlich vor Augen zu bekommen) hat sie noch einen sehr tollen Spruch gebracht: „Es ist wie wenn Du ne Ente und ich ein Huhn waere. Eigentlich sind wir recht aehnlich und manchmal verstehe ich sogar ein einzelnes Wort das Du sagst, aber im Grunde koennen wir uns nie verstaendigen“. Klar, dass es in dem Moment auf die Sprache bezogen war, aber ich fands vorallem so toll weils eben doch auch auf die liebe Kultur passt. Ich, die Ente zu Besuch bei den Huehnern. Schoene Metapher.

Rose hat mich gebeten, sie morgen Abend spontan anzurufen wenn ich noch nichts vorhabe. Ich habe zwar mit einem „ja“ geantwortet, war mir aber in dem Moment schon reichlich sicher, dass ich es nicht tun werde. Irgendwann ist gut. Wenn ich noch laenger in Saigon waere… ja, dann wuerde ich sie sicherlich wiedersehen. Aber gleich morgen? Nein, uebertreiben braucht man es ja nicht. Und fuer uebermorgen habe ich geplant, diese so schraege Stadt zu verlassen. Ich hatte vor gar nicht allzuvielen Tagen geplant, den Mekong zu besuchen. Und genau das sollte ich so langsam mal tun.

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