Ups, ich bin immernoch da

 

Ja, immernoch Ho Chi Minh City. Ich habe den Absprung bislang einfach noch nicht geschafft. Die Stadt hat irgendwie nichts offensichtlich tolles, ich wohne in einer schlechten Gegend und habe keine Plaene. Trotzdem ist es eine der Staedte, aus denen ich nicht wirklich wegkomme. Mich wuerde mal eine psychologische Einschaetzung interessieren, was mich immer an solchen Orten festhaelt…

Gestern wollte ich mich eigentlich ein wenig mit „seeing places“ beschaeftigen, mal wieder voll und ganz Tourist sein und mich klischeegerecht von Sight zu Sight durch die Stadt hangeln oder zumindest irgendwie sowas in die Richtung, aber ich hatte zu wenig Ambitionen dazu.
Ich werde hier langsam eitel. Bei den ganzen Komplimenten die mir den ganzen Tag zugetragen werden eigentlich auch kaum ein Wunder. Naja, meistens beschraenkt es sich auf eine Beschreibung, wohl das Lieblings-Englisch-Wort aller Vietnamesinnen: „handsome“. Meistens bekomme ich das als „very handsome“ verbraten, und dabei spielt es keine Rolle ob ich mit zwei Maedels in Mai Chao ein Mittagessen teile, eine gut fuenfzigjaehrige in einem Park treffe, einer Bauchlade-Buchverkauferin auf der Strasse begegne, in einem Cafe sitze oder im Hotel den Putzmaedels begegne. Das Wort kannte ich, bevor ich nach Vietnam kam noch nichteinmal…
Also, der angeblich gut aussehende Westler, der inzwischen immer eitler wird, hat beschlossen etwas fuer seine Schoenheit zu tun und einen Friseur aufzusuchen. Eigentlich etwas, das einfach klingt. Aber nur eigentlich. Die Friseursalons in der direkten Umgebung tragen aber sehr gerne den Zusatz „Beaty and Spa“, und hinter der glaesernen Eingangstuer lungert eine ganze Horde Maedels in erstaunlich knapper Kleidung, verdaechtig unbequemen Schuhen und verwunderlich viel Makeup herum. Dass die alle hoechstens 25 sind, versteht sich von selbst, dass ich da nicht unbedingt zum Haare schneiden hin will auch. Mag ja sein, dass die irgendwas gut koennen, aber dass es ausgerechnet haareschneiden ist traue ich denen jetzt pauschal einfach mal nicht zu.
Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich irgendwo fernab in einer Seitenstrasse einen echten Friseur gefunden habe. Mal wieder ein kleiner Laden mit vielleicht sechs Stuehlen, hinter der Kasse steht gerade ein Mann Ende dreissig, offensichtlich der Chef, waehrend auf zwei Stuehlen im Eck zwei Jungs herumgammeln, vermutlich Aushilfen oder Lehrlinge oder sowas. Der Boden ist ein wenig haarig, die Stuehle wohl noch von den Franzosen hoechst persoenlich importiert und dass aus dem Wald an Haarfoens die in der Ecke an einem Haken vor sich hingammeln und einstauben allerhoestens zwei funltionieren bin ich mir ziemlich sicher. Die Scheren kleben neben dem Friseurstuhl auf dem Magneten eines alten Lautsprechers, und die Kasse ist eine kleine Holzkiste in einer Schublade. Sehr symphatisch, und eindeutig „nur“ ein Friseur. Dass zumindest einer der beiden Jungs mir den Preis nennen konnte (50000 Dong, also grob eins sechzig), fand ich sehr angenehm, und noch viel besser fand ich den Katalog mit Bildern von Frisuren auf vietnamesischen Koepfen den er mir gebracht hat. Teils belustigtlustig, teils erschreckt habe ich mir die bunten Bilder angesehen, waehrend nun ein vietnamesischer Friseur ende dreissig fasziniert in meinen Haaren herumwuschelt. Eine Firsur fuer einen selbst auf Bildern von Vietnamesenkoepfen auszusuchen ist gar nicht so einfach, wie es sich vielleicht anhoert. Nach einigen Seiten habe ich keinen „ganz normalen“ Kurzhaarschnitt wie zuhause entdecken koennen, zumindest sah das auf den Fotos mit den Vietnamesengesichtern alles so komisch ungewohnt aus, und habe auf gut Glueck einfach mal auf irgendwas aehnliches gezeigt. Wird schon schief gehen.
Waehrend der Chef hoechstpersoenlich meine Haare geschnitten hat, kam auf einmal irgendwie Leben in die Bude. Wer mit wem was gerdet hat wuerde mich schwer intereissieren, denn ploetzlich sitzt auf dem Friseurstuhl rechts von mir ein Meadel, das sich zuerst mit meinem Friseur und dann mit mir unterhaelt. Mein Friseur ist neugierig, wem er da die Haare schneidet, und daher gebe ich ihm gerne Auskunft. Dass das Maedel danach abder nicht gegangen ist, sondern quer auf dem Stuhl sitzen blieb um mich zu beobachten, hat mich noch nicht wirklich irritiert. Dass sich innerhalb weniger Minuten der ganze Friseursalon mit Jungs und Maedels um die zwanzig gefuellt hat, von denen allerdings keiner irgendwas an seinen Haaren machen lassen hat, war dann selbst fuer mich ein wenig schraeg. Selbst in Saigon, keine drei Kilometer vom Backpackerghetto entfernt, ist man noch eine kleine Sensation. Das haette ich, ganz ehrlich, nicht fuer moeglich gehalten. Nicht in so einer Metropole, nicht im Zentrum, nicht in einem Land in dem auf jedem zweiten Werfbeplakat lange Nasen und weisse Haut zu sehen ist und erst recht nicht in einer Stadt, die von Touristen so ueberrannt wird (zumindest im Vergleich zu allem was ich irgendwo in China gesehen habe). Achja, der kroenende Abschluss meines Friseurbesuches: das Maedel vom Stuhl rechts von mir war aus irgendeinem mir unerklaerlichen Grund dafuer zustaendig, mir die Haare aus dem Gesicht und Nacken zu pinseln. Unter grossem Gekicher der Anwesenden und mit sehr viel Sorgfalt hat sie ihre Aufgabe ziemlich ernst genommen.

94731_originalDer Rest des Tages war mal wieder reichlich unspannend: zureuck ins Hotel, duschen, endlich mal kurze Hosen kaufen und dabei mal wieder ein „very handsome“ einsammeln, mit anschliessendem Vermittlungsversuch an die T-Shirt-Verkauferin von nebenan. Mich wuerde so langsam wirklich mal interessieren, was es mit den Komplimenten wirklich auf sich hat. Ich kann sie in der Menge einfach nicht ernst nehmen, mag aber auch nicht so recht glauben dass ich hier wirklich nur die wandelnde und heiratbare Geldboerse bin. Ich rede mir gerne ein, dass das ein Teil der Kultur ist, aber auch diese Ansicht laesst sich nicht sonderlich gut argumentieren. Was geht hier wirklich wirklich vor sich in Vietnam? Ich muesste wohl noch eine ganze Weile bleiben, und vorallem vietnamesisch sprechen um das wirklich herauszufinden. Die Sache mit den Enten und den Huehnern halt.

Heute frueh war mir einfach nicht nach reisen. Nein, es war einfach der falsche Tag fuer Abenteuer. Ich habe beschlossen auf eigene Faust ins Mekogdelta zu fahren, das bedeutet erstmal gen Busstation in der Naehe meiner Bleibe zu wandern, von dort einen Bus 102 zu einer anderen Busstation rund 7km weiter westlich fahren, dort nach einem passenden Bus irgendwo ins Mekong-Delta ausschau halten und hoffentlich nicht allzu lange warten muessen. Wo ich da genau lande, sprich ob es der anvisierte Ort oder einfach nur die Naehe davon werden wird, das wird sich wohl ergeben muessen, denn sowas wie Fahrplaene oder Abfahrtszeiten konnte ich nicht auftreiben. Ich weiss nur dass es dort die Busse in die Region gibt, das ist eigentlich schon alles. Mit den Kaffeefahrten-Bananenbiegern wollte ich mich einfach nicht einlassen, die sind zu sehr auf ihr all-inclusive-Business fixiert. Ja, manche Rucksackreisenden sind schon ein schraeges Volk, zumindest offenbaren sie sich hier ein wenig als ein solches: hoechst individuell unterwegs, lassen sie sich in Backpackerghettos einpferchen, essen zum Abendessen Pasta, Pizza und Sandwiches, trinken Bier und rennen oben ohne (zumindest einige Maenner) ueber die Strasse. Wenn sie davon genug haben, begeben sie sich hoechst individuell auf eine Kaffefahrt, zusammen mit sechzig anderen hoechst individuell Reisenden. Dass dabei alle Hotels und Essen und Getraenke und so mitorganisiert werden, ist fuer viele Grundvoraussetzung. Es koennte ja sein, dass man in Vietnam sonst verhungert oder auf der Strasse schlafen muss. Das so ziemlich entartetste was mir hier untergekommen ist, ist eine organisierte Tour mit Transfer in AC-Minibusen und einem voellig authentischen (!) homestay bei einer Familie im Mekong-Delta von sieben Uhr abends bis sechs uhr morgens, denn dann holt einen der AC-Minibus wieder an der Haustuer im kleinen Mekong-Doerfchen ab. Sowas wird hier als die absolut einmalige Vietnam-Erfahrung im all-inclusive-package verkauft. Wenn die Kaffefahrt vorueber ist, kann man nochmal in Saigon Pizza essen und Bier trinken, um dann total individuell mit Rucksack gen Strand aufzubrechen. Zusammen mit fuenfzig anderen im ausgewachsenen Fernreisebus. Ein Bus, den ein normaler Vietnamese wohl nie von innen sehen wird. Klar, dass am Strand dann mit Sicherheit wieder kaltes Bier und Doener Kebap auf einen wartet. Aber das ist jetzt reine Spekulation.
94635_originalIch habe gestern Abend an der Hotelrezeption kurz mit einen Typen gesprochen, der doch allen ernstes erzaehlt hat dass er fuer Wahnsinn haelt allein in Ho Chi Minh City ausserhalb von Pham Ngu Lao unterwegs zu sein. Er fuehlt sich hier zwischen all den schraegen Gestalten noch relativ sicher, und glaubt dass es ausserhalb dieses Touristenviertels nur noch schlimmer und krimineller wird. Mit dem Stadtbus fahren ist voellig undekbar, im Zug wird man grundsaetzlich ausgeraubt und in Bussen des oeffentlichen Fernverkehrs wird man mit beinahe hundertprozentiger Sicherheit vergiftet (oder die Vietnamesen fressen einem bei lebendigem Leib die Arme weg, oder so). Er vertraut nur Taxen, Kaffefahrten und Touristenbussen, denn alles andere ist ja beinahe Suizid. Gut, wenn ihm diese Art des Reisens sinnvoll erscheint, nur zu. Ich habe ihn damit geschockt, dass ich (schon nach Einbruch der Dunkelheit) zu Fuss zwei bis drei Kilometer durch die Stadt zu einem anderen Park aufbrechen wollte und ihn damit allein gelassen. Achja, kaum habe ich Phnam Ngu Lao verlassen wurden die Leute immer normaler. Ich habe ziemlich viel Zeit in einem Park direkt beim Hauptpostamt verbracht. Es gab beinahe unendlich viele junge Vietnamesen die sich dort Cola trinken und Eis essen getroffen haben um zu reden oder spielen, allesamt zwar erstaunt ueber den Westler der sich hier her verirrt hat, aber alle miteinander viel zu schuechtern mich beim alleinesein zu stoeren. Drogen wollte mir dort im uebrigen keiner verkaufen, es wollten mich auch keine viel zu extrem aufgebrezelten Maedels die zuuufaellig nachts allein in einem Park herumhaengen „kennenlernen“ und es wollte mich keiner zu einer „Mazza“ fahren. Manchmal wollte mir ein Strassenhaendler wie jedem anderen ne Kokosnuss verkaufen, okay, oder ein Eis. Aber sonst war es ein sehr frieflicher Ort. Und ich wurde auf dem Weg auch nicht ueberfallen. Etwas unsicherer habe ich mich erst gefuehlt, als ich Pham Ngu Lao wieder naeher kam.

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