einfach treiben lassen: am, auf und um den Mekong

 

Wie geplant bin ich heute morgen aufgebrochen. Das Guesthouse, oder wie man den Ort auch immer nennen mag, ist einfach nicht der richtige Ort fuer mich, oder ich bin nicht der richtige Gast fuer diesen Ort… Wie auch immer, ich bin zuerst mit der Faehre zurueck nach Vinh Long, ein kurzes fuenf-Minuten-uebern-Fluss-uebersetzen. Nichts spannendes und nichts was lange dauert, aber es reicht um unterwegs Plaene zu vergessen. Ploetzlich war ich mir nicht mehr so sicher, was ich heute tun soll: in Vinh Long bleiben? Bus fahren? Eigentlich war es mir beinahe egal. Was auch immer passieren mag, es wird schon gut sein, und so bin ich einfach mal zu Fuss aufgebrochen, durch Vinh Long schlendern und in allerhand Strassencafes eine Pause einlegen. Dass sich Vietnamesenmaenner freuen wenn ich mich zu ihnen setze ist nichts wirklich neues, auch wenn wir uns nie verstaendigen koennen. Die meisten sind fasziniert von meiner T-Shirt-Braeune, braun gebrannte Unterarme und am Rand vom T-Shirt-Aermel ist manchmal ein kaeseweisser Oberarm zu sehen. Oder sie gestikulieren um meine Groesse, dann steh ich auf, lass die Vietnamesen Verleichs-danebenstehen und versuche ein moeglichst entschuldigendes Laecheln dabei aufzulegen. Allgemeines herumgezupfe ist dabei auch an der Tagesordnung, immerhin hat der Tourist, der sich in eines dieser Strassenbuden verirrt noch allerhand andere spannende Sachen: sei es nur der grosse Rucksack, sei es ein Armband aus China oder irgendein chinesischer Gluecksbringer, der vom Daypack baumelt. Was ich an den Vietnamesen im direkten Vergleich zu Chinesen sehr gerne mag sind ihre Pantomimen und Gestikulierereien. In China hatte ich oft Probleme, mich damit verstaendlich zu machen und habe meist nur verdutze Gesichter geerntet. Vietnamesen sind da viel spassiger, und lachen dabei sogar gern ueber sich selbst. Ein Motorrad ist zum Beispiel ein festgehaltener imaginaerer Lenker, wobei meistens noch „wrummbrumm“-Gerauschkulisse dazu gemacht wirt. Ein Zug oder Bahnhof wird angewinkelten Unterarmen in Form einer Dampflokomotive und „tschtschtsch-whoop,whoooooop-tschtschtschtsch“ erklaert. Ein Flugzeug? Kein Problem fuer einen Vietnamesen: mit der Flachen Hand durch die Luft segelsch und ein „tschhhhhhh“ dazu, fertig.

In einem Strassencafe hat sich ein Vietnamese zu mir gesetzt, das ist mir bislang hoechst selten passiert. Vietnamesen machen einen ziemlich schuechternen Eindruck und setzen sich allerhoechstens zu einem wenn sonst kein Platz mehr frei ist, auch wenn sie wohl oefter gerne wollen wuerden und sich nicht trauen. Der Kerl hier war vielleicht anfang dreissig, ich habe ihn zuerst fuer einen Motortaxifahrer gehalten da er auf einem Motorroller daher kam und versucht konsequent vietnamesisch mit mir zu reden. Klar, dass das (leider) nicht funktioniert hat und er erkennen musste dass das wenig Wert hat. Er blieb einfach sitzen, hat ein wenig vor sich hingestarrt und find dann an, in seiner Hosentasche zu kramen. Er zieht ein rotes Stueck Pappe hervor, in der groesse einer Visitenkarte und macht ein grosses Geheimniss darum. Zumindest versteckt er es unter seiner Hand, bevor er sie direkt vor meinem Gesicht kurz wegnimmt um mich dieses Kaertechen sehen zu lassen. Es stand in Grossbuchstaben „Democracy for Vietnam!“ darauf, und kaum hatte ich das gelesen war das Kaertchen wieder durch eine Hand verdeckt. Der Kerl schaut demonstrativ die Strasse rauf und runter, und haelt sich dann den Mund mit der flachen Hand zu. Er schaut zum Thema passend ziemlich ernst, und wartet offensichtlich auf irgendeine Reaktion von mir. Unsicher, was das ganze soll nicke ich ihm mit moeglichst ernsthaften Gesichtsausdruck ein ich-verstehe-Nicken zu und ernte dafuer umgehend ein freudestrahlendes Laecheln. Ja, der Kerl nimmt sogar meine rechte Hand zwischen seine, beugt seinen Kopf vor und beruehrt mit seiner Stirn meine Hand. Asiatisch betrachtet eine ziemlich starke Geste, die beinahe unterwuerfig wirkt. Danach hat er mich reichlich verwirrt zurueckgelassen und ist verschwunden. Was das ganze zu bedeuten hatte faende ich reichlich spannend, aber derzeit verwirrt es mich nur.

97577_originalNach dieser Verwirrung habe ich spontan doch mal den Weg eingeschlagen, der vermutlich Richtung Busstation fuehrt. So wirklich sicher war ich mir nicht, aber ich habe es immernoch dem Schicksal ueberlassen ob ich aus Vinh Long wegkomme oder nicht. Effektiv hat meine Orientierung erstaunlich gut funktioniert, und ich glaube so ziemlich den direkten Weg gefunden zu haben.
An der Busstation wurde ich auch direkt wieder gefunden. Diesesmal von einem Motorrollerfahrer, der mich unbedingt in die Stadt rein fahren will. Er kannte nur ein paar ganz wenige Worte englisch, darunter „Vonh Long five kilometers“, „very far“ und „fourtythousand dong“. Dass ich nicht per Motorroller angekommen bin, hat ihn felsenfest glauben lassen ich waere gerade per Bus angekommen und wolle in die Stadt. Saemtliche Versuche, ihm die Lage zu erklaeren schlugen komplett fehl, und das Wort „Vinh Long“, wenn auch in einem komplett anderen Zusammenhang, war fuer ihn soetwas wie eine Zusage dass er mich in die Stadt fahren soll. Er hat mich beinahe eine halbe Stunde an der Busstation belagert, in der Hoffnung den Transportdeal des Tages abzuschliessen. Der arme Kerl war ziemlich enttaeuscht, aber mein schlechtes Gewissen haelt sich in Grenzen, immerhin wird ignorieren und Kopfschuetteln in Vietnam beides sehr wohl verstanden.

96259_originalMein auserkorener Bus hat mich im uebrigen nach Can Tho gebracht. Eine der Mekong-Staedte, die auf der Route der gaengigen Kaffefahrten liegt um einen der Floating Markets zu sehen. Dass ich nicht unbedingt dort bleiben will wenn mir die Stadt nicht auf Anhieb supergut gefaellt war klar, denn ich habe in einem Nebensatz irgendwo am Rande des lieben Guidebookis was spannendes entdeckt: ungefaer ab hier gibts PublicTransport auf dem Wasser. Sogar direkt bis nach Ca Mau wenn man will. Und so ganz spontan wollte ich genau das. Das Boot in Can Tho zu finden war etwas frustrierend. Offensichtlich wird diese so gut wie nie von Touristen benutzt und so wurde ich am Ticketschalter beim Steg mit vielen tollen Zeichnungen von Booten und Pfeilen mit Staedtenamen zwar eindeutig verstanden, aber habe doch nur erstaunte Gesichter dafuer geerntet die mir immer nur sagten „geh zur Touristeninformation, die koennen Dir eine Tour oder ein Busticket verkaufen“. Danke vielmals. Auch die Leute um die verschiedenen Anleger herum wollten mich alle zur Touristeninfo jagen. Diese Touristenorte haben diesbezueglich manchmal echt komische „Regeln“ und so war es tatsaechlich noetig, dass ein extrem netter Vietnamese der mich wohl beobachtet hat und des englischen ziemlich gut maechtig war ein ernstes Wort mit den Maedels hinter dem vergitterten Ticketschalter wechseln musste. Nur eine Minute spaeter haben sie mir das Boot gezeigt, das schon die ganze Zeit direkt unterhalb vom Fenster angelegt hatte, kannten die Abfahrtszeit sowie den Fahrpreis und waren sogar gewillt mir zu sagen, dass Schnellboote im Boot direkt bezahlt werden und nicht am Ticketschalter. 96016_originalGeht doch wenn man nur will, und ich habe mich auf den Weg zum Anleger gemacht. Das Boot ist eine kleine, auf Vietnamesen zugeschnittelne GFK-Schachtel, das Gepaeck wird auf dem Dach transportiert und die Fahrgaeste sitzen innen (Gluecklich ist mal wieder der, der ganz nach der „german efficency“ seinen Rucksack in einen wasserdichten Seesack vorher packt. Nicht wegen dem Wasser von unten, sondern vielmehr wegen dem heftigen Regen der schon regelmaessig herunterkommt). Ich hatte schon so meine Probleme, mich nur zum Einstieg in dieses Boot hineinzufalten, geschweigedenn aufrecht sitzen zu koennen oder Platz fuer die Beine zu haben. Mein Kopf stiess am Dach an, die Beine konnte ich nur angewinkelt irgendwo unterbringen, aber das fand ich alles okay. Ich bin endlich auf dem Mekong unterwegs, in einem Boot voller Leute die von A nach B transportiert werden wollen. Kein Touristen-Kitschdampfer, kein Luxus und wenig romantisch. Dafuer echt. Und lebendig. Gute Entscheidung. Gutes Schicksal das mich heute hier her getrieben hat.

Von Ca Mau habe ich bisher leider noch nichts gesehen, denn bis ich ankam war es schon dunkel. Zeit ein Hotel zu suchen, und zu bleiben wo ich bin. Vermutlich werde ich ein wenig bleiben, bevor ich darueber nachdenke per Boot noch weiter suedlich das Ende von Vietnam zu suchen, oder so. Vermutlich ueberlasse ich es wieder dem Zufall =).

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