„a remote and inhospitable area“

 

Ca Mau ist nicht einfach, in keinster Weise. Ich bin trotzdem reichlich unschlussig, was ich von diesem Staedtchen halten soll. Gut, heute hats fast duchgaengig geschuettet. So richtig. Nicht geregnet, sondern so richtig den grossen Wasserhahn bis Anschlag aufgedreht. Mein Guidebook erzaehlt etwas von „a remote and inhospitable area that was not cultivated until the late 17th century“, und ich glaube so ganz grob ne kleine Ahnung bekommen zu haben, was damit gemeint ist.
Ansonsten ist Ca Mau wohl ein typisches Mekong-Delta-Staedtchen: viel Wasser, viele Bruecken, viele Boote, nen floating market (den ich aber nicht gesehen habe) und ne Ansammlung typischer haesslicher Vietnam-Neubau-Haeuser. Es gibt hier und da nen Tempel, aber im Grunde nichts fuer nen ein-paar-Tage-Tourist zu entdecken. Trotzdem glaube ich, dass diese Staedtchen hier alle miteinander ihren Charme haben. Nur versteckt der sich gerne vor Touristen, wenn sie denn ueberhaupt da sind. Hier bin ich mal wieder allein und Attraktion Nummer eins, schlimmer als an jedem anderen Ort jemals zuvor. Das Guidebook meint dass es hier unten nichts spannendes mehr gibt, und so verirrt sich offensichtlich hoechst seltenst jemand hier her. Es gab wohl mal ne staatliche Tourist-Info, die auch Boottrips in den nahe gelegenen Mangrovenwald organisiert hat. Etwas, das sich fuer mich ziemlich spannend anhoert: der groesste Mangrovenwald ausserhalb vom Amazonas, und unter Naturschutz dazu, aber trotz mehrfacher Suche die ganze Strasse entlang wurde ich nicht fuendig. Nachfragen war natuerlich reichlich zwecklos, und so glaube ich die Tourist-Information hat wohl wegen zu wenig Arbeit irgendwann einfach geschlossen. Also kein kleines Boot in den Mangrovenwald. Schade.
97800_originalDie einzige Beschaeftigung waehrend der kurzen Regenpause gegen Mittag war daher ein wenig durch die Stadt zu wandern. Und es ist wirklich so: sobald ich die Tuere verlasse stehe ich mal wieder komplett im Mittelpunkt. Hier ruhen alle, aber wirklichwirklich alle Augen auf dem Fremden der sich in diese Stadt verirrt hat. Wenn ich eine Strasse entlang gehe, kann ich sogar jedem zweiten Motorrollerfahrer, obwohl er in die gleiche Richtung unterwegs ist wie ich, direkt ins Gesicht sehen. Die Neugierde hier ist einfach zu gross und laedt zu sehr zum zurueckschauen ein. In allerhand Shops entlang der Strasse konnte ich beobachten wie mich irgendwer zuerst entdeckt, dann schnell seinen Kollegen und Kolleginnen etwas zuruft und sich dann mit allen anderen die dahergestuermt kommen in der Ladentuer um die beste Sicht nach draussen draengelt. Wer sich traut, ruft mir irgendwas vietnamesisches oder ein „hello“ zu, und mit der Zeit muss ich echt anfangen, ein paar zu ignorierern. Zumindest reagiere ich nicht mehr auf diejenigen, die mir irgendwas hinterherrufen. Umdrehen ist nicht drin, wer eine Reaktion auf einen Zuruf will soll bitte in meinem Sichtfeld auf sich aufmerksam machen und nicht hinter meinem Ruecken. Klingt arrogant, aber es wird sonst einfach zu viel. Wirklich reden kann keiner von denen mit mir, und so bleibts beim allgemeinen Gruessen und zulaecheln. Nett gemeint, aber effektiv erinnert es mich heute nur daran, alleine zu sein. Die verlorene, isolierte und angestarrte Ente. Kein wirklich gutes Gefuehl hier.
Dagegen bin ich erstaunt, wie ehrlich die Leute hier sind. Beispiel Sandwich kaufen: hier im Sueden bin ich das erste mal auf leckere Sandwiches gestossen. Ein Baguette, an sich schon mal gar nicht mal so unlecker wie man das erwarten wuerde, belegt mit etwas Gruenzeug, vielen Karautern und etwas Wurstaehnlichen. Super zum einpacken-weil-ess-ich-spaeter-irgendwann-mal und mitnehmen. Bisher wurde von mir immer „fifteenthousand dong“ pro Stueck verlangt (umgerechnet grob fuenfzig Cent). Hier sprechen die Sandwichmaedels zwar kein englisch mehr und brauchen mehr als nur doppelt so lange fuer jedes Sandwich, denn immerhin ist untereinander kichern und tuscheln solange ich warte ziemlich zeitaufwaendig, aber dafuer sammeln die, wenn man den Geldbeutel wegen Sprachschwierigkeiten auf dem Tresen auspackt, gerade mal 9000 Dong pro Stueck aus dem bunten Angebot an kleinen Banknoten. Zigaretten, fuer die ich bisher immer und ueberall 20000 Dong bezahlt habe bezahle ich hier immernoch mit 20000 Dong und bekomme ploetzlich 4000 zurueck. Fuer 1,5 Liter Wasser, die ich wie gewohnt mit 10000 Dong bezahle, bekomme ich ploetzlich 3000 Wechselgeld. Das macht wiederum grosse Freude. Nicht wegen der paar cent hin- oder her. Eher als Geste der Ehrlichkeit.
Spassig fand ich auch den street market. Weils hier wohl oefter regnet, haben die fleissigen Marktfrauen offensichtlich dauerhaft Plastikplanen ueber die ganzen Gassen gespannt. Waehrend die Vietnamesen in der Regel aufrecht ueber den Markt schlendern, bin ich schon froh wenn einfaches Kopfeinziehen reicht. An den meitsten Stellen kam ich nur gebueckt im Slalom durch, waehrend sich die Marktfrauen vor lachen ueber diesen kuriosen Hindernisslauf hinter ihrer Ware gekringelt haben.
Achja, Guesthouses, Backpackerbuden oder ganz allgemein billige Unterkuenfte sucht man hier inzwischen komplett vergeblich. Es gibt Hotels, allerdings wohl eher fuer Geschaeftleute und so. Ohne Fernseher, Heisswasser, Klimaanlage, Rezeption und Zimmeraufraeumservie laeuft hier garnichts. Wenigstens faengt auch das mit grob sieben Euro noch verhaeltnissmaessig guenstig an. Was im Mekongdelta in den Hotels allerdings auffaellt ist die Sache mit den Paessen. Gut, in ganz Vietnam will irgendwie jede Bleibe die Paesse der Gaeste ueber die ganze Zeit an der Rezeption behalten. Im Norden habe ich mich schlicht mit dem wenn-Du-meinen-Pass-behalten-willst-und-Dir-sicher-bist-dass-es-nicht-anders-gehst-werd-ich-mir-eben-eine-andere-Bleibe-suchen-Argument geweigert und bin damit gut durchgekommen, aber schon bei meinem homestay in Vinh Long hat musste die Frau am Abend tatsaechlich mit dem Motorroller und den Passen ihrer Gaeste sowie den Registrierformularen unterm Arm zur oertlichen Polizeistation aufbrechen. Auch hier in Co Mau bricht des Abends immer ein Motorroller mit meinem Pass gen Polizei auf. Warum auch immer, das waere jetzt reinste Spekulation.

Naja, wenigstens eins habe ich heute erreicht: ich bin mir sicher geworden, dass ich morgen in aller frueh zum Bootsanleger aufbreche. Nicht dem, an dem ich angekommen bin, sondern einem wo laut dem lieben Guidebook Schnellboote in die „Kien Gang“-Region anlegen. Nochmal Mekong-hopping mit Ueberaschungsfaktor, bite! =)

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