What shall we do with the drunken sailor?

 

Irgendwas ist immer strikt gegen meine Sightseeing-Plaene, wenn ich denn schon mal welche habe. Ich habe mir fest vorgenommen, zuerst ein Bootticket fuer eine Rueckfahrt ins Mekong-Delta fuer morgen zu kaufen, ein „Cau Castle“ zu beuschen (das aber eher Leuchtturm mit Tempel und so ziemlich uebrhaupt nicht Castle ist) und dann in der lokalen Fish Sauce Factory herauszufinden wie Fish Sauce hergestellt wird, selbst auf die Gefahr hin den Appetit fuer die naechsten zehn Tage aufs Spiel zu setzen. Grosse Plaene fuer einen Tag auf einer Palmeninsel.
101653_originalDas Ticket war recht einfach zu bekommen. Wenn man sich erst mal gedanklich damit abgefunden hat in einem Touristen-Reisebuero zu sitzen, dann ist das in wenigen Minuten erledigt und bringt sogar den Vorteil, dass man am fruehen Morgen sogar dierkt am Bungalow per Minibus abgeholt wird. Ja, wie immer lassen die sich das gut bezahlen, aber manchmal bin selbst ich zu muede fuer die Suche nach dem echten Preis. Auch den Leuchtturm zu finden stellt an sich kein Problem dar: Hafen – Kueste – Leuchtturm. So einfach kann das sein. Problematisch wurde dann allerdings die Fish Sauce Factory. Ich wusste, dass die am anderen Ufer vom Hafen liegt. Es gibt auch eine Fussgaenger- und Motorroller- Zugbruecke, ueber die man direkt auf den Markt auf der gegenueberliegenden Seite kommt. Dann einmal links abbiegen, geradeaus bis der Markt zu Ende ist, ueber eine kleine Bruecke und nochmal links, dann sollte man da sein. Zumindest laut der rudimentaeren Karte im Guidebook. Praktisch erkennt man aber schnell, dass das gar nicht ganz so einfach ist. Die Factory ist zwar offiziell als Sight gelistet, hat Oeffnungszeiten und kann wohl auch besucht werden, aber deswegen ist die natuerlich noch lange nicht in ueberdimensionaler Leuchtschrift ausgeschildert oder so. Es ist auch in der Naehe des Marktes und des Hafens absolut keine reelle Moeglichkeit sich auf die Nase zu verlassen, denn nach Fisch riechts hier, mal mehr und mal weniger, wirklich ueberall.
Ja, nach der kleinen Bruecke bin ich brav abgebogen, aber war dann definitiv in einer eher von Wohnhauesern gepraegten Gegend unterwegs. Laut Guidebook genau richtig, habe ich allerdings schon daran gezweifelt, hier eine Fabrik zu finden… Die Leute haben mich durchwegs schraeg angeschaut, so wie man eben nen Fremden erst mal schraeg anschaut wenn er sich in ner uninteressanten kleinen Seitengasse einer Wohngegend verirrt. Natuerlich heisst Fish Sauce auf vietnamesisch nicht Fish Sauce, und nachdem ich es verpasst habe mich um eine entsprechende Uebersetzung zu bemuehen, habe ich erst gar nicht versucht, durch Nachfragen ans Ziel zu kommen.
101068_originalIrgendwo hinterm Hafen, in einer dieser Seitengassen, habe ich dann eine grosse Mauer entdeckt. Dahinter irgendwas was nach Lagerhallen und/oder Fabrik aussieht, aber keinen Eingang dazu. Hoch motiviert habe ich mich weiter der Mauer entlang durch die Seitengassen geschlichen, inzwischen in der festen Ueberzeugung gleich den Eingang zu finden. Was ich dann allerdings erst mal gefunden habe, war eine Sackgasse. Besser gesagt ein kleiner Innenhof mit drei oder vier kleinen Hauschen, ein Durchgang direkt zum Hafen und vor allem: eine Horde sehr muskuloeser Vietnamesen, die im Kreis auf dem Boden sitzen irgendwas zu feiern scheinen. Fischer vielleicht, groesstenteils Seemaenner auf jeden Fall. Wenn man irgendwas mit Klischee begruenden kann, dann dass Muskuloese Vietnamesen, braun gebrannt mit nacktem Oberkoerper, Narben und Taetowierungen, die in der Naehe eines Hafens zusammensitzen irgendwas mit Bootsfahrerei zu tun haben. Nein, Fish Sauce wird hier keine produziert und ich habe mich gerade wieder umgedreht, als mir die ganze Bande hinterherruft. Ja, ich habe mich erstmal umgedreht und in lauter erfreute Gesichter geschaut, waehrend mich ungefaehr fuenf Haende herbeiwinken und alle schon aufruecken, um mir einen Platz in der Runde frei zu machen. Die schienen sich ehrlich ueber den Zufallsbesuch zu freuen und dachten nicht im Traum daran, mich einfach so wieder gehen zu lassen.
101264_originalOhje, nein sagen kann man da natuerlich nicht, und so sass ich schneller als ich darueber nachdenken konnte mitten zwischen ner Gruppe vermeintlicher Seefahrer in der Hafengegend von Phu Quoc im Schneidersitz auf dem Fussboden. In der Mitte standen verschiedene Schuesselchen mit getrockneten kleinen Tintenfischen (am Stueck natuerlich) in verschidenen Groessen, sowie ein paar Schuesselchen Chillisauce. Um die kreisfoermig sitzende Gruppe lagen, in einem weiteren Kreis ausenherum, (Nachmittags um zwei Uhr) reichlich leere Bierdosen und Kippen. Natuerlich wurde ich erst eingeladen, Tintenfischchen zu essen. Eintunken in die Chillisauce und fleissig abbeisen. Oder abnagen, abzupfen und eine Kombination aus allem. Die Gruppe scheint schon leicht angeheitert zu sein, und waehrend einer fleissig in mein Notizbich schreibt, der andere mein Guidebook „liest“, der naechste mir erklaert dass er Polizist ist und wer von der Gruppe aus Kambodscha und wer aus Vietnam kommt und ich mit ordentlich Nachschub an getrocknetem Tintenfischzeugs versorgt werde, faehrt unter lautem gejubel ein Motorroller daher. Darauf ein Vietnamese, und Bier. Viel Bier. Nachschub. Freude unter den Anwesenden, und die erste Dose wird direkt dem fremden Gast angeboten. Nein, nicht angeboten. Aufgedraengt, wenn auch freundlich. Okay, da muss ich wohl durch, und stosse ganz brav mit allen an. Offensichtlich eine riesige Freude fuer alle, auch wenn mal wieder alles nonverbal kommuniziert werden muss.
Der Zwischenstand um drei Uhr? Ich glaube ich bin betrunken. Einer der Vietnamesen schiesst Fotos von allen mit meiner Kamera, der Polizist schimpft ueber mein Guidebook und ich muss abwechselnd mit dem Kambodschaner rechts von mir und dem Vietnamesen links von mir trinken. Meine vietnamesischen Zigaretten werden inzwischen von den Kambodschanern geraucht, waehrend ich immernoch bestens mit Tintenfisch, kambodschanischen Zigaretten und mit dem inzwischen vierten Bier versorgt werde. Dass ich eine Runde auslasse, wird allgemein nicht akzeptiert.

Der Zwischenstand um halb vier? Der Gastgeber (derjenige der mich im uebrigen auch eingeladen hat und mehr Aehnlichkeit mit einem braunhaeutigen Hulk als mit einem Vietnamesen hat) schimpft mit dem Polizisten. Verstehen tu ich das zwar nicht, aber die Tonlage und Gestik sind eindeutig, dass der Polizist danach erstmal Abstand sucht auch. Dass jetzt alle reihum mir die Hand schuetteln und anstossen und mein Gastgeber sich sogar bei mir mit einem originalen „sorry“ bei mir entschuldigt laesst meinen kurzfristigen Adrenalinschub wieder abklingen. Trotzdem sollte ich darueber nachdenken, wie ich aus der Runde am besten wieder verschwinden kann. Nach dem vierten Bier habe ich konsequent ein neues abgelehnt, allerdings nur mit maessigem Erfolg: da das mit dem Anstossen sonst nicht mehr klappt, bekomme ich jetzt Dosen von den anderen „geliehen“.
Der Zwischenstand um vier? Ich bin definitiv betrunken, wie alle anderen auch. Das Bier ist zum Glueck leer, und einer nach dem anderen verabschiedet sich jetzt so langsam, waehrend die Frau (oder vielleicht auch Mutter?) meines Gastgebers sicher geht, dass ich auch alle Tintenfischschuesselchen leer gegessen habe, bevor sie die abraeumt. Ich helfe noch beim allgemeinen Bierdoseneinsammeln, bedanke mich so ausladend und glaubhaft wie es eben nur geht bei meinem Gastgeber und allen anderen, die noch da sind und suche auch das Weite. Im Gegensatz zu allen anderen zu Fuss, nicht per Motorroller…
Der Zwischenstand um halb fuenf? Ich sitz auf irgendeiner Parkbank auf der anderen Hafenseite unter einem Baum und falle ueber zwei kalte Hamburger her, die eine Frau in ihrem FoodStall direkt nebenan am Strassenrand bastelt. Ich bin irgendwie scharf auf die Zwiebeln darin, warum weiss ich aber nicht. 101535_originalDie Fish Sauce Factory? Vergiss es, ich habe mich mit nachmittags um zwei mit vietnamesischen und kambodschanischen Seefahrern in einer Seitengasse eines Inselhafens betrunken. Was soll mir jetzt ne Fish Sauce Factory so ganz akut noch bieten koennen? Die Frage ist nur noch, wie ich zurueck zu meinem Bungalow komme, und ob ich es fuer eine gute Idee halte jetzt in einer Haengematte zu liegen.
Der Zwischenstand gegen sechs? Ich haenge immernoch in Doung Dong herum. Zurueck laufen mag ich noch nicht, und auf ein zweiraedriges Taxi aufzusteigen scheint mir eher suboptimal. Wenigstens gehts mir langsam wieder besser, vielleicht wegen dem bitteren Eistee der Strassencafes, vielleicht auch nur wegen der vergangenen Zeit.

Gegen sieben habe ich mich dann aufgerafft und mich gen Haengematte fahren lassen, per Zweirad, und habe erstmal ne Runde geschlafen. Morgen in Ha Tien gibts keinen sonderlich bemerkenswerten Hafen meint mein Guidebook, dafuer aber viel lecker Essen. Klingt ungefaehrlich. Und klingt erstmal gut.

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