eineinhalb laotische Stunden

 

Mein Morgen fing heute reichlich spaet an, muss ich zugeben. Es ist in Laos nun wohl doch (entgegen so manchen Dingen, die ich bislang gehoert habe) schon der Anfang der Regenzeit gekommen. Auch laut Kalender hochofiziell genehmigt regnet es hier wahre Massen vom Himmel. Zumindest Nachts. Nicht immer ueberall gleichzeitig, aber es gibt eigentlich jede Nacht irgendwo ein Gewitter zu sehen. Die letzten Tage irgendwo um Don Det herum, diesesmal direkt ueber Don Det. Eine wahre Weltuntergangsstimmung in einer kleinen Holzhuette am Mekong-Ufer: irgendjemand hat den Wasserhahn bis Anschlag aufgedreht und die Geraeuschkulisse unter einem Wellblechdach war beeindruckend. Blitze gabs reichlich und das Licht das sich zurch jede einzelne Ritze in Boden und Waenden in die Huette geschlichen hat, blendete regelrecht und machte kurzzeitig die sonst so unglaublich dunkle Nacht in Don Det zum Tag. Der unweigerlich folgende Donner fuehlte sich auf hohen Stelzen sitzend jedes mal wie ein kleines Erdbeben an, das das Bett zum vibrieren brachte. Mal wieder ein echt beeindruckendes Erlebniss. Keins, das einem direkt Angst macht, aber eins das viel zu spannend ist um waehrenddessen zu schlafen. Es im Grunde ein ordentlicher Monsunregen mit Gewitter. Allerdings viel zu frueh.

Am Morgen treffe ich nochmals Donna aus Huette Nummer drei beim Fruehstueck. Wir unterhalten uns ein wenig ueber die Insel, mein Bad mit den Moenchen und was sich ueber die Jahre so geandert hat. Ich habe dabei erfahren, dass es seit eineinhalb Jahren Elektrizitaet auf der Insel gibt, aber das war mir nichts neues. Neu war mir dagegen, dass erst acht Jahre davor der erste Generator auf die Insel kam. Im Jahre 2000 gabs also auf der Insel keine Gluehbirne, kein Mixer, kein Kuehlschrank. Abends gabs Oellampen, und das war alles. Heute beinahe unglaublich. Heute gibts ploetzlich Fernsehen und Mobiltelefone. Es erklaert im Grunde so einiges. Von 1920 nach 2010 in wenigen Jahren, wenn nicht gar sofort, ohne auch nur ansatzweise einen Lernprozess dazwischen zu haben. Die technische Logik fehlt hier allen miteinander auf der Insel, das wird einem schnell bewusst. Aber wo soll sie auch herkommen? Wer haette sie vor zehn Jahren auch von wo haben sollen?
112073_originalSo finde ich die Geschichte uber den grob zehnjaehrigen Sohn in meiner Gastfamilie zwar immernoch tragisch, aber ich beginne sie langsam zu verstehen: Es muss gegen Oktober letzten Jahres gewesen sein, jedenfalls einen Monat vor das Paerchen aus Huette Nummer drei das letzte mal hier ankam, als der Bub aus einem Mangobaum gefallen ist und sich den rechten Arm verletzt hat. Wie die Inselbewohner es hier traditionell schon immer tun, bringen sie in den Tempel zu einem Heiler. Er fuehrt ein Ritual durch, pustet auf den Arm und wickelt ihn daraufhin ein. Den „Verband“ darf man dann nach drei Tagen abnehmen, und sofern wer-auch-immer-genau gnaedig ist, ist dann alles gut. Es ist im Grunde immer ein aehnlicher Ritus lasse ich mir erklaeren: Ritual, draufpusten, einwickeln, drei Tage eingewickelt lassen. Der Arm hat sich allerdings nicht gebessert, und die Inselmedizin war quasi am Ende. So lebte der Junge einen Monat mit seinem kaputten Arm, bis die beiden aus Huette drei zufaellig wieder hier ankamen. Ziemlich entsetzt haben sie den kleinen geschnappt und 150km noerdlich auf dem Festland nach Pakse gebracht. Die naechste grosse Stadt, und das am naechsten gelegene Krankenhaus. Den Kleinen kurz untersucht stellt sich heraus: drei mal komplett gebrochen. Einmal den Oberarm, einmal unterm Ellbogen und einmal kurz hinterm Handgelenk. Klar, nach einem guten Monat waechst das im Gips selbst bei nem zehnjaehrigen nicht mehr wirklich zusammen, und so wird aus nem einfachen Gips eine komplizierte Operation mit vielen Platten und noch mehr Schrauben. Der Bub ist derzeit immernoch weitestgehend ruhig gestellt. Naechste Woche hat er seine zweite Operation, bei der das Handgelenk wieder mobil gemacht wird. Eine dritte fuer den Oberarm und den Ellbogen steht noch aus. Aus einer einfachen 30 US Dollar sofort-Behandlung wurde so eine komplizierte 625 Dollar-OP. Prostmahlzeit, aber so funktioniert das Leben auf Don Det noch immer.
111680_originalEin anderer Fall, von dem ich heute erst gehoert habe betrifft einen Jungen, der seinen Arm in einen Reisernter gebracht hatte. Die Hand war komplett offen und ein Finger quasi gespalten. Was macht man in so einem Fall? Klar, Ritual, draufpusten, drei Tage in irgendeinem dreckigen Tuch einwickeln und wird schon werden. Nein, wurde nicht. Die Finger wurden schwarz, die Hand immer dicker und die Schmerzen wohl immer schlimmer. Nach Wochen hat ein Mitleidiger Falang-Don-Det-Resident den Jungen entdeckt und quasi nach Pakse entfuehrt. Klar, es war eine ganz ordentliche Infektion, die mehrere Tage stationaer behandelt werden musste. Ein Finger war nicht mehr zu retten, aber der Junge ist heute sonst wieder quietschfidel. Die Erkentniss im Krankenhaus? Zwei weitere Wochen ohne ernstzunehmende Behandlung, und das waers definitiv fuer den Bub gewesen. Ein hartes Leben, das auf diesen Paradiesischen Inseln gelebt wird, keine Frage. Zum Glueck gibts ganz viele viele nette Falangs auf der Insel, die kleine Scheine zusammenlegen und dann sowas finanzieren koennen. Und nicht zuletzt welche, die (nachdem die uebliche Inselmedizin nicht wirkt) einen Hospital-Run starten.
Die Geschichte der Omi meiner Gastfamilie dagegen finde ich wiederum toll. Sie hatte wohl schwere Probleme mit Kopfschmerzen und Migraene. Auch bei Ihr wurde ein Ritus abgehalten, draufgepustet und geheilt. Jetzt heisst sie statt Mama Lee seit neuestem Mama Moah. Mama Lee hatte Kopfweh, aber Mama Moah kennt sowas nicht und ist beschwerdefrei =)

Achja, schon ein spezieller Ort, diese laotischen Mekong-Inseln. Wenn es sich irgendwie einrichten laesst, werde ich wohl nicht das letzte mal hier gewesen sein und ziemlich gespannt beobachten, wie es hier weitergeht =).

Um elf gings fuer mich jedenfalls per Boot zur Bushaltestelle. Es war mal wieder schoen hier, und wenns am schoensten ist soll man ja bekanntlich weiterziehen. Das Ticket nach Champasak habe ich total spannend bei einer Familienmutti unweit von meiner Bleibe und nicht in einem dieser TravelAgencys in der Naehe des Bootsanlegers erstanden. Die Frau war mir Welten symphatischer und als positiven Nebeneffekt hat sie laessig die anderen im Preis unterboten. In der Zeitschaetzung waren sich aber alle einig: Eineinhalb Stunden. Vielleicht zwei, wenns lange dauert. Ein Katzensprung also, der dann auch nicht mit der offiziellen Touristenfaehre am Bootsanlege anfaengt. Die Frau hat mich puenktilich zur Abfahrt in ihr Restaurant bestellt, wo mich wohl ein Bekannter von Ihr direkt am Flussufer per kleinem Fischerboot abgeholt hat. Einfach einmal den Hang herunterrutschen und in das wacklige Boot steigen. Mit nassen Fuesse und dem angenehmen Gedanken, dass dies der einzig originale DonDet-Weg ist, aufs Festland zu kommen. Per Fischerboot. Rund um die Insel wurden noch ein paar Laoten eingeladen, und so voll bepackt schukelten wir gen Festland. Ich geb zu, wohl war mir dabei nicht. Erst gestern habe ich so einem Fischerboot beim mehrfachen Purzelbaum zugesehen… Nicht dass ich Angst um mich haette. Bevors zu den Wasserfaellen geht gibts genug Chancen sich zu retten, aber ein wenig Materiell denkt ein Tourist eben immer und sorgt sich um das Gepaeck und nicht zuletzt die nuetzlichen Plastikkarten und den Pass, die potentiell am Grund des Mekong verschollen gehen koennten. Zumindest heute umsonst.
112178_originalMein Bus, ein „VIP Minivan“ war diesesmal sogar tatsaechlich ein Bus und kein geschundenes Mofa. Ein gutes Zeichen soweit. Dass auch ein „VIP Minivan“ unterwegs noch fleissig Ware und Laoten einsammelt war mir nicht bewusst, hat aber zur allgemeinen Erheiterung beigetragen. Gestartet sind wir mit 13 Personen, einem Kind, dem Fahrer und fuer jeden Gepack auf dem Dach in einem Minivan, der zehn Plaetze und einen Notsitz bietet. Keine 500m gefahren, hatten wir noch eine ausgewachsene Kuehlbox auf dem Dach und einen grossen Sack Reiss im Fussraum der ersten Sitzreihe. Ein paar Kilometer weiter stieg nochmal ein laotischen Paerchen ein, das einen grossen Koffer, drei Taschen und eine weitere Kuehlbox mitbrachte. Inzwischen liegt sich der Dachgepaecktraeger auf dem Dachblech auf, hebt sich bei jeder Bodemwelle kurz an um dann mit einem lauten krachen wieder Kontakt zum Dachblech zu suchen. Gut, die Stossdaempfer sind auch eindeutig ueberfordert, und das ein oder andere mal scheinen wir gar unten mit irgendwas auf der Starsse aufzusetzen. So gings dann auf die Strasse (bereits eine Stunde nach Abfahrt ;-) ), sind ja nur noch rund 130km nach Pakse und 100km bis zur Faehre nach Champasak.
Natuerlich nur, wenn der Fahrer nicht wie in Trance verfallen an der Abbiegung nach Champasak vorbeibrettern wuerde, ich zufaellig grob weiss wo sie sein sollte und gute zehn Kilometer nach der Abbiegung die Lage erkennden mal dezent nachgefragt haette. Die Restliche Belegung des Busses (alle auf dem Weg nach Pakse) waren unverholen wenig begeistert ueber die Ehrenrunde, aber ein schlechtes Gewissen habe ich deswegen definitiv keins =). Okay, an der Kreuzung wurde ich herausgeworfen, warten auf den anderen Bus, Fahere fahren (mitsamt Bus) und nach Champasak. Alles in allem ein mehr-als-vier-Stunden-Trip. Merken: eineinhalb Laotische Stunden sind viereinviertel Westliche Stunden. VIP natuerlich =).

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