Hit the road, Jack!

 

Das kleine Maedel meiner Gastfamilie ist heute morgen tatsaechlich auch da. Die Schul-Illusion die mein Gewissen sich so gerne ausgemalt haette, ist damit geplatzt. Pflichtbewusst fegt sie den anderen Raum in dieser Bambushuette, vor einer halben Stunde erst frei geworden, macht das Bett und bringt neue Handtuecher. Sie scheint hier wirklich einen Fulltime-Job zu haben. Ihre kleine Schwester, vielleicht sieben oder acht, albert um sie herum und entdeckt in allem ein Spiel, aber ihre grob vierzehnjaerige Schwester laesst sich dadurch wenig beeindrucken. Sie wirkt in ihrer Art extrem erwachsen dafuer dass sie eigentlich noch ein Kind ist.

115541_originalIch breche eine halbe Stunde nach meinem Nachbarn ebenfalls auf. Tat Lo ist ein Ort an dem man es auch einen Tag laenger aushalten koennte, aber mich zieht es weiter. Wohin weiss ich noch nicht so genau, erstmal die grob 30km aufs Plateau nach Tha Taeng. Laut der Legende meiner Strassenkarte einen ungeteerten Weg mit Serpentinen erwartend, erdecke ich eine nagelneue und frisch geteerte Strasse. Ein klein wenig enttaeuscht war ich schon, aber nur kurz. Ich bin ziemlich frueh unterwegs, es ist noch nicht sonderlich heiss und viele der Landarbeiter sind zu Fuss oder auf „dok dok“s (mini Traktoren, an denen ein improvisierter Holzkarren angehaengt wird. Ich versuch morgen ein Bild davon zu ergattern ;) ) auf dem Weg auf die Felder. Es ist regelrecht was los auf der Strasse waehrend die Landschaft sich gegenueber gestern immer mehr aendert. Mehr Wald laesst sich nicht wirklich sagen. Gestern gabs schon verdammt viel davon, und mehr geht eigentlich nicht. Dafuer wird er dichter, dunkelgruener und irgendwie urwaldiger. Und, etwas chinesische Poesie zweckentfremdet: „… ragt fern der Berg und fliesst der tiefe Fluss…“ zumindest laesst sich so die Aussicht auf die Berge des Bolaven Plataeus und die vielen Fluesse auch recht gut umschreiben =).

Wasserfaelle gibts zwar auch entlang dieser Strecke, aber das Glueck wollte mich heute nicht wirklich hintreiben. Zuerst trieb es mich dafuer auf eine silk-farm. Gut, ein grosses Schild am Strassenrand hat seinen Teil dazu beigetragen. Auf der silk-farm ist gerade allerdings recht wenig los. Ein paar freundliche farmer kommen mir mit einem froehlichen „sabaai dii“ auf den Lippen entgegen, eine Harke ueber der Schulter auf dem Weg auf die Felder. An der recht verlassenen farm stelle ich meinen Motorroller ab, waehrend mir ein Typ mitte zwanzig entgegenkommt. Momentan haetten sie „no business“ erklaert er mir in reichlich knappem englisch. 115913_originalIch vermute die Saison ist einfach die falsche, die Farm sieht nicht gerade verlassen aus. Wirklich verstehen und somit beantworten kann der freundliche Laote diese Frage allerdings nicht. Trotzdem laesst er es sich nicht nehmen, mir ein Korb voller… hm, jetzt fehlt mir das Wort… eingesponnener Seidenraupen (oder so) zu zeigen. Auch Rohseide und fertig gewobene Seidenschals fuehrt er mir vor. Nein, verarbeitet wird die Seide nicht hier, sondern in Vietiane. Hier gibts lediglich die Raupen. Er gibt mir einen bunten Flyer, der mir das wichtigste seiner Organisation erklaert. Ich bin auf eine fair-trade-silk-organisation gestossen erfahre ich hier. Zufaelle gibts… Vielleicht reicht die Zeit und ich kann in Vietiane sehen, was mit den Seidenboebbeln in Nordlaos gemacht wird. Verkaufen mag der nette Laote mir uebrigens nichts. Er legt mir nur ans Herz, sollte ich nach Vietiane kommen, den Rest der Organisation anzusehen. Wir unterhalten uns noch kurz ueber moegliche Routen fuer mich auf dem Bolaven-Plateau, bevor er sein Demomaterial wieder aufraeumt und ich mich dankend verabschiede.

 

Tha Taeng ist eine reichlich ueberschaubare „Stadt“. Es gibt einen Kreisverkehr und davon wegfuehrend drei Strassen: die von Tat Lo hierher, eine nach Paksong und eine nach Sekong. Umdrehen ist wie immer natuerlich keine Option, Paksong fuehrt im Prinzip auch gen Pakse zurueck und so ist die Entscheidung reichlich einfach: eine kalte Sojamilch spaeter gehts nach Sekong. Sojamilch. Genau. Ich war auch leicht ueberrascht. Gibt es das haeufiger in Laos? Ich kenns intensiv aus China und etwas weniger haufig aus dem schwer chinesisch beeinflussten Vietnam. Aber Laos? Ich bin mir nicht sicher, aber ich beschliesse einfach dass es vielleicht ein Indziz dafuer ist, dass ich langsam Vietnam wieder naeher bin als Thailand.

116053_original50 Kilometer spaeter bin ich in Sekong. Eine weitere Fahrt auf gut geteerter Strasse, wieder durch Doerfchen staunen, winkenden Kindern zurueckwinken, fuer Bueffelherden bremsen die die Strasse blockieren, Huehnern ausweichen, immer ein Auge auf Hunde haben und den Fahrtwind geniessen. Es ist beinahe Mittag, bis ich ankomme. Zeit fuer Mittagessen. Nochmal n gutes Stueck naeher an Vietnam bin ich nicht sonderlich verwundert, als erstes auf Pho zu stossen. Vietnamesiche Nudelsuppe. Komplett mit Sprossen und Minze. Das Fleisch in meiner Suppe weiss ich nicht so richtig zu deuten. Die liebe Frau hinterm Suppentopf hat auf verschiedene Optionen gezeigt, und das was mir am leckersten (und frischesten) schien, wurde bestellt. Nach Schwein schmeckts nicht. Nach Rind defintiv auch nicht, dazu sind die Knochen auch zu klein. Huhn oder sonstiges Gefluegel kanns auch nicht gewesen sein. Okay, entweder altes oder komisches Schwein. Oder doch…? Meine Suppe ist relativ teuer geworden… Vielleicht wars doch was vietnamesischeres? Ich weiss es nicht. Meine Gedanken kreisen auch viel zu sehr um meine Route und haengen zu sehr an meiner Strassenkarte, als dass ich lange ueber etwas anderes gruebeln koennte.

Nein, halten und ueber Nacht bleiben mag ich irgendwie noch nicht. Mein Bauchgefuehl findet Sekong nicht allzu spannend und lechzt nach mehr Kilometern auf der Strasse. Gut, die Optionen: suedlich nach Attapeu oder westlich ins Niemandsland, auf einer kleinen Strasse die nur an die Vietnamesische Grenze fuehrt und (zumindest laut offizieller Karte ;-) ) dort im nichts endet. 120 Kilometer waeren das noch. Klingt spannend. Klingt nach Plan. Ich erweise mich allerdings ziemlich schnell als zu daemlich fuer den Plan. In suedwestlicher Richtung Sekong verlassen, nach grob zwei Kilometern mit ner Faehre ueber den Fluss und immer oestlich halten. Klingt einfach, wenn man nicht schon daran scheitert den Fluss zu ueberqueren. Nunja, so tragisch war das irgendwie nicht und der Alterntaivplan schnell ausgedacht: suedlich nach Attapeu, unterwegs ein paar Abstecher ueber Feldwege, vielleicht zwei Wasserfaelle finden und in Attapeu uebernachten. Das ist ne amtliche Stadt und wohl auch einfacher fuer die Guesthouse-Suche und so.

116341_originalAuf dem Weg, ich bin gerade unschluessig ob ich links in den kleinen Weg abbiegen moechte oder nicht, werde zusaetzlich von einem von hinten kommenden Kleingtransporter abgelenkt und habe einen dieser kurzen Momente, in denen man sich mit der Situation sowieso schon ueberforfert fuehlt, als nur ein paar Meter vor mir sich ploetzliche ein Bindfaden von der Fahrbahn erhebt und sich quer ueber die Strasse spannt. An dem Bindfaden sind (wohl zwecks besserer Erkennbarkeit) ein paar Stoffetzen befestigt, die mich an Faschings-Dekorationen von daheim erinnern. „Was ist das? Und was soll das da?“ schiesst mir zuerst in den Kopf. „Stop! Notbremsung!“ nur kurz danach. Als ich zum stehen komme, noch vor dem Bindfaden, der Kleintransporter an mir vorbei braust und sich nur Sekundenbruchteile vorher der Bindfaden wieder auf die Strasse legt, sehe ich rechts am Strassenrand eine Gruppe Jugendliche sitzen. Fuenf Maedels und drei Jungs sitzen dort im Schatten hinter einem kleinen Tisch. Ihre Gesichter sind wohl genauso komisch verzogen wie meins kurz nach diesem Schock: Sie versuchen mich entschuldigend anzulaecheln, sind aber gleichzeitig voellig ueberrascht und ordentlich erstaunt, mit ihrem Bindfaden einen Falang „geangelt“ zu haben. Wir haben fuer einen Moment wohl alle vergessen, warum und weshalb wir hier sind, und was gerade passiert ist. Ein Moment der schraegen Gesichter und Ueberraschungen. Als sich wieder ein wenig normales Denken eingeschlichen hat, steht eins der Maedels auf, nimmt die silberne und mit Mustern reichlich verzierte Almosenschale (wie man sie in Thailand oft sieht), kommt auf mich zu und steckt mir vorsichtig laechelnd eine kleine Papierblume an den Aermel meines T-Shirts. In der Almosenschale sind auch einige Geldscheine zu finden, und ich erkenne in dem Moment dass sich hinter dem Baum ein Tempel versteckt ueber dessen Vorplatz bunte Girlanden gespannt sind. Es gibt sogar eine Bestuhlung und soetwas wie eine kleien Buehne, aber offensichtlich wird gerade abgebaut. Schade, ich bin wohl zu spaet hier =). Das Maedel wartet reichlich geduldig, waehrend ich immernoch leicht verwirrt den Tempel begutachte. Sie kramt in ihrer Almosenschale, hat einen der Zettelchen in der Hand, diskutiert kurz mit ihren Freunden und laesst den Zettel dann wieder in die Schale fallen. Vielleicht eine kleine Erklaerung was hier vor sich geht, aber bestimmt nicht auf englisch. Ich wuerde darauf wetten, dass die kurze Unterhaltung genau dieses Problem zum Thema hatte. Wie auch immer, ich krame ein paar tausend Kip aus meiner Tasche, die unter gejubel der anwesenden Jugendlichen und breitem grinsen des Maedles neben mir in die Almosenschale fallen. Unter lautem „khap jai lai lai“ biege ich dann schlussendlich wirklich links ab. Im uebrigen nicht zu einem Wasserfall. „Nur“ ein weiteres Doerfchen im Wald mit schwer ueber den Besuch erstaunten Bewohnern im Schatten unter den Haeusern.

116690_originalAuf meiner Suche nach den Wasserfaellen habe ich noch so einige Feldwege erkundet. Es ist definitiv nicht so, dass die ganzen Wasserfaelle mich vom Hocker reissen wuerden. Bis auf den ersten mit der wahnsinnigen Aussicht und einem weiteren auf dem Palteau betreffend schreibt uebrigens sogar das Guidebook soetwas zwischen den Zeilen. Wasser faellt nen kleinen Abhang hinunter. Schoen, aber den Stress an sich nicht wert. Das spannende ist vielmehr die Suche danach, das herumeiern auf Feldwegen in Waeldern, anhalten, lauschen ob man irgendwo was anderes hinter dem Grillengezirpe hoeren kann, zureuckfahren und weitersuchen ist beinahe der wichtigste Teil daran. Der Wasserfall etnschaedigt dann schon dafuer, aber vielmehr als kleine Abkuehulng zwischendurch mit kurzer Pause und nicht weil Wasser nen Abhang hinunterfaellt. Im konkreten Fall war ich ein wenig ungeduldig, und habe mich quasi schon ohne Wasserfall „entschaedigt“. Das Stueckchen Fluss, das ich entdeckt habe war einfach an sich schon schoen genug. Am gegenueberliegenden Ufer hat in einiger Entfernung gerade eine komplette Grossfamilie oder das ganze Dorf, wie auch immer, eins dieser sozialen Badeereignisse „zelebriert“. Sich im Fluss zu waschen ist hier nicht nur notwendige Taetigkeit, sondern auch social life. Etwas Flussabwaerts schliesst sich sogar eine kleine Bueffelherde dem Bad im Fluss an. Die Gegend hinter diesem Fluss ist sicherlich auch spannend. Die einzige Strasse, die auch nur grob in die Naehe fuehrt ist im Norden eben diejenige in Ost-West-Achse mit der Faehre, die ich nicht finden konnte. Im Westen wird die Gegend durch den Fluss begrenzt, im Osten geht sie direkt in den „Dong Amphan National Park“ ueber und erstreckt sich bis an die vietnamesische Grenze, wo es in die central higlands von Laos uebergeht. Im Sueden gibt es noch eine Strasse von Attapeu nach Osten gen Vietnam, von der ein paar Wege sich, laut meiner Karte, abzweigen und absolut unmoeglich durch das Gebiet schlaengeln. Die meisten Doerfer die hier verzeichnet sind, scheinen allerdings echt keine Strassenanbindung zu haben. Okay, es ist zudem eines der Gebiete, durch die sich einst der Ho Chi Minh Pfad geschlaengelt hat. Eine der Regionen, die am schwersten bebombt wurde und immernoch unzwaehlige UXO’s beherbergt. Eine spannende, aber sicherlich unangenehme Region.

 

116772_originalIch komm vom Thema ab =). Die Wasserfaelle habe ich zwar gefunden, aber wenig Ambition gehabt Eintritt zu bezahlen (zudem ich iiirgendwie die Vermutung habe, dass dieser „Ticketverkauf“ sowas von garnichts „offizielles“ an sich hat…). Den Wasserfall zu finden ist das Ziel, nicht ihn zu sehen. Und so bin ich direkt weiter naach Attapeu.

Attapeu ist mal wieder eine richtige „Stadt“. Es gibt mehr als drei Strassen und mehr als eine Kreuzung. Es gibt Guesthouses und Restaurants, aber trotzdem ist es noch definitiv laotisches Hinterland. Der bevorzugte Baustil scheint hier immernoch das Holzhaus auf Stelzen zu sein, der Schweinestall im Garten unter Palmen ist auch keine direkte Seltenheit. Attapeu macht soweit gar keinen schlechten Eindruck. Viel an meinem Eindruck, das geb ich zu, ist vom Balkon-Ausblick meiner derzeitigen Bleibe ueber die Wohngegend (man denke bitte an das Wort, wenn man das naechste Bild betrachtet!) Attapeus. Und dem Sonnenuntergang. Und, nicht zuletzt am superleckeren original aus Vietnam „importierten“ Flaschen-Eistee den ich schon vermisst habe und den es hier wieder ueberall gibt. Es sind halt doch nur noch rund 100km auf einer gut ausgebauten Strasse nach Vietnam, waehrend Pakse (die naechste grosse laotische Stadt) auf dem kuerzesten Weg ueber das Plateau und Buckelpisten wohl 180km weit weg liegt.

 

der Blick von dem Guesthouse-Balkon ueber die Wohngegend von Attapeu spricht Bande, oder? =)

der Blick von dem Guesthouse-Balkon ueber die Wohngegend von Attapeu spricht Bande, oder? =)

Achja, zum Thema Vietnam und so… ich war Abendessen. An sich noch nichts spannendes und soll durchaus ab und an mal vorkommen, habe ich es gewagt gebratenes Huhn mit Ingwer und Gemuese zu bestellen. In Laos kann man normalerweise, so zumindest die Erfahrung vom letzen (okay, und zugegeben auch einzigen) mal, wieder Huhn bestellen ohne ein Mix aus Fleischabfaellen, Knochensplittern und Gemuese serviert zu bekommen. Naja, hier eben doch nicht. Wie die vietnamesische Art der Huehnchenzubereitung nun genau funktioniert, weiss ich nicht sicher. Aber wenn man sich das Ergebniss betrachtet gibts eigentlich nur eine Schlussfolgerung: Man nehme ein Huhn, und entferne alles, was einzeln mehr Geld bringen koennte: Brust, Beine, Fluegel. Der Rest wird dann einmal der Laenge nach halbiert, denn eine Portion ist ein halbes Resthuhn. Dann nimmt man simpel und einfach ein grosses Beil und hackt alles schoen klein. Inclusive Knochen und so, und wirft es in den Kochtopf. Etwas Gemuese dazu, einmal kochen und fertig. Es scheint durchaus ganz normal, dann einen zerkleinerten Huehnerfuss im Essen zu haben, wenn man „Glueck“ hat den Kamm, und vorallem: unendlich viele fiese kleine Knochensplitter. Ueberall. Auch im Gemuese und in der Sosse. Burmesen machen das auch ganz gerne so, und ich habe es damals schon gehasst. Nichts gegen Resteverwertung, aber muss man die Knochen erst zu Splittern zerhacken, bovor man das Essen serviert? Und, so nebenbei: Auch Chinesen kauen gerne auf gekochten Huehnerfuessen herum. Als Zeitvertreib oder kleine Knabberei im Zug zum Beispiel. Aber wenn man ich China Huhn bestellt, findet man definitiv keine Teilstuecke von Huehnerfuessen im Essen.
Genug geschimpft =) Huhn ist wieder gestrichen, und fertig.

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