Jeden Tag steht ein Dummer auf. Heute wars mal ich.

 

Heute gibt es erstmal eine klitzekleine Information vorneweg: irgendwo in diesen Saetzen versteckt sich tatsaechlich das 500000ste Zeichen, das ich zu meiner aktuellen Reise verbrochen habe. Nein, da ist kein Fehler in der Anzahl der Nullen. Fuenfhunderttausend. Soweit ich weiss ist das schon ein gutes Stueck mehr als ein Mittellanger Roman und duerfte in Buchform wohl nen ganz ordenen Ziegelstein darstellen. Fuenfhunderttausend Zeichen Reisestumpfsinn ohne tieferen Sinn und Handlung =D. Voellig irrsinnig eigentlich. Sollte es da draussen irgendwen geben, der es sich gegeben hat alle funfhunderttausend Zeichen zu lesen, bitte die (virtuelle) Hand heben. Ich bin ja immer neugierig =).

Okay, aber was fuer Reisestumpsinn gibts heute heute zu erzaehlen? Eeeeigentlich wollte ich freuh raus. Ich habe mir eine ziemlich weite Strecke vorgenommen, mit null Zivilisation als Ziel, und die sollte ich zwecks Bleibe auch wieder zurueck schaffen. Am besten bei Tageslicht. Von Attapeu solls heute einmal 100km nach Osten bis kurz vor die vietnamesische Grenze gehen, dann knappe 70km Lehmpiste gen Norden. Falls irgendwer ganz zufaellig eine Karte von Laos im Kopf hat, dem wird schnell auffallen, dass das genau die Gegend ist, die fuer mich gestern noch „hinter dem Fluss“ gelegen hat. Nicht direkt hinterm Fluss, sondern schon tief im angrenzenden Dong Amphan Nationalpark, eigentlich sogar schon so gut wie in den vietnamesischen Central Higlands. Ja, an einer Stelle verlauft die Lehmpiste laut meiner Karte so knapp an der Grenze, dass die rechte Strassenseite eigentlich schon vietnamesisch sein sollte, waehrend die linke noch in Laos liegt.
Mich hat die Gegend „hinter dem Fluss“ einfach nicht in Ruhe gelassen, und dieser Weg scheint laut meiner Karte eine der besten Moeglichkeiten mit einem Ziel vor Augen in diese Region zu kommen: Der „Nong Fa Lake“ liegt genau am Ende dieser Piste. Was meint das liebe Guidebook (im allerallerletzten Abschnitt des Buches, so nebenbei erwaehnt) nochmal dazu? „The main attraction in the protected area is fabled Nong Fa. This beautiful volcanic lake […] was used by the North Vietnamese as an R’n’R for soldiers hurt on the Ho Chi Minh Trail. […] it’s not really possible as a day-trip. If you’re planning to visit […] Cambodia, you may want to saver your volcanic crater experience for Yeak Lom, just 10 minutes from Ban Lung“. Mal ganz frei zwischen den Zeilen interpraetiert: „ist zwar schoen da, aber vergiss es!“. Nein, ich versuchs trotzdem. Es ist schon nach zehn Uhr, aber streng nach dem Motto „wer nicht wagt, der nicht gewinnt breche ich ziemlich blauaeugig mitsamt Gepaeck auf, immer in Richtung vietnamesische Grenze.

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Die ersten hundert Kilometer auf der „Rte 18A“ waren theoretisch nicht allzu schwierig, aber schon ziemlich spannend. Rund zwanzig Kilometer hinter Attapeu scheint die Zivilisation bereits aufzuhoeren. Doerfer entlang der Strasse gibts erstmal keine mehr und die Strasse beginnt sich langsam um und ueber ein paar Berge zu winden. Nach Rund dreissig weiteren Kilometern stoesst man auf die letzte und wirkliche Siedlung, nur kurz vor der Grenze zum Dong Amphan Nationalpark steht und arbeitet hier im wesentlichen schweres Geraet zur Holzgewinnung. Der einzige Zweck der gesamten Siedlung ist wohl, den Waldarbeitern und ihren Familien eine Unterkunft zu bieten. Das ganze Dorf wird gepraegt von unzaehligen Staemmen uralter Baeume, Transport-LKWs, Frontladern und verschiedener Forstmaschinen. Der Boden scheint oelverseucht, die gefaellten Baeume bilden wahre Berge, ganze Waldflaechen wurden nach der „Bearbeitung“ einfach vollends niedergebrannt und die Erkenntniss dass die Staemme allesamt in Richtung Vietnam und nicht in Richtung Laos abtranstortiert werden macht das Gefuehl zu dieser Geschichte nochmal ein ganzes Stueck unangenehmer.

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Weiter gen Osten, allso geradeaus nach Vietnam, fuehrt die Strasse direkt durch den Nationalpark. Schon jetzt sehe ich mehr Motorroller mit vietnamesischen Kennzeichen als mit Laotischen (oder welche komplett ohne, welche ich einfach mal spontan als laotisch bezeichnen wuerde =) ), denn jetzt gibt es wirklich nicht mehr viel anderes als die Strasse und den Wald. Ein paar einzelne Huetten fernab der Strasse vielleicht noch. Und irgendwann, in schzig Kilometern oder so, eine Grenze. Die Aussichten von den Paessen ueber die Waldlandschaft sind dafuer reichlich beeindruckend, und es ist eine Leichtigkeit alle paar Kilometer staunend den Motorroller am Strassenrand abzustellen, die Aussicht ueber die dichten (Ur?-) Waelder zu geniessen und dabei die Zeit komplett zu vergessen. Noch nie habe ich zuvor einen derart verwucherten und dichten Wald so nahe gesehen. Es ist einfach nur… gruen. Gruen in grob fuenf Millionen verschiedenen Gruens. Mit einem hellblauen Himmel darueber und leichtem Nebel dazwischen. Von hier oben sieht die Welt jedenfalls noch voellig in Ordnung aus.
Das kleine Dorf aus Holzhauesern an der „Rte 18A“, kurz hinter der Xesou Bridge und direkt an der Abzweigung auf die Lehmpiste habe ich so gegen halb eins erreicht. Gut in der Zeit, dachte ich. Zuerst galt es herumzufragen, wer hier Benzin verkauft, da Tank bald leer. Die letzte „richtige“ Tankstelle gab es kurz nach meiner Abfahrt, mal von der im Waldarbeiterdorf abgesehen, die nur „Diezel“ verkauft hat. Ein direktes Problem ist das nicht, denn auch die locals muessen ja auch irgendwie tanken. Und so dauert es selten lange, bis einer der Cafe- oder Kioskbesitzer hinterm Tresen einen Kanister hervorzaubert und mit Trichtern und Plastikflaschen Literweise Benzin abmisst und nachtankt. Manchmal findet sich sogar einer mit Benzinfass und Pumpe, aber das ist beinahe schon die Luxus-Ausfuehrung. However, Tank voll, Wasser gekauft und ne Pepsi geteunken habe ich mich bereit gefuehlt die geteerte Strasse hinter mir zu lassen und herauszufinden, was die Lehmpiste mir bringen mag.
Die ersten Erkenntnisse gewinnt man dabei schnell: kaum die Hauptstrasse verlassen, findet man schnell wieder kleine Doerfchen. Entlegene, kleine Nester mit Bauern und Fischern. Dass hier allerhoechststeltenst Falangs gesichtet werden, ist den erstaunten Gesichtern der Leute denen ich hier schon begegne deutlichst abzulesen. Ausserdem wird die Strecke neben holpriger auch wesentlich huegeliger. Es gibt (noch) Strassenschilder, die hier irgendwer vor laengerer Zeit mal aufgestellt hat. Dabei gibt es wohl zwei Steigungs-Varianten: 10% und 12% Steigung. Andere Gefaelle-Info-Schilder scheinen in Laos grundsaetzlich nicht produziert oder gepinselt zu werden. Die „Uebersetzung“ ist daher recht einfach: alles mit 10%-Schild ist ziemlich steil, alles mi 12%-Schild verdammt steil. Mehr Info brauchts ja eigentlich auch nicht =).
Es braucht nur ein paar Kilometer, und ich stehe vor einer weiteren Premiere, die erstmal eine kurze Pause und einen ganz zaghaften Erkundungsgang mit anschliessendem Mutsammeln benoetogt hat: Eine Flussueberquerung. Arg sonderlich tief ist der Fluss nicht, aber ich habe etwas Bedenken mit dem Motorroller. Ab wann saeuft der Motor dieses Gefaehrts sprichwoertlich ab? Ich habe keine Ahnung, haette auch nie im Leben daran gedacht das beim Anmieten dieses Dings zu fragen (davon abgesehen: wer weiss, ob die mir nach dieser Frage den Roller ueberhaupt vermieten wollen haetten…). Ich habe eine ganze Weile gewartet, unter schwerer Beobachtung dreier Jungs die wohl irgendwo in der Naehe wohnen. Die Kids hier trauen sich nichtmal mehr zu winken. Oder denken nicht daran. Was auch immer in ihren Koepfen vorgehen mag, sie sind nur in der Lage mich anzustarren wie einen Ausserirdischen: die Augen riesig, der Mund offen, zu keiner Regung in der Lage. Ich laechle immer freundlich und gruesse mit einem „sabaai dii“, aber dass ich keinerlei Reaktion erwarten kann ist mir inzwischen schon von vornherein klar.
Aber zurueck zum Fluss. Ich stehe immernoch am Ufer, werde beobachtet und bin mir unschluessig ob ich es wagen soll oder nicht. Ich stehe ins Wasser, suche die flachesten Stellen und versuche sie gedanklich zu einem Weg zusammenzufuegen. Ich merke mir die Wassertiefe anhand des Wasserstandes an meinen Waden, gehe zurueck, vergleiche die Wassertiefe mit der Montagehoehe des Motors und versuche herauszufinden, wo die Stellen sind die nicht unter Wasser sein sollten. Kurzum: ich benehme mich wie blutiger Anfaenger (was ich ja auch definitiv bin), bis ein LKW von hinten ankommt. Ja, ein LKW. Was macht ein LKW hier, und vorallem: wie ist er den Weg hierher gekommen? Vermutlich genau so unbeeindruckt wie er den Fluss ueberquert: ohne wesentlich abzubremsen einfach durch. „Okay,“ denke ich mir, „wenn der das kann, dann ich auch.“ und steige auf den Roller. Gas geben und einfach geradeaus durch. So einfach kann das sein.

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Die „Strasse“ fuehrt danach immer weiter ins Nichts. Nach der ersten Flussueberquerung kommt eine improvisierte Bruecke aus ein paar ueber den Fluss gelegten Betonpfeilern, daneben eine komplette Baustelle mit Baggern, Betonmischern und allem was es dazu braucht, eine weitere grosse Bruecke zu bauen. Okay, der Nationalpark wird also per Strasse erschlossen. Eine ziemlich schraege Erkenntniss fuer mich, fahre ich erstmal leicht verwirrt weiter. Ich erinnere mich an die erste Bruecke auf dieser Piste, reichlich neu, reichlich breit, reichlich Fehl am Platz hat mich die schon leicht verwundert. Auf halber Strecke zum Nong Fa Lake durch den Wald finde ich dann etwas, das den Grund fuer diese Bruecken sein koennte: hier wird schwer am Gelaende gearbeitet. Ob es ein ueberdimensionaler Steinbruch oder einen Staudamm werden soll wenns fertig ist weiss ich nicht sicher, aber nach allem was ich gelesen habe wirds wohl eher zweiteres. Ein kompletter Hang wird mit unzaehligen Baggern und LKWs bearbeitet. Der gruene Wald fehlt komplett, stattdessen leuchtet die dunkelrote, lehmige Erde in der Sonne wie eine klaffende Wunde. Ein Hoch auf die Sicherheit der Nationalparks an dieser Stelle. Trotz allem: meine Gefuehle sind reichlich verwirrt. Wenns denn wirklich ein Staudamm zwecks Elektrizitaet werden soll… wer will den Laoten verbieten, Strom zu produzieren? Auch Laoten wollen Licht, Fernsehen, Kuehlschraenke, Waschmaschinen und Musik. Ohne irgeneine Ahnung ueber alternative Standorte fuer einen Staudamm zu haben, wuerden mir spontan die anderen Stromgewinnungsformen auch nicht sonderlich gut gefallen. Kohle zu verheizen oder Atome zu spalten ist wohl auch nicht die beste Idee. Wind ist in Laos mal eher keine Option, und Sonne? Ja, theoretisch. Aber wohl eine zu optimistische Theorie. Den elektrifizierten „Fortschritt“ kann wohl offensichtlich nichtmal ein Nationalpark aufhalten. Es geht mir viel durch den Kopf auf diesem Weg. Die ganzen Doerfchen mit ihren starrenden Bewohnern auf dem Weg sind dabei ein interessanter Einfluss.
Was man hier nun endgueltig ausserhalb der Reichweite der Hauptstrasse sieht, beschaeftigt einen auf eine ganz andere Weise. Eine Schule habe ich unterwegs zwar tatsaechlich gesehen, zumindest etwas das ich fuer eine Schule gehalgten habe, aber dass der Grossteil der Kids die besuchen ist wohl Wunschdenken. Sechsjaehrige schleppen hier Holz, treiben Kuehe und waschen die Waesche im Fluss, mit einem ernsthaften Gesichtsausdruck der mich beinahe verstoert. Diese Kinder sind keine Kinder wie ich sie von woanders kenne. Das Leben hier scheint anders, als ich es von woanders kenne. Die Frau die mir entgegenkommt, ein kleines Baby mit einem einfachen Stofftuch an die Brust gebunden und einen offensichtlich ziemlich schweren Korb voller Holz auf dem Ruecken, zu Fuss und ohne Schuhe und sicherlich 5km von der naechsten Siedlung entfernt, ist allerallerallerhoechstens achzehn. Und auch nur, wenn man beide Augen zudrueckt. Sie ist im uebrigen die einzige Person auf dem ganzen Weg, die es schafft mir ein freundliches „sabaai dii“ mit einem laecheln auf dem Gesicht zu antworten. Und es kamen mir so einige Leute auf dem Weg entgegen. Das hat mich ziemlich schwer beeindruckt und dieser Anblick sich irgendwie besonders gehalten.
Wo bin ich stehen geblieben? Achja, Weiterentwicklung und so. Ich bin immernoch ziemlich wirr. Diese extrem einfachen und armen Doerfchen hier, und im Kontrast dazu die potentielle Staudammbaustelle mitten im Nationalpark. Definitiv etwas, zu dem ich irgendwann mal dachte ich haette eine Meinung zum Thema. Heute weiss ich, dass ich noch nicht mal die leichte Idee einer Ahnung davon habe.

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Aber erst mal weiter. Weiter zum Nong Fa Lake. Ein schoenes Platzchen, Kinder baden und Voegel zwitschern. Alles wirkt so herrlich friedlich hier. Auch ich kanns mir nicht verkneifen in den kuehlen See zu steigen, ein wenig Abkuehlung tut genau so gut wie den Strassenstaub von der Haut waschen zu koennen. Nach nur ein paar Minuten faehrt ein Jeep an die einzige kleine Stelle, von der man von der Strasse ans sonst dicht verwucherte Ufer gelangen kann. Vier Maenner steigen aus. Drei juengere und ein aelterer Mann, seine Arme komplett taetowiert mit Zeichen und Formen die im laufe der Zeit ordentlich „verwittert“ sind. Mich wuerde die Geschichte des Mannes interessieren, solche Tatoos hat man nicht „einfach so“ ohne Grund. Er hat wohl einiges erlebt und durchgestanden, und das Alter wuerde womoeglich reichen, dass er als junger Mann selbst auf schmalen Pfaden mit viel Gepaeck hier durch die Waelder geschlichen ist, sich immer und ueberall vor den Amerikanern versteckend. Leider scheitert es an der Sprache, und so beschraenken wir uns darauf, dass er mit meiner Kamera spielen und seine juengeren Freunde fotografieren darf. Die Kameras der Falangs. Irgendwie werde ich immer wieder danach gefragt, und es ist fuer viele immer wieder spannend, selbst damit zu spielen. Wenigstens das funktioniert immer, auch ohne Sprache.

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Nachdem mich meine neuen Freunde eben erst fuenf Minuten weg waren und ich einfach noch am Ufer gesessen bin, bekam ich schon wieder „Besuch“. Inwiefern meine Freunde von vorhin daran beteiligt sind weiss ich nicht, ich hoffe einfach mal dass sich der jetztige Besuch um einen Zufall statt um Fluesterpost handelt. Auf einem schaebigen Motorroller kommen zwei ziemlich ernste Gestalten daher. Einer in Uniform mit Abzeichen, Namensschild, laotischen Emblemen und allem was noetig ist um offiziell auszusehen, der andere in einem Tarn-Overall mit einem Emblem des Dong Amphan Nationalparks. Sie sprechen ziemlich ernst mit mir, und verstehen tu ich erstmal nichts. Es ist zuminest definitiv kein englisch und kein deutsch was ich da hoere. Aber ein paar Gesten verstehe ich: „Fotografieren“: ja, ich habe eine Kamera in der Hand. „Schlafen“: ich erklaere den beiden auf meiner Karte, dass ich von Attapeu hierher gefahren bin und zum schlafen auch wieder zurueck fahre. „Motorrad“: ja, ich bin mit einem Motorrad hier. „Cash“: nein, ich verstehe nicht =). „Schlafen die Strasse links entlang“: nein, falsch, rechts herum, in Attapeu schlafen. „Schlafen links entlang, Cash“: nein, Attapeu liekt nach rechts, ich schlafe nicht links. „Handschellen, Cash“: what the fuck? „Handschellen, schlafen links, Cash“: nix verstehen. Ich habe das Spiel noch eine Weile weitergetrieben. Immer wenns um Cash ging habe ich nichts mehr verstanden, aber die beiden Herren wurden nur immer unfreundlicher. Die wollten Bares, warum auch immer, und drohen mir mit Festnahme, ebenfalls warum auch immer. Okay, doch ein wenig impressed von der Ernsthaftigkeit und dem Nachdruck der beiden fange ich an, darueber nachzudenken mich „freizukaufen“. Aber was bedeutet das schlafen links die Strasse entlang? Nach meiner Karte kommt da nichts mehr. However, rgendwann taucht eine Zahl auf: „150000 Kip“ steht auf einem Stueck Papier. Diese verdammten, korrupten Offiziellen, ich bin echt zu Nahe an Vietnam dran. Ja, hundertfuenfzigtausend Kip, umgerechnet knapp fuenfzehn Euro, und ein halbes Laotisches Vermoegen. Herumterhandeln ist erstmal definitiv fehlgeschlagen. Okay, jetzt kommt die Stelle mit dem „jeden Tag steht ein dummer auf“: ich habe den beiden irgendwann netnervt die Kohle gegeben. Ich habe im Gegenzug gefordert sie fotografieren zu duerfen, einmal die Gesichter und noch das Namensschild in Grossaufnahme. Und ich habe auf einen Beleg mit Unterschrift bestanden. Ich kann zwar in keinster Weise lesen, was der Held auf einem blanko DIN-A4 Papier ueber die ganze Seite geschrieben hat (ich konnte lediglich ein „30.5.2011“ und „2.6.2011“ zwischen den laotischen Buchstaben erkennen), aber falls noetig, kann ich immerhin versuchen ihn anzukreiden. Wohl ohne Erfolg, aber immerhin habe ich so ein klein wenig was in der Hand.
Nachdem das Vermoegen den Besitzer gewechselt hat, erschien ein breites Grinsen auf den beiden Gesichtern. Spaetestens jetzt ist sonnenklar: hier wird abgezogen. Aber, was mich immernoch verwundert: die schlafen-links-die-Strasse-entlang-Geste kommt immernoch. Diesmal freundlich und einladend. Nagut, mal sehen was da links auf mich zukommt. Ich folge den beiden um den halben See, bis in ein weiteres dieser kleinen Doerfchen. Ich werde in einen dieser schraegen kleinen Haushaltswarenlaeden gebeten, setze mich neben den beiden auf etwas, das tagsueber wohl Auslage ist und abends als Nachtlage fuer irgendwen umgebaut wird. Der Uniformmann gibt mir zu verstehen dass es sein Laden ist, und sein Sohn hier tagsueber den Verkaufer spielt. Sein Sohn spielt allerdings gerne voellig versunken und abwesend an seinem Handy, das ueber eine Reihe D-Cell Batterien in einem Papprohr, umwickelt mit einem Fahrradschlauch und mit zwei Draehten durch ein Loch im Batteriefachdeckel mit dem Handy verbunden betrieben wird. Wohl etwas besonderes, denn soetwas wie Strom oder Licht kann ich in der ganzen Huette nirgends sehen. Ich bekomme vietnamesisches Bier angeboten, lehne aber dankend ab. Als Alternative dreht man mir jetzt „Number 1“, vietnamesischen Energy Drink, zum anstossen an. Nagut, darauf kann ich mich einlassen. Rund um den Shop sammeln sich nun die Jungs des Dorfes. Der juengste vielleicht drei, der aelteste vielleicht siebzehn (und in einem grossen Stofftuch den Junior auf den nackten Oberkoerper gebunden) stehen sie alle am Eingang und koennen kaum fassen was dort fuer eine sonderbare Gestalt sitzt. Ich wusste immernoch nicht, was ich fuer fuenfzehn Euro nun gerade gekauft habe. Soll ich hier uebernachten? Habe ich nen Guide ohne englisch angeheuert? Ich weiss es noch nicht, aber ich lasse es erstmal auf mich zukommen. Der Mann in Oniform bittet mich, meine Karte wieder auszupacken, um sie den Kids zeigen zu koennen. Natuerlich haben die wohl noch nie ne Strassenkarte gesehen, und voellig fasziniert starren sie auf das grosse bunte Bild waehrend der Oniformmann auf verschiedene Punkte zeigt und irgend etwas erklaert. Mich fesselt derweil ein Junge draussen auf der Strasse. Er sieht anders aus als alle anderen. Ernster, ausdrucksloser. Er hat keine Schuhe an, eine kurze dunkle Hose mit einem Loch im Oberschenkel und als einziges Oberteil ein Jacket. Die anderen Jungs des Dorfes tragen alle T-Shirt, daher faellt er auch ohne sein merkwuerdig abwesendes Starren aus leeren Augen direkt auf. Das Jacket war vielleicht mal schwarz, vielleicht auch dunkelgrau oder dunkelbraun. Die Sonne hat es ebenso gebleicht, wie es der rostrote Staub der Strassen und Felder hier wieder fleckig gefaerbt hat. Knoepfe hatte es wohl mal drei an der Zahl, aber inzwischen fehlen alle. Ein weisser Bindfaden ist an der Stelle des ehemals mittleren Knopfes befestigt, durch das Knopfloch gefaedelt und haelt in einem kleinen Schleifchen geknotet nun das Jacket zu. Die Haare des Jungen reichen ihm an die Ohren, und er traegt sie in einer art verwuscheltem und verschlafenem Topfschnitt. Er tut nichts anderes, als auf seinem alten Damenrad (eins von denen, wo die Bremse nur ueber eine einfache Mechanik einen Klotz von oben aufs Vorderrad drueckt) die Strasse vor dem Laden in dem ich sitze auf- und abzufahren und mich dabei jedes mal durchs Fenster anzustarren. Sein Geischt ist verschmiert und hat etwas von den Gesichtern auf Fotos von Nachkriegskindern. Irgendwie versteinert. Unglaeubig. Gezeichnet. Es klingt schraeg, aber der Junge hat mir mit seinem leeren Blick Angst gemacht. Er wirkte einfach zu schraeg, selbst hier zu falsch, und ein wenig wie aus einem schlechten Horrorfilm. Ich sollte wohl noch weniger fern sehen.
Erst auf der Hauptstrasse hatte ich heute schon eine schraege Begegnung: Es lag ein komplett schwarzer Hund am Strassenrand. Offensichtlich irgendwie in den Verkehr geraten hat er eine riesige offene Wunde am Kopf, die am rechten Auge anfaengt und eine komplette Haelfte der Stirn bis zum Ohr einnimmt. Die komplette Haut fehlt einfach. Verheilt ist die Wunde kein Stueck, und der Hund lag komplett reglos am Strassenrand. Tot in meinen Augen. Aber nicht wirklich. Als ich langsam naeher komme, steht dieser Hund auf und kommt seelenruhig direkt auf mich zu. Aus der Naehe habe ich den Eindruck bis auf den Schaedel sehen zu koennen, aber der Hund macht nicht den Anschein als waere ihm bewusst, dass da irgendetwas mit ihm nicht stimmt. Wie das so rein praktisch funktioniert dass er nicht komplett Blutueberstroemt daherkam, verstehe ich bis heute nicht. Ein schraeger Moment, an den ich mich genau in diesem Moment wieder erinnern muss. Etwas komplett anderes, aber das Gefuehl war in dem Moment recht aehnlich zu dem das ich habe, wenn der Fahrradjunge mich so anstarrt.
Ein zupfen am Oberarm holt mich geistig von der Strasse, dem Jungen und dem verletzten Hund zurueck in den Laden beim Nong Fa Lake. Ich weiss nicht, wie lange ich hier jetzt gesessen habe, und denke schon mit Bange an die Rueckfahrt. Oder kann ich wohl echt hier bleiben…? Ein einladend freundlich dreinschauender Uniformmann gestikuliert nun wieder. Motorrad. Weiterfahren. Fotografieren. Ich mit ihm und seinem Freund. Nicht in die Richtung aus der ich gekommen bin. Die andere Richtung. Okay, was soll jetzt noch schlimmes passieren? Ich bin dabei. Den Energy Drink ausgetrunken und den beiden nach draussen gefolgt, gehts jetzt auf einmal schon wieder um Bares. Der Energy Drink war kein Geschenk an den Gast, wie sich herausstellte. Der Uniformmann wil Geld dafuer. Unglaubliche 85000 Kip schreibt er auf ein Stueck Papier. Gute acht Euro? Okay, ich habe ja wirklich noch die Hoffnung auf ein gutes Ende gehabt, aber genau hier muss sogar ich feststellen: ich bin die Kuh, die gemolken werden soll, und zwar kraeftig. Ich male ihm 5000 Kip auf meine linke Handflaeche. In meinen Augen sowas wie der reelle Preis. Handeln ausgeschlossen, dieses mal bei mir, denn jetzt werde ich tatsaechlich wuetend. Er stimmt mir nach ein wenig hin- und her leicht eingeschuechtert zu, versucht dann aber doch mich mit dem Wechselgeld auf 20000 Kip zu bescheissen und es einzuschieben, zusammen mit dreitausend weitern Kip die er sich direkt aus meinem Geldbeutel gefischt hat. Genau an dieser Stelle hats jetzt gereicht. Ich fuehlte mich tatsaechlich genoetigt, den grosser-und-breiter-Tourist-gegen-kleinen-Laoten-Joker zu ziehen und habe mich drohend aufgebaut, die Handflaeche mit der Zahl 5000 direkt vor sein Gesicht haltend. Der Uniformmann war zwar sichtlich beeindruckt, aber noch nicht ueberzeugt, und so musste ich ihn tatsaechlich an den Handgelenken packen, und ihm zeigen wohin das Geld zwischen seinen Fingern wirklich gehoert. Ich wurde laut dabei, ob er mich versteht oder nicht ist egal, die Tonlage einer deutssprachigen Schimpftriade kann selbst ein Laote deuten. Nachdem zumindest das mit dem Wechselgeld geklaert war, wollte er dennnoch wieder stinkefreundlich mit einem gekuenstelten Grinsen im Gesicht meine Hand schuetteln. Aber zu spaet, meine Mutation zum Arsch hat er selbst provoziert, und nun muss er das Ergebniss davon auch ertragen. Was auch immer noetig sein wird, um den Schaden seines Gesichtsverlustes oder gar die Stoerung seiner Haus- oder Dorf-Geister (durchaus ein ernstzunehmendes Thema im laendlichen Laos) wieder zu begradigen, selbst wenn er morgen nen Bueffel opfern muss, als er weiterhin energisch versucht mit einem verkrampft freundlichen Gesichtsausdruck meine Hand in seine zu nehmen kann ich ihm nur den Mittelfinger zeigen und vor die Fuesse spucken.
Er, Mich einsperren. Wie konnte ich nur so daemlich sein, und mich von diesem Hanswurst einschuechtern lassen? Ich aergere mich ein wenig ueber mich selbst, als ich wie angebrannt die ersten paar Kilometer ueber die Lehmpiste zurueck in Richtung Hauptstrasse bretter. Ich habe zuviel Zeit mit diesem Idioten verplempert, inzwischen wird es langsam dunkel und ich bin noch gute 60 Kilometer von der Hauptstrasse entfernt mitten im Nirgendwo.

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Ganz ehrlich: ich hatte heute mit so einigem gerechnet, aber definitiv nicht mit Regen. Warum eigentlich? Ich kurve durch einen Urwald, manchmal wohl in knapp 1000m Hoehe ueber dem Meer und es ist der Beginn der Regenzeit. Fataler Fehler so gesehen. Natuerlich ziehen peunktlich zum Sonnenuntergang Wolken auf, zuerst nur als Nebel zwischen den Bergen, dann als feuchter Nebel auf dem Weg, dann teilweise als Regen. Es war zwar nicht absonderlich viel, hat aber zumindest ausgereicht die Lehmpiste in einen Schlammpfad zu verwandeln. Kombiniert mit dem roten Sonnenuntergang gab der zwischen den Bergen haengende Nebel (bzw. die tief haengenden Wolken) zwar ein ziemlich interessantes Bild, aber wenn man mittendrin steckt bleibt eher weniger Zeit das ausgiebig und wuerdigend zu geniessen. Es sind immernoch 50 Kilometer bis zur Hauptstrasse, ich habe noch beide Flussueberquerungen und zwei Baustellen sowie einige Kilometer Serpentinen nahe eines Abgrunds vor mir, und es wird stetig dunkler. „it’s not really possible as a daytrip“ schiesst mir wieder in den Kopf. Verdammtes Guidebook, warum muss es in Laos immer wieder recht behalten?

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Ich habe so gut Gas gegeben wie es auf dieser rutschigen Matschbahn eben ging. Mittlerweile bin ich auch dem Jeep mit den vier Maennern, einer davon der aeltere taetowierte, auf der Ladepritsche sitzend und mir zuwinkend, begegnet. Sie sind kurz vor der ersten Flussueberquerung in einem Matschloch stecken geblieben. Mein Glueck, sonst waere ich da womoeglich nichtsahnend reingeschossen. Sie konnten sich gerade befreien als ich ankam und so hatte ich, es ist gerade vollends dunkel geworden, ein paar Scheinwerfer vor mir die tatsaechlich Licht machen. Die Funzel meines Moppeds ist ungefaer gleich viel wert wie ein Teelicht, und ich schon notgedrungen mit der Taschenlampe in der linken Hand unterwegs. Leider, aber wie zu erwarten konnte ich die Geschwindigkeit des Jeeps nicht halten und war nach ein paar Minuten wieder allein. Es ist so unglaublich dunkel hier. In den Hausern der kleinen Doerfer, die meisten komischerweise tatsaechlich in der direkten Naehe zu einer Ueberland-Stromleitung gelegen, brennen tatsaechlich ausschliesslich Oellampen. Strom ist hier wirklich nicht. Warum auch immer. Keine Generatoren, kein Strom und Oellampen. Mich erinnert die Szenerie an das, was ich vom Jahr-2000-Don-Det gehoert habe. Ob die Bewohner von Don Det wohl ihren Fortschritt rein den Touristen zu verdanken haben? Es sind in der Nebensaison nicht viele, und das ist das Don Det das mir so gefaellt, aber was man so hoert ist dort in der Hauptsaison von Januar bis Maerz die Hoelle los. Mag sein, dass es ohne diese Mengen an Touries auf Don Det heute noch immer so aussehen wuerde wie hier… Aber Don Det ist erstmal weit weg, und es der komplett falsche Zeitpunkt ueber tiefgruendige Themen zu gruebeln. Ich weiche Matschloechern, Bueffeln, Kuehen und einer beinahe unendlicher Anzahl Froeschen aus, waehrend ich mich voellig auf mein Gleichgewicht und das Moeglichst-nicht-abrutschen konzentrieren muss. Meine Stelle mit der Fullueberquerungs-Premiere sieht nun im Regen irgendwie anders aus. Schmutzgeres Wasser, das irgendwie tiefer aussieht als heute Nachmittag… Nein, keine Zeit fuer Mimoesitaeten, Gas geben, Anlauf nehmen, reinbrettern, dem Motor beim absterben zuhoeren und fluchen. Was nun? Panik macht sich schon breit. Nein, umsonst. Ich steh mitten im Fluss, aber das Ding springt tatsaechlich an. Nichts wie raus. Raus aus dem Fluss, raus aus dem Wald, rauf auf die geteerte Strasse, so schnell wie nur eben geht.
Bis ich das Dorf an der Kreuzung der Lehmpiste und der Hauptstrasse erreiche, ist es schon sieben Uhr und immernoch 100 frostige Kilometer bei Nacht mit der Taschenlampe in der linken Hand ueber Serpentinen nach Attapeu. Ja, inzwischen friere ich richtig und habe eine maechtige Gaensehaut. Die central higlands von Vietnam sind kalt, vorallem bei Nacht. Davon habe ich im Vietnam-Guidebook sogar gelesen, hatte aber nicht einen Gedanken daran verschwendet dass es hier auf der Laotischen Seite genau gleich sein koennte.
Nein, Attapeu schaffe ich heute definitiv nicht mehr. Es ist an der Zeit, mich nach einem Unterschlupf bettelnd von Cafe zu Restaurant und Kiosk zu schleichen. In diesem Doerfchen werde ich nicht fuendig, aber dafuer bekomme ich den Tipp im Nachbardorf gen Vietnamesischer Grenze nochmal nach zu fragen. Und ich habe tatsaechlich Glueck: In diesem komischen Nest, das weder ein Ortsschild noch einen Namen besitzt, hinter einer unspektakulaeren Schluckerkneipe am Ortsausgang laesst mit der Besitzer eben dieser Kneipe in einer einfachen Bambushuette hinterm Haus schlafen. Die absolut windigste, schaebigste und heruntergekommentste Bleibe die ich jemals irgendwo bewohnt habe. Und der Besitzer pokert natuerlich: mit der Zeit, mit meinen Nerven, damit dass ich von oben bis unten mit Matsch eingesaut und durchnaesst bin, reichlich elendig aussehe, eine lange Nase habe und natuerlich damit, dass wir gerade beide ueber etwas theoretisch illegales verhandeln. Macht dann beachtliche 50000 Kip. Fuer eine windige Bambushuette mit kopfgroessen Loechern, tausenden Insekten als Mitbewohner, ohne Licht und ohne Strom, einer offenen und extrem lauten Karaokebar in 50 Metern Luftlinie und einer Eimerdusche hinterm Haus. Aber heute bin ich ja spendabel. Und muede. Und mache offensichtlich abzockende Laoten gluecklich. Was solls also =)?

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