Ameisen. Ameisen? AMEISEN!

 

So wirklich aufregend scheint Koh Kong nicht gerade zu sein, also habe ich gleich gestern noch ein Busticket für den nächsten tag organisiert, ein wenig was gegessen und bin schlafen gegangen. Es ist zwar ein nettes kleines Dörfchen, spricht aber (zumindest im ersten Moment) den Forscherdrang nur bedingt an. Einmal am Fluss entlang hoch- und wieder runter gelaufen hat man einfach das Gefühl, alles gesehen zu haben was in dieser Stadt relevant wäre. Aber das nur am Rande denn ich hatte auch garnicht die Ambition hier mehrere Tage zu verbringen, und so musste ich den 07:30 Uhr Bus nach Shianoukville erwischen.
Shianoukville… hm, dass ich seit gestern Abend schon zwei mal deutlichst von anderen Touristen vor diesem Ort gewarnt wurde und die Aussagen „bad place“ und „bad stories“ und „bad people“ in Zusammenhang mit dem Ortsnahmen hören musste, habe ich erst mal gekonnt ignoriert. Ich mein, kann es schlimmer als das Chaos in VangVieng sein? Ausserdem freue ich mich, den Kanadier wieder zu treffen und sicherlich ist es nicht gar so schlimm, wenn er dort schon mehrere Tage herumhängt und nicht geflüchtet ist. „Das wird schon ganz okay sein da“ denke ich mir noch, als ich in den Bus einsteige.
Beim aussteigen sah das allerdings schon ein wenig anders aus. Es fing außerhalb an einer Busstation an, als ich aus dem Bus heraus und direkt in ein Ameisennest hinein gestiegen bin. Erstmal war auch das nicht so schlimm, es hat lediglich am rechten Fuß ziemlich heftig gebrannt und das wars. Zumindest in dem Moment. Später sollte sich das aber noch ändern, aber erstmal kämpfe ich meinen Kampf mit der Transportdienstleister-Maffia. Manchmal frage ich mich ja durchaus warum eigentlich… warum gebe ich mir den Stress wegen vielleicht zwei US Dollar zuviel jedes einzelne mal zu verhandeln, tricksen und suchen? Gut, die zwei Dollar sind im Verhältnis zum reellen Preis von maximal 50 Cent schon ein enormes Taschengeld für den Fahrer. Auch zwei Dollar pro Tag verschenkt pro Tag sind in drei Monaten eben 180 Dollar. Aber ich glaube der wahre Grund ist: ich gönne denen dieses Geld schlichtweg nicht und halte sie für böse Menschen. Warum? Nunja, schwer erklärbar, da hilft nur eins: selbst herkommen und herausfinden. Soviel als Überschrift: Diese Mischung aus unangenehmer Aufdringlichkeit und gleichzeitiger unverholener Überheblichkeit treibt mich beinahe in den Wahnsinn. Die maffiös geregelten Wucherpreise und die mangelnde Handlungsbereitschaft bei extrem humorlosen Umgangsformen tun ihr Übriges, und so schaffe ich es mit Mühe und Not den Fahrpreis von 3 US Dollar auf 2 US Dollar zu senken. Ich habe dabei keinen neuen Freund gewonnen, das ist kein Geheimnis. Aber wer will schon „Freunde“, die einen nur des Geldes wegen mögen? ;) 2 US Dollar für knapp 3 Kilometer sind immernoch wucher, deswegen wird mir tausendmal versichert es seien „over eight kilometers“. Ziemlich süß, aber wer in der Lage ist Karten zu lesen (und Kilometerzähler während der Fahrt, nicht zu vergessen…) weiß dass das frei erfunden ist.
Es war nur etwas naiv von mir zu denken, dieser neue nicht-Freund von mir lässt mich einfach so vom Motorroller steigen und verschwindet wieder. Irgendwie logisch, dass jetzt alle Register der Guesthouse-Vermittlung gezogen werden:
Erst nette Fragen, ob ich denn schon ein Hotel gebucht hätte…

„Ja, hab ich.“
Wo es denn sei und wie es hieße…
„Eines da hinten ums Eck, aber Du darfst mich hier schon absteigen lassen (und nein, das mit der Comission kannst Du knicken)“
Das hat aber geschlossen!
„Ja ne, iss klar… (den Namen des Hotels hat Dir deine telepathische Kraft verraten, hm?) lass mich einfach absteigen bitte.“
Ja, er lässt mich gleich absteigen
„Nein, ich will aber hier absteigen“
Okayokay, wir sind da, zwei Dollar bitte. Und sicher dass es kein Guesthouse braucht? Er kenne da zufällig eins…
„Danke, aber ich bin versorgt“

Das sieht er aber anders und folgt mir dann erstmal dreihundert Meter per Motorroller, bis ich beschliesse etwas dagegen unternehmen zu müssen. Man kennt sie ja schon, die netten Herren die einem mehr oder minder unauffällig folgen, um dann in jedem Guesthouse das man betritt während der Zimmerbesichtigung Komissionsansprüche zu stellen, die mir dann auf den Übernachtungspreis aufgeschlagen werden. Also rein ins erst beste Hotel das definitiv über meiner Preiskategorie liegt, ein Zimmer anschauen und beobachten, wie mein netter Fahrer währenddessen an der Rezeption aufschlägt. Nein, das Zimmer interessiert mich natürlich nicht die Bohne, aber mein Fahrer hat sich verraten. So nicht, Freundchen. Kaum vor der Tür habe ich alles was ich über das Thema „Gesichtsverlust“ so weiß vergessen, und habe den extrem bösen, aggressiven und verärgerten Tourie gespielt. Nun gut, extrem verärgert war ich ehrlich, böse ein wenig und das mit dem aggressiv… das deuten Asiaten sowieso eineinhalb Köpfen größeren Touristen mit langen Nasen automatisch an. Die Show hat Wirkung gezeigt und ich wurde meinen Schatten los. Ich habe aber die schwere Vermutung: Diese Helden die mich vor drei Jahren noch regelrecht in Phnom Penh in den Wahnsinn getrieben haben… die, die letztes Jahr so plötzlich in Phnom Penh gefehlt haben… die sind nicht einfach verschwunden. Die sind alle auf ihren Motorroller gesessen und sind laut grölend mit der ganzen Transportdienstleister-Maffia in den Süden aufgebrochen. Das gelobt Land, in dem Touristen betrunkener, jünger und unerfahrener sind, wo die Polizei eher ne untergeordnete Rolle spielt und wo sie nun so richtig auf die Kacke hauen können. Ganz bestimmt sogar.

Zurück zur Ameisenhaufen-Sache. Eigentlich hätte ich das bis am Abend locker vergessen, wenn es nach diesem ganzen Transport-Wahnsinn und der Guesthouse-Suche, in dem Moment als ich mich entspannt auf eine der wenigen ruhigen Bungalow-Terrassen in Sihanoukville gesetzt habe, überall so schrecklich gejuckt hätte. Nicht nur ein wenig gekitzelt, nein so richtig ekelig schmerzhaft gejuckt. Okay, es war ein heisser Tag und ich ziemlich verschwitzt, also habe ich das jucken erst damit begründet (auch wenn es so im Nachhinein wenig Sinn für mich ergibt), beschlossen noch kurz die Wäsche abzugeben und dann ausgiebig zu duschen. Schon in den fünf Minuten Wäsche wegbringen ist es deutlich schlimmer geworden, ich bin daher förmlich in mein Zimmer zurück geflogen, habe mir erstmal alle Klamotten ausgezogen und so auf dem Weg unter die Dusche blieb ich förmlich schockiert am Spiegel stehen.
Außer das Gesicht und die Waden gab es keine Körperstelle mehr, die nicht vollständig mit knallroten, angeschwollenen Beulen bedeckt gewesen wäre. Das ganze sah aus, als hätte ich nackelich ein ausgiebiges Bad in einem Ameisenhaufen genommen und mich hinterher mit Brennnesseln abgerieben! Panisch habe ich alles was ich so am Körper trug erstmal luftdicht in Tüten verklebt um im Anschluss ausgiebigst unter die kalte Dusche zu stehen. Was auch immer das war oder ist, es musste weg!
Unter der Dusche konnte ich noch beobachten wie irgend so ein Ameisenbiest verzweifelt versucht sich über die Wassermassen aus der Duschbrause zu beschweren, in dem es meinen Unterarm attackiert. An dieser Stelle werden bald zwei eitrige Pickel auftauchen, aber das wusste ich in dem Moment natürlich noch nicht. Es war einfach alles schrecklich unangenehm und ich für den restlichen Tag weitestgehend außer Gefecht. Nackelich auf dem Bett liegend, bepustet von zwei Ventilatoren auf höchster Stufe konnte ich nicht mehr tun als die Decke anzustarren und auf Besserung zu warten. Oder zu hoffen.
Immerhin: ab da wurde es nicht mehr schlimmer (bis auf die Bisse am Unterarm…), und ich konnte mir nach ein paar Stunden eine allgemeine Verbesserung meiner Situation einreden.

Trotz diesem unterdurschnittlich ungünstigen Starts, ich glaube dieses Sihanoukville hätte mich an diesem Tag auch mit besten Bedingungen nicht begeistern können. Allgemeines Touristenbraten am Strand: Jeder einzelne knallrot, und soweit das Auge reicht reihen sich die Sonnenliegen am Strand entlang zu einem einzigen, überdimensionalen „ich-muss-dringend-braun-werden-koste-es-was-es-wolle“-Wahnsinn auf. Von dem eigentlich sicherlich wunderschön blau-türkisen Wasser ist dank Badehosen, Bikinis und verbrannter Menschenhaut nur recht wenig zu sehen, es sei denn es schiesst gerade ein Jetski auf den Strand zu. Dann bildet sich eine kurze Schneise durch die Menschenmassen die sich hinter dem Jetski aber schließt, noch bevor die Wellen sich beruhigen können. Es gibt Bananaboats, Wasserrutschen, nervige Strandverkäufer und unangenehm laute Bars, die sich Wand an Wand am Strand entlang aufreihen. Als ich noch über eine Bar mit dem wunderbaren Namen „Ballermann 6“ gestolpert bin, hat selbst das mich kein Stück mehr gewundert.

Vom Kanadier war im übrigen nichts zu sehen. Okay, Sihanoukville ist groß und kilometerweise bratendes Fleisch am Strand abzusuchen hätte ich weder mit noch ohne Ameisenzwischenfall tun wollen. Mein Anhaltspunkt den ich von ihm genannt bekommen habe (der Name „Utopia“) hat mich nachts noch in eine Bar geführt, wo ich ihn zwar nicht entdecken konnte aber dennoch eine andere Erkenntnis gefunden habe: Sihanoukville und Vang Vieng … wenn man die richtigen (ehm, oder die falschen?) Stellen in Sihanoukville findet, dann sind das auf irgendeine Art und Weise Orte, die die Bezeichung „same, same but different“ durchaus verdient haben. War das diese Sache mit dem „bad place“, die mir nun so ganz plötzlich wieder in den Kopf schießen? Hm, ich gehe auf Nummer Sicher und kaufe mir noch mitten in der Nacht ein Bus Ticket für den nächsten Morgen. Ja, in einer Touristen-Reise-FuddelWuddel-Bude, denn was anderes hat ja um die Uhrzeit nicht mehr auf. Aber egal, irgendetwas sagt mir ich sollte hier weg. Wohin? Hm, Kampot liegt mehr oder minder direkt ums Eck. Ja, Kampot klingt nach Plan.

eine der "verlassensten" Ecken die ich finden konnte.

eine der „verlassensten“ Ecken die ich finden konnte.

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