Rollergeschichten

 

Ich wusste dass das heute kommen würde. Ich wusste, dass ich mein lieb gewonnenes Zimmer räumen müssen werde. Gefallen hat es mir trotzdem nicht. Gefallen hat mir dafür aber irgendwie das Angebot, alternativ auf dem Sonenndeck in einer Hängematte schlafen zu dürfen. Für kostenlos. Aber gefallen hat mir nur die Geste des Angebots als solche, weniger die Idee von Moskitos völlig blutleer gesaugt zu werden. Nunja, nur eine Nacht, dann darf ich wieder zurück wird mir versprochen. Ja, ich lasse mich von Kampot noch nicht vertreiben. Ich will noch hier bleiben, denn mir gefällt es einfach zu gut. Ist es schlecht irgendwo zu verhängen? Nein, es soll wohl einfach so sein.

Nach kurzer Suche am Flussufer von „Kampot Downtown“ muss ich feststellen, dass hier ganz spontan auch nichts frei ist. Nunja, „nicht nur ich weiss wo es schön ist in Kambodscha“ denke ich mir und schlage den Weg in Richtung Dorfzentrum ein. Ich kenne da ein günstiges uns steriles Guesthouse. Ich habe da schon mal eingecheckt aber  noch nie übernachtet, und heute werde ich das wohl ändern. Nachdem alles geregelt ist also nochmal kurz zurück, die Zahnbürste und das kleine Set an Wechselkamotten in den kleinen Rucksack gepackt, den großen Trotz allem in dem Guesthouse deponiert das mich leider nicht beherbergen kann, kurz angemeldet dass ich morgen wieder da sein werde und mich auf meinen Rucksack und mein Zimmer freue und schon gings wieder los. Und so ganz plötzlich ist mein Gefühl ist schräg, aber gut. Mein Gepäck ist plötzlich so klein, leicht und handlich… ich habe zuerst nicht wirklich darüber nachgedacht, aber je mehr ich nach dem „warum“ zu diesem komischen Gefühl frage, desto mehr wird mir bewusst: ich habe nur nen ganz kleinen Rucksack auf dem Rücken, der mich kaum stört und so gut wie gar nicht belastet. Da drin ist wirklich alles, was ich zum waschen so brauch, n ein paar Klamotten, mein Dokumentenkram, die Taschenlampe, Kamera und mein Notizbuch. Es wäre zwar logistisch vielleicht etwas schwieriger, grundsätzlich wäre Reisen so aber sicherlich gut möglich. Und so herrlich Ballastfrei.
Nur ein paar Meter gelaufen, sehe ich zwei Frauen vielleicht hundert Meter weiter in ein TukTuk einsteigen. Ich wollte für mich alleine keines hier heraus bestellen, aber bei so einer Gelegenheit, dachte ich, könnte man ja mal fragen ob ich mitfahren darf. Schließlich haben die Dinger Platz für vier Leute, und wohin sollen die auch fahren wollen, außer in die Stadt? Ich renne also ein Stück dem TukTuk hinterher, schaffe den Fahrer zum Anhalten zu motivieren, frage die zwei ob sie in die Stadt fahren und ob ich vielleicht mitfahren könnte, hüpfe nach einer kurz genickten Antwort von der älteren ins TukTuk und schon gehts los. Ich setzte gegenüber einer Frau die ich auf etwa 60 schätze, was mir angesichts der Tatsache dass sie eindeutig irgendwie europäisch zu sein scheint doch irgendwie gelingt. Ob es nun „gut“ oder „schlecht“ gelungen ist, das muss ich nicht unbedingt beantwortet haben, aber immerhin habe ich bei Ihr im Gegensatz zu ihrer asiatischen Begleitung immerhin eine grobe Idee. Das Alter von Asiatinnen zu schätzen ist für mich eigentlich unmöglich, daher kann ich nur „deutlich jünger“ feststellen. Offensichtlich ist es so etwas wie die Haushälterin der Europäerin, die wie ich nun erfahre eigentlich aus Holland stammt und schon ein paar Jährchen hier lebt. Nach dieser kurzen „wer bin ich und wer bist Du“-Einleitung werde ich umgehend ausgiebig gelobt. „TukTuks teilen sollten viel mehr Touristen Touristen machen, spart Geld und viel wichtiger: schont die Umwelt. Und so nebenbei… Du hast erwähnt Du wechselst das Guesthouse? Und das da ist alles was Du dabei hast? Und Du bist wirklich aus Deutschland? Aber, sag mal, Du kannst mir das nun ja bestimmt erklären, warum reisen die deutschen eigentlich normal immer mit so irrsinnig viel Gepäck? Ich mein die meisten Touristen heben sich ja beinahe einen Bruch an ihrem Zeug, aber die deutschen sind da schon sehr speziell. Aber Respekt, Dein Gepäck ist wirklich beneidenswert…“
Die Frau redet ohne Punkt und Komma. Ich komme gar nicht dazu irgendetwas zu antworten, was mir aber irgendwie auch ganz recht ist. Ich hätte sowieso nicht gewusst was ich hätte sagen sollen. Ich war förmlich schockiert, wie sie ganz genau das auf den Punkt bringt was mir nur zwei Minuten früher so als grobe und undefinierbare Idee selbst durch den Kopf ging. Aber… ja, warum eigentlich dieses riesige Gepäck? Zehn T-Shirts, drei Hosen und nen Berg Unterwäsche in einem Land, in dem frisch gewaschene und aufgehängte Wäsche innerhalb von drei Stunden an der Luft trocken ist? das fünfhundertste Souvenir über hunderte von Kilometer bei sich tragen, obwohl man früher oder später sowieso immer am gleichen Ort aufschlagen wird?
Ich konnte es wirklich nicht sagen, ich wusste es schlichtweg selbst nicht. Ich war froh darüber, dass die gute Frau auch kaum aufgehört hat zu reden, bis ich ausgestiegen bin und sie mehr oder weniger ihre Fragen selbst beantwortet hat. Ich hatte zumindest das Gefühl, dass sie das so ganz für sich im geheimen tut. Aber jetzt glaube ich umso mehr, dass ich das mal ausprobieren sollte. Nicht mehr auf dieser Reise, denn so deutsch bin ich dann schon mein Hab und Gut nicht zurück lassen zu wollen, aber vielleicht schaffe ich das ja beim nächsten mal? Okay, ich werde so einiges per Post nach Hause schicken müssen was mir unterwegs so über den Weg läuft und ich dann doch irgendwie haben will. Oder doch die große Tasche, die aber dauerhaft an einem Zentralen ort eingelagert bleibt und nur auf dem Rückweg dann wieder das Tageslicht sieht… ach, was und wie auch immer, das „kleine Tasche“-Gefühl ist einfach zu toll. Vielleicht find ich ja ne Lösung, irgendwie.

Nachdem die Zahnbürste und die Wechselklamotten im „Ersatzzimmer“ angekommen waren, gings erstmal daran nen Roller zu mieten. Es ist nicht sehr schwer zu erkennen dass man in Kampot definitiv ein eigenes Transportmittel benötigt, wenn man etwas mehr als nur den Markt und das eigene Guesthouse sehen will. Ja, es ist schön hier, aber auch hauptsächlich wegen der schönen Umgebung, in der es so viel zu entdecken gibt. Und um das zu finden hilft alles nichts, ich muss über meinen Schatten springen und die Motorroller-Premiere in Kambodscha wagen. Angst? Maybe. Kambodscha ist einiger Hinsicht eine Anarchie, die sich wohl auf der Korruptheit der breiten Masse an Staatsdienern begründet, und die kambodschanische Straße macht da keine Ausnahme. Ich versuche nicht über die Geschichten nachzudenken, die einem aus verschiedenen Richtungen immer mal wieder ans Ohr dringen: „Morde werden in diesem Land deutlich seltener aufgedeckt als Verkehrsunfälle mit Verletzten, und die meisten sind auf ihren Job als Bus/LKW/sonstwas-Fahrer sehr stark angewiesen….“, und miete mir todesmutig einen Roller. Und einen Sturzhelm, sicher ist sicher.
irgendwo auf dem Berg in Kampot...Nach der ersten halben Stunde muss ich aber ehrlich feststellen: alles halb so wild. Wenn man sich nicht so sonderlich strikt an Regeln hält und einfach mit  dem Verkehr mitschwimmt, ist das hier völlig entspannt. Ob das in Phnom Penh auch gelten mag… nein, das muss ich dann doch nicht herausfinden, aber hier ist Roller fahren einfach herrlich. Ich bin komplett ohne Karte und Guidebook unterwegs (irgendwie ist alles im großen Rucksack geblieben), hatte aber den groben Gedanken mal in aller Ruhe diese französischen Ruinen auf dem Berg nebenan zu suchen. DAS Highlight hier in Kampot, ein absolutes must-see für jeden Touristen. Jah, ich werde sicherlich hoooochauf begeistert sein, aber um wirklich berechtigt zu sein darüber zu lästern, muss man es ja eben doch auch gesehen haben. Und hey… vielleicht  bin ich ja völlig begeistert davon, wer weiss. Bokor Hill Station nennt sich das was ich suche, wurde von den Franzosen irgendwann in der Kolonialzeit als Erholungsort gebaut weil auf dem berg doch deutlich kühler als im Rest von Kambodscha, wurde irgendwann von den roten Khmer gnadenlos niedergebrannt, zwischendurch als Lager missbraucht, irgendwann als Touristenattraktion wieder entdeckt und steht nun als angeblich gruselige Ruine mit zahlreichen Einschusslöchern irgendwo oben auf diesem Berg und wird am laufenden Band von all-inclusive-Minibus-Touren angefahren.
Es war tatsächlich nicht arg schwer, eine doch ganz gut ausgebaute Strasse zu finden, die diesen Hügel nach oben führt. Wenn man nicht weiss wo es lang geht: einfach kurz anhalten und auf einen Minibus warten und  dann unauffällig in die gleiche Richtung aufbrechen. Wenns dabei noch den Berg nach oben geht: 100%ig der richtige Weg.

"Black Palace" - KampotNach ein paar Kilometern auf geteerten Serpentinenstraßen entdecke ich aber etwas eigenartiges: Da steht ein Roller am Straßenrand, einfach so, und obendrauf etwas das ich definitv in die Kategorie „Tourist“ eingeordnet hätte.  Helm auf dem Kopf, beide Hände am Lenker, aber steht einfach so still da. Als ich näher kam, entdecke ich Tourie #2 daneben. „Achso, Pinkelpause für den Beifahrer, klar…“ denke ich und schmunzel gerade ein wenig darüber wie ich an Touristen irgendwas komisch finden konnte, als plötzlich Tourie #3 auftaucht. Jetzt ist es aber wirklich komisch… wie kamen die hier her? und warum haben die so einen verzweifelten Gesichtsausdruck? Ich musste einfach anhalten und mal fragen, ob irgendwas passiert ist. Kaum angehalten kommt plötzlich Tourie #4 mit Roller Nr2 an, was ja irgendwie dann doch wieder Sinn ergibt, aber trotzdem passte was an deren zermürbten Gescihtsausdrücken nicht. Der Grund? Tourie #4 hat Roller Nr2 irgendwo in Nordlaos gekauft und ist damit durch Vietnam bis Kambodscha gefahren. Allein. Alles gut. Nur sobald jetzt Tourie #3 hinten drauf saß und beide hätten nen Berg hoch kommen sollen gab der sonst so treue Roller Nr2 regelmäßig den Geist auf. Lange Rede kurzer Sinn mit vier betrübten Touristen die gerne den Berg hoch wollten, und dem heldenhaften Retter der von hinten auf dem schwarzen Suzuki-Ross daher kam und die Situation gerettet hat, indem er nun nen neuen Beifahrer hatte und sich als Tourie #5 in die Gruppe eingliederte.
So schnell kann das gehen, mit den Reisegruppen: Bei mir hinten drauf saß nun ein Holländer, auf Motorroller Nr1 seine Freundin mit ner Amerikanerin, dessen Bruder der unglückliche Fahrer von Roller Nr2 war.
"Black Palace - Kampot"Leider hatten die vier auch weder Ahnung noch Plan, und zu allem Überfluss haben wir irgendwann auch keine MiniBusse mehr gefunden. So haben wir uns nen Tag  tatsächlich auf Bokor Mountain verirrt und haben gefunden: Einen Wasserfall ohne Wasser, Eine Buddha-Statuen-Baustelle und zwei verfallene Steinhäuschen die ganz nett, aber nicht Bokor Hill Station waren. Dennoch hatten wir nen spaßigen Tag, ne tolle Aussicht bis nach Koh Tonsay und Phu Quoc. Klingt bekannt? Ja, ich kenne alles davon auch aus der Nähe, allerdings aus einer anderen Richtung, die sich gerade als „ganz weit weg“ anfühlt, aber doch irgendwie so nah an Kampot liegt.
Nein, kein Grund sentimental zu werden =D

Achja, das holländische Päärchen… seit 12 1/2 Jahren zusammen, seit 6 Monaten auf Reisen. Als ich ihn mal in einer ruhigen Minute gefragt habe, wie das eigentlich funktionieren kann meint er nur: „just smile… and say ‚yes‘ all the time.“ Nagut, wenns für ihn hilft… beinahe beneidenswert. =)

Aussicht vom Bokor Mountain

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