internationale Bummelbahn nach Serbien

 

hätte ich gewusst dass es sich um eine Bummelbahn dieses Ausmaßes handelt, hätte ich gestern vielleicht ein Veto bei der Entscheidung Nachtzug oder nicht eingelegt. Aber es konnte ja keiner ahnen. Dabei ist es eigentlich ne interessante Strecke, die dieser Zug so im Laufe eines einzelnen Tages zurücklegt. Laut Fahrplan geht es morgens um fünf Uhr irgendwas los in Prag, über Bratislava gehts dann egen 13 Uhr nach Budapest und Abends gegen neun ist die Endtstation Belgrad dann erreicht. Weniger als ein Tag, und trotzdem vier Länder in der Bummelbahn. Eine ganz beachtliche Leistung eigentlich. Der Zug ist auch durchaus moderner als das meiste was in Deutschland so im Nahverkehr durch die Lande tingelt, aber dennoch (oder gerade deswegen?) sind acht Stunden in so einem Zug schon sehr zäh. Keine offenen Türen, keine Schweine oder Hühner, keine wirklich interessanten Leute, sondern in meinem Fall lediglich ein sechs Personen Abteil mit Glastüre zum Flur, ein tschechicher Opi und eine ungarische Mutter mit ihrer kleinen Tochter, die gar panische Angst vor mir hatte. Dabei seh ich doch eigentlich gar nicht mal so arg gruselig aus. Nein, die Erlebnisse und somit Geschichten aus so einem Zug sind schwer zu finden. Selbst die üblichen Zugfahr-Highlights halten sich schwer in Grenzen: ein Standard-Bordrestraurant in dem vorwiegend das Zugpersonal anzutreffen ist und ein Grenzübergang nach Serbien bei dem man weder aussteigen noch Zettelchen ausfüllen oder Gepäck auspacken musste sind auch nicht gerade erwähnenswert.20131110-161004.jpg
Genau das ist es dann auch, was diese Zugfahrt ausgemacht hat: acht Stunden sitzen und warten (und möglichst wenig bewegen, nicht dass das Kind panisch wird) während der Zug mit einer beneidenswerten Gelassenheit durch die Landschaft bummelt und an den unglaublichsten Provinzbahnhöfen ausgedehnte Zwischenpausen einlegt. Selbst für mich als eigentlich schon Zugfan deutlich anstrengend.

Aber gut, so ein Tag gehört nun mal eben doch auch irgendwie dazu und lässt sich nicht immer vermeiden, und die Belohnung bei der Ankunft war auch nicht ganz ohne: die Sonne ging zwar schon vor ner ganzen Weile unter und es war ziemlich dunkel, aber gefühlte zwanzig Grad Anfang November sind dann doch eine willkommene Abwechslung zum kalten Regenwetter in Budapest. Nach dem das Gepäck im neuen Guesthouse abgeladen war, lud das Wetter trotz doch irgendwie unerklärlicher Zugmüdigkeit noch auf einen kleinen Innenstadtbummel bei Nacht ein. Was so ein paar Grad Unterschied für eine Auswirkung auf die Motivation haben können ist beinahe unglaublich. Oder halt, ist es das nun nichtmehr Luxusappatement sondern Gammelguesthouse, das uns wieder auf die Strasse trieb? Man könnte wohl lange darüber philosophieren. Lassen wir das besser ;-)

Der Tag danach, also quasi heute, war da schon deutlich „effektiver“. Was waren noch gleich Belgrads Sightseeing-Ziele?20131109-210847.jpg Die Burg. Oder Festung, bei Sonnenschein auf der Mauer am Abgrund sitzen und darüber  philosophieren in welche Richtung die Donaupfütze denn jetzt wohl „fliessen“ mag. Erledigt. Meine noch ganz jungen Expertisen zum Thema russisch-japanischem Tourismus kann ich leider nicht weiter ausführen, denn obwohl der russische Tourismusfaktor beinahe gleich geblieben ist, fällt mir so rein Sprachlich die Abgrenzung zu den hier heimischen Serben mehr als schwer. Naja, okay… ohne meine Reisebegleitung hätte ich wohl keinen einzigen identifizieren können. Die Japaner hingegen scheinen garnicht auf Belgrad zu stehen, so weit man auch sucht, asiatische Gesichter sind so gut wie nicht zu finden. 20131109-210831.jpgAlso heute keine Geschichten über Touristen, dafür vielleicht eine Kleinigkeit zu den serbischen „Sehenswürdigkeiten“, die auf dieser Burg durchaus auch Panzer und Kanonen beinhaltet. Genau, wohl noch nicht allzu lange ausrangiertes Kriegsgerät steht hier fein herausgeputzt als Touristenattraktion herum und während sich die einen vor auf und neben Panzern fotografieren lassen, nutzen die kleineren Kinder diese Exponate auch ganz gern als Spielplatzersatz beziehungsweise Klettergerüst. Nein, so ganz persönlich bin ich mir noch nicht schlüssig was ich davon halten soll. Gewehre zu Pflugscharen, das Konzept klingt in meinem Kopf sinnig. Aber in einer Welt, in der Getreide zum Großteil aus dem Ausland kommt… braucht man da Pflugscharen?

20131110-141542.jpg Wobei, so alles in allem wirkt es vorallem in Kombination mit Belgrads zweiter (wenn auch eher inoffiziellen) Touristenattraktion noch viel verwirrender auf mich, das „Haus mit dem Loch“. Wenn Wikipedia nicht lügt das ehemalige Verteidigungsministerium Jugoslawiens, 1999 durch NATO-Angriffe zerbombt. Heute unter Touristen oft nur „das Haus mit dem Loch“, was streng genommen zwei Häuser mit vielen Löchern sind, per Bauzaun nach aussen einigermassen gesichert, aber im Grunde dem allgemeinen Anschein nach unberändert seit … 1999 eben. Zerbombte Häuser eines nicht allzu lange vergangenen Krieges, mitten in der Stadt zwischen Bushaltestelle, Fussgängerampel und Strassencafe. Oh, achja, und zu Fuss vielleicht 15min von der Kanonen- und Panzerausstellung entfernt.

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Wobei, so ganz ehrlich… so ganz unfotogen finde ich das Haus garnicht. Ein Bild geht noch ;-)

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