Zwischenstopp in einer anderen Welt

 

Ich hatte irgendwie nicht daran gedacht hier zu landen, dabei liegt es doch eigentlich mitten auf meiner Strecke. Ja, zwischen Serbien und der Türkei liegt so ziemlich zwangsläufig Bulgarien, das is eine auch mir durchaus bekannte Tatsache… Und trotzdem habe ich aber irgendwie nicht einen Moment darüber nachgedacht hier auszusteigen, solange bis ich neulich vor den Abfahrtsplänen an Belgrads Bahnhof stand und beschlossen habe, dass eine weitere Nacht in Belgrad und 24h im Zug gegen zwei Nachtzüge und einen Zwischenstopp in Sofia einfach die schlechtere Lösung wäre. Also auf nach Bulgarien. Ich habe zwar so ziemlich gar keine Idee was mich dort erwarten würde, habe keine Zeile über dieses Land gelesen oder irgendwo etwas über Urlaub fern ab von der Küste am schwarzen Meer gehört. Aber was kann schon schief gehen? Ich mein, wieviel anders kann dieser Mitgliedsstaat der EU schon sein? Ein frommer Gedanke, mit dem ich in einen der meines Erachtens verbrauchtesten Schlafwagen seit Indien einsteige. Die Beschriftung aussen lässt vermuten dass der Wagen schon bessere Zeiten irgendwo im deutschsprachigen Raum gesehen hat, das Design des Interieurs suggeriert dass das schon viele viele Jahre her sein muss. 20131110-223519.jpgAber auch ein alter Schlafwagen der vermutlich woanders schon lange ausrangiert wurde ist noch lange nicht das schlechteste und gleich gar kein Grund zum meckern. Der Zugbegleiter ist sehr bemüht, erklärt mir fünf mal dass ich das ganze 6-Personen-Abteil für mich alleine habe, führt mir vor wie die Tür von innen sicher verschlossen werden kann und verspricht mir, mich zu wecken wenn wir kurz vor der Passkontrolle an der Grenze sind. Ich habe ihn nicht darum gebeten und wäre wohl alleine auch klar gekommen, aber dennoch freue ich mich über die Geste, und mein eigenes Abteil auch wenn es schon beinahe Museumsreif ist.

Der Schlafwagen war aber wohl nur der Auftakt, der Einstieg in eine vollkommen andere Welt. Schon allein der Anblick des Bahnhofs war ziemlich beeindruckend. Ein riesiges Betonkonstrukt, grau in grau im besten Sovjetdesign das seine Glanzzeit definitiv auch schon lange hinter sich hat begrüßt mich an der Stelle, wo ich auf dieser Reise bisher eher verschnörkelte, prunkvolle Bahnhofshallen gewohnt war. In der Unterführung fehlen über große Flächen Fliesen, die meisten Rolltreppen sind demoliert, verrostet und vermutlich schon viele Jahre ausser Betrieb. Die meisten Leuchtstoffröhren sind bereits ausgefallen, von den wenigen die sich noch bemühen diese Katakomben zu beleuchten verrichten einige nur noch flackernd und blitzend ihren Dienst was dem ganzen Ort ein ziemlich unheimliches und spezielles Ambiente verleiht. Nichts wie raus aus dem Bahnhof, denn draussen muss die Stadt ganz sicher anders aussehen… das Sovjetdesign in diesem Ausmaß kann ich einfach nicht zuordnen, und ich verstehe auch nicht wie dieser Ort dazu kommt. Die weniger erfreuliche Erkentniss: direkt vor dem Bahnhof zeigt sich Sofia kein Stück freundlicher.20131111-202419.jpg Ein komisches Konstrukt, ein quasi-Einkaufszentrum (oder mutmaßliche UFO-Landestation?), offensichtlich noch nicht so alt wie der Bahnhof selbst, verrottet hier fröhlich in aller Öffentlichkeit. Die auf zwei Stockwerken kreisrund angeordneten Schaufensterfronten finde ich zwar grundsätzlich keine schlechte Designidee, allerdings findet sich hinter keinem einzigen Schaufenster mehr irgend ein Geschäft. Die Türen stehen offen, in fast jedem „Geschäft“ haben sich Obdachlose und/oder Bettler enquartiert, geschützt vor dem grauen Regenwetter und wohl ständig bereit vor spontan auftauschender Polizei zu flüchten. In dem Moment hatte ich erstmal genug. Was hat es mit Bulgarien auf sich?
Ich weiss viel zu wenig über diesen Ort, um all das irgendwie gedanklich einzusortieren und beschließe mich mit einer Dusche und ein wenig Schlaf abzulenken. Der so gestartete Neuanfang für Sofia war deutlich nötig, und so konnte die erste Erkundungstour ein wenig später und relativ ausgeruht etwas unbefangener starten. 20131111-202331.jpgUnd ja, die Stilrichtung bleibt teilweise die selbe… irgendetwas deutlich sovjetisches ist an fast jeder Ecke zu finden, aber auch viele (im Sommer wohl schön grüne) Parks und enge kleine Seitenstraßen mit bunten kleinen Läden für allen möglichen Kitsch, Dekokrempel und anderen interessanten bunten Dingen. Alles ins allem wirkt zumindest die restliche Innenstadt sehr freundlich, entspannt und unkompliziert, und an manchen Stellen wäre ich fast geneigt ein paar Parallelen zu Chiang Mai zu ziehen. Wenn die Sonne scheinen würde sicherlich ein schöner Ort ein paar Tage zu verbringen, bei Regenwetter aber definitiv auch einen Zwischenstopp wert.

20131111-202352.jpg

20131111-202655.jpg

to see a path or map at this place, JavaScript needs to be enabled.
Wie hat Dir dieser Eintrag gefallen?
Die Daten zu diesem Eintrag: