der Weg nach Istanbul wird kein bequemer sein…

 

… denn er ist schlaflos und kalt. Wobei einen ganz beachtlichen Teil dazu auch die Bulgarische Eisenbahn beigetragen hat, aber damit das ganze Sinn ergibt sollte ich mit der Geschichte von vorne beginnen: gestern Abend am Bahnhof von Sofia. Es ist 18Uhr, also noch eine halbe Stunde bis zur Abfahrt, als ich mein Abteil in einem weiteren museumsreifen Schlafwagen beziehe. Die Ähnlichkeit zu dem der serbischen Kollegen ist verblüffend, und hier werde ich am Eingang doch tatsächlich auf ein kleines Emblem aufmerksam: „Vereinigter Schienanfahrzeugbau ГДР, VEB Waggonbau Bautzen“… Ein betagter DDR Liegewagen also, wobei ich noch immer nicht weiss wie der seinen Weg nach Bulgarien gefunden hat. Aber gut, das spielt bei der mir vorherstehenden und reichlich schlaflosen Nacht eigentlich keine Rolle, noch weiss ich auch noch nicht was mich erwarten wird und ich beziehe erst mal das Abteil, das mir von einem äußerst kurz angebundenen und unfreundlich wirkenden Zugbegleiter genannt wird. 20131114-211900.jpgAbgesehen von eventuellen zwischenmenschlichen Vorbehalten (so sicher wurde ich mir zur Meinung des Zugbegleiters über mich die ganze Fahrt hinweg nicht) verlief also alles normal, ich habe angefangen mich mit dem bereitgelegten Bettzeug so weit wie eben auf den durchgelegenen Polstern möglich häuslich einzurichten. Wenigstens habe ich wieder ein Abteil für mich. Schon irgendwie erstaunlich, wie leer auf der ganzen bisherigen Strecke Schlafwagen generell sind.

Gegen zehn Uhr, ich war noch nicht ganz eingeschlafen, hielt dann der Zug plötzlich. Gut, so im ersten Moment klingt das logisch, Züge halten an Bahnhöfen nun mal, und das ist ja auch gut so. Aber ein kurzer Blick aus dem Fenster offenbart: da ist gar kein Bahnhof! Es gibt zwar etliche Gleise, ein paar Güterwaggons stehen herum und alles ist hell beleuchtet, aber da ist definitiv kein Bahnhof. Es ruckelt und kracht im Waggon, und dann kehrt plötzlich Ruhe ein. So richtig Ruhe, so wir-haben-keine-Lok-mehr-Ruhe. Da wird mir so langsam klar: wir wurden einfach mitten im Nichts geparkt. Es dauert auch keine zehn Minuten, bis es plötzlich merklich kühl im Abteil wird. Klar, Isolation ist hier nicht so dolle und offensichtlich gibts gerade keine Heizung mehr… also dann doch die Bettdecke, vermeintlich noch aus der Originalausrüstung des Waggons drüber gelegt und versucht zu schlafen. Ich kann es kurz fassen: es blieb beim Versuch. Im gefühlten fünf Minuten Takt geht auf der einen Seite des Waggons lautstark eine Türe auf, irgendwer pfeift und rumpelt durch den kompletten Waggon um auf der anderen Seite und lautem Türgeklapper wieder zu verschwinden. Insgesamt vier mal ging ein großer Ruck durch den Waggon, und ich meine damit keinen normalen Wagenankoppel-Ruck, sondern einen eine-Rangierlok-fährt-ungebremst-auf-einen-stehenden-Waggon-auf-Ruck, der einen beinahe aus dem Bett wirft. Jedes einzelne mal mit der frommen Hoffnung auf Weiterfahrt und Heizung, aber jedes mal währte dieser Lok-Spass maximal zehn Minuten, bis der Waggon an anderer Stelle Lok-frei herumstand. Dass irgendwann noch der Strom und somit das Licht aussetzte störte mich eher weniger, hätte ich sogar gerne in Kauf genommen im Tausch gegen eine funktionierende Heizung. Selbst mit viel Mühe und gutem Willen… an schlafen war erst wieder zu denken, als schon nach zwölf Uhr dann tatsächlich ein fünfter, sanfterer Ruck eine Lok zurückgebracht hat, die dann tatsächlich ernsthaft weiterfuhr.

Kurz nach eins, ich war gerade vor einer halben Stunde eingeschlafen, poltert nun der Zugbegleiter durch den Waggon. „Passport Control“ meint er in sehr gebrochenem Englisch. Oder hätte es deutsch sein sollen? Oder war es einfach nur bulgarisch? ich weiss es nicht, aber es bedeutete jetzt erstmal auch nicht schlafen, sondern kurz später aussteigen und Pass stempeln lassen. War klar, dass das irgendwann die Nacht mal passieren wird. Weniger klar war mir die Vorgehensweise, auch wenn das nun wirklich nicht die erste Grenze in einem Zug für mich war… ich bin nach dem Pass stempeln brav zurück in mein Abteil und habe gewartet. Eine halbe Stunde lang. Gut, der Zug stand noch an der Grenze, aber in Sachen stehenden Zügen macht den Bulgaren wohl echt keiner was vor, und im Gegensatz zu vorhin hat die Heizung auch wieder funktioniert. Also was macht man mitten in der Nacht wenn man müde ist, es angenehm warm ist und offensichtlich keiner mehr was von sich wissen will? Genau, man verschließt die Tür, macht das Licht aus und legt sich schlafen. Fünfzehn Minuten vielleicht, bis ein türkischer Grenzbeamter fluchend von aussen an meiner Abteiltür zerrt. Okayokay, ich steh ja schon wieder auf. Und ja, auch er darf auch meinen Pass gerne anschauen. Und ja, er darf auch zuschauen wie ich auf Befehl anfange meinen Rucksack auszupacken… oder er darf verschwinden dabei..? Hallo? Der will dass ich meinen Rucksack ausräume und rennt dann zwischendrin einfach weg? Irgendwie eine komische Vorgehensweise. Ich sitze noch ne ganze Weile neben meinem ausgebreiteten Gepäck und warte auf den Zoll-Typen, aber er scheint nicht mehr so recht zu wollen. Die Diskussion seines Kollegen mit den vier türkischen Frauen im anderen Abteil findet er gerade spannender.
Die Geschichte leicht abgekürzt: erst nach drei Uhr gings weiter. Das erstaunliche: der ganze Zug bestand nur noch aus lächerlichen vier Waggons. Einem bulgarischen, einem italienischen und zwei anderen, die ich nicht zuordnen konnte.
Nunja, jetzt aber schlafen… Ankunft ist ja erst halb neun in Istanbul. Dachte ich. Aber denken hilft bei DEM Zug wirklich garnichts, und so poltert der Zugbegleiter um halb sechs schon wieder durch den Waggon. „Autobus!“ lautet nun seine Ansage. Autobus? Hab ich da richtig gehört? Ja, leider habe ich. Alle raus aus dem Zug, alle rein in einen Bus (ja, wirklich, EINEN Bus, und der war nur halb voll!) um pünklich mit der morgendlichen Rushour nach Istanbul zu rollen. Oder im Stau zu stehen. Wenigstens wars hier muckelig warm, keiner wollte mehr Pässe sehen und keiner koppelt unsanft irgendwelche Waggons an. Endlich schlafen, wenn auch nur im sitzen! ;-)

Der Tag war somit auch gelaufen irgendwie, ich liess Istanbul sein wie es mochte und habe fast den ganzen Tag mit schlafen verbracht.20131114-211909.jpg Schade irgendwie, denn eigentlich mag ich an Schlafwagen die Eigenschaft, dass man dort liegen und schlafen kann, dass es warm ist, dass die monotonen toktok-toktok-toktok-Geräusche so schön einschläfernd sind, dass man aufstehen und sich ein paar Meter bewegen kann wann immer man mag und eiiiigentlich einigermassen ausgeschlafen ankommt. Hier war das definitiv nix, und hätte ich das gewusst hätte ich zumindest gleich über einen Bus nachgedacht.

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