der „Trans Asia Express“, Teil I

 
der Bahnhof in Ankara.

der Bahnhof in Ankara.

Trans Asia Express?

Trans Asia Express?

irgendwo im türkischen Nirgendwo

irgendwo im türkischen Nirgendwo

Wenn man einer gestukulierten Auskunft über mehrere Sprach- und Kulturbarrieren hinweg glaubt, seinen Wecker danach stellt, extra früh aufsteht und Punkt sieben Uhr am Hauptbahnhof zu sein, ja, dann kann es schon mal passieren dass man ganz plötzlich erkennt: Kommunikation kann schwierig sein, oder aber manchmal einfach komplett schief gehen. Das Büro für internationale Tickets ist um die Uhrzeit immer noch zu und dunkel, wie eben am vorigen Abend um halb acht auch schon. Wenn man ein wenig Glück hat und nun eine Informationsdame findet die ein wenig englisch versteht, dann hört sich 8:30 ziemlich spät, aber deutlich glaubwürdiger an. Für mich bedeutet das also warten. Warten und versuchen, nicht nachzudenken. Nachzudenken bedeutet unsicher sein, unsicher über all die Iran-Geschichten, unsicher darüber ob es jetzt schon eine gute Idee ist loszufahren. Irgendwie fühle ich mich immer noch ein wenig überrumpelt vom Mittwochs-Zug und der Hektik, die ich gerade dafür veranstalte. Aber ich beschließe es jetzt einfach dem Schicksal, oder besser gesagt dem Ticket zu überlassen. Gibt es Ticket, dann fahr ich einfach und habe ja irgendwie noch genug Zeit im Zug, die Hektik die letzten Tage zu entheddern. Wenn es kein Ticket mehr gibt… dann ist das auch okay. Hilft ja alles nichts.
Die Sache aber kurz gefasst: Ankaras Bahnhof ist langweilig. Abgesehen davon gab es durchaus noch Tickets, hier ist es wohl im Gegensatz zu sehr vielen anderen Ländern durchaus üblich, Zugtickets auch für Nachtzüge kurz vor Abfahrt zu erwerben, immerhin bin ich absolut nicht der einzige, der sich in diesem Büro einfindet und ein last-Minute Ticket nach Teheran kauft. Bleibt also noch ein klein wenig Zeit mich mit dem wichtigsten einzudecken: Wasser, Brot, Obst und Kekse. Ob es im Zug einen Wasserboiler gibt? Ich denke leider eher nicht, also lasse ich die transsibirisch bewährte Tütensuppe doch besser mal im Supermarktregal liegen.
Gerade so pünktlich zurück am Bahnhof ist es am frühen Morgen also Zeit den Schlafwagen zu beziehen. Immer noch ein komisches Gefühl um diese Uhrzeit. Der Zugbegleiter ist hier irgendwie nicht auffindbar, also keiner der Tickets kontrolliert und Abteile zuweist, und trotzdem finde ich ziemlich schnell mein Abteil und stelle fest: es ist abgeschlossen. Einfach zu und verriegelt, während alle anderen offen stehen. Auch klopfen und an der Tür rütteln hilft da nicht weiter. Auch der kurz später hinzukommende Typ, offensichtlich wohl mein theoretischer Mitbewohner in diesem Abteil, bestätigt durch sein geklopfe und gerüttel: ich war nicht zu blöd, das Abteil ist wirklich zu. Auch er kontrolliert zehn mal sein Ticket (wie ich auch), kann auch da keinen Fehler finden, und so machen wir uns gemeinsam auf die Suche nach dem Zugbegleiter. Er sieht so ganz und gar nicht nach Tourist aus, spricht aber englisch, was ganz hilfreich ist als wir einen kleinen, grantigen und alten Mann mit Schnautzer in Bahn-Uniform finden. Der alte Mann, seines Zeichens Zugbegleiter unseres Waggons wie sich herausstellt, hat schlichtweg das letzte Abteil, also eigentlich unseres als sein Privatzimmer auserkoren da ihm das Zugbegleiterabteil offensichtlich nicht so rehct zu behagen scheint und schickt uns beide nun eben in irgendein anderes, gerade zufällig leeres Abteil. Was er damit für ein Chaos ausgelöst hat, wird sich erst später noch zeigen, aber vorerst ist jetzt Ruhe im Waggon und die Fahrt geht langsam aber sicher los.
„Langsam“ ist überhaupt das wichtigste Stichwort. Dieser Zug will „Trans Asia Express“ heissen. Warum ist mir unschlüssig, denn sooo weit transt der garnicht durch Asien als dass er den ersten beiden Worten seines Namens gerecht werden würde, aber die schlimmste Erkentniss die man erst unterwegs erlangt: „Express“ ist noch viel mehr gelogen als „Trans Asia“. Der Zug hat definitiv keine Eile, das steht ausser Frage. Wenn man aber mal genau hinschaut, dann stellt man auch fest: der Zug hat noch nicht mal die Ambition, irgendeinen Fahrplan einzuhalten. Wie lange es auch immer dauern mag solange wird es dauern… wer braucht schon spießige Fahrpläne? Oder… wer braucht schon alle Abteile eines Waggons? Unter heftigsten Protesten muss man dann halt Abteile wechseln und/oder Familien auf mehrere halb volle Abteile verteilen, hauptsache keiner schläft mehr da wo er soll, und der Zugbegleiter hat weiterhin sein Privatgemach.
Ja, diesen einen Zugbegleiter, ich habe ihn vom ersten Moment an nicht gemocht. Und ich kann nicht erkennen, warum dieser Parasit denn überhaupt in dem Zug mitfährt. Wenn er nicht gerade Chaos unter den Fahrgästen verbreitet, findet man ihn zuverlässig im Bordrestaurant, dort aber nicht sitzend und nichts tuend, sondern in der Küche den Kühlschrank leer räumend. Am Abend schließt er sich dann in seinem Abteil ein und.. ist quasi nicht mehr ansprechbar bis am nächsten Morgen. Alles in allem ein… sehr, sehr, sehr symphatischer, hilfsbereiter und netter Typ. Man muss ihn einfach mögen.

Achja, mein Abteilmitbewohner stellt sich im übrigen als Iraner vor. Irgendwie haben wir das Glück, von dem ganzen Abteilwahnsinn verschont zu bleiben (ich glaube da konnte sich ein gewisser Herr ganz genau an unsere Abteilnummern auf dem Ticket erinnern) und hatten so wenigstens unsere Ruhe und deutlich Platz. Iraner scheinen kommunikationsbedürftig und ziemlich freundlich zu sein wenn man das allgemeine Klischee an dieser einen Person mal bestätigt sehen will, und in einer Sache haben wir uns auf Anhieb super verstanden: nichts geht über einen ausgedehnten Mittagsschlaf. Iran, ich bin auf dem Weg… und sooo unwohl ist mir der Gedanke nun auch gar nicht mehr.

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