der “Trans Asia Express”, Teil II

 

pfff… Express… der Begriff ist immernoch unglaublich. Aber eigentlich mag ich mich gar nicht allzu sehr beschweren. Irgendwie ist es gemütlich hier, der Instantkaffee im Bordrestaurant ist sowol bezahl- als auch trinkbar, wenn es denn schon wie befürchtet keinen Wasserboiler gibt . Die Landschaft ist zwar ziemlich karg, zerklüftet und leer, aber irgendwie, auf eine eigentümliche Art und weise lässt das die Fahrt, entweder schreibend oder lesend im Bordrestaurant oder tendentiell liegend im Abteil, im Zug beinahe besonders gemütlich wirken. Wer würde denn auch langsame Bummelbahn mit Bett und Kaffee gegen karge Mondlandschaft freiwillig tauschen wollen? Okay, ein wenig unheimlich sind die vereinzelt an Abhängen neben dem Gleis auf der Seite liegenden, rostigen und verlassenen Waggons schon. Die Güterwaggons weniger, dafür der Schlafwagen ein gutes Stück mehr. Aber man kann sich einreden, dass das vielleicht beabsichtigte Dekoration der Strecke sein könnte, und wenn man keine Foto als Beweismaterial hat wäre auch ein Hirngespinst, pure Einbildung oder Halluzinationen eine mögliche Erklärung im Nachhinein.

sieht bekannt aus? Ja, die Landschaft vor dem Fenster ändert sich hier sehr gemähchlich...

sieht bekannt aus? Ja, die Landschaft vor dem Fenster ändert sich hier sehr gemähchlich…

So im allgemeinen kann man glaub ganz pauschal sagen: dieser Zug ist zu 95% mit Iranern belegt, dazu noch fünf Touristen aus Australien, Deutschland und Holland, plus das türkise Zugpersonal. Zumindest analysiert mein Abteilmitbewohner das so, und er muss es ja schließlich wissen wer hier iranisch ist und wer nicht. Er erzählt im allgemeinen sehr gerne, von seinem Heimatort im Westen der Türkei, von dem See der daneben liegt und wegen eines Staudammprojektes so gut wie ausgetrocknet ist. Von iranischen Frauen, die so hübsch wären, aber per Gesetz zu Kopftuch und „die weibliche Figur verbergende“ Kleidung gezwungen werden. Er redet auch gerne übers Geld, über die Inflation und davon, dass vor drei Jahren noch eine Million Toman für eine Woche in der Türkei gereicht hätten, man heute aber eher drei Millionen bräuchte (wobei sich mir nicht so ganz erschließt wie eine Woche Türkei gut eintausend Dollar kosten kann… vielleicht zu viele Visitenkarten in Ankara aufgesammelt, oder einfach nur zu viele leere Koffer mitgenommen und nun alle randvoll nach Hause schleppen?). Davon, dass ihn sein Laborantenjob langweilt und er gerne was anderes studieren würde, und weil ich gerade ein Abteil mit ihm teile findet er gerade Deutschland ganz toll. Er erzählt auch ganz stolz von dem Auto seiner Familie, ein Peugeot 206, und davon dass die Steuern bis so ein Auto im Iran ist den Preis um bis zu 150% anheben können. Nicht nur einmal muss er auch betonen, dass im Iran das Essen viel besser sei, die Portion Reis wesentlich größer als die kleinen Kleckse in der Türkei und das ganze auch noch viel billiger. Und dann schwenkt er gerne um, um zu erzählen dass es ihm eigentlich ziemlich schlecht geht, so im Detail muss ich das wohl hier nicht erörtern, kann aber mit dem armen Kerl ziemlich gut mitfühlen, hatte ich in Kas vor ein paar Tagen doch exakt das gleiche Problemchen.

immernoch türkisches Nirgendwo...

immernoch türkisches Nirgendwo…

Ja, der gute Mann redet gerne, er ist beinahe besser als ein Radio das einen berieselt. Nein, das ist nicht wirklich böse gemeint, aber trotzdem musste ich dann feststellen dass trotz seiner felsenfesten Behauptung, der beinahe ausgetrocknete Urmiasee sei ein Süßwassersee, ich sowohl meinem Reiseführer als auch meinen Augen, die kilometerweise schneeweißes Salz dort gesehen haben wo einmal der See gewesen sein müsste, dann doch mehr vertraue als den Aussagen von diesem Kerl. Nett und höflich ist er ja ohne Frage, und unterhaltsam auch, aber sei es nun wegen kommunikativer Probleme oder aber ganz global der Sprachbarriere, so sonderlich viel behalte ich dann doch nicht von den Aussagen an sich, und genieße einfach die recht kurzweilige Unterhaltung.

Am Nachmittag, so viertel nach vier, kam dann etwas von dem ich zwar gehört und gelesen habe, aber es mir noch nicht so recht vorstellen konnte: Der Zug hält an, alle müssen aussteigen, ein klein wenig zu Fuß gehen und dann auf eine unglaublich rostige und alte Fähre umsteigen, auf deren Ladefläche schon einige Güterwaggons stehen. Es wird noch kurz der Gepäckwagen auf diese Fähre geschoben, abgekoppelt und massiv auf der Ladefläche verzurrt, und der Rest des Zuges verschwindet in die Dunkelheit.

Eine Fähre. Für den Zug. Über den Van-See.

Eine Fähre. Für den Zug. Über den Van-See.

Ja, da war jetzt ziemlich viel komisch an dem Satz:
Punkt eins: es ist schon stockdunkel, Namittags um kurz vor fünf. Definitiv keine Tageszeit für einen Spätaufsteher wie mich. Die westlie Türkei glänzt gerade also nicht nur mit unwirtlicher Landschaft, sondern au unwirtlichen Tageszeiten. Es ist definitiv an der Zeit, die Uhren Richtu Iran umzustellen.
Punkt zwei: eine Fähre, nicht mit ebener Fläche für Autos, sondern mit Gleisen zum Waggons drauf schieben. Soll es zwar irgendwo Richtung Schweden oder so auch geben, habe ich mir dann unterwegs erzählen lassen, aber an sich finde ich die Sache schon ziemlich schräg: Ein Zug, auf einem Boot.
Punkt drei: ein rostiger, alter Kahn. Deutlich schlimmer als jegliche andere Fähre, die ich bislang irgendwo Richtung Marokko oder sonstwo in Asien erlebt hätte. Eigentlich logisch, habe ich mich doch wirklich schon gefragt wie die es schaffen ein Ticket für drei Tage und zwei Nächte mit Bett im Zug für nicht mal dreißig Euro zu verkaufen. Jetzt weiß ich, wo da gespart wird. Ein wenig Wasser, das im Flur (über dem Wasserspiegel) von der Decke tropft? Keine Ahnung wie das da hoch kommt, aber ein Kerl m Wischmob und ein paar Eimer sind hier die ganz pragmatische Lösung des Problems.
Also einmal kuscheliges Bett gegen schäbigen Sitzplatz im großen Warteraum getauscht, und die Iraner beobachtet wie sie in ein Liter Eimern noch Schokobrotaufstrich, in zwei Kilo Dosen Oliven oder in Schukatronformat Waffeln hamstern, bevor es endgültig Richtung Grenze geht. Waffeln, Brotaufstrich und Oliven mangelt es im Iran? Ich glaube, damit werde ich auch ohne Hamsterkäufe ganz gut umgehen können.

Die Erkentniss bei Abfahrt der Fähre: aktuell zweieinhalb Stunden Verspätung. Warum das interessiert? Nun, die planmäßige Ankunft in Teheran ist irgendwann kurz vor neun Uhr abends. Auch ohne Verspätung schon spät genug um noch ein Hotel in einer fremden Stadt zu suchen.

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