der “Trans Asia Express”, Teil III

 

Ein neuer Zug, ein neues Abteil, ein neues Land, aber immer noch mit dem gleichen Ticket auf der gleichen Strecke… Aber was gibt es neues?

Die Nacht war, trotz relativ bequemem Schlafwagenn der Iraner, deutlich schlaflos. Die Ausreise aus der Türkei ging gegen 3:30 Uhr noch relativ einfach, schon allein deswegen weil ausser unserem Touristenabteil gemeinsam gehofft und ganz fromm geglaubt hat, dass die Grenze „jetzt gleich, jeden Moment“ kommen müsste und deswegen durchweg wach geblieben ist während alle anderen in einen regelrechten Tiefschlaf verfallen zu sein scheinen. Immerhin waren wir gemeinsam, so ganz ohne Stress und Hektik, ganz vorne in der Warteschlange am Stempelschalter der Türkei, der allerdings so ziemlich dunkel und geschlossen aussieht wenn man um diese Uhrzeit dort ankommt. Aber wenn man mal so ganz ehrlich ist… wer würde als Grenzstempler auch wirklich auf einen Zug warten wollen, von dem keiner weiß wann er denn wirklich ankommen wird? Ja, auch ich würde mich da schlafen legen, denn ohne Grenzstempler wird der Zug bestimmt nicht weiterfahren. Kein Grund zur Hektik also, auch nicht als dann nach einer viertel Stunde warten das Licht anging und drei extrem verschlafen wirkende Kerle den Raum hinter dem vergitterten Fenster betreten. Ja, erst mal in aller Ruhe den Rechner starten, warten, Passwort eingeben, Rechner nochmal neu starten, nochmal warten, nochmal Passwort… die türkische Grenztechnik zeigt sich sehr zuverlässig, und sehr gemütlich. Trotz allem, wenn der Rechner dann mal will und der Stempel ausgiebig getestet wurde, dann gehts schnell, zumindest wenn man vorne in der Reihe steht. Weiter hinten? Ich weiss es nicht, denn zurück im Abteil bin ich mal sowas von direkt eingeschlafen. Unbeabsichtig, hab ich doch schon bei der Einreise gelernt dass an Grenzen schlafen völlig unpraktisch ist. Aber dieses mal ist weiter nichts schlimmes passiert, ausser dass deutlich später ein Iraner in der Tür gestanden haben muss, der Pässe einsammeln wollte. So genau kann ich mich nicht daran erinnern, ich habe mir lediglich im Nachhinein erzählen lassen, dass ich erst verdammt schwer wach zu bekommen war, ich dann im Halbschlaf meinen Pass herausgekramt und hergegeben habe, um dann direkt wieder einzuschlafen. Persönlich erinnere ich mich lediglich an einen kleinen Schock zwischendurch, als ein fremder Typ bei uns im Abteil steht während alle schlafen und an einem in einer abgeschlossenen Schutzhülle verpackten Rucksack herumdrückt. Was macht der da nur? Achja, Uniform, Grenze, nicht mein Rucksack… soll ich die Holländerin wecken? Ach, der Typ wird schon jemanden wach rütteln wenn ihm etwas nicht passt. Aber… wo ist denn mein Pass? Ach, Grenze und so, wird schon irgendwie passen… weiterschlafen!
Auch dass mein Pass zurück kam, daran kann ich mich persönlich nicht mehr erinnern. Ich bin lediglich irgendwann aufgewacht, habe mit meinem „Zöllner inspiziert Gepäck“ Geschichtenfetzen das Wissen der anderen ergänzt, während die dafür den Passteil halbwegs wach miterlebt haben. So ergänzt sich das Wissen um die iranische Einreise irgendwie.
Mein bis gestern Abend immer noch iranischer Abteilmitbewohner war allerdings weg. Er wollte an einem Bahnhof kurz nach der Grenze aussteigen und von dort aus in Richtung „nach Hause“e abbiegen. Das war mir nichts neues, aber trotzdem habe ich ein leicht schlechtes Gewissen, ihn nicht verabschiedet zu haben.
Ach, und noch was: inzwischen sind wir bei lässigen sechseinhalb Stunden Verspätung. Reife Leistung, die, wenn es nicht noch mehr wird, bedeutet nachts um halb drei in Teheran anzukommen.

das iranische Bordrestaurant hat schon einen ganz eigenen Charme...

das iranische Bordrestaurant hat schon einen ganz eigenen Charme…

Iraner, das ist schon ein interessantes Volk hier im Zug. Natürlich war bis vor der Grenze die Kopftuchquote nicht sonderlich hoch, man kann so ganz global sagen: keine einzige Frau unter fünfzig hat außerhalb des Irans auch nur im Ansatz an ein Kopftuch oder etwas das das Hinterteil bedeckt gedacht. Natürlich sehen die heute alle, also nach der Grenze und zurück in der „islamischen Republik“ deutlichst anders aus und sind beinahe nicht wiederzuerkennen. Die iranischen Zugbegleiter sammeln sich zwar wie die türkischen Kollegen auch alle im Bordrestaurant, aber ganz im Gegenteil sitzen hier alle vor nem Berg Papier, einem Taschenrechner und tausenden kleinen Zettelchen und rechnen und schreiben den gesamten Tag. Was die da genau treiben ist mir ziemlich unklar, aber es sieht doch deutlich fleißig aus. Aber zurück zu den iranischen Frauen. Während im Großen und Ganzen die Männer uns zwei männliche Touristen noch immer eher mit Sicherheitsabstand beobachten und sich nicht so recht trauen mit uns zu reden, wurden die drei weiblichen Touristinnen schon längst alle so gut wie adoptiert. Ein paar Abteile weiter wird gesungen, geklatscht und die reinste Party gefeiert, Sprachprobleme hin oder her. Irgendwie scheinen Frauen auch hier mal wieder wesentlich aufgeschlossener zu sein als Männer. Erst am Abend, nach dem letzten Gebetsstopp (ja, im Iran hält der Zug regelmäßig an Bahnhöfen mit kleiner Moschee für eine halbe Stunde, damit auch jeder die Möglichkeit hat trotz Schlafwagen und Zug seinen Gebeten nachzukommen) und quasi schon kurz vor Ankunft ergreifen zwei Männer, davon wohl einer der Initiator und der andere hauptsächlich der Dolmetscher, quasi die letzte Chance und trauen sich an unserem Abteil vorbei. Die Tür stand auf, wie immer eigentlich, und dennoch gebot es ihnen der Anstand, erstmal anzuklopfen. Anschließend wurde das Gastgeschenk überreicht, damit auch alles seine Ordnung hat, „traditionelles iranisches Brot“, das geschmacklich sehr an unser Rosinenbrot erinnert. Nach ein wenig Smalltalk, „wo seit Ihr her, was macht Ihr beruflich, wie lange wollt Ihr im Iran bleiben, was habt Ihr vor“ und so, haben wir die beiden Männer nochmal ausdrücklich in unser Abteil eingeladen um sich doch zu setzen. Was auch immer daran nicht so wirklich mit ihrem Anstand vereinbar war kann ich nicht mal vermuten, und obwohl sie es offensichtlich eher unangenehm finden auf dem Flur zu stehen, wollen sie sich auch nach mehrfachem Angebot einfach nicht setzen. Also gut, weiter durch die Tür unterhalten ist auch okay. Beide laden uns auch zu sich nach Hause ein, der eine kurz außerhalb von Teherean quasi für ab sofort und mit Schlafplatz, der andere wenn wir dann in Shiraz wären. Und schon das erste mal finde ich mich in Erklärungs- beziehungsweise Ausredennot wieder. Ich weiss so ein Angebot zwar son zu schätzen und bin mir völlig sicher, dass dabei auch nichts schlimmes passieren würde, aber bei einem Typ und seiner Familie daheim zu wohnen ist doch deutlich anstrengend. Den ganzen Tag unter neugieriger Beobachtung, keinerlei Privatsphäre und auf dem kulturellen Missverständniss-Minenfeld unterwegs? Auf der anderen Seite so einen ausländischen Kerl daheim haben, dauernd überlegen ob es ihm auch komfortabel und recht ist (was der lokale Anstand schon so verlangt) und mangels gemeinsamer Sprache noch nicht mal mit ihm reden können? Ich bin aktuell der Ansicht dass das zumindest mir eindeutig zu viel wäre und suche nach Worten, mit denen ich ohne jemanden zu beleidigen aus der Situation heraus komme. Ist das vielleicht auch mitunter der Unterschied zwischen den „vorsichtigen“ Männern und den „herzlichen“ Frauen?

Achja, nachdem immernoch ungewiss ist wann wir ankommen (eigentlich, so theoretisch sind wir ja son da), werde ich mich nun schlafen legen und einfach ganz fromm hoffen, dass der Zug inzwischen noch mehr verspätet ist und nicht allzu früh wieder raus muss. Gute Nacht, Iran!

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