Guten Morgen Teheran!

 

Tja, so wirklich mehr Verspätung hatte der Zug gestern nicht mehr, und morgens um zwei wurde ich tatsächlich schon wieder geweckt: noch eine halbe Stunde bis Teheran. Mein großes Glück an dieser Stelle: mein deutscher Abteilmitbewohner im iranischen Zug hatte sich vorab ein Hotel reserviert. Nicht lange überlegt habe ich mit ihm einfach das Taxi geteilt, nachdem er sowieso den Nachtaufpasser des hotels rausklingeln musste bin ich auch da einfach hinterher, hatte das riesen Glück dass es noch ein freies Einzelzimmer gab und kam so ganz unverhofft zu einem brauchbaren Schlafplatz. Im anderen Fall wäre das, wie ich hier erkennen musste, beinahe unmöglich gewesen und ich hätte mir die Zeit bis zum Morgen wohl am Bahnhof um die Ohren schlagen müssen. Natürlich bei weitem nicht so angenehm in einem unbekannten Land nachts erstmal am Bahnhof möglichst nicht einzuschlafen als eine Tür hinter sich zuschließen zu können und in ein warmes Bett zu liegen.

Ein wenig komisch fühlt es sich zugegebermaßen ja schon an, wenn man darüber nachdenkt wirklich gerade in Teheran spazieren zu gehen. Wenn man allerdings versucht das Wort „Iran“ mitsamt allen Vorurteilen aus dem Kopf zu lassen, dann ist es einfach nur eine reichlich komische, aber nicht grundsätzlich schlechte Großstadt wie so manch andere Großstadt eben auch. Okay, ein wenig sonderbar ist das Strassenbild schon: Das asiatische Konzept der beinahe unendlich aneinandergereihten und immer gleichen Miniläden ist nicht wirklich neu, dass ich nun dieses mal mitten im Reifen- und Motorölviertel wohne… kann schon mal vorkommen. Auch das sehr universell ausgelegte Prinzip eines „Geh- Warenauslage- und Motorrollerwegs“ entlang der Strasse hat sicherlich nicht der Iran für sich patentiert. Dass die Stadt riesig ist, nach Abgasen stinkt und der Verkehr eine absolute Lärmplage, auch das gibt es sicherlich des öfteren.

einer von vielen iranischen Reifenhändler hier in der Straße

einer von vielen iranischen Reifenhändler hier in der Straße

Ein wenig eigenartig ist die Fahrweise der Iraner hier, wenn auch nicht ganz so schlimm wie von so manchem Reiseführer in Horrorszenarien geschlidert, aber selbst als einigermassen geübter Asien-Großstadtkreuzungs-erfahrener Fußgänger mit Motorroller-Erfahrung in Hanoi und Innenstadtautobahn-Überquerungserfolge in Bangkok und Beijing, hier schaue ich doch gerne mal vor dem überqueren der Straße ob nicht irgendein Iraner in der Nähe ist an den ich mich unbemerkt anhängen kann, und das selbst bei grünen Fußgängerampeln. So wirklich an anhalten denkt hier keiner, gleich zweimal nicht für Fußgänger. Dabei ist es auch völlig egal, ob es die Autos auf der Strasse sind, oder die in zum Teil in atemberaubender Geschwindigkeit über den Gehweg jagenden Motorroller. Ja, in einem kann man so manch Reisefhrer nach einem Tag Teheran schon recht geben: das gefährlichste im Iran ist der Verkehr für jeden Tourist.
Gleich zweimal für Touristen mit deutlichen Orientierungsschwierigkeiten, die sich manchmal doch in relativer Sicherheit wägend auf dem Gehweg einem Motorroller begegnen, aber zumindest größtenteils habe ich meine Orientierungsschwierigkeiten heute Nachmittag beseitigen können, als ich erkannte dass NICHT die Karte in meinem Reiseführer mit dem „L“ (seit neuestem in schickerem, aber allgemein ganz deutlich unübersichtlicherem blau gehalten als bisher) falsch ist wie zuerst vermutet (Okay, ganz exakt ist sie auch nicht, mehr eine grobe Skizze der Hauptstraßen, aber das tut an dieser Stelle eigentlich nichts zur Sache), sondern dass ich ganz eindeutig vom falschen Hotel ausgegangen bin. Ja, eigentlich wäre es nicht zu verwechseln gewesen, die Namen wirklich unterschiedlich genug, aber ich habe es trotzdem geschafft. Wenn man nun also mit einer Karte los läuft, und von einem komplett falschen Startpunkt ausgeht… nun, da stimmt einfach wirklich nichts, und man findet auch nichts… und sei es noch so was banales und großes wie eine eigentlich kaum zu verfehlende Strassenkreuzung, an der die Wechselstuben zu finden sind. Mangels der Möglichkeit im Iran mit irgendwelchen Plastikkärtchen an netten Automaten an Bargeld zu kommen und der Orientierungsprobleme, die mir den Zugang zu den Wechselstuben erfolgreich verhindert haben, bin ich also erstmal den halben Tag orientiungslos durch Teheran geirrt und habe versucht meine Reiseführer-Karte mit Busfahrplänen, die nur in Farsi beschriftet an Bushaltestellen aushängen und lediglich den Umkreis von ca. 500 Metern abbilden, abzugleichen. Irgendwie halt, aber ziemlich erfolglos. Die positive Erkentniss dieser Orientierungstour allerdings: ich hätte absolut nicht erwartet, hier irgendwelche Beschilderung zu entdecken, die ohne rudimentäre Kentnisse in arabischer (oder noch besser persischer) Schrift zu deuten wären. Aber meine Erwartung lag weit daneben, so ziemlich jedes Strassenschild ist komplett zweisprachig ausgeführt: oben Farsi (quasi persisch) und unten Englisch. Eine wahre Freude für mich als Touristen, ebenso die englische Beschriftung an allen öffentlichen Gebäuden, auch wenn dabei manchmal lustige Dinge wie „Enterance“ zu Tage kommen. Aber Schwamm über solche Kleinigkeiten, den es ist verständlich, also ist das Ziel eindeutig erreicht.

Erst nachdem ich nochmal zufällig über mein Hotel gestolpert bin (zum Glück, denn wer weiß wie ich mit dem falschen Namen im Kopf zurück gefunden hätte), aber da auch erst nachdem ich im Eingangsbereich saß und nochmal ausgiebig Karten und Fotos studiert und verglichen habe, um dann immernoch reichlich verwirrt das Hotel wieder zu verlassen um die Sache mit der Orientierung noch ein weiteres mal zu versuchen, also wirklich erst auf dem Weg nach draussen, als ich beschlossen habe für den Fall der Fälle das Schild mit Hotel- und Straßenname nochmals zu fotografieren… erst da ist mir der eigentliche Fehler erst aufgefallen, und so ganz plötzlich hat das mit der Orientierung dann auch geklappt. Und eigentlich, so ganz ehrlich zugegeben, bin ich doch zufällig schon über den großen Bazar gestolpert, den ich sogar als solchen identifizieren konnte… und mich noch über dessen Position auf meiner Karte gewundert habe. Aber gut, mit dieser neuen Erkentniss konnte es dann erstmal in Richtung Wechselstuben gehen.
Ich muss ehrlich sagen dass diese Momente bei weitem immernoch die unangenehmsten sind, auch wenn sie in meinem Falle mit einigen Dollars in der Tasche auch nur reichlich eentschärt und kurzfristig sind. Aber so ein ganz klein wenig kann ich erahnen, was es wohl bedeuten muss in einem fremden Land zu landen, an einem Ort an dem die Orientierung nicht funktioniert, zwischen Leuten dessen Sprache man nicht spricht, irgendwann auch ziemlich sicher durstig und hungrig, ohne einen Fetzen Geld in der Tasche den man gegennn Wasser oder Essen eintauschen könnte. Es ist ein Moment, in dem ich mich nachdem ich in ein unbekanntes Land komme irgendwie immer sehr unwohl fühle, ziemlich hilflos und aufgeschmissen. Es zehrt ziemlich an den Nerven durch die Straßen zu irren, auf der Suche nach irgendwas was einem weiter hilft, vorbei an duftenden Imbissbuden mit leerem Magen und Kiosken mit Saft und Cola in der Auslage, während man über eine Flasche Wasser schon froh wäre… wenn man sie denn kaufen könnte. Wie gesagt, normal ist das ziemlich kurzfristig, denn der erstbeste Geldautomat schafft meistens Abhilfe. Mit Geld in der Tasche sieht so ein Ort dann nämlich ganz plötzlich anders aus: man kann einfach Wasser kaufen wenn man durstig ist, man kann essen kaufen wenn man Hungrig ist (… und halbwegs Vertrauen in den entsprechenden Laden hat), und wenn man sich ganz arg verirrt… nunja, ein Taxi ist im Budget dann schon auch drin. Hier hilft leider kein Geldautomat, und sooo touristisch ist Teheran nun auch wieder nicht, dass man an jeder Ecke Geld wechseln könnte.
Wenn man dann aber mal erfolgreich Geld hier gewechselt hat, dann fühlt sich das schon wiederum ein wenig komisch an. Da sind einfach so viele Nullen auf den Geldscheinen!

iranische Rial...

zumindestens fühlt man sich damit erst mal reich, auch wenns bei weitem nicht so ist.

Inflation lässt grüßen, und laut Iranern soll das Geld seit vor drei Jahren im Verhältniss zum US-Dollar nur noch ein Drittel des Wertes haben. Aktuell gibts so rund 29500 Rial pro Dollar, und so geht man ziemlich sicher trotz relativ kleinem Dollar-Invest als Multimillionär mit einem dicken Geldbündel wieder aus der Wechselsube hinaus. Lustigerweise werden Preise hier aber nie in Rial angegeben, sondern in Toman. Toman ist im Grunde aber keine Währung, denn ein Toman (im Sprachgebrauch) bedeutet schlichtweg 10 Rial (auf dem Geld und Papier). Warum ausgerechnet zehn und nicht… zum Beispiel tausend (was die ganze Sache mit dem Geld hier ziemlich vereinfachen würde), das habe ich noch nicht herausgefunden. Vielleicht und vermutlich hat auch das mit der lieben Inflation zu tun.

Aber zurück zum Tourismus in Teheran: an so manchen Stellen erkennt man dann doch ganz deutlich, dass der große Strom an Touristen hier eher nicht durch kommt, und das trotz der durchweg guten Beschilderung… Hotels setzen wohl durchgängig (und mir persönlich ist das ziemlich symphatisch) auf asiatische Loch-im-Boden-Toiletten, wobei mir persönlich überall das Klopapier fehlt (im Islam wird sich wohl ausschließlich mit fliessendem Wasser gewaschen, habe ich mir erklären lassen, deswegen gibts auch nirgends Stöpsel in Waschbecken), aber dem lässt sich abhelfen. Ein Tourie-Restaurant in dem Sinne habe ich noch kein einziges entdeckt, zumindest nichts was auf ausländische Touristen abziehlt. Die in den bisherigen Städten dieser Reise allgegenwärtigen Sightseeing-Busse exisistieren hier nichtmal im Ansatz, aber ich hätte auch irgendwie nicht damit gerechnet. Ein Touristen-Viertel wie in Istanbul? Natürlich ebenso völlig Fehlanzeige. Das einzige was mir hier so ganz persönlich ziemlich fehlt, und was in Indien für mich immer ein eindeutliges Zeichen dafür war dem Touristen-Strom vollkommen entkommen zu sein: Es gibt nirgends Wasser in Flaschen zu kaufen. Naja, zumindest wenn man die 0,5 liter Wasserfläschchen aus Imbissbuden als Alternative u Pepsi & co sowie die in Kiosken für den spontanen Durst nicht mitzählt. Und ehrlich, ich habe wirklich gesucht. Es ist absolut kein Problem hier alles mögliche im Stadtzentrum zu finden: die Klassiker wie Obst und Gemüse in der Nähe des Bazars, Brot und Backzeug ebenso. Nudeln, Ketchup, eingelegtes Zeug in Gläsern, Reis und Mehl… alles schon in rauhen Mengen gefunden. Sogar was in solchen Bazar- und Markslastigen Ländern zumindest in Zentrumsnäher eher schwer fällt ist mir schon gelungen: ich habe einen kleinen Supermarkt entdeckt, der zusätzlich Joghurt-Atrappen, Karottenmarmelade (ja, wirklich. Scheint hier ziemlich beliebt zu sein… ist leicht orange bis gelb, hat kleine Stückchen drin, ist klebrig süß und schmeckt… absolut garnicht nach Karotte), Nutella, Cola, Fanta und allerlei Obstsäfte… aber kein Flaschenwasser, egal in welcher Packungsgröße.

schon irgendwie gruselig: ei Brunnen mit rot eingefärbtem Wasser

schon irgendwie gruselig: ei Brunnen mit rot eingefärbtem Wasser

Ich habe sogar schon entdeckt, womit ich in einer „islamischen Republik“ gleich zehnmal nicht gerechnet hätte… am Rande des Bazars hat sich ein älterer Herr mit Pappkartons einen provisorischen Marktstand an einer leicht versteckten, aber trotzdem für alle vorbeilaufenden deutlich einsehbaren Häuserecke improvisiert und verkauft dort Kondome. Ja, auch der Iran ist ein Land indem ich keine zehn Stunden war und schon von Jungs Anfang zwanzig so ganz im Vertrauen gefragt wurde wie das denn sei in Deutschland, und ob es denn wirklich stimme, denn sie hätten gehört dass man da im Gegensatz zum Iran auch unverheiratet Sex haben dürfe und sogar auch könne. Und hier gibt es nun Kondome auf dem Markt? Ich glaube nicht, dass man eine Heiratsurkunde mitbringen muss um welche kaufen zu können… und ich hoffe die sind nicht mit Allahs Segen alle gelocht ;) …
Aber zurück zum Wasserproblem. Der Iraner aus meinem Zugabteil imn der Türkei hat mir ganz stolz erzählt, dass man in seinem Land [im Gegensatz zur Türkei] das Leitungswasser trinken könne. Mag für Ihn sicherlich stimmen, aber mir haben auch schon Inder glaubhaft versichert man könne bedenkenlos ihr grünlich durchstztes Brunnenwasser trinken. Aus purer Not gibt es nun also Großeinkäufe an kleinen Flaschen mit Wasser zu sagenhaften Preisen im Kiosk auf der anderen Straßenseite meines Hotels. Habe ich den Verkehr schon erwähnt? Ja, Wasser ist eine gefährliche Sache =).

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