eine Brücke über einen Fluss ohne Wasser

 

Man kann es drehen und wenden wie man will, aber in einem Bus zu schlafen ist reichlich unerholsam. Okay, was an meinem Bus „VIP“ gewesen sein soll weiss ich nicht so genau, denn während nebenan Busse mit riesig Platz auf dem Sitz und nur drei Sitzen je Reihe standen, sah meiner eigentlich ernüchternd nach ziemlich normalem Bus aus. Vielleicht war die „15“ einfach nicht die beste Wahl, vielleicht musste ich mir die Sache mit dem unerholsam auch einfach nur mal wieder aufs neue selbst beweisen. Fakt ist jedoch, dass ich um halb sechs wach gerüttelt und mit den Worten „Isfahan, Isfahan!“ aus dem Bus geworfen wurde. Wenigstens in Sachen Ausstieg nicht verpassen können ist so ein Bus doch ziemlich komfortabel wenn man den Touristen-Bonus dabei hat.
Also raus, es war noch dunkel, und im Halbschlaf irgendwie orientieren. „Exit“ klingt da immer ziemlich gut, auch wenn darunter leider das Schild „Taxi“ in genau die selbe Richtung zeigt. Als die Tourismus-Hauptstadt des Iran, wenn man dem Reiseführer da glaubt, sieht das natürlich wie zu erwarten folgendermaßen aus: Tourist verlässt die Busstation, geht drei Schritte und ist plötzlich umrundet von gut zwanzig Taxifahrern, die sich alle gegenseitig mit dem wiederholten Ausruf des Wortes „Taxi“ in der Lautstärke überbieten wollen, denn hier ist mutmaßlich gerade leichtes Geld aus der Busstation gekommen. Es ist einfach immer und überall das gleiche, und selbst in diesem Land in dem die Leute weitaus netter, besorgter und zuvorkommender sind als ich das jemals woanders erlebt hätte, schaffe ich es dennoch nicht diese gesteigerte Aufmerksamkeit um meine Person als Gastfreundschaft auszulegen. Und ganz ehrlich, die gerade Straße, ohne Gefahr sich zu verlaufen und nur grob 3km weit wollte ich ohnehin zu Fuß gehen. Ist gesund und schont sowohl Geldbeutel als auch Umwelt, und wenn man ganz genau hinschaut wohl auch die Nerven. Die Sonne begann gerade sowieso aufzugehen, also einmal tief Luft geholt und die Worte „no Taxi, i dont need a Taxi, no Taxi, …“ wie ein Mantra aufsagend quer durch die in mehrere Barrieren bis zur Strasse organisierten Taxifahrer (und zu meinem Erstaunen auch Taxifahrerinnen, von denen ich gedacht hatte dass sie nur Frauen fahren (dürfen?)) den Weg in die Freiheit erkämpft. Ja, hier kennt man Tourismus, keine Frage. Nur dieses mal bin ich auch damit nicht zufrieden… ein Elend mit mir =)
In aller Frühe mache ich mich also auf den Weg, eine Schlafmöglichkeit zu finden. Ein ziemlich guter Trick, wie ich finde. Wenn man nachts Bus fährt, den Morgen dann zum ausschlafen nutzt und eine Nacht bleibt, dann macht das: eine unerholsame Nacht im Bus, einen halben Tag mit schlafen „kaputt“ gemacht und auf der Hotelrechnung eine Übernachtung. Wenn man allerdings tagsüber 6 Stunden Bus fährt, dann sind das in SUmme für die gleiche Zeit am Zielort: ein Tag mit Bus fahren „kaputt“ gemacht, dafür zwei erholsame Nächte und zwei Übernachtungen auf der Hotelrechnung.
Ja, ich bin ein Sparfuchs, ich weiß =D

die Si-o-Seh Brücke - schick, aber ohne Wasser doch fragwürdig

die Si-o-Seh Brücke – schick, aber ohne Wasser doch fragwürdig

Isfahan macht erstmal einen komischen Eindruck. Es gibt da eine Brücke über ein Flussbett, aber es ist einfach kein Wasser zu finden. Der Fluss fehlt komplett. Auch so manch anderer, kleinerer Fluss in der Stadt… nicht da, wo man sagen würde sollte eigentlich Wasser fließen. Okay, die Brücke ist ganz hübsch, aber so ganz erschließt sich einem der Zweck ohne Wasser darunter einfach nicht. Zum Glück sitze ich nicht lange neben dieser Brücke, bis die Erklärung in Form eines (erstaunlich alten) Studenten neben mir Platz nimmt. Er studiert Chemie, und sei im Südwesten des Irans, da wo es das Erdöl gibt, in einer Firma die Kunststoff herstellt beschäftigt. Studieren tut er nach eigener Erklärung wohl, um sich im Ausland einen Job zu suchen. Aber wie auch immer seine persönlichen Lebensumstände sein mögen, er erkennt meine Verwunderung über das fehlende Wasser und beginnt das Gespräch damit, mir zu erklären dass das Wasser abgestellt worden wäre. Moment an der Stelle, das habe ich nicht ganz begriffen. Ein Fluss, abgestellt wie ein Wasserhahn? Wie geht denn das? Nun ja, meint er, das Wasser sei sehr knapp, das Klima hätte sich geändert die letzten Jahre, und deswegen wird das Wasser durch einen großen Staudamm zurückgehalten. Er fügt allerdings hinzu, dass es dann für die Landwirtschaft verwendet werden würde. Hm, das macht mich nachdenklich. Kurz hinter der Türkei ein See, der so gut wie verschwunden ist, weil man den Fluß der den See speist so gut wie komplett für Bewässerung verwendet, und nun hier eine Stadt ohne Wasser, weil man das für die Landwirtschaft braucht? Ich bin mir nicht ganz sicher, aber mir drängt sich so ein wenig der Verdacht auf, dass hinter all dem ein wenig größeres Problem als fragwürdige Brücken und Tretboote die im Sand liegen lauert. Aber er erklärt, das sei nur für drei Monate oder so. danach käme der Fluss wieder zurück. Na dann, wenn man es so sieht ja vielleicht nicht so schlimm… falls man denn auch daran glauben mag.
Da er aber gerade so schön offen reden kann, schaut er sich noch vorsichtig um, und fängt nun an, über ein anderes Thema zu reden. Nicht, dass ich ihn dazu aufgefordert hätte oder ich explizit nach gefragt hätte, aber er wollte einfach schimpfen. Schimpfen über Regeln, die Frauen dazu zwingen Kopftücher und lange Mäntel zu tragen, Regeln die ihm verbieten Alkohol zu trinken, Regeln die eine uneheliche Beziehung quasi beinahe unmöglich machen, und das ungeachtet der eigentlichen Religion des jeweiligen Bürgers, sondern so ganz pauschal per Gesetz.

die lokale Version von "Damenmode"

die lokale Version von „Damenmode“

Er meint, damit würde sich sein Land kein Stück weiter bewegen. Es sei ja nicht so, dass Iraner für all das dann halt ins Ausland, z.B. in die Türkei oder nach Dubai fahren würden (wobei es schon spannend ist, dass gerade die Länder als „Sündenpfuhl“ für iranische Urlauber gelten…). Er meint etwas betrübt ironisch: „… aber die Regierung liebt uns halt, deswegen lässt sie es nicht zu dass wir in die Hölle kommen. Sie will, dass wir alle in den Himmel kommen. Aber will ich denn in den Himmel? Was für einen Himmel eigentlich?“
Ich habe es mir nicht erlaubt, seine Ausführungen zu kommentieren. Ich habe ihn reden lassen und einfach nur zugehört, und ihm einfach nur ganz ehrlich gewunschen dass seine Auswanderungspläne funktionieren werden. Sein Traumland hat mich nach dieser Ausführung aber mehr als überrascht: Er möchte sich im Irak niederlassen.

 

zentraler Platz, also Sammelpunkt für alles und jeden in Isfahan: der Naqsh-e Jahan Imam Square.

zentraler Platz, also Sammelpunkt für alles und jeden in Isfahan: der Naqsh-e Jahan Imam Square.

to see a path or map at this place, JavaScript needs to be enabled.
Wie hat Dir dieser Eintrag gefallen?
Die Daten zu diesem Eintrag: