von Wüsten und Städten

 

Manche Begriffe, auch wenn sie noch so deutsch und noch so bekannt sein mögen, erzeugen doch, wenn nur auf Klischees und nicht auf prsönliche Erfahrung zur Bedeutungsfindung zurück gegriffen werden kann, hin und wieder mal falsche Vorstellungen. Dass Kühe lila sind zum Beispiel. Yazd bietet hier gleich zwei Begriffe, die gerne vielleicht etwas romantische, aber gut und gerne leicht falsche Vorstellungen weckt, und gängige Reiseführer unterstreichen zu allem Überfluss mit deren geschickt aufgenommenem Fotomaterial zusätzlich noch genau dieses Bild.

geschickt fotografiert: wer vermutet so schon eine Autobahn im Hintergrund?

geschickt fotografiert: wer vermutet so schon eine Autobahn im Hintergrund?

Yazd liegt in der Wüste“. Begriff Nummer eins: „Wüste“. Was hat man als gängiger Mitteleuropäer da im Kopf? Genau, Sanddünen, brennend heiße Sonne, kalte Nächte, Kamele, vielleicht sogar noch die ein- oder andere Kaktee oder gar Oase mit ein paar Palmen. So wie früher in der Punika-Werbung halt, mehr oder weniger. Dass Wüsten auch tagsüber zwar sonnig aber erschreckend kalt sein können, das habe ich bereits in der Mongolei gelernt. Dass es heute Straßen und Autos gibt ist auch eher logisch, und dass nicht an jeder Ecke eine Punika-Oase zu finden ist irgendwie auch. Und wenn man ganz ehrlich ist, nicht jede Wüste besteht aus Sanddünen. Kies, glatt geschliffene Felsen und Steinbrocken sind genau so Wüste. Wenn man mal Wiktionary zu diesem Begriff befragt, ist deren Beschreibung auch sehr viel unromantischer und pragmatischer als der erste Gedanke zu diesem Wort: „Gebiet, in dem wegen enormer Trockenheit oder Kälte nur schwer oder kein Leben möglich ist“. Und genau so und eben nicht anders ist es hier auch. Ja, es gibt Sandwüste(n) im Iran, aber in Yazd und um Yazd herum sieht man da erst mal nichts davon. Ganz im Gegenteil gibt es hier am Horizont sogar ein Bergpanorama. „Wüste“ also.

Haus Nummer 50.

Haus Nummer 50.

Yazd ist eine Wüstenstadt“. Begriff Nummer zwei: „Wüstenstadt“. Hier spielen schon weniger Werbespots eine Rolle, aber dennoch kann man sich geneigt fühlen den ersten Teil des Wortes, und zwar „Wüste“ mit allen Klischees mehr zu gewichten als den zweiten Teil „Stadt“. Und ehe man sich so recht versieht, versucht man diese Bilderbuch-Oase eben gedanklich ein wenig zu vergrößern, packt noch einen Bilderbuch-Bazaar (auch so ein Begriff…) in die Mitte, eine Moschee daneben und, weil es ja auch logischerweise etwas modern sein soll, noch so ein oder zwei Ampeln und ein paar Straßen, die die kleinen Gassen zwischen den mit Lehm und Kamelmist verputzten Häusern verbinden. Und so, oder irgendwie so ähnlich wird sicherlich so eine „Wüstenstadt“ dann schon aussehen. Naaaaaja, gut, sooo falsch ist das im Grunde nun vielleicht erstmal gar nicht. nehmen wir die vielen Palmen und das viele grün der Bilderbuch-Oase weg und reisen hundert bis zweihundert Jahre in der Zeit zurück, dann könnte das schon so ein klein wenig dem wahren Bild entsprechen, auch wenn ich jetzt nicht weiß wie der Bazaar damals ausgesehen haben mag. Heute allerdings ist Yazd auch, trotz aller kulturellen Besonderheiten, erstmal eine Stadt wie so viele andere auch: es gibt große mehrspurige Straßen, „normale“ Häuser, Klimaanlagen, Autos, Motorroller, Krankenhäuser, Polizei in Uniform, Ampeln, Busse, einen Flughafen, Kioske und Imbissbuden. Okay, ein wenig sandig-staubig wirkt die Stadt schon, aber im Grunde soll das an vielen Stellen im Iran so sein. Wüste hin oder her. Grund dafür ist wohl ein starker Ostwind der den Sand aus dem Irak in Richtung Iran weht, aber gehen wir für ein klein bisschen Restromantik einfach mal davon aus, dass es sich hier tatsächlich um original iranischen Wüstensand handelt.

der langsam verfallende Altstadtteil

der langsam verfallende Altstadtteil

Ein klein wenig anders wird das Stadtbild in der „Altstadt“ dann aber schon, hier wo sich die schick bis kitschig verzierten Moscheen, historische Häuser, der Bazaar, so manch klischeetaugliche Windtürme… also alles in allem die „Sehenswürdigkeiten“ und somit auch die Touristen (die paar vereinzelten, von den gefühlten hundert iranischen mal abgesehen) tummeln.Die Häuser zum Teil zum Erhalt der „traditionellen Altstadt“ aufwändig repariert und restauriert, zum Teil noch die „technoligisch zurückgebliebenen und billigen“ Wohnstätten der alten Generation und/oder der Ärmeren oder ganz einfach als kitschig renoviertes Guesthouse, weil die Touristen halt drauf stehen… hier kann man dann doch ein wenig vermuten wie Yazd mal ausgesehen haben mag, so vor langer langer Zeit… und Bilder für Reiseführer und Blogs knipsen ;-).

Bilderbuch-Bazaar?

ist das ein Bilderbuch-Bazaar?

Auch ich habe es bevorzugt, gestern aus meinem kurzfristigen und doch recht modern und steril wirkendem Unterschlupf auszuchecken und mir ein „historical Guesthouse“ zu suchen. Da stimme ich definitiv jeglichem Reiseführer zu, im wesentlichen ist Yazd der perfekte Ort um in so einem historischen Haus, im Regelfall ein viereckiger Innenhof mit Garten, meistens mit Brunnen tagsüber und jetzt in der kalten Jahreszeit mit einer Feuerstelle am Abend, einladenden Sitzmöglichkeiten und ziemlich abgeschottet von der städtischen Hektik ausserhalb, um den herum die einzelnen Zimmer angeordnet sind. Wenn man Glück hat, kann man sogar aufs Flachdach beziehungsweise die Dachterasse, den „quadratischen Ring“ über den Zimmern halt sitzen, hat eine ganz angenehme Aussicht über die Altstadt und kann den Sonnenuntergang zum Muezzin-Gesang in aller Ruhe genießen. Ja, nach langer Zeit endlich mal wieder ein Ersatzwohnzimmer in dem man relativ für sich allein ist, den ganzen Tag seine Ruhe hat und es einfach gemütlich ist. Der perfekte Ort also um einfach auszuruhen, Energie zu tanken und hin- und wieder einen kleinen Ausflug in die Stadt zu wagen, ohne sich dabei in eine riesige Hektik zu begeben.

der Innenhof des Wassermuseums

der Innenhof des Wassermuseums

Ausflug in die Stadt? Sightseeing? Ja, so ein wenig. Das Wassermuseum ist, schon allein des Hauses wegen, definitiv einen Besuch wert. Und hey, auch wenn nicht ganz klischeekonform, Wüste ist Wüste und ein Wassermuseum kann da doch tatsächlich spannend sein, schon allein um mal zu sehen in was für aufwändig von Hand tief im Boden gegrabenen Tunneln von irgendwelchen weit entfernten unterirdischen Quellen über ein riesiges Tunnelnetz zum Teil bis heute Wasser in die Stadt „transportiert“ wird.

im Wassermuseum

im Wassermuseum

Auch einfach durch die Altstadt (oder um sie herum) zu spazieren ist eine entspannte Beschäftigung, zumal es jetzt „im Winter“ mit 22 Grad doch ziemlich angenehm in der Sonne ist. Ja, wenn man mag, dann kann man mit minimalem Fanatasieaufwand noch immer das alte Klischee-Yazd besuchen, auch wenn leider viele der alten Gebäude sich so langsam aber sicher buchstäblich in Sand auflösen.

Aussicht über Yazd vom Dach des Hotels... also mir gefällt es hier =)

Aussicht über Yazd vom Dach des Hotels… also mir gefällt es hier =)

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