Zweiklassengesellschaft

 

Nachdem ich heute endlich mal wirklich einen VIP-Bus erwischt habe, der mit viel Platz und nur drei Sitzen pro Reihe ordentlich gemütlich ist und auch ein wenig Schlaf zulässt, war die Ankuft dann deutlich weniger VIP-mäßig als alle anderen im Iran zuvor. Ich war mir nicht bewusst, dass das was ich da gekauft habe eigentlich ein Ticket nach Teheran war, und ich lediglich früher aussteigen durfte. Oder musste weil ich auch ein klein wenig weniger bezahlt habe als den vollen Preis. All diese Erkentnisse kamen aber erst früh morgens, kurz vor sechs oder so, als mal wieder ein netter Busbegleiter mir erklärt, dass ich angekommen wäre. Ich war irgendwie der einzige der ausstieg, und auch noch reichlich verschlafen. Als ich mein Gepäck dann in Empfang genommen und mich ein klein wenig umgesehen habe, wurde irgendwie deutlich: ich steh mitten auf einer Autobahn, kurz nach einer Mautstation, während irgendwo in weiter Ferne in der Nacht eine Stadt leuchtet, vermutlich (oder hoffentlich) Kaschan.
Zumindest war der Busbegleiter noch so net laut nach irgendwas in die Dunkelheit zu schreien und noch kurz zu warten, bis ein zugegebenermaßen auch recht verschlafen wirkender Typ angeschlurft kam und sich als Taxifahrer outete. Naja, meine einzige Hoffnung. Ich konnte nur hoffen dass er mir wohl gesonnen ist und die Situation nicht allzu sehr ausnutzt als ich ihm die Autobahn quasi rückwärts zu Fuß durch die Mautstation folge. Englisch ist hier natürlich nicht, aber dank ein paar persisch angegebener Namen im Reiseführer, darunter eine zentral gelegene Moschee auf deren Name ich mit dem Finger zeige, konnten wir zumindest das Fahrziel kommunizieren. Hunderttausend Geld will er dafür. Ein kurzer Blick in Richtung Horizont bestätigt: es ist weit. Zu weit um zu laufen, selbst wenn ich den richtigen Weg auf Anhieb finden würde. Ja, zwei Euro fünfzig sind ein fairer Preis, und so kam ich dann doch noch irgendwie halb-VIP-mäßig bis ans Ziel.
Eins aber habe ich nun wohl endgültig gelernt: Angaben zu Buszielen und Fahrtzeiten im Iran sind manchmal kaum zuverlässiger als Zugfahrpläne ziwschen Ankara und Teheran und immer mit Vorsicht zu genießen. So ganz grob stimmt das immer schon, aber im Detail sollte man sich nicht darauf verlassen. Trotz allem, mit ein wenig Geld für ein Taxi in der Tasche scheint man zumindest nicht völlig im Nirgendwo zu stranden, und auch wenn ich mir mal wieder nicht sicher bin ob das nun Touristentarif war oder nicht, der Preis ist zumindest in diesem Fall völlig vertretbar.

ja. ich mag die "traditionellen Hotels" hier.

ja. ich mag die „traditionellen Hotels“ hier.

Nach ein wenig warten bis das Hotel aufmacht und ner runde ausschlafen (auch VIP-Busschlaf ist und bleibt dann doch am Ende nur Busschlaf) kam dann die nächste Erkentniss: Kaschan wird beschrieben als Oasenstadt, die einen tollen Bazaar und schöne historische Häuser hat. Nungut, auf den Begriff „Oasenstadt“ brauch ich wohl nicht weiter eingehen, es ist wie mit dem Begriff „Wüstenstadt“, erst neulich in Yazd. Bazaar? Hm, gut, ein Bazaar eben. Ein Ort, an dem Iraner alles mögliche fürs tägliche Leben kaufen. Ein Supermarkt in persisch, der nicht zwangsläufig dem Klisee von Bergen an Teppichen, Gewürzen, kitschigem Orient-Goldschmuck und teurer Stoffe zu tun hat. Ein Markt eben, überdacht und randvoll mit billigem Fuddelwuddel aus China, Indien und Bangladesch. Nichts da mit hochexotischen Waren und so, auch hier hat die Globalisierung Einzug gehalten und den Markt mit Billigwaren überschwemmt. Dank der Inflation wohl noch deutlich mehr als anderswo, denn wer kann sich die teure aber qualitative Importware denn schon leisten? Ja, meine klare Meinung: wenn man nicht gerade Plastiktischdecken, adidas-Plagiate, Aluminiumkochtöpfe oder Shampoo braucht und den Bazaar als solches benötigt wozu er gedacht ist gilt bis auf weiteres erst mal: Hast Du einen gesehen, kennst Du alle. Also auch keine echte Option, auch wenn ich ganz optimistisch einen Versuch gestartet habe.

Gott oder Allah... so genau nimmt das hier keiner.

Gott oder Allah…
so genau nimmt das hier keiner.

Also nächter Punkt: die traditionellen Häuser, die echt hübsch sein sollen. Nagut, erstes Haus: zehntausend Geld für Iraner, hunderttausend Geld für alle anderen. Ehrlich? hunderttausend, um ein nackeliges Haus anzuschauen, wo einem sowieso andauernd nur Iraner vor die Kamera rennen oder auf die Füße stehen? Mhhhmmm… Nein. Die 2,50 Euro spar ich mir dann doch lieber und gehe weiter zum zweiten Haus, das mich erstmal mit ner Schubkarre und ordentlich Kies in der Haustüre begrüßt. Eine Baustelle, ohne Zweifel, und somit vielleicht eine günstige Alternative? Wo denk ich hin, ich hab ja auch schon eine Baustellenmoschee zum vollen Preis besichtigt, und nichts anderes erwarten die hier von mir. Zehntausend für Iraner, eine Null mehr für mich. Nein, hier gleich zweimal nicht und weiter zu Haus Nummer drei an diesem Tag. Die wollen bei gleichen zehntausend Geld für Iraner gleich hundertfünfzigtausend von mir. Drei Euro fünfudsiebzig? Die spinnen, die Iraner. In Summe hätte mich der Spass bis hier mal eben fast zehn Euro gekostet, genug Geld um einmal zu übernachten, plus Frühstück und ein kleiner Snack am Mittag dazu.
Kaschans historische Häuser zu sehen habe ich an der Stelle aufgegeben.

ein langer Weg zum Garten...

ein langer Weg zum Garten…

Ich bin mir nicht sicher, ob es nun vorteilhaft ist persisch Zahlen lesen zu können oder nicht. An manchen Stellen ist es hilfreich bis beinahe unerlässlich, aber sobald es um Eintrittsgelder geht ist es einfach nur ärgerlich. Warum haben die iraner eigentlich dieses mir so indisch erscheinende Zweiklassen-Konzept eingeführt? Okay, irgendwo haben die meisten Touristen mehr Geld in der Tasche, aber ist das Grund genug, für ein und die selbe „Leistung“ das zehn- bis fünfzehnfache zu verlangen? Was würde wohl ein Iraner in Deutschland sagen (der unter Garantie deutlich wohlhabend sein muss, sonst wäre er nicht dort hin in Urlaub), wenn er um aufs Ulmer Münster steigen zu dürfen statt vier Euro wie alle deutschen (nur geraten) plötzlich fünfzig Euro auf den Tisch legen sollte? So eine Attraktion ist doch irgendwo auch nur eine Investition. Irgendwer nimmt Geld in die Hand, um etwas altes in Schuss zu bringen. Entweder der Grund ist reine Prestige, dann spielen die Einnahmen aus den Eintrittspreisen ja eigentlich eh keine Rolle. Ganz im Gegenteil, sie sollten so attraktiv sein dass keiner auf der Schwelle umkehrt sondern ausnahmslos jeder die tolle Arbeit sehen und würdigen kann. Oder aber die Sache ist aus Profitgründen motiviert, dann ist der „Verschleiss“ der Arbeit je Besucher exakt der gleiche (wobei ich ja glaube, ausländische Touristen bewegen sich deutlich respektvoller und vorsichger durch solche Orte, um ja niemandem mit irgendwas auf den Schlips zu treten), also müsste man doch auch ganz Profitorientiert Eintrittspreis = (Invest + Gewinn + laufende Kosten) / Anzahl der erwateten Besucher rechnen. Nein, das Zweiklassenprinzip erschließt sich mir rein gar nicht. Aber wenn schon zwei Klassen, dann würde ich in Zukunft gerne erwarten, dass das „Fussvolk“ die Örtlichkeit zu verlassen hat, wenn eine „Obrigkeit“ wie ich gedenkt diese zu besichtigen, denn dann wäre das Komzept wenigstens konsequent.

ein Stueck Weltkulturerbe also.

ein Stueck Weltkulturerbe also.

Ach ja, genug geschumpfen. Was bleibt noch über? Ein Weltkulturerbegarten, ein Stück ausserhalb. Nagut, Weltkulturerbe klingt vielversprechend, das Wetter ist eigentlich ideal für einen ausgedehnten Spaziergang (laut dem Buch 6km, einfach) und ich habe sowieso keine bessere Idee. Dass das wirklich „nur“ sechs Kilometer waren, daran glaube ich persönlich nach knapp zwei Stunden ununterbrochenem Fussmarsch einer geraden Straße entlang, ohne auch nur einmal falsch abzubiegen, nicht mehr, aber ein wenig Sport hat ja noch nie geschadet und schlussendlich bin ich wieder kurz vor der Autobahm gelandet, an der ich heute am frühen Morgen aabgesetzt wurde. Ja, es wäre mit Gepäck wirklich zu weit gewesen. Aber auch hier, wer hätte es anders erwartet, zwanzigtausend für den Iraner, hundertfünfztausend für mich. Nunja, immerhin die beste Quote die ich heute gefunden habe, und so lege ich die drei Euro irgendwas auf den Tisch, um wortwörtlich acht Iraner-Eintrittskarten zu erhalten. Die schämen sich auch wirklich für gar nichts hier.

acht Eintrittskarten sind fuer mich noetig. Sooo dick bin ich doch garnicht!

acht Eintrittskarten sind fuer mich noetig.
Sooo dick bin ich doch garnicht!

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