Ellbogenhöflichkeit?

 

So langsam aber sicher kenne ich mich schockierend gut aus in Teheran. Nicht nur, dass ich inzwischen beinahe alle Haltestellen der U-Bahn Linie 1 zwischen dem „Imam Kohmeini“ und „Tajrish“ aufzählen kann, ich weiß inzwischen an welchen Stellen ich so ziemlich jeglichen, und sei es noch so touristenunüblichen Kram aufteiben kann. Wasser in großem Flaschen? Die ersten Tage ein Alptraum, heute ein Kinderspiel. Farbkopien? kein Thema, auch wenn man zehn Minuten laufen muss. Bürokrams wie Dokumententaschen, Papier und Klebepads? Ich weiss wo. Ein Supermarkt der echten Joghurt verkauft und nicht die sonst übliche iranische Wackelpudding-Pampe? Ja, auch das. Gut und günstig essen ohne Durchfall hinterher? klingt erstmal nicht schwer, aber wer Teheran kennt weiss dass ich voller Stolz sage: ja, ich weiß wo!

ein gar komisches Gefaehrt

ein gar komisches Gefaehrt

Alles in allem Anzeichen, dass ich schon deutlich länger hier war wie eigentlich hätte sein sollen. Aber es scheint, auch wenn ich das selber ziemlich unglaublich finde wenn ich es so formuliere: es gibt anscheinend Leute, bei denen Behördenkram zu erledigen irgendwie unter gewissen Umständen als „Urlaub“ bezeichnet wird, und ich bin eindeutig einer davon. Okay, ich mache es nicht des Behördenkrams wegen, aber dass für meine grobe Idee es ein notwendiges Stück übel sein kann um ein gewisses Ziel zu erreichen, das steht komplett ausser Frage. Also heute der ich-hab-zum-Glück-nicht-mitgezählt-der-wievielste Tag mit Behördengängen. Da ich es aber trotzdem mit den selbigen nicht übertreiben will, war das Ziel heute fürs erste fertig zu werden und mich am Abend, wieder auf dem Weg zurück gen Süden, den angenehmeren Urlaubsthemen widmen zu können.
Blöderweise schien der Plan aber schon an der deutschen Botschaft, noch bevor diese überhaupt geöffnet hat, irgendwie ins wanken zu geraten. Zu meinem Erstaunen war dort an der Konsulatabteilungs-Türe, ein ekelig massives Stahding direkt in dem botschaftsüblichen, hohen Stahlzaun rund ums Grundstück, heute nicht auf der rechten Seite zum Visas abholen eine Warteschlange, sondern auf der mich betreffenden linken Seite, für Legalisierungs- und sonstigen Bürokratiekram. Oh wei, oh wei. Ich habe es erst mal ganz frech versucht: selbstbewusst direkt an die Tür laufen, und hoffen dass die schon aufgeht und ich einfach dahinter verschwinden kann, bevor sich irgendwer beschwert. Blöderweise war die Tür aber noch abgeschlossen, und der Unmut in der Warteschlange wurde nun laut. Allen vorran ein Typ, der ganz vorne an der Tür stand und die Warteliste in der Hand hielt. Er erklärt mir ich solle mich eintragen, er stehe schon seit zwei Uhr nachts hier, und da seien zwanzig Leute auf der Warteliste. Mist, jetzt war Improvisation gefragt. Ein kurzer Blick aus dem Augenwinkel verriet: alles Iraner, keine deutschen. Eine Chance ist es also wert. Ich erkläre ihm, dass ich kein Visum abholem will, sondern an einen anderen Schalter muss, Reisepasskram. So leicht gibt er sich aber nicht geschlagen, denn ich hatte falsch geraten und die ganze Warteschlange wollte an den Lagalisierungs- und sonstigen Bürokratiekram-Schalter. Mist. Ehm, also… ich brauche ein Zertifikat, an Schalter eins (auch nur geraten), und er wird sicherlich an einen andern Schalter müssen – Nein, er will an Schalter eins – (nochmal Mist) Na, ich will an den einen Schalter für deutschen Reisepasskram – Ich solle mich in die Warteliste eintragen und hinten anstellen – Also jetzt hör mal zu, guter Mann. Ich will an den Schalter für die deutschen (gibt es den überhaupt? ich weiss es nicht…), und mit Verlaub, weder Du noch die Namen auf der Warteliste machen mir einen arg deutschen Eindruck – deutscher Schalter? – ja, deutscher Schalter! – Achja, das macht natürlich Sinn – klar macht es das! (puh, nochmal Glück gehabt!).
Der eine Visum-Agent im uszbekischen Konsulat hat mir erst gestern beigebracht, dass Bürokratiekram in Teheran auch Ellbogenkram ist. Und nein, diese Geschichte im Hinterkopf habe ich noch nichtmal ein allzu schlechtes Gewissen, denn wer weiss schon so genau… am Ende ist einer der drei Schalter in der Konsulatsabteilung der deutschen Botschaft ja tatsächlich ein deutscher VIP-Schalter. Immerhin zahl ich sonst ja auch immer überall den zehnfachen Eintritt, das wäre also so gesehen auch nur fair.

ach, die lieben Oeffnungszeiten...

ach, die lieben Oeffnungszeiten…

Was tut man also nicht alles, um rechtzeitig bei den Turkmenen zu sein… und ich glaube, es war so ziemlich nötig, um das Zeittechnisch noch irgendwie hinzukriegen. Aber so spätestens in der U-Bahn, fern ab von jeglichem Bürokratiekram, kommt dann irgendwie doch wieder ein ziemlich eigenartiges Höflichkeitsprogramm der Iraner zum tragen: man nennt es wohl ta’arof. Ein zugegebemermaßen schräges System, das auch gar nicht ganz so leicht zu erklären ist… also vielleicht als recht allgtägliches Beispiel für einen Reisenden hier: Wenn man in Teheran U-Bahn fährt, neben einem Mann weit über sechzig steht und im direkter Nähe ein Sitzplatz frei wird, so wird sich der Mann auf keinen Fall setzten, ohne mir vorher als doch noch recht jungem und zumindest gut und gerne stehendem Mann den Sitzplatz mehrfach anzubieten. Auch wenn ich sitze und aufstehe um jemandem, der es quasi echt nötig hat meinen Platz anzubieten, so wird das grundsätzlich erst zwei- bis dreimal verneint. Natürlich freut sich der gute Herr sehr darüber und setzt sich auch gerne, aber diese Höflikeitsregeln wollen einfach, dass ich ihm zwar den Sitzplatz anbieten, aber (falls ich zum Beispiel irgendwie ein kaputtes Bein hätte und echt sitzen muss) sitzen bleiben und dabei mein Gesicht wahren kann.
Oder, auch recht üblich: Wenn man das Glück hat bei einer Taxifahrt nicht der Transportdienstleistermaffia in die Hände zu fallen, sondern einen ehrlichen, meist älteren Iraner als Fahrer erwischt, so ist es recht wahrscheinlich dass er am Ende der Taxifahrt erklärt, dass das jetzt kostenlos gewesen wäre. Es ist aber nicht so, dass er keine Bezahlung erwarten würde, sondern eher eine Höflichkeitsregel. Natürlich will er bezahlt werden, aber das System beruht wohl darauf, dass jeder seinen Platz in der Gesellschaft kennt und auch so agiert. Irgendwie mag ich das System, obwohl es manchmal et kompliziert ist und man als „Neuling“ nicht immer so recht weiß, woran man denn nun eigentlich ist.

Ehm, aber wo war ich denn mit meiner Visums-Geschichte… achja, den Antrag konnte ich, so sagenhaft gut vorbereitet und gut in der Zeit, noch bei den turkmenen loswerden. Angenehm hier ist, dass das Wartelistenfrei funktioniert. Wer da ist wenn das Fenster aufgeht, der wird halt bedient, und so wirklich viele scheinen nicht nach Turkmenistan zu wollen. Ein paar bekannte Gesichter vom uzbekischen Konsulat, die so sehr geliebten Visa-Agenten erkenne ich wieder, aber selbst die haben nur eine verhältnissmäßig geinge Anzahl an Pässen in der Hand. Eine Woche will mein Antrag hier nun liegen, bis ich mein Visum in den Pass kleben und stempeln lassen darf… es wird auf jeden Fall ziemlich knapp, denn irgendwie habe ich das Datum für die drei Tage Uzbekistan ein wenig zu weit vorne gewählt. Uzbekistan erteil nämlich keine Visa die ab Einreise drei Tage gelten, sondern welche die an exakt drei Kalendertagen gültig sind. Bedeutet konkret: Wenn ich in einer Woche das Turkemnistan-Visum abhole, bleiben mir noch drei Tage Iran, bis ich im absolutem Eil-Express durch die beiden Länder hetzen muss. Das Datum für Turkmenistan musste ich schon, damit das überhaupt noch klappt mit der Visumsausstellung deutlich mit der Uzbekistan-Zeit überlappen, das heißt von den fünf Tagen Turkmenistan bleiben nun faktisch nur noch drei über. Ich fühle mich ein wenig gehetzt bei dem Gedanken daran, aber nun gehts erstmal gen Süden, raus aus dem Regen, raus aus dem Smog, weg von all dem Lärm und der Hektik. In sieben Tagen bin ich ja sowieso wieder hier und beschäftige mich weiter mit Behördengängen.

auf, auf... mal wieder Nachtbus fahren!

auf, auf… mal wieder Nachtbus fahren!

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