viele alte Steine und neue Bekanntschaften

 

Ehm, ich weiss gerade nicht so recht was ich denn nun davon halten soll. Weder von rundum-Sorglos-Ausflügen im Schlepptau von Geschitslabertaschen, noch von diesem so gepriesenem Persepolis.

Aber einen Schritt zurück. Wenn man sich für einen Rundum-Sorglos-Ausflug anmeldet, wird man natürlich im Hotel abgeholt. Eine an sich wunderbare Sache wenn nicht der Fahrer sich zuerst mal ans Frühstücksbuffet setzen würde. Eine Eigenschaft dieses Tourguides, an die ich mich den ganzen Tag nicht so recht gewöhnen werden kann: Er bestimmt das Tempo. Will er aufs Klo, Frühstücken oder zwischendrin mit irgendwelchen Kumpels (oder eben anderen Iranern, verstehen tu ich das ja nicht) quatschen, so findet sich da immer genug Zeit dafür. Bleib ich dagegen irgendwo eine Minute zu lange stehen oder gehe ein Stück vorraus um irgendwas ohne sein Geschichtsgequatsche in aller Ruhe zu betrachten, dann wird der gute Mann höchst ungeduldig. 20131210-224639.jpgVielleicht bin ich einfach nicht fürs Fähchenverfolgen gemacht, auch wenn ich mir dem russischen Pärchen und dem Chinesen die noch dabei waren zuliebe größte Mühe gegeben habe mich dem allgemeinen Takt anzupassen, wenn auch nur anfänglich. In dem Russen habe ich dann aber schnell einen Verbündeten gefunden, denn er versteht im Gegensatz zu seiner Begleiterin kein Wort englisch und gibt daher noch weniger darauf als ich zu hören, in welchem Jahr unter welchem König dieser Stein denn nun umgekippt ist. Er liegt da halt, wohl seit langer Zeit, und ob der König dieser Zeit nun Darius oder Xerxes hieß… also mir ganz persönlich ist das egal. Entweder der Stein erzählt seine ganz persönliche Geschichte von alleine, oder er sieht hübsch aus, oder er ist einfach langweilig, Xerxes hin oder Darius her. Und das, so spannend ich normal ja Ruinen finde, ist im wesentlichen auch mein ganzes Resümee zu diesem Ort: Dank Alexander dem Großen, der irgendwann mal alles niedergerissen hat (was ich auch ohne Tourguide lässig selber nachgelesen habe), ist Persepolis im Grunde nichts anderes als ein viereckiges Plateau mit ein paar einzelnen Steintrümmern.

ein ziemliche beruehmtes Persepolis-Motiv. Leider auch das einzig wirklich spannende hier =)

ein ziemliche beruehmtes Persepolis-Motiv. Leider auch das einzig wirklich spannende hier =)

Persepolis im Ueberblick. mehr ist da nicht!

Persepolis im Ueberblick.
mehr ist da nicht!

Ganz nett irgendwie, geschichtlich sicherlich für irgendwelche Forscher ganz spannend, aber wenn man weder das ganze Plateau auf den Kopf stellt auf der Suche nach alten Schriften die man entziffern könnte, noch einen tiefen persönlichen Bezug zu diesem Ort verspürt, dann ist es (etwas übertrieben formuliert) nichts anderes als eine übertrieben propagierte Ansammlung von alten Steinbrocken, die noch nicht mal mehr zur Erfüllung der Definition von „Ruine“ in meinen Augen wirklich gut genug sind.

die Reste der alten Zeltstadt

die Reste der alten Zeltstadt

Für mich war tatsächlich die langsam verfallende Zeltstadt der 2500-Jahr-Feier der iranischen Monarchie von 1971 direkt neben den Ruinen von Persepolis beinahe spannender. Ich mein die Geschichte hiervon ist deutlich verlässlicher als die von den Steinresten (die einen Forscher sagen, aber die anderen meinen… am Ende weiss heute über Persepolis eben keiner was sicher) und außerdem auch irgendwie wesentlich relevanter für den heutigen Iran als die Ansammlung von Steinresten nebenan. Es war ein gewagter Schachzug des letzten „Schahs“ (quasi König) des Irans international ein prunkvolles und wohlhabendes Bild vom Iran zu generieren, um eine gewisse Anerkennung zu bekommen. Am Ende jedoch war es mitunter (wegen den enormen Kosten dieser prunkvollen Zeltstadt inmitten eines extra angelegten Parks mit Luxuszelten für de Staatsgäste mit Marmorbädern und allem Schnickschnack) ein Baustein der dann zu eben der Revolution 1979 geführt hat, die den Iran mehr oder minder zu der „islamischen Republik“ gemacht hat, die es heute ist. Ja, heute stehen nur noch die Metallgerippe der Zelte, der Rest wurde geplündert. Aber DAS hätte mich so ganz spontan Welten mehr interessiert. Mein Tourguide hatte da aber andere Pläne, und so blieb es leider bei einem kurzen Blick über den Zaun.

Ja, ich war ganz froh am Nachmittag wieder zurück zu sein, auch wenn ich noch weniger Pläne und Ideen hatte was mt dieser Stadt anfangen als die Tage zuvor. Einen Besuch in einem Park vielleicht, auf eine Parkbank in den Schatten setzen und in aller Ruhe ein Buch lesen? Schiras besitzt sogar Parks mitten in der Stadt und man muss auch als Tourist keinen Eintritt bezahlen. Klang erstmal nach ziemlich gutem Plan. Funktioniert wunderprächtig für vielleicht fünfzehn Minuten, bis irgend ein Iraner, geschätzt so knappe dreißig neben mir auf der Parkbank sitzt und kommunikative Aufmerksamkeit fordert. Ach ja, es ist schon angenehm in einem Land mit so gastfreundlichen, hilfsbereiten und besorgten Leuten zu reisen wie dem Iran. Jeder will dass es mir hier gut geht und ich die bestmöglichen Geschichten über den Iran erzählen kann, aber manchmal ist mir die Aufmerksamkeit dann doch zu viel. Auch meine neue Bekanntschaft spricht kein englisch, aber meine Fähigkeit deren Fragen zu erraten, ohne die Wörter genau zu verstehen wird durch tägliche Übung immer besser. Ja, ich bin Tourist. Und nein, ich kann leider kein persisch, tut mir leid. Ja, ich habe schon Isfahan gesehen, und war schon in Yazd und in auch in Kerman und Teheran. Ehm, was war die Frage bitte? An der Stelle konnte ich nicht weiter folgen. Der Typ redet aber konstant auf mich ein, immer und immer wieder den gleichen Satz, mal zu mal langsamer und deutlicher. Nett von ihm, aber mir hilft das leider nicht weiter. Okay, letzter Ausweg: den Reiseführer zücken und ihm die zwei Seiten mit den wichtigsten Sätzen für unterwegs zeigen, die dieses Buch eben bietet. Obwohl es hier nur um Zimmer, Essen, Autos und Transport geht, sind die Iraner doch sehr kreativ und schaffen es durch einzelne Wörter in diesen kurzen Sätzen ganz neue Fragen zu generieren und auch zu verstehen. Ob ich verheiratet bin ist zum Beispiel oft eine Mischung aus gestikulieren mit den beiden ausgestreckten Zeigefinger und abwechselndes Zeigen auf die beiden Einzelwörter „Einzelzimmer“ und „Zweibettzimmer“ im Hotel-Kapitel. Ziemlich eindeutig, eigentlich. 20131210-224710.jpgAuch meine neue Bekanntschaft stößt auf diese Wörter, und zuerst vermute ich das ist die gleiche Frage nach dem verheiratet sein, die ich schon kenne. War es vielleicht auch, aber dieses Kapitel scheint ihm schon sehr gut zu gefallen. Im Gegensatz zu bisherigen Begegnungen auf diese Art geht es jetzt nicht um Alter und Familienangehörige, er bleibt beim Hotel. Will er wissen wo mein Hotel ist? Komisch, aber anhand des Transportkapitels schaffe ich es ihm zu erklären, dass ich in ein paar Stunden nach Kerman fahren werde. Hat er vermutlichst auch verstanden, hat dies jedenfalls mit einem Nicken bestätigt. Trotzdem bleibt er bei bei dem Wort Hotel. Und beim Doppelzimmer. Ehm, nein, ich bin alleine und schlafe im Einzelzimmer. Als Antwort wieder Hotel. Meine Reaktion darauf war zunächst mal, ihm die Visitenkarte meiner Bleibe der letzten Nacht zu zeigen. Vielleicht ist er ja nur neugierig wo Touristen so schlafen oder so. Nein, auch das war nicht die von ih erhoffte Antwort. Und nochmal: „Hotel“, „Doppelzimmer“, Fingerzeig auf mich und Fingerzeig auf sich. Ehm… ich bin verwirrt. Oder ich will verwirrt sein und einfach nicht verstehen. Also nochmalon mir die Ansage: ich brauch kein Hotel, ich fahr nach Kerman. Er wiederholt seine Fragestellung wie vorhin nochmal, ergänzt sie einleitend aber durch „Schiras“ und beendet sie mit den Worten „Bam, Bam!“. Ich rede mir bis zum jetztigen Zeitpunkt lieber ein, die Frage nicht verstanden zu haben als die beinahe offensichtliche Frage als solche zu akzeptieren. Im Iran gibt es keine Schwulen, sagt die Regierung. Und ich habe auch nicht das komische Talent, weltweit schwule Männer anzulocken, sage ich. Vorsichtshalber habe ich dann aber doch eine Verabschiedung vorgezogen und die Idee mit Park und Bank und lesen dann verworfen.

Sonnenuntergang ueber Schiras. In aller Ruhe.

Sonnenuntergang ueber Schiras.
In aller Ruhe.

Alternativen? Auf einen Berg am Stadtrand klettern und Sonnenuntergang beobachten. Iraner klettern ungern, nehmen sogar einen Umweg in Kauf wenn sie dafür eine Treppe mit einer Rolltreppe ersetzen können. Bergauf zu Fuß ist unluxuriös, und so ein Aussichtshügel demnach ein recht sicheres ruhiges Plätzchen.

Achja, der Komplettheit halber: Auf dem Weg zurück ins Hotel um mein Gepäck abzuholen fängt mich ein weiterer Iraner ab. Er tänzelt und hüpft um mich herum, fragt wo ich her bin und wie ich heisse. Er kann ziemlich gut englisch und hält nicht lange zurück: ich bin schwul, und Du? Nein? nicht mal Bi? Schade. Aber Deutschland ist gut. Weißt Du, im Iran ist alles verboten: Laute Musik ist verboten, tanzen ist verboten, ich bin verboten. Es ist nicht leicht, und es tut mir leid für uns alle. Du musst wissen, wir leben hier in einer Diktatur. Aber ich wünsche Dir eine gute Reise und eine schöne Zeit im Iran!

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