Aussenseiter

 

Nachtbusse sind so ein Thema für sich. Nachdem ich inzwischen herausgefunden habe, dass VIP immer bedeutet dass es nur drei Sitze pro Reihe gibt und auch ein wenig teurer ist als meine erste Fahrt nach Isfahan, im Umkehrschluss: dass die Antwort „es ist ein Volvo“ auf die Frage „ist es ein VIP-Bus?“ also demnach soviel wie „nein“ bedeutety, kann man wohl auch auf verschiedene Qualitätsstufen zwischen den einzelnen Busgesellschaften hereinfallen. Aber von wackelnden, so gut wie nicht befestigten Sitzen und beinahe schon Oldtimer-Bussen abgesehen, gewöhnt man sich irgendwann dann doch an Busschlaf, beziehungsweise man fängt an sich entsprechend einzurichten. Auch wenn ich jegliche Iraner in meinem Umfeld damit schwer erheitere, mit einem aufblasbaren, kuscheligen Kissen um den Kopf ein wenig zu stabilisieren und einem bunt karrierten Tuch aus Kambodscha als Decke um das schlimmste an Zugluft fern zu halten, den kleinen Rucksack fest am linken Bein verknotet und unter der Decke versteckt, die Wertsachen samt Kreditkarte und Reisepass tief unter der Kleidung und unter einem dass ja niemand dran kommen kann vergraben, schläft es sich dann irgendwie doch ganz gemütlich und entspannt. Busqualität hin oder her.
Die dieses mal recht jungen mich umgebenen Iraner zeigen sich deutlich neugierig bis erstaunt, können sie es doch trotz eines gewissen Stolzes nicht so recht begreifen dass ein Tourist sich nach Kerman begibt. Die aktuellen Reisewarnungen des auswärtigen Amtes raten zwar von Reisen von Kerman an die Pakistanische Grenze ab, Kerman selbst scheint laut denen (im Gegensatz zur Meinung der deutlich vorsichtigeren britischen Kollegen) völlig okay zu sein. Nunja, sie verstehen zwar meine Ambition noch nicht so ganz („aber Touristen gehen doch alle nach Isfahan und Schiras“), können aber auch von keinen Zwischenfällen in und um Kerman berichten. Es sollte also alles okay sein.

So „abgelegen“ Kerman im touristisch betrachteten Iran auch liegen mag, so sonderlich zu überraschen vermag auch diese Stadt mich nicht so wirklich. Moscheen, Bazaar und iranisches Chaos eben. Auf eine gewisse Art und Weise „same same, but different“ eben. Aber Kerman an sich ist auch nicht wirklich der Grund, warum ich hier bin. Na chdem die Zeit für ein wenig Weitblick über Wasser am persischen Golf (so die iranische Bezeichnung, ich glaube in deutschen Atlanten steht eher „arabischer Golf“) nicht so recht reichen mag, ist dies mein Ausgangspunkt für eine andere faszinierende Weitsicht: in der Wüste. Aber dazu brauche ich, schon allein mangels Busverbindungen (welcher Iraner hat als Reiseziel auch schon „die Wüste“?), aber auch um lokales Sicherheitswissen dabei zu haben einen Fahrer mit Auto. Ja, bewusst keinen Touriguide, ich möchte kein gesülze zu jedem einzelnen Sandkorn ertragen müssen, einfach einen Fahrer der mich sicher hin- und wieder zurück bringt.
Laut Reiseführer soll es hier entsprechend fähige Reiseagenturen geben, die einen passenden Kontakt vermitteln können. Aber so ganz aktuell scheint auch diese Info aus 2012 nicht mehr zu sein, zumindest fand ich nach dreimaligem Durchforsten der entsprechenden Straßen nichts, das auch nur ansatzweise nach einer dieser Agenturen ausgesehen hätte. Ein wenig niedergeschlagen durch diesen Misserfolg zog ich vorbei an einer Moschee in Richtung Bazaar um am Ende davon irgendwas essbares zu organisieren, als mich vor der Moschee ein älterer Herr anspricht. An sich ist das ja nichts besonderes: Hallo, wie geht es Dir, wo bist Du her und was machst Du hier. Aber als ich Ihm davon erzähle, dass ich eigentlich Richtung Wüste wollte, grinst er leicht, greift in seine Tasche und überreicht mir nur eine Visitenkarte. Kann es wahr sein? Der Mann, den ich eigentlich gesucht hatte findet mich nun vor der Moschee. Schon ein wenig zu schräg um wahr zu sein, beschließe ich Ihm aber dennoch zu glauben und vereinbare stilecht ein Date im Teehaus, um über meinen Ausflug zu reden. Klar, seriöse Geschäfte werden im Iran nie abgeschlossen, bevor nicht Tee getrunken wurde. Vielleicht ist das ja ein gutes Zeichen.

im Teehaus am Bazaar von Kerman.

im Teehaus am Bazaar von Kerman.

Die Geschichte ein wenig abgekürzt: der Preis ist heiß, aber der Typ scheint vertrauenswürdig und will auch keine Vorkasse. Nach zwei Stunden im wohl beeindruckensten Teehaus das ich bislang gesehen habe (ursprünglich eigentlich mal gebaut als Hamamm) einigen wir uns trotzdem auf eine kleine Anzahlung von zehn Euro und ich begebe mich zurück Richtung Hotel. Es gab da noch ein kleines Date, das ich wahrnehmen wollte. Ein Date? Nunja, im weitesten Sinne. Am frühen Morgen, kurz bevor ich am Hotel meiner Wahl ankam, fand mich ein erstaunlich gut deutsch sprechender Iraner. Ein wenig skeptisch aus Asien-Erfahrungen über seine Sprachfertigkeit und ein wenig Vorsichtig wegen dem offensichtlich kompletten Gepäck das ich bei mir trug, war ich ein wenig kurz angebunden. Da er aber ungewöhnlich zurückhaltend und freundlich war, ich mir ausserdem nochmal vor Augen gehalten habe dass meine Erfahrungen in Sachen Asien-Abzock-Taktiken im Iran noch kein einziges mal zutrafen, haben wir uns für sechs Uhr am Abend nochmal verabredet um uns ein wenig zu unterhalten. Als ich kurz nach sechs aus dem Hotel kam, immer noch recht vorsichtig und so ziemlich ohne jegliche Wertsachen, stand er schon ein kleines Stück die Straße hinunter und winkte mit etwas schüchtern zu. Irgendwie war er mir von Anfang an durch seine angenehm zurückhaltende und in keinem Fall aufdringliche Art ziemlich symphatisch, aber die Geschichte die ich ihm im Laufe der nächsten Stunden entlocken konnte machte mich dann doch völlig sprachlos in seiner Gegenwart.
Er erzählt mir, dass er inzwischen Ende vierzig ist, und fragt mich, wie ich es von so vielen anderen kenne, was ich denn vom Iran halten würde. So mit der Zeit kennt man diese Frage, man hat seine eigene, ganz diplomatisch nette und viel Platz um die eigenen Erwartungen erfüllt zu sehende Antwort auf diese Frage ständig parat. Man macht einen Bogen um politische und religiöse Themen, man lobt die Freundlichkeit der Iraner, schwärmt ein wenig von Sehenswürdigkeiten und harrt der Dinge, die da kommen mögen. Manche fragen einen dann nach der Meinung zum Iran als politisches Land, andere geben sich mir der Antwort zufrieden und wechseln das Thema auf irgendwas anderes. Über Politik zu reden ist offiziell nicht gerne gesehen bis verboten, gibt es doch entsprechende Anweisung der Regierung mit Touristen nicht mehr als nötig Kontakt zu haben und nach Möglichkeit eigentlich gar nicht zu reden. Das Thema überlasse ich daher immer gerne meinem Gegenüber. Meine neue Bekanntschaft allerdings hat eine ganz neue Sichtweise, mit der er auch nicht vorhat irgendwie zurückzuhalten. Er erzählt mir, dass er vor fünfzehn Jahren mit einer ausländischen Frau zusammen war, und schon alleine deswegen weder von den Männern seines Landes so recht akzeptiert würde, geschweige denn einen Kontakt zu den Frauen hätte herstellen können. Er werde gemieden, wo es nur geht. Er beschwert sich über das Soziale System, insofern man es überhaupt so nennen kann, und erklärt mir mehr und mehr, wie er einfach aus jeglichem Raster gefallen ist. Alles begann mit einer Frau, die er wohl ziemlich geliebt zu haben scheint. Nicht die iranische Art einer Partnerschaft, er beschreibt eine ziemlich gleichwertige Beziehung zu dieser Frau, der er dann vor fast zwanzig Jahren in die Schweiz gefolgt ist. Er erzählt gerne von der Schweiz, meint aber dass die schweizer Gemeinde schlussendlich diese Beziehung zerstört habe. Die Beziehung sei in die Brüche gegangen, weil zu viele Leute schlecht auf seine Frau eingeredet hätten, er als Ausländer trotz seiner Mühen nie so recht akzeptiert worden ist und aufgrund seiner nicht vorhandenen bzw. anerkannten Berufsausbildung lediglich einen schlecht bezahlten Hilfsarbeiterjob in der Schweiz wahrnehmen konnte. Er meint sie seine eigentlich glücklich gewesen, natürlich wäre er gerne mit seiner Freundin in den Urlaub nach Italien oder Spanien oder so, aber leider konnte er sich das nie leisten. Mit glänzenden Augen erzählt er von einer wunderschönen Busreise in den Schwarzwald, wohl eine Kaffeefahrt, die für ihn offensichtlich ein unbeschreiblich schöner Urlaub gewesen sein muss. Für Ihn sei das knappe Geld kein Problem gewesen, aber seiner Frundin hätte das nach den „Behandlungen“ durch ihre Bekannten so materiell nicht mehr ausgereicht. Eine etwas wirre Geschichte mit Trennung, Behörden und dem erfolglosen Versuch einer zweiten glücklichen Beziehung folgt danach, deren Ausgang aber ziemlich eindeutig ist: vor rund fünfzehn Jahren musste er zurück in den Iran. Er sagt, im O-Ton: „Du kannst Dir nicht vorstellen, wie das ist. Trotz aller Probleme die ich in der Schweiz hatte, es war wie ein Traum im Vergleich zu hier. Ich bin morgens eineinhalb Stunden zu Arbeit gelaufen. Ich hätte auch den Zug nehmen können, aber ich wollte nicht. Das war so schön, die Bäume und die Luft und die Natur“. Zurück im Iran passt er nun in keine gängige Norm mehr. Inzwischen ist er sogar arbeitslos, aber zu der Zeit als er noch Arbeit und auch Geld hatte, waqr es ihm unmöglich eine Wohnung zu mieten. Die Frage nach Frau und Kinder und die darauf folgende Antwort von „habe ich leider nicht“ hat jeden einzelnen Vermieter dazu gebracht, ihn davon zu jagen. Ergo: er ist Obdachlos, seit fünfzehn Jahren. Er erzählt von seinen Erfahrungen, habe vor allem am Anfang schon Nächte damit verbracht nur durch die gegend zu gehen, weil er keinen Platz zum schlafen hatte, wurde dann aber jedes mal von der Polizei aufgegriffen, die ihn als zu verdächtig empfunden hatten. Wenn nichts anderes zu finden war, beschumpfen sie ihn eben als Drogensüchtigen und hielten ihn fest. Er meint die Polizei im Iran sei anders. Sie seien wenig gebildet, und würden durch die Gegend ziehen wie Hooligans. Inzwischen schlafe er mal hier, mal bei einem Freund und mal dort, es sei aber alles völlig illegal. Einige Zeit habe er sich sogar schon nachts in der Wüste versteckt, um der Polizei zu entgehen.
Inzwischen ist er arbeitslos. Sein alter Arbeitgeber und guter Freund, wie er ihn nennt, musste sein Geschäft leider aufgeben. Er hat allerdings die Hoffnung mit Ihm zusammen einen LKW zu fahren, Speditionsmäßig. Dafür lernt er jetzt extra das Fahren. Sein großer Traum allerdings ist, irgendwie in Deutschland eine Existenz zu gründen.
Ganz ehrlich? ich wünsche es ihm. Es macht mich immer noch völlig traurig, wie ein Mensch der sich derart ins Zeug legt, innerhalb von drei Jahren auf eigene Faust grammatisch perfektes deutsch lernt (den starken Akzent nach fünfzehn Jahren kann man dabei wirklich getrost verzeihen), quasi jegliche Arbeit annimmt die ihm geboten wird und auch mit dem wenigen Geld das er dafür bekommt ein eigenständiges Leben führt das er sogar noch mit glänzenden Augen als „Traum“ betitelt… dem kann man einfach kein Leben außerhalb jeglicher Norm und Gesellschaft im Iran wünschen.

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