Festung, Mausoleum und Wüste im Komplettpaket.

 

Ich dachte ein Ausflug mit einem für einen Tag angemietetem Fahrer, der ganz bewusst nur rudimentär englisch spricht, sei Welten entspannter als ein rundum-sorglos-Paketausfulg. Was mich genau zu dem Gedanken gebracht hat? Nunja, ein Tag ist ein Tag, egal wo man nun die meiste Zeit des Tages herumhängt. Durch schnelleres hetzten kann so ein Fahrer also theoretisch auch nicht schneller daheim sein, und durch das minimale Englisch bleibt mir das nervige Geschichtsgesülze erspart und ich kann einfach genießen was ich sehe und sehen was ich finde oder sehen will.
Nunja, zumindest der zweite Teil des Gedanken schien sich zu bewahrheiten und ich hatte weitestgehend meine Ruhe. Am ersten Stopp, der „Arg-e Rayen“ hat das einwandfrei funktioniert: mein Fahrer blieb am Auto, ich hatte meine Ruhe. Arg-e was? „Rayen“ ist die Bezeichnung eines Ortes. Ein kleiner Ort an sich, der aber eben dieses „Arg“ beherbergt. „Arg“ wird von meinem Reiseführer als „citadel“ bezeichnet, und google meint die korrekte Übersetzung wäre „Zitadelle“. Die Zitadelle von Rayen also. Persönlich hätte ich dieses auf 1500 Jahre geschätzte riesige Ding allerdings schlichtweg Festung genannt, sollte aber vielleicht bei Gelegenheit mal „Zitadelle“ im Duden nachschlagen. Wie auch immer, eine Festung.

Arg-e Rayen

Hallo, Arg-e Rayen!

Eine beeindruckende Festung, die mich wirklich völlig überrascht hat. Ich steh zugegebenermaßen auf Ruinen, liebe es darin herum zu klettern, oben drauf zu steigen, aussen herum zu schleichen und jeden Winkel zu entdecken. die Geschichte dazu? Alt. Sehr alt. Große Mauer aussen, viele verfallene Wohnhäuser dazwischen und dann nochmal ne zweite Große Mauer und ein deutlich gehobener Wohn- und Regierungskomplex dahinter. Mir reicht das an Geschichte, und egal wie es tatsächlich ausgesehen haben mag – ein Stück Fantasie dazu, ein paar Perser mit krummen Säbeln auf dem kleinen Paradeplatz, ein paar oben auf den Mauern, ein Herrscher mitsamt Harem innerhalb der inneren Mauern und ganz viel wuseliges und geschäftiges Perservolk aussen. 20131211-131208.jpgOb es wirklich so war? Keine Ahnung, meinem Kopf gefällt das Bild so aber ganz gut, und wer will da danns chon wissen welcher Stein wann wohin gefallen ist? Ja, Persepolis hat mich geprägt, es ist unübersehbar. Aber zurück zur Festung von Rayen. Ich glaube ich bin der einzige hier, abgesehen von dem Ticketonkel und seinem Kollegen vorne am Eingang. Rayen gilt als vollkommen sicher, aber trotzdem habe ich auf dem Weg hierher die erste befestigte Polizeisperre im Iran mit allem was eben so dazugehört – von Kontrollhäuschen über Geschützhäuschen und ständig einsatzbereiten Nagelbändern bis zu ganz vielen Uniformierten mit Gewehren – passiert. Ja, es ist der Weg zur pakistanischen Grenze, noch sind wir aber viele viele Kilometer von dem kritischen Abschnitt der Straße entfernt und dies ist nur der letzte einer ganzen Reihe solcher Checkpoints, und dennoch scheint sich hier kaum mehr jemand her zu verirren. Vielleicht liegt es einfach an der Nebensaison. Ganz bestimmt tut es das sogar. 20131211-131331.jpgHier hinter den hohen Mauern im Labyrinth der Ruinen interessiert mich das allerdings wenig. Es gibt zwar theoretische Absperrungen, praktisch sind die aber irgendwie „ausversehen“ umgefallen noch bevor ich dort ankam, und so beschäftige ich mich lieber mit dem erkunden der hohen Mauern und genieße die Aussicht über ziemlich viel Niemandsland am Horizont. Ganz ehrlich? Persepolis stinkt. Das hier ist das wahre Iran-Highlight, zumindest für mich.

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Danach wurde es aber etwas zäh mit meinem Fahrer. Der nächste angedachte Stop: Ein Garten in Mahan. Ja, ein Garten inmitten in einer fast-schon-Wüste. Klingt spannend, aber wenn man bednekt dass da halt irgendwer eine Quelle ausgegraben, ein paar Bäume gepflanzt, eine Mauer drum herum gezogen, ein paar Wege und Parkbänke dazugepackt und eine Ticketbude aufgestellt hat, dann… nunja, dann ist es eben ein eingemauerter Park der hundertfünfzigtausend Geld von mir will. Da es hier angeblich ein Restaurant gibt, in dem angedacht war dass ich dort dinieren solle, besitze ich plötzlich einen nur rudimentär englisch sprechenden Schatten, als ich auf dem Weg bin die Preise am Tickethäuschen auszuspähen. Will er, dass ich ihn mitnehme zum Mittagessen? Am Ende noch für ihn bezahle? Gut, darüber hätte man vielleicht ja noch reden können, aber hundertfünfzigtausend Geld für einen schäbigen Park mit Mauer drum herum, der mit seinen 140 Jahren dazu noch weit weit weg von meiner Vorstellung von „historisch“ ist? Nun, dass das in meiner mitteleuropäisch geprägten Vorstellung ein absolutes Ding der Unmöglichkeit ist, das habe ich dem Typen irgendwie nicht beibringen können. Auch der nette ältere Herr von gestern, den der Typ nun als Dolmetscher am Telefon hat konnte das mit seiner iranisch geprägten Vorstellung zwar nicht so ganz nachvollziehen, aber hat zumindest etchnisch verstanden um was es mir geht. Seit diesem Zeitpunkt schien mir mein Fahrer nur noch halb so freundlich, obwohl ich ihn fünf mal gefragt habe, ob er alternativ woanders was essen will.

Mahan. Mausoleum.

Mahan. Mausoleum.

Gefühlterweise weniger gut gelaunt bestand er noch auf dem dritten angedachten Zwischenstopp, ein Mausoleum in Mahan. Shah Ne´matollla Vali, ein Dervisch, Mystiker un Poet liegt hier seit grob fünfhundert Jahren. Gut, mir sagt der Name nichts, aber das Mausoleum ist ganz nett. Weniger nett ist der langsam etwas ungeduldig werdende Fahrer. Ehm… ja, wir haben gerade Garten und Mittagessen ausfallen lassen, woher also die Ungeduld? Unter beinahe schon protestähnlichen Reaktionen und nach nochmaligem Verhandeln mit dem älteren Herren am Telefon konnte ich eine viertel Stunde herausschlagen, um zumindest einmal das Mausoleum zu umrunden. Warum wird das so anstrengend? Und warum zahle ich Geld pro Tag, wenn ich dann ne diktierte Tour im aufgezwängten Zeitplan abklappern muss?

unterwegs.

unterwegs.

Ich und mein Fahrer, wir werden definitiv keine dicken Freunde werden an diesem Tag. Auch der ältere Herr wird nicht mein Freund, als ich nach meinem hart verhandelten 15 Minuten „Extrazeit“ ihn schon wieder am anderen Ende des Telefons höre, das mir entgegen gehalten wird. Aha, meine private Tagestour wird nun doch immer mehr zum rundum-sorglos-Paketausflug, als ich erfahre dass wir jetzt unterwegs zur Wüste nochmal jemanden einladen werden. Die Frage nach meinem Einverständnis war zwar vorhanden, aber unverkennbar rhetorisch. Eine nette ältere Dame aus Australien, die zu allem Überfluss auch noch nach ausgedehnten Toilettenpausen verlangt. Das einzig interessante daran ist die Erkentniss zur Toilettentaktik im Iran: Wenn jemand unterwegs aufs Klo muss, sucht man eher vergeblich Raststätten oder Parkplätze mit Klos. Stattdessen ist es ganz normal das nächst beste Dorf anzusteuern, an der Moschee zu halten und dort aufs Klo zu gehen. Hab ich nicht gewusst.

irgendwo in einem DOrf, bei einem kleinen Zwischenstopp.

irgendwo in einem DOrf, bei einem kleinen Zwischenstopp.

Der zweite Vorteil: zwei Personen und nur ein Schatten. Bedeutet schlicht und ergreifend: in der Wüste angekommen verständige ich mich mit dem Fahrer auf die Abfahrtszeit, lasse ihn bei der älteren Dame stehen und verschwinde einfach hinter dem nächsten Fels, gehe noch ein Stück weiter und genieße wieder meine Ruhe. So ganz glücklich bin ich mit meinem „Einkauf“ zwar nicht, aber ich denke soweit habe ich noch das beste daraus gemacht und kann in aller Ruhe meinen ganz eigenen Sonnenuntergang genießen. Aber halt, da war gerade noch ein erklärungsbedürftiges Wort. Fels und Wüste. Hat bislang für mich auch nicht so ganz zusammengepasst. Sieht so aus, als müsste ich noch ordentlich an meiner eigenen Definition von „Wüste“ arbeiten:

 

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