pilgern und flüchten

 

Es war ein langer Tag heute für mich. Ja, es war mal wieder knapp bemessen. Das Turkmenistan-Visum in Teheran abzuholen und keine 48 Stunden danach bereits über Land dort einzureisen ist zumindest ein wenig hektisch. Aber bevor ich anfange zu jammern, sollte ich vielleicht dort ansetzen wo ich gestern aufgehört habe: die Busstation in Teheran, nachdem ich wunderbar umsorgt im richtigen Bus gelandet bin. Auch hier habe ich ziemlich schnell wieder neue Freunde und Aufpasser gefunden, je weiter sich meine Zeit im Iran dem Ende zuneigt, desto eher wird mir das erst bewusst wie einfach das Reisen unter diesen Leuten eigentlich ist. Am Beispiel dieses Busses fing die Sache zum Beispiel mit meinem Nebensitzer über den Flur hinweg an: kaum habe ich die angenehm warme Aluschale mit Reis und etwas Huhn die es in vielen VIP-Bussen als Abendessen gibt entgegen genommen, mich ein wenig an meinem Sitz umgesehen um vielleicht irgendwo ein Ausklapptischchen zu entdecken um diese abstellen zu können, schon springt er förmlich von seinem Sitz auf mir alle Funktionen des Sitzes im Detail zu demonstrieren. Lehne verstellen, Fußstützen herabklappen und die Wadenstütze einstellen. Alles, aber irgendwie kein Tisch. Nagut, ich krig das auch so ganz gut hin. Nach dem Essen bietet er mir Kaffee an. Besser gesagt: er hat eine kleine Thermoskanne mit heißem Wasser dabei sowie zwei Päckchen Instantkaffee. Die Hälfte vermacht er mit größter Freude mir, ohne dass er auch nur die kleinste Kleinigkeit meiner Süßigkeitensammlung dafür im Tausch akzeptieren würde. Jede Pause wird mir von ihm übersetzt, ob jetzt fünf Minuten Pinkelpause oder die etwas längere 20 Minuten Gebetspause. Als er nach einer dieser Pausen dann plötzlich im Gegensatz zu seinem immer noch im Bus liegenden Handgepäck gefehlt hat, da bin ich mal vorsichtig Richtung Busfahrer in der Hoffnung ihm das irgendwie erklären zu können. Als ich dann aber meinen Nebensitzer auf dem Busbegleitersitz mit dem Fahrer redend entdecke und ein „Ah, okay“ oder so von mir gebe, da habe ich dann ganz plötzlich einen von mir völlig begeisterten Busfahrerfreund. Okay, er hat seinen (Mercedes-)Bus kräftig mit schwarz-rot-goldenen „Germany“-Aufklebern verziert und unter Garantie bereits von meinem Nebensitzer bereits erfahren wie ich heiße und dass ich „Almaan“ bin, vielleicht lag es auch einfach daran. Was mich aber so fasziniert: Ich könnte mich gerade an kein Land erinnern, in dem ich von einem Busfahrer in der Pause auf einen Tee eingeladen oder gar mit Namen und Handschlag am Ziel verabschiedet wurde.

Ziel, das sit das Stichwort. Es wäre nie eines der Ziele gewesen, die ich auf irgendeiner Route extra angefahren hätte, aber weil es eben auf dem Weg in Richtung Turkmenistan liegt, bot es sich an in Mashhad einen kleinen Zwischenstopp einzulegen. Ja, Zwischenstopp, das Gepäck lediglich am Busbahnhof eingelagert (hat für mich eigentlich jemals irgendwo ein Informationsmann an einem Busbahnhof extra seinen Infostand geschlossen, um mich persönlich in Richtung Gepäckaufbewahrung zu begleiten?), kein Hotel und den frommen Plan, am Abend irgendwie wieder hier weg zu sein.
Man muss dazu wissen: Mashhad ist wohl die „heiligste“ Stadt im Iran. Einer der zwölf Imams, Imam Reza, soll wohl hier in seinem Schrein begraben liegen, der einzige soweit im Iran. Okay, wenn man den „Revolutionsführer“ und „Ausrufer“ der Islamischen Republik Iran, den gruseligen Onkel auf jedem Geldschein, genannt Imam Khomeini, nicht mitzählt. Aber wie das Konzept mit dem und seinem Titel so genau funktioniert verstehe ich bis heute nicht: Wenn ich alles richtig verstanden habe, glauben die meisten Shiiten dass nach dem Tod von Mohammed zwölf „spirtiuelle Führer“, die irgendwie als „heilig“ gelten, geboren wurden. Imam Reza, der achte, ist wohl 818 n.Chr. in Mashhad bestatt worden. Weiter als zwölf geht es aber deswegen nicht, weil Mehdi irgendwann „in einer Höhle verschwunden“ ist, und dort verharrt bis an den Tag, an dem er mit dem „Propheten Jesus“ die Welt zu Frieden und Gerechtigkeit führen wird. Okay, an der Stelle nochmals ganz kurz: das ist die Geschichte, wie ich sie auf kleinen Infotafeln, durch Reiseführer und Erzählungen von Iranern (mit mäßigen Sprachbarrieren) zusammen gemischt aufgeschnappt habe, keine Garantie auf Richtigkeit. Jedenfalls gibt es da einen Haken in meinen Augen: eben dieser Kohmeini hat den Titel „Imam“ bekommen. In jedem noch so kleinen Dorf im Iran gibt es einen „Imam Khomeini Square“, und etwas südlich von Teheran liegt er im „Imam Kohmeini Mausoleum“ bestattet. Aber dem Titel nach währe er dann ja der dreizehnte. Währe ich Mehdi und würde als zwölfter noch immer in meiner Höhle sitzen, fände ich das ein wenig uncool wenn ich eines Tages wieder aus meiner Höhle kriechen würde… wie gesagt, es blieb mir bislang ein Rätsel. Aber zurück zum eigentlichen Thema:

der Schrein. In Gold.

der Schrein. In Gold.

Mashhad ist also eine Pilgerstadt, und wenn mein Reiseführer recht behält, darf jeder der die Pilgerreise absolviert den Titel „Mashti“ in seinem Namen tragen. Zwar ist eine Pilgerreise nach Mashhad nicht wie eine nach Mekka, aber für gläubige Shiiten dennoch von deutlich hohem Stellenwert. Wie auch immer, aus diesem Mausoleum und billigste „made in China“ Mashhad-Souvenirs für Iraner hat diese Stadt wenig bis gar nichts zu bieten. Für Nichtmuslime wie mich sogar noch ein wenig weniger, ist mir als Nichtgläubiger der Zutritt nur zu den äußeren Bereichen des Mausoleums gestattet. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich locker hätte mit ein die ein- oder andere Moschee und gar ins innere des Mausoleums hätte mitschwimmen können, wurden mir doch fleißig Tüten für die Schuhe an den entsprechenden Eingängen gereicht, aber ich wollte dann doch auch keinem auf den Schlips treten (ja, mein Bart den ich seit meiner Abfahrt nicht rasiert haber und die leichte Bräune im Gesicht scheinen inzwischen ordentlich Tarnung zu bieten). Ich hatte doch schon ein schlechtes Gewissen, die Sicherheitskontrolle derart hintergangen zu haben.

irgendwie schon komischer Fund. Ich verstehe den Text nicht, finde aber das Bild irgendwie... ehm... verdaechtig.

irgendwie schon komischer Fund. Ich verstehe den Text nicht, finde aber das Bild irgendwie… ehm… verdaechtig.

Wie das? Nun, am Eingang muss man alle Taschen und Rucksäcke abgeben, ist klar irgendwie. Dazu auch alle Kameras, es herrscht strikets Fotoverbot für alle. Auch okay irgendwie. Nichts desto trotz hatte ich noch ziemlich viel Kram in meinen Jackentaschen, den ich einfach nicht aus den Augen lassen wollte: den Pass zum Beispiel, das Mobiltelefon, Geld, Taschentücher, mein Schlüsselbund und unter anderem auch meinen Satelliten-Notruf in Form eines kleinen rot-orangen Gerät, massive Schrauben daran, Gummischoner an den Kanten und wild rot-grün blinkend. Okay, ich hätte ihn abschalten können, habe aber nicht daran gedacht, und so sieht das Ding schon erstmal… ziemlich gefährlich aus. Natürlich stieß der Mann bei der Durchsuchung als aller erstes genau darauf, sah das genau so und war deutlich nicht „amused“ über den suspekten Fund. Was nun? Eine schnelle Idee war gefragt, und alles was mir einfiel war: leicht mitleidig (okay, mit dem besten Hundeblick) dem Herren in die Augen schauen, mit der geballten Faust flach im Herzschlag-Rhytmus auf die Brust klopfen und hoffen dass es klappt und ich nicht rot dabei werd. Und… es hat geklappt. Viel zu gut eigentlich, die Durchsuchung war damit beendet, der andere Kram in meinen Taschen erstmal egal und ich drin. Abgesehen von einem leicht schlechten Gewissen fand ich dann für mich einfach nur die allergrößte Moschee-Sammlung vor, die ich im Iran irgendwo gesehen habe. Viele Kuppeln, Türme, überall Mosaik und große schwere Holztüren. Beeindruckend, aber so in Summe mit dem überwältigenden Pilgerstrom nach einer Stunde die reinste Reizüberflutung.

In Summe? Drei Stunden Mashhad und man hat als Tourist „alles“ gesehen was Mashhad zu bieten hat und ist erstmal geplättet. Zeit also, weiter zu ziehen.

gesunde Selbstironie der Iraner

gesunde Selbstironie der Iraner

Wohin? An die Grenze, strategisch praktisch positionieren für einen Grenzübertritt am nächsten morgen. Auch hier wieder unersetzlich: ein netter Iraner an der Busstation, der mir zwar von hier aus keinen Bus in die richtige Richtung, dafür aber voller Begeisterung eine ganze Ladung wertvoller Tipps bieten kann: den Stadtbus 85 bis an die „Meraj“ Busttation nehmen, und von dort nach Quchan weiter. Ab da muss ich dann per Sammeltaxi nach Bajgiran um an die Grenze zu kommen. Einfach wunderbar, diese Iraner.
Der erste Teil lief dann auch wie geplant, Stadtbus und Quchan sind absolut kein Problem und mit 34.000 Geld (nicht mal ein Euro) wunderbar günstig.
Ab Quchan dreht sich die Sache aber ziemlich schnell. Wegen mangelnden Ortskentnissen sowie Straßenkarte ein Taxi zum Sammeltaxiabfahrtsort? 20.000 Geld sind für ein Taxi völlig okay, und der Fahrer hilft mir sogar noch eine entsprechende Weiterfahrt zu organisieren. Ins „Hotel Bajgiran“ war mein Ziel, zwei Kilometer von der Grenze entfernt. Da es schon dunkel wurde und die Grenze geschlossen hatte, war mit „Sammel“-Taxi natürlich nichts mehr, und es wurde mehr ein „Einzel-Privattransport“ für 300.000 Geld. Ja, dreihunderttausend. Acht Euro, oder so. Nagut, Preisverhandlungen sind hoffnungslos und meine Motivation morgen vor sieben Uhr aufzustehen deutlich gering, also was soll der Geiz? Auf nach Bajgiran!
Man muss nun wissen: die Grenze ist ein Gebirge. kein allzu großes, aber ein deutlich verlassenes, mit kargen, baumlosen braunen Felsen, auf denen maximal ein paar vertrocknete Büschel Gras zu finden sind und vielen Serpentinen und engen Kurven. Mitten in der Nacht bei einem irren Fahrer auf dem Beifahrersitz zu sitzen, der die Geschwindigkeitsbegrenzungen generell um 60 km/h überschreitet und in jeder noch so engen Kurve LKWs überholen muss ist deutlich unspassig. So richtig wirklich unspassig wird es allerdings erst dann, wenn eben dieser irre Fahrer nach grob einer Stunde Fahrt, also so kurz vor Bajgiran, erklärt das Hotel gäbe es gar nicht mehr und damit dann sogar noch recht behält. Eine kurze Bestätigung von einem in diesem Dorf wohnenden Iraner eingeholt war das nächste Hotel tatsächlich in Quchan zu finden. Richtig, dem Ort aus dem ich gerade kam. Na herrlich, das war wohl nichts und mein lieber Reiseführer an dieser Stelle wohl definitiv auch nicht mehr aktuell. Nunja, abends um sechs im gefühlten nirgendwo in einem Grenzdorf mitten in den Bergen zusammen mit streunenden Hunden? Mhm, vermutlich unklug, wobei es weniger die Hunde sind die mich hier besorgt hätten. Es blieb also nichts anderes über, als mit meinem Fahrer zurück zu fahren. Er hatte immerhin auch wenig Ambition hier zu bleiben.
So wirklichwirlich unspassig wird es aber dann in Quchan, wenn der Fahrer dann meint sowohl für die Hin- als auch Rückfahrt dreihunderttausend Geld von mir sehen zu wollen. Es ist ja nicht so, dass auch der einfache Fahrtpreis die Rüückfahrt des Autos und Fahrers beinhalten würde, demnach wurde ich deutlich stinkig. Wir standen in einer engen Seitenstrasse, kurz vor einem Hotel. Der Verkehr war durch die „Einparkkünste“ meines Fahrers völlig blockiert, das gehupe schon deutlich nervig. Sechshunderttausend, und kein Stück weniger war seine Ansage. Es war ja irgendwie klar, dass ich nach drei Wochen auch irgendwann auf einen Arsch im Iran treffen musste. Aber gleich so derart, und so kurz vor der Grenze? Ärgerlich. Entnervt und aus Wut werfe ich ihm das Geld ins Auto, wie ein Irrer hascht er jedem einzelnen der kleinen Geldscheine gierig hinterher. Dass ich ihm aus purem Zorn ans Auto gespuckt habe, hat er so zum Glück nicht bemerkt.

Nungut, wenigstens die Hoteltypen hier sind nett. Es ist ein einfaches Hotel, billigste Kategorie mit nur einer Dusche für alle auf dem Flur, durchgelegene Betten und fragwürdig schmuddeligem Bettzeug. Aber sie meinen ein Turkmene sei heute Nacht auch hier, und werde morgen von einem Fahrer abgeholt zur Grenze. Sie organisieren mir, dass ich mitfahren darf und wegen akutem Iran-Geld-Mangels einigen wir uns auf eine gemischte Bezahlung mit Iran-Geld und Dollar zu einem sehr, sehr fairen Kurs. Ich bin zwar nicht so weit gekommen wie geplant, bin aber mit dem Zwischenstand ganz zufrieden. Ein wirklich unglaublich langer Tag.

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