Grenztourismus

 

Vielleicht wäre es von Anfang an der bessere Plan gewesen. Aber vielleicht war es ja zu irgendwas gut, gestern diesen „Umweg“ zu nehmen. Wie auch immer es sei, ich bin froh nochmal ehrlichen und netten Leuten in die Hände gefallen zu sein, bevor ich den Iran verlasse. Der Turkmene aus dem Hotel offenbart sich zwar als absolutes Gegenteil eines jeden Iraners – ein Schrank von Mann, spricht kein Wort und schaut allzu gerne grimmig drein – aber das stört keineswegs. Ich habe einen zuverlässigen und günstigen Transport an die Grenze, der welch komische Überraschung noch einen wesentlich schnelleren Weg kennt als den von gestern. Aber gut, Schwamm drüber. Mir steht meine erste Stan-Grenze bevor, und meine Gedanken waren in diesem Moment deutlich bei anderen Dingen.

Die erste Grenz-Erkenntnis: hier sind Grenzen ziemlich breit. Es gibt eine Polizeiabsperrung, an der mich mein Transport absetzt, der allerdings noch nicht die eigentliche Grenze ist. Es ist quasi nur der erste Anfang der Grenze, aber für Taxis von aussen ist hier erstmal Ende. Die verbleibenden 1,7 Strassen-Kilometer den Berg hoch gibt es extra Taxis, aber erst nachdem kurz mein Gepäck und mein Pass kontrolliert wurden. Der wohl jüngste Taxifahrer dem ich mich jemals anvertraut habe hat erstmal einen dicken Touristen-Geldbeutel gerochen als er mich sah. Blöd nur, dass den einer seiner Kollegen aus dem Tal gestern schon leer geräumt hat und die zuerst geforderten fünfzigtausend Rial (1,25 Euro) da nicht mehr drin zu finden sind. Seine Verhandlungstaktiken sind wohl allerdings noch nicht so ausgereift, und schon auf einen schrägen Blick von mir senkt er sein Angebot auf vierzigtausend. Noch ein schiefes grinsen später sind es noch dreißigtausend, ohne auch nur ein Wort gesagt zu haben. Ein süßer kleiner Kerl. Ich zeige ihm den Inhalt meines Geldbeutels, etwas mehr als zwanzigtausend. Er ist einverstanden, und fährt mich die restliche Strecke nach oben zur eigentlichen Grenzstation. An Grenzen scheint die Sache mit den Führerscheinen irgendwie anders zu laufen. Anders kann ich mir einen dreizehnjährigen Taxifahrer einfach nicht vorstellen. Aber gut, er fährt erstaunlich gut, und freut sich als ich noch eine Hand voll kleiner Münzen zu den angebotenen Scheinen im Münzfach meiner Geldbörse finde, ein paar Meter weiter werde ich mit dem Zeug sowieso nichts mehr anfangen können.

Aus dem Iran auszureisen ist eine erstaunlich einfache Sache. Dem netten „Exit“-Schild ins Gebäude hinein folgen (wohl das einzig mir bekannte Exit-Schild, das in ein Gebäude hinein führt), den Pass bei einem netten Grenzmann abgeben, kurz warten, bei einem anderen netten Mann abgeben (zu was auch immer…), nochmal kurz warten, aus dem Gebäude auf der anderen Seite hinaus gehen, an einem Polizeihäuschen die Passdaten in ein großes Buch eintragen lassen und schon ist man raus. Einfach so raus aus dem Iran, ohne dass nochmal irgendwer irgendwas von mir wissen oder sehen wollte. Ich war überrascht, aber das war ja auch nur der erste Teil.

Ein Polizeihäuschen weiter, mitsamt dem Gebäude dahinter übrigens ein exaktes Spiegelbild von dem iranischen Teil hinter mir, nochmal Passdaten in ein Buch eintragen. Das geht noch einfach, auch wenn mir bei der Aussage „Du hast ja gar kein Visum!“ von dem turkmenischen Polizisten erst mal das Herz in die Hose gerutscht ist. Ich wollte niemals herausfinden, was es bedeutet zwischen zwei Grenzen zu hängen. Weder ein Visum für den Iran noch eines für Turkmenistan, und das auf diesem verlassenen Berg? Gar keine schöne Vorstellung! Aber nach dem Schockmoment war dann doch alles okay, er hat das Visum in meinem Pass dann doch gefunden. Ich hoffe nur, dass es ein Versehen war und kein Spass. War es Spass, dann bin ich für turkmenischen Humor wirklich nicht geeignet. Im turkmenischen Grenzhaus wird es dann schon ein wenig aufwändiger als bei den iranischen Kollegen. Erstmal muss ich zwölf Dollar Einreisegbühr zahlen. Okay, hab ich davon gelesen und ist okay, wenn denn da auch jemand wäre, bei dem ich zahlen könnte. Es gibt ein Büro, es gibt eine Tür, es gibt eine Klingel, zwei turkmenische Grenzpolizisten die mich auffordern dort zu klingeln, irgendwann gibt es beinahe einen wunden Daumen wegen dem vielen auf-.Befehl-klingeln, aber eben niemand, der die Tür öffnen würde. Alternativ geht an einer anderen Wand dafür irgendwann ein kleines Fenster auf, und ein anderer Grenzer winkt mich her. Den Pass will er haben. Gerne, kein Thema. Wann ich wo bin will er wissen. Auch kein Thema, so nen groben Plan hab ich ja. In welchem Hotel ich in den beiden Städten jeweils schlafen werde will er wissen. Oh, jetzt wirds schon schwieriger. Ich zücke kurz den Reiseführer und wähle jeweils einfach das billigste aus, was mir ins Auge sticht. Dann soll ich mich bitte drüben setzen und warten.

praktisch veranlagt: Sovjet-Hotel-Bunker

praktisch veranlagt: Sovjet-Hotel-Bunker

Was das genau bedeutet, das verstehe ich bis jetzt immer noch nicht. Nach grob fünf Minuten geht das Fenster wieder auf, und der (zugegeben recht nette) Typ meint er habe gerade im ersten Hotel angerufen, und das gäbe es gar nicht mehr. Ich war ein wenig ratlos, wusste ich doch absolut garnicht zu was dieses Spiel nun gut sein wird. Warum telefoniert der nun Hotels ab? Haben die derart Angst vor mir, dass sie jeden meiner Schritte verfolgen? Er bietet mir jedenfalls an, ein anderes Hotel auszuschreiben, was ich dann erstmal annehme. Und wieder setzen, und wieder warten. Nach einer Weile war der Herr dann zufrieden, ich konnte meine zwölf Dollar an der Tür mit Klingel auch irgendwann bezahlen und durfte mich an der ganz normalen Stempelschlange anstellen. Wo nun die Hotelinfos (unter anderem das „Alternitivhotel“) genau gelandet sind, das verstehe ich nicht, jedenfalls habe ich nichts mehr davon erfahren. Stattdessen darf ich mich erstmal eine ganze Weile am Zoll anstellen. Eine ganzeganzeganze Weile. Es wird nur das Gepäck von exakt zwei Personen durch eine Röntgenmaschine geschoben, dann dürfen die beiden Personen durch einen Metalldetektor und dann an jeweils einem Tresen – einer links und einer rechts – das Gepäck durchsuchen lassen. Wirklich durchsuchen lassen, und zwar ausnahmslos jeder. Ich habe noch nie dabei zugesehen, wie ein Zöllner meine gesamte Unterwäsche auf einem Tresen auspackt (sie bestehen darauf, selber zu durchsuchen und auszuräuen), meine Bücher, Kulturbeutel, Ersatzschuhe, FlipFlops, T-Shirts, Ersatzzahnbürsten, Ladegeräte… schlichtweg ALLES zu durchsuchen, abzutasten und auszuräumen. Ich musste feststellen, dass es dabei wohl um zwei Dinge ging: Erstmal Waffen. Im Iran ein Gewehr zu kaufen ist wohl ziemlich einfach, und es wäre sicherlich auch für mich als Tourist nicht höchst schwierig gewesen einfach in einen entsprechenden „Jagdtsport-Laden“ zu gehen und eine Pistole oder so zu kaufen. Zumindest hat es so den Eindruck auf mich gemacht, und hier werde ich nun zehn mal nach Schusswaffen („Peng,Peng!?“) gefragt. Und die zweite Motivation, ohne Frage: Neugierde. Der Zöllner der meinen Rucksack durchwühlt interessiert sich vor allem dafür, was in meinem Kulturbeutel so zu finden ist und ob ich irgendwelchen spannenden Technikkram dabei habe. Voller Begeisterung lässt er sich mein Gorillapod-Stativ vorführen und ist von meinen Akkus mit dem glänzenden „eneloop“-Aufdruck völlig fasziniert. Und trotzdem, es braucht einfach Zeit, vor allem all dieses ursprünglich mal akribisch in den Rucksack gepuzzeltes Zeug nun wieder so da hinein zu bekommen, dass der Deckel oben auch noch zu geht. Lauter zerwühlte Jacken, lange Unterwäsche und Pullover, ein zerfleddertes MediKit, ein ausseinander gepflückter Kulturbeutel… all das braucht so lose natürlich deutlich zu viel Platz. Aber dennoch, ich war deutlich froh. Ich bin nun wirklich durch den Zoll und alles durch, ich bin nun in Turkmenistan. Ich habe das Visum dafür im Iran organisiert. Ein transit-Visum. Es bietet nicht viel Zeit, ist aber das einzige Visum mit dem Ausländer auch ohne 24h-Begleitung ins Land und sich einigermaßen „frei“ bewegen dürfen.
Und ja, ganz unverhohlen: ich bin ziemlich stolz auf mich =).

Auf der turkmenischen Seite ist die Grenze natürlich ebenso wieder verdammt breit, der Weg zum „Ende“ ziemlich lange und davon abgesehen zu Fuß gehen wohl strikt verboten. Mir hat man es jedenfalls nicht erlaubt, dabei war meine Ambition eigentlich nur, herauszufinden wo denn hier Transporttaxis zu finden sind. Und, irgendwie wenig überaschend: der Preis ist für Touristen heftig. bis zum Ende der Grenze, 10 Minuten in einem völlig überfüllten VW-Bus: 10 Dollar. Von dort nach Ashgabat, vielleicht 8km, zum Festpreis von 20 Dollar.

ein "Park" in Aschgabat.

ein „Park“ in Aschgabat.

Ashgabat selbst zeigt sich, so kurz hinter dem Iran, erstmal völlig surreal. Es wirkt wie ein reisiges Disneyland, mit all den goldenen Kuppeln, den ganzen Marmorfassaden, den sauberen, überdimensionalen Straßen, den neuen Autos, den weitestgehend beachteten Verkehrsreglen, den Glas-Marmor-Hochhäusern… nur eben dass hhier weder jemand lacht, Zuckerwatte verkauft oder generell Spass aufkommen könnte. Kurzum: mit all dem surrealen Prunk ist „absolut fehl am Platz“ die einzige zutreffende Beschreibung die mir gerade spontan in den Sinn kommt. Es scheint das Regierungsviertel zu sein, durch das man hier ankommt, und das so einen absolut verwirrenden ersten Eindruck hinterlässt.

ups, da lief beim loeschen wohl irgendwas schief ;)

ups, da lief beim loeschen wohl irgendwas schief ;)

Auf einem kurzen ersten Spaziergang nach den Hotel-Formalitäten fällt weiter noch die erstaunliche Polizeipräsenz auf. An fast jeder Kreuzung steht am Rand irgendwo ein Verkehrspolizist, zwischen den Regierungs-Prunkbauten sind Unmengen an Soldaten oder Polizisten unterwegs, die strengstens auf Ordnung und absolutes Fotografierverbot achten.

ohjeohje, noch so ein Prunkbau den man nicht fotografieren sollte ;)

ohjeohje, noch so ein Prunkbau den man nicht fotografieren sollte ;)

Zweiteres finde ich besonders schade, denn mit Worten lässt sich dieser Anblick wirklich schwer beschreiben. Bislang bildet diese Stadt noch so einen derartigen Kontrast zu den letzten Wochen, dass ich noch gar nicht so weiß wie ich es denn beschreiben könnte. Für morgen Abend habe ich ein Zugticket nach Turkmenabat, das bdeutet einen Tag werde ich noch hier sein. Vielleicht schaffe ich es ja noch irgendwie, meine Gedanken zu dieser Stadt zu sortieren. Irgendwie habe ich jedoch das Gefühl, dank der Transit-Hektik wird zumindest diese Stadt auf dieser Reise wie ein abgedrehter Traum ohne jeglichen Realitätsbezug erscheinen. Ich bin mal gespannt wie es weiter geht.

 

 

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