Mysteriös. Suspekt. Verirrend.

 

Ich werde Ashgabat wohl nie so recht verstehen. Eigentlich, so meine Vermutung, werde ich das ganze Land wohl nicht verstehen, aber darüber zu urteilen wäre dann doch ein wenig früh. Also mal nur zu dieser einen komischen Disneyland-Stadt, kurz hinter der iranischen Grenze am Fuße eines Gebirges, kurz vor der Wüste mit dem Namen „Ashgabat“. Dass man so gut wie nirgends fotografieren darf, weil ja sonst die Gefahr besteht man könnte irgendwo am Bildrand ein Stück des Präsidentenpalastes erwischt haben, das habe ich nach gemeisamer Fotolöschaktion mit einem wenig freundlichen Mann in Uniform inzwischen durchaus verstanden und bemühe mich, es auch einzuhalten. Es gibt ja sowieso keine Ecke in dieser Stadt, wo nicht irgendwelche Uniformierten in irgendwelchen Nischen und Winkeln versteckt herumlungern.
Das Zentrum der Stadt, also so ganz banal der mittlere Kern, ist aber eben dieses Prunkvolle Marmor- und Goldsammelsurium mit Palast und Ministerium und so Zeug. Also notgedrungen lande ich dort immer mal wieder, allerdings sind inzwischen Fußgänger im Zentrum davon inzwischen wohl völlig unerwünscht. Nicht, dass es den Standard-Turkmenen irgendwie zu Fuß hier her verschlagen würde, aber so als per Pedes Tourist, entweder ohne all zu gute Orientierung oder einfach nur dem Reiseführer in Richtung irgendwelcher überdimensionaler Monumente folgen wollend, kann es dann eben doch sein dass man einfach irgendwie mal durch den Stadtkern laufen wollen würde. Ist aber nicht. Eine Mauer aus Uniformierten untersagt wenig freundlich an einer gewissen Stelle einfach das Weitergehen. Inzwischen habe ich das aus zwei Richtungen kommend an zwei verschiedenen Tagen versucht, einfach nur um so banalen Touristenbeschäftigungen nachzugehen wie das Erdbebenmuseum zu besuchen, ein Kriegsdenkmal zu sehen oder so. Beides mal ziemlich erfolglos in diesem Vorhaben und von Uniformierten aufgehalten musste ich mir einen anderen Weg suchen, oder zurück gehen. Vorsichtshalber, wenn man nicht 180° umdreht und sich komplett von der Mauer an Unformierten entfernt sondern nur 90° abbiegt und quasi am „Sperrbezirk“ entlang geht, kann es sogar gut und gerne sein, dass man in ein paar Metern Abstand eine „Rückendeckung“ gestellt bekommt („Begleiter und Aufpasser“ klingt so negativ). Nunja, da sind sie also empfindlich.

mein Ticket weg von hier!

mein Ticket weg von hier!

Mit besten Bemühungen mich dem Stadtkern fern zu halten suche ich also nach anderen Beschäftigungen, und auch irgendwie ein wenig nach den Turkmenen. Die Stadt wirkt so unglaublich leer gefegt, beinahe verlassen im Kontrast zu den letzten Tagen im Iran. Hier stapelt keiner Ware auf dem Gehweg, es sind keine Motorroller unterwegs, es wird nicht im Freien verkauft, verhandelt oder lautstark Ware angepriesen. Es sind überall meist Frauen mit Besen unterwegs, die unermüdlich alle Straßen fegen, Parks sauber halten und Mülleimer leeren. Nicht dass hier wie im Iran Müll einfach in die Gosse oder gar sonst irgendwo hin geworfen werden würde. Nein, eigentlich fegen sie die sauberen Straßen, um auch die letzten Krümel Staub noch zu erwischen.
Ja, so der erste Eindruck auf den Straßen in Ashgabat: 40% der Leute hier tragen Uniform, achten auf Ordnung und salutieren vor jedem Auto mit grünem Nummernschild. 30% der Leute haben einen Besen und halten die Stadt sauber, pinseln Parkbänke neu an oder schmücken gerade kitschige Weihnachtsbäume 15% sind Kinder auf dem Weg von oder zur Schule und nur der letzte kleine Rest scheinen einfache, normale Bürger zu sein. Wie ich später noch feststellen muss ist aber auch das nicht ganz korrekt, denn unter diesen Leuten gibt es wohl noch ne ganze Reihe ziviler Uniformierter.

Nunja, Tourist hier zu sein ist ein komisches Gefühl. Ich ordne mich hier irgendwo zwischen „geduldet“ und „mit Argwohn beobachtet“ ein, wobei ich eher zu zweiterem tendiere. Davon abgesehen dass ich der zwei wesentlichen Sprachen hier, Turkmenisch und Russisch in keinster Weise mächtig bin, versucht auch keiner irgendeine Art der Kommunikation zu starten. Ein wenig überrascht bin ich durchaus wie wenig freundlich man auf mich reagiert. Hätte ich vor ein paar Wochen doch noch eher gedacht der Iran sei ein verschlossenes Land, so muss ich jetzt doch feststellen dass das weit daneben lag und sich die Turkmenen alle Mühe geben, mir nicht zu nahe zu kommen. Während im Iran sich beinahe jeder, Uniformierte oder nicht, ehrlich über einen respektvollen Kopfnick-Gruß gefreut hat und ich es mit der Zeit gewohnt war so einfach jeden zu grüßen, der mich offenkundig mit gesteigertem Interesse angestarrt hat, ernte ich hier doch meist nur böse bis verwirrte Blicke. Wenn ich überhaupt noch die Idee habe, irgendetwas zu fotografieren das garantiert unverfänglich ist, dann bemühe ich mich immer freundlich auf den nächsten Polizisten zuzugehen, ihn mit einem freundlichen „salaam alaykum“ zu begrüßen und freundlich um Erlaubnis zu fragen. Nicht selten habe ich aber den Eindruck, der arme Polizist fühlt sich völlig überfallen und würde am liebsten auf der Stelle wegrennen, würde ihn seine Dienstvorschrift nicht davon abhalten.

der "russische Markt"

der „russische Markt“

Ein wenig entspannter ist da ein geschäftiger Markt, auf dem ich einfach ein wenig in der Menge untergehen kann. Die Uniformiertenquote deutlich niedriger, fühle ich mich trotz der immer noch komischen Blicke deutlich wohler, kann ich mir doch einreden sie würden nicht unbedingt mir gelten müssen. Aber Markt ist eben Markt, und da ich weder an Wurst noch an gemüse gerade gesteigertes Interesse zeige, ist auch das nur eine schlechte Ersatzlösung. Sollte ich vielleicht doch meinen Bart entsorgen, um vielleicht andere Reaktionen zu erhalten? Nunja, ich bin hier nur auf der Durchreise, auf meinem Visum steht ganz klar und deutlich „Tranzit“. Und solange mir kein Uniformierter erklärt dass Bärte in diesem Land illegal sind, werde ich wegen diesem Land kein solches Experiment starten.
Habe ich schon erwähnt, dass rauchen in der Öffentlichkeit hier verboten ist? Fällt mir gerade im Zusammenhang mit dem Markt wieder ein. Ich war ein wenig erstaunt, hat der Turkmene mit dem ich in Richtung Grenze gefahren bin doch geraucht wie Schlot, aber das war dann auch schon der letzte rauchende Turkmene den ich gesehen habe. Wohl bemerkt noch vor der Grenze. Hier auf dem Markt lüftet sich dann so langsam das Geheimnis um diese ominöse Nichtrauchernation, als ich eine der Toiletten besuchen musste. Die Luft bei weitem undurchsichtiger und stickiger als in jedem Raucherraum eines großen Flughafens mit tausenden Transit-Passagieren, sammeln sich hier in einem kleinen Raum mit zwei Waschbecken und drei Toiletten des Untergeschosses all die heimlichen Raucher, um bei so gut wie nicht vorhandener Lüftung und ganz im geheimen ihrer Sucht zu fröhnen. Der Klofrau am Eingang ist das sicherlich völlig egal, solange jeder brav Eintritt zahlt macht sie ja ihr Geschäft. Ganz im Gegenteil, dass ich für meinen Eintrittspreis noch die mir zugewiesene Menge an Klopapier abgreife (ganz genau abgezählt zwei Blatt Schleifpapier), senkt natürlich im Gegensatz zu den anderen den Reinerlös.
So nebenbei, ich habe gelesen der ehemalige Präsident hat sogar das Musik hören im Auto verboten. Sein Nachfolger hat dieses Verbot inzwischen wieder aufgehoben, aber was es da sonst noch alles an mir nicht bekannten komischen Regelungen gibt, da bin ich mir gar nicht so sicher ob ich das alles so ganz genau wissen mag oder doch eher nicht.

leere Strassen ueberall

leere Strassen ueberall

Eine andere Alternative ist hier durchaus wieder der allgemeine Zeitvertreib in irgendwelchen Cafes, was mir so nach und nach das Bild dieser Stadt ein klein wenig ergänzt. Auf diesem Weg habe ich so langsam gelernt, dass nicht alles was hier von aussen geschlossen aussieht (eigentlich so beinahe gar nichts davon) auch tatsächlich geschlossen hat. Man stelle sich vor: ein hässlich praktischer Sovjet-Klotz von Haus. Oben Wohnungen, direkt an der Straße gelegen, und im Erdgeschoss zur Straße hin eine große Schaufensterfläche, Platz für Geschäfte also. Irgendwo gibt es auch zwei oder drei Türen, jeweils mit einem kleinen Schild auf denen auf einem zum Beispiel „kafe“ steht, aber sonst nichts. Keine Öffnungszeiten, kein Schuhabtreter, keine Werbung und dunkle Fenster. So ziemlich geschlossen wirkend eben. Bei mir hat es eine ganze Weile gedauert, bis ich schon ziemlich verwundert (okay, immerhin ist Samstag Nachmittag) dann einfach eine der Türklinken unter einem „kafe“-Schild gedrückt und die Tür geöffnet habe. Nein, geschlossen ist das definitiv nicht. Ein riesiger Raum, eigentlich sogar mit recht gemütlichen Möbel und Tischen eingerichtet, gegenüber dem Eingang eine riesige Theke mit unzähligen Torten, Kuchen und sonstigem Gebäck, links am Ende des Raumes eine Bar mit allem Schnickschnack und, das im ersten Moment aller erstaunlichste: jeder Menge an Leuten, der Laden war beinahe voll!
Man scheint es hier aber vorzuziehen, alle Fenster gründlichst zu tönen, Vorhänge geschlossen zu halten und lieber nicht allzu viel Licht anzuschalten was dann von aussen für europäische Vorstellungen eindeutig geschlossen wirkt. Und hier, hinter den verschlossenen Vorhängen bei gedämpftem Licht ist der Barkeeper dann doch der erste, der zu meiner Kaffee-Bestellung dann ganz neugierig zumindest gerne erfahren würde wo ich her bin und warum ich in Turkmenistan bin.

Ich habe keine Idee, was die Leute hier wirklich denken oder glauben oder meinen, oder was den Leuten hier eingetrichtert oder verboten oder aufgezwängt wird. Ich mag mit meiner Vermutung völlig daneben liegen, aber ich habe doch den Eindruck im Bezug auf mich als Touristen gibt es irgendwas, das die Turkmenen davon abhält so zu sein, wie sie eigentlich gerne wären. Sei es nun mich aus dem Land zu werfen, oder mich mit Fragen zu löchern wie ihre iranischen Nachbarn. Was auch immer es ist was sie gerne tun würden, ich habe den Eindruck es gibt irgendetwas das sie ordentlich davon abhält.

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