Transturkmenistan

 

Ich muss zugeben, ein Gedanke um Ashgabat hat mich seit gestern irgendwie nicht mehr so recht in Ruhe gelassen. Sollte irgendwie mal der Fall eintreten dass in einigen hundert oder vielleicht auch tausend Jahren irgendjemand am Rande einer Wüste, quasi im heutigen Turkmenistan, auf die Ruinen von eine alten Stadt mit dem Namen „Ashgabat“ stößt und aus irgendwelchen Gründen die Geschichte der gesamten heutigen Zeit verloren gegangen sein, was würde wohl daraus für eine Geschichte entstehen? Vielleicht tauchen irgendwo noch ein paar dem Präsidenten huldigenden Propaganda-Schriften auf, und womöglich entsteht die Geschichte von einer wohlhabenden Gesellschaft, die ein glänzendes Imperium aufgebaut hat, Handelsbeziehungen mit der halben Welt unterhielt und ihren gütigen Präsidenten über alles liebte, wieso auch sonst hätten sie an allen möglichen Stellen des Landes goldene Statuen von ihm errichtet? Die Hauptstadt war von unglaublicher Eleganz, die Straßen waren gut ausgebaut und prunkvoll, es gab große Parks zur Erholung der Bevölkerung und große Plätze auf denen dem Präsidenten gehuldigt werden konnte. Sicherlich wurde in dem einen Palast abgesandte anderer Gesellschaften und Königreiche empfangen, bevor sie ihre Gastgeschenke nebenan dem Herrscher darbieten konnten um seine Gunst zu erwerben… Und vielleicht beginnt man dann, kleine Pfade mit Absperrungen durch diese Ruinen eines gar überragenden Reiches anzulegen, stellt Ticketbuden auf und Reiseleiter erzählen ihren treuen Fähnchenverfolgern die so glamouröse Vergangenheit eines jeden herumliegenden Marmorbrockens. Auch dann wird es sicherlich wieder Uniformierte geben, die allerdings nicht mehr darauf achten dass keiner Fotografien erstellt, sondern vielmehr dass jeder innerhalb der Absperrungen bleibt und ein überteuertes Ticket bei sich trägt.
Ja, ein wenig spiele ich hier auf Persepolis an. Aber auch andere berühmte Ruinen, seien es nun irgendwelche Inka-Pyramiden, Angkor Wat in Kambodscha oder gar die gut erhaltenen Überbleibsel des alten chinesischen Reiches… Geschichte ist ziemlich relativ, und im Nachhinein sind sicherlich schnell allerhand Bedeutungen in ordinäre Felsbrocken interprätiert. Aber solange keiner dabei war, es keiner gesehen hat und vielleicht nur dem Herrscher huldigende (und von demjenigen selber in Auftrag gegebene) Schriften und ein paar Statuen und Grundmauern über geblieben sind, wer kann da schon die wahren Zusammenhänge kennen? Vielleicht ist meine westlich verblendete Ansicht fern von allem, was der Standard-Turkmene von seinem Land denkt, aber gar so prunkvoll und wohlhabend würde ich Turkmenistan zum heutigen Zeitpunkt nicht betiteln wollen, wie man es aus den Ruinen dieses Disneylands vielleicht irgendwann ableiten könnte.

Ach, Themenwechsel. Mehr zu handfesteren Erfahrungen und weg von komischen Spekulationen. Ich bin Tansit-Gast, das habe ich ja schon festgestellt. Und als solcher habe ich die Nacht genutzt per Zug einmal meine Position zu ändern, mich schonmal günstig an der Grenze zu Uzbekistan zu positionieren. Die kurze Zusammenfassung eines Nachtzuges in Turkmnistan? Es ist erstaunlich komfortabel und günstig. Für 12 Manat (vielleicht 3,50 Euro) darf man eine ganze Nacht in der komfortableren Klasse „Soft Sleeper“ eines ziemlich neuen Nachtzuges chinesischen Ursprungs verbringen. Okay, der Zugbegleiter will nochmal einen Manat für Bettzeug, aber so wirklich sprengt das das Budget noch nicht. Vor allem im Verhältnis zu Hotelübernachtungen ist das mehr als günstig, zumindest wenn man bedenkt dass Turkmenistan das Zweiklassenprinzip bei den Hotelpreisen für sich beschlossen hat. Während ich in den hinterletzten Absteigen dreißig oder vierzig US-Dollar (ja, gefälligst in Dollar, wer als Tourist keine Dollar sondern nur lokales Geld oder Euros in der Tasche hat, hat mal sauber verloren) hinblättern muss, schlafen die Turkmenen in den exakt gleichen Zimmern neben mir für einen lächerlich kleinen Bruchteil dieser Summe in lokalen Manat. Bei Zugtickets ist allerdings die Zweiklassengesellschaft noch nicht angekommen, und so ist selbst das relative Luxus-Abteil eines Zuges bei weitem billiger als eine dünne Matratze auf einer Metallliege in einem heruntergekommenen ehemaligen Sovjet-Hotel. Der Nachteil daran: Turkmenistan fährt wohl gerne in den neuen schicken Zügen, und so ist auch jedes Abteil gerammelt voll und ich finde mich in Gesellschaft von drei Turkmenen wieder.
Halt, so kurz nach dem Iran sollte das explizit erwähnt werden, hat es mich doch selbst ziemlich schwer überrascht: in Gesellschaft von zwei Turkmeninnen und eines Turkmenen. Wer jetzt hier an nette Kommunikation und geselliges Beisammensein denkt, hat allerdings weit gefehlt. Vielleicht liegt es am beidseitigen Bewusstsein der fehlenden gemeinsamen Sprache, vielleicht auch an der mir schon so bekannten skeptischen Vorsicht. Effektiv sehe ich nur skeptische Blicke und bekomme mit, dass die zwei Turkmeninnen der Ansicht sind mein Gepäck würde stören (was vielleicht ein viertel von dem ist, was jeder einzelne andere in diesem Abteil bei sich hat, und im Gegensatz zu ihren Koffern auch lässig in eines der Gepäckfächer passt und nicht auf dem Fußboden zwischen den Betten gestapelt werden muss, was ein normales sitzen unmöglich macht). Der Turkmene, ich schätze ihn auf Anfang zwanzig, scheint mich allerdings ein wenig zu verteidigen und ich bin ihm, ohne zu wissen wie ich es angebracht zeigen könnte, doch ziemlich dankbar.
In einem Moment als wir alleine im Abteil sind traut er sich zu fragen wo ich her bin, die sonstige Zeit versuche ich mich möglichst in einer Ecke des Abteils mit meinem Buch zu verkriechen bevor ich dann doch recht früh beschließe dass mich in mein Bett oben zu verkriechen wohl für ale die angenehmste Lösung zu sein scheint. Der nette Turkmene bietet mir wohl später noch ein paar Süßigkeiten an, was ich ihm irgendwie sehr hoch anrechne, aber alles in allem werde ich wohl, sollte ich je mal wieder in Turkmenistan Zug fahren wollen, vier Tickets kaufen. Immer noch billiger als ein Hotel, und ein ganzes Abteil für mich.

Turkmenabat

Turkmenabat

Turkmenabats Stadtbusse

Turkmenabats Stadtbusse

Turkmenabatidylle

Turkmenabatidylle

Turkmenabat zeigt sich dafür schon deutlich weniger surreal als die Hauptstadt. Ja, auch hier gibt es ein paar der neuen Marmorpaläste, ein paar goldene Statuen vom letzten Präsident und ein wenig Ambition zu etwas glamourösen Chick, aber so wirklich gut ist die Fassade nicht: an nur allzu vielen Stellen, und dazu muss man sich gerade mal 300m vom Bahnhof entfernen, zeigt sich die Realität aus langsam verfallenden Sovjiet-Wohnblocks und maroden Straßen ziemlich deutlich. In einem ist sich Turkmenabat aber wieder einig: nichts geht über intensiv getönte Schaufenster und zugezogene Vorhänge, man mag wohl das „geschlossen und verlassen“-Image und damit für sich allein sein. Ein Ausflug ins lokale Internetcafe war auch deutlich erfolglos. In Turkmenistan sind Internetcafes nicht privat, sondern werden vom Staat betrieben. Praktiserweise befindet es sich hier direkt beim örtlichen, natürlich ebenso staatlichen Kommunikationsdienstleister. Sorgt für kurze Wege beim mitlesen der Inhalte, und man muss vielleicht auch nicht so weit gehen, wenn man einen bösen Querulanten zur Rede stellen will. Praktischerweise darf man auch nur ins Internet, wenn man den Pass als Pfand hinterlegt. Nungut, die Bespitzelungsgeschichte ist nur dem Bereich meiner privaten Vermutung entsprungen, auch wenn mein Reiseführer in der Sache interessanterweise recht ähnlicher Ansicht ist. Wie auch immer dem sein mag, angesichts der beeindruckenden Warteschlange für ein wenig Internet hat mich sowieso jegliche Ambition verlassen und dafür die Erkenntnis ereilt dass das Internet wohl auch ohne mein zutun bis morgen überleben wird. Mir ist es so ganz plötzlich wieder nach einschließen, dieses Land so passiv als möglich aussitzen und mich nicht unnötig bewegen. Mein Hotelzimmer ist warm, es bietet ein zumindest zum liegen der Definition nach geeignetes Möbel, einen Fernseher und einen Kühlschrank. All diese Kühlschränke die letzten Wochen auf so vielen Zimmern… ein Wasserkocher wäre mir deutlich lieber. Nunja, vielleicht sollte ich auf einem der nächsten Märkte nach einem Tauchsieder Ausschau halten. Aber der Plan ist wohl der beste den ich haben kann: ins Hotelzimmer, von dem mein Reiseführer meint es besteht die deutliche Möglichkeit dass es abgehört wird. Aber wen kümmerts? Es ist ja sowieso nur der Fernseher mit dem turkmenischen Propaganda-Sender zu hören der gerade besonders gerne zeigt wie der Präsident an den heutigen Wahlen teil genommen hat. Wahlen? Ohne ein Wort zu verstehen, eine Hochrechnungsgrafik zu sehen oder zu wissen was denn genau gewählt oder abgestimmt wurde, glaube ich das ganz praktische Ergebnis durchaus auch so vorhersagen zu können…

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